Unterm Arganbaum

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Unterm Arganbaum

Die traditionellen Ökosysteme in Marokko leiden unter der Plantagenwirtschaft von Cécile Raimbeau

Douar Tamegroute el-Jadid, am Stadtrand von Aoulouz. Im Morgengrauen klettert die 26-jährige Kabira mit 14 weiteren Frauen aus der Nachbarschaft auf die Ladefläche eines Kleinlasters: „Vor abends um acht werden wir nicht zu Hause sein“, seufzt sie. Gleich nach dem Morgengebet sind auf den Straßen der Souss-Ebene lauter Kleintransporter unterwegs, beladen mit in ihre Schleier gehüllten Frauen. Sie fahren zu den großen Landwirtschaftsbetrieben, die in königlich marokkanischer, französischer oder spanischer Hand sind. „Früher haben wir auf unseren eigenen Feldern gearbeitet, manchmal auf denen der Nachbarn“, erzählen die Frauen. „Da gab es keine Aufseher und auch keinen Streit untereinander. Hier haben wir nichts mehr zu sagen. Wenn eine von uns nicht schnell genug arbeitet, fangen die Aufseher gleich an zu schreien – in manchen Betrieben setzt es sogar Schläge mit dem Stock.“ Eines der Unternehmen hat einen so schlechten Ruf, dass es unter den Frauen „Guantánamo“ genannt wird.

Das Flusstal des Souss liegt zwischen den Gebirgen des Atlas und des Anti-Atlas und reicht im Westen von der Küstenstadt Agadir bis Aoulouz im Osten. In der Region leben etwa 3 Millionen Menschen, 60 Prozent sind Bauern, die überwiegend an den Traditionen der amazighischen Kultur1 festhalten. Seit Generationen leben sie von den Arganbäumen, aus deren Fruchtkernen ein hochwertiges Öl gewonnen wird. Die Arganwälder bilden in diesem semiariden Klima eine Art Schutzwall gegen das Vordringen der Wüste.

1925 wurden den Bauern der Souss-Ebene per Gesetz die Nutzungsrechte an den staatlichen Arganwäldern überlassen. So sammeln sie die Baumfrüchte, wenn sie im Sommer von den Ästen fallen; wenn es Hochwasser gibt oder Regen fällt, bauen sie unter den Bäumen Getreide an und lassen ihre Ziegen dort weiden.

Diese familiär organisierte Wirtschaftsweise wurde verdrängt, als sich Marokkos Agrarpolitik der Weltwirtschaft anzupassen begann. Najib Akesbi, Professor für Wirtschaftswissenschaften am Institut für Landwirtschaft und Veterinärmedizin „Hassan II.“, erklärt, wie Marokko bereits in den 1970er-Jahren begonnen hat, für den Agrarexport einige Regionen speziell zu fördern.2 1985 wurde im Rahmen der von Weltbank und IWF verordneten Strukturanpassungsmaßnahmen – Aufhebung von Importschranken und der Subventionsabbau – der Agrarsektor liberalisiert und so das Freihandelsabkommen, insbesondere mit der Europäischen Union (siehe Kasten) vorbereitet. Staatsdomänen oder Gemeinschaftsflächen wurden zum Teil privatisiert und ausländische Investoren gesucht.

So kam es, dass die Souss-Ebene zum wichtigsten Gemüseanbaugebiet wurde mit jährlich 685 000 Tonnen Ertrag. 95 Prozent der Tomaten, die Marokko zwischen Juni und Oktober exportiert, kommen aus der Souss-Ebene, ebenso die Hälfte der 666 000 Tonnen Zitrusfrüchte.

Aziz Akhannouch, marokkanischer Landwirtschaftsminister und zugleich Gouverneur des Verwaltungsbezirks Souss-Massa-Draâ will aus der fruchtbaren Ebene bis 2015 „eine der weltweit produktivsten Regionen“ machen. Für die Landarbeiterin Kabira stellen sich die Perspektiven ihrer Heimatregion allerdings anders dar. Als vor 18 Jahren der große Staudamm bei Aoulouz errichtet wurde, versank der Bauernhof ihrer Familie in den Fluten. Kabira war damals acht Jahre alt. Sie kann sich noch an die Umsiedlung erinnern, an die Planierraupen, die ihr Elternhaus niederwalzten, an den Umzug nach Tamegroute el-Jadid, an die lächerliche Entschädigung, die Monate später eintraf. Kaum erwachsen, musste sie als Erntehelferin auf den Feldern der großen Landwirtschaftsbetriebe schuften, ohne Arbeitsvertrag, für 50 Dirham (4,50 Euro) am Tag.

Der Bau des Staudamms von Aoulouz ließ viele Quellen versiegen. Zehn Jahre später, nach dem Bau eines weiteren Staudamms bei Mokhtar Soussi, passierte das Gleiche. Den Schaden haben die Bauern von Aoulouz. „Dieses Jahr war die Getreideernte so dürftig, dass wir Verluste gemacht haben“, sagt Aakik Driss, Chef der „Gewerkschaft der armen Bauern von Aoulouz“. „Die Olivenbäume haben auch keinen Ertrag gebracht. Die meisten von uns müssen sich jetzt woanders Arbeit suchen.“

Seiner Gewerkschaft gehören 100 Familien an, die versuchen, den ausgetrockneten Böden eine magere Ernte abzugewinnen. 2006 führten die Frauen einen Protestmarsch an und forderten Strom und Wasser. Daraufhin wurde gegen die Gewerkschaftsführer ein Strafverfahren eingeleitet. Doch die Bauern gehen nach wie vor in regelmäßigen Abständen auf die Straße, um gegen die staatliche Investitionspolitik zu protestieren. „Die Regierung konzentriert sich nur auf die Gebiete, die von den großen Stauseen bewässert werden“, kritisiert Amal Lahoucine vom Büro der Gewerkschaft Union Marocaine du Travail (UMT).

Treibhäuser in der Wüste

Auch Najib Akesbi sagt, dass die von der Weltbank geförderten Staudämme zu extremen Ungleichheiten geführt haben. Die Weltbank selbst räumt ein: „Mehr als 70 Prozent der staatlichen Investitionen in die Landwirtschaft werden für große Bewässerungssysteme eingesetzt, die vor allem den reicheren Bauern und den größten Landwirtschaftsbetrieben Vorteile bringen.“ Tausende Kleinbauern bewirtschaften ihre Felder weiterhin nach den althergebrachten Methoden. Ihre Grundstücke sind bour (ohne Bewässerung), und einen Kredit werden sie nicht bekommen.

Auf dem aktuellen Index der menschlichen Entwicklung (HDI) der UNO ist Marokko um drei Plätze nach unten gerutscht und steht jetzt auf Rang 126 von 177. Eine Reise durch die ländlichen Gebiete zeigt, woran es überall fehlt: am Zugang zu sauberem Wasser, an der Gesundheitsversorgung und an Bildung – vor allem für die Frauen.

Die 12-jährige Khadija, Kabiras Nachbarin, hat es auf den Mandarinenplantagen versucht. „Normalerweise wird man alle zwei Wochen bezahlt. Aber ich arbeite jetzt schon zwei Monate da und habe erst einmal Lohn bekommen.“ Ihre 16-jährige Freundin Thouraya ist schon anderthalb Jahre bei demselben Betrieb, ohne irgendeine Form von Arbeitsvertrag. Kabira bekommt zwar wie alle gemeldeten Beschäftigten Post von der Sozialversicherung, aber von sieben Arbeitsjahren wurden ihr lediglich drei Monate angerechnet.

Nach Auskunft von Lahoucine Boulberj, dem Leiter der regionalen Landwirtschaftsabteilung der Gewerkschaft UMT, „sind nur 15 000 der 70 000 Landarbeiter in der Region [davon 70 Prozent Frauen] beim Arbeitsamt angemeldet. Außerdem geben viele Arbeitgeber falsche Zahlen über geleistete Arbeitsstunden an.“ Es gibt ein riesiges Reservoir an Arbeitskräften, für die keine Sozialversicherung bezahlt wird, kein Urlaub, keine Krankheitszeiten und auch keine Krankenversicherung. „Sehen wir uns nur die Berufskrankheiten an, verursacht durch den Einsatz von Pestiziden“, sagt der Gewerkschafter Boulberj. „Der unmäßige Einsatz hochgiftiger Stoffe ist hier gang und gäbe. Wenn ein Arbeiter krank wird, dann sagt ihm der Chef, er solle wiederkommen, wenn es ihm besser geht. Wenn ihm das nicht passt, wird er entlassen.“

Die französisch-marokkanische Unternehmensgruppe Soprofel (Société de Production des Fruits et Légumes), einer der größten Arbeitgeber in der Region, exportiert die hier angebauten Tomaten unter dem Markennamen „Idyl“. „Eine Gewerkschaftsvertretung haben sie zwar zugelassen“, erzählen die Gewerkschafter der UMT und der Confédération Démocratique du Travail (CDT), „aber die Geschäftsleitung hat sie mit ihren Leuten besetzt.“ Dennoch kam es im Jahr 2008 auf mehreren Soprofel-Plantagen zu Streiks und Sitzblockaden. „Wir fordern nur unsere Rechte ein: Sozialversicherung, Lohnabrechnung, bezahlte Überstunden, medizinische Versorgung. Aber das Unternehmen schließt immer wieder die einzelnen Plantagen und macht dann woanders welche auf, mit neuen Arbeitern.“ Die UMT beklagt auch, dass die geschlossenen Vereinbarungen nicht eingehalten werden. Am französischen Firmensitz in Châteaurenard (Bouches-du-Rhône) will man sich dazu nicht äußern.

Das in Marokko seit 2004 geltende Arbeitsrecht weist genügend Lücken auf, um streikende Arbeiter wegen „Arbeitsverweigerung“ entlassen zu können. Auch auf den königlichen Land-gütern3 von Chtouka gab es unter falschen Vorwänden Entlassungen – „um die organisierten Arbeiter loszuwerden“, wie die Gewerkschafter sagen.

In Biougra kam es nach Angaben der marokkanischen Menschenrechtsorganisation AMDH zu Vergewaltigungen von Arbeiterinnen. Die AMDH-Vizevorsitzende Fatifa Sakr ist Hebamme. Sie sorgt sich vor allem um die Frauen, die allein oder mit ihren Kindern aus den entlegenen Dörfern des Mittleren Atlas kommen. „Es gibt keine Sozialwohnungen für Arbeiter“, sagt sie, „einige Unternehmen bieten nur sehr primitive Unterkünfte auf ihren Plantagen an.“ Im Dorf Laarab, in der Landgemeinde Ait Amira, wohnen die Arbeiter in notdürftig zusammengehauenen Hütten. Das ungeschützte Grundstück ist eine wilde Müllhalde, Kriminalität und Drogenkonsum haben hier beängstigende Ausmaße angenommen.

Von der staubigen Piste, die in den Slum führt, fällt der Blick auf eine zerstörte Landschaft. Verfallene Gewächshäuser, verdorrte Arganbäume, der Boden trocken und rissig – die Plantage wird nicht mehr bewirtschaftet. In El Guerdane hat man von 1995 bis 2002 auf fast 3 000 Hektar Obstbäume aufgegeben oder abgeholzt, weil es nicht mehr genug Wasser gab. Um die verbliebenen Zitrusplantagen zu retten, wird nun eine 90 Kilometer lange Leitung gebaut, die Wasser aus dem Stausee von Aoulouz einleitet. Die Rohre führen vorbei an den vertrockneten Feldern der Bauern.

Bei den Lohnkosten können die Plantagenbesitzer gut sparen, der größte Ausgabenposten ist die Bewässerung. „Inzwischen wird das Wasser aus mehr als 200 Metern Tiefe gefördert“, berichtet Abdelkrim Azenfar, der die Regionalbehörde für Wasser- und Forstwirtschaft in Marokkos Südwesten leitet. „Dadurch sinkt der Grundwasserspiegel jährlich um fast drei Meter. Die Region verliert mittlerweile 240 Millionen Kubikmeter im Jahr.“ Azenfar kritisiert, dass sich die Unternehmen keine Gedanken um die Zukunft des Landes machen. Sobald ein Gebiet verkarstet ist, ziehen sie weiter Richtung Süden, auf der Suche nach der maximalen Sonneneinstrahlung: In der Westsahara, in Goulimine und Dakhla, liegen heute die besten Anbaugebiete für Tomaten – in Gewächshäusern und ohne natürlichen Boden.

In diesem Wüstengebiet ist außer Soprofel ein weiteres französisch-marokkanisches Unternehmen aktiv: Azura unterhält in Dakhla 2 Plantagen – und 25 in Agadir, der Regionalhauptstadt von Souss-Massa-Draâ. Das Unternehmen, dessen Produkte von Disma International (Perpignan) vertrieben werden, rühmt sich gern seiner neuartigen Methode der natürlichen Schädlingsbekämpfung mithilfe von Insekten. Doch über die Wasserfrage verliert man auch hier kein Wort.

Das Öl im Kern des Kerns

Eine Studie der Behörde für Wasser- und Forstwirtschaft hat bereits vor drei Jahren festgestellt, welch gravierende Folgen die extensive Plantagenwirtschaft auf die Arganwälder hat: „Veränderung der Sozialstruktur als Folge der profitorientierten Landwirtschaft, die den Investoren nützt und die der örtlichen Bevölkerung schadet; Baumsterben durch Bodenerosion; Abreißen der Wasserzufuhr.“4 Benhammou Bouzemouri, der die Behörde für Forstwirtschaft leitet, weiß zu berichten, dass 25 bis 45 Prozent des Familieneinkommens der ansässigen Bauern mit den Arganbäumen erwirtschaftet wird.5 Bouzemouri macht sich aber nicht nur Sorgen wegen der wasserintensiven Landwirtschaft, sondern auch wegen des weltweiten Erfolgs der aus den Arganmandeln hergestellten Ölprodukte. Auch dadurch sind die Wälder bedroht: „Langfristig müssen wir mit einer völligen Versteppung rechnen.“

Die erfolgreiche Vermarktung des Arganöls könnte aber auch zur Entwicklung einer alternativen Wirtschaftsform in der Souss-Region beitragen: Immerhin gibt es bereits mehr als hundert Erzeugerkooperativen, in denen etwa 4 000 Frauen arbeiten. Die ersten Frauenkooperativen zur Gewinnung des Arganöls entstanden Ende der 1990er-Jahre. Traditionell erfolgte die Verarbeitung in den Bauernfamilien: Die kleinen gelben Früchte werden wegen der starken Dornen nicht gepflückt, sondern vom Boden aufgelesen und getrocknet. In Handarbeit wird das Fruchtfleisch entfernt, der sehr harte Kern herausgelöst und zwischen zwei Steinen aufgeschlagen. In jedem Kern stecken bis zu drei ölhaltige Mandeln. Seit Jahrhunderten wird das so gemacht. Die Bäuerinnen der Souss-Ebene können auf diese Weise allerdings nicht mehr als ein Kilo Mandeln pro Tag verarbeiten. Um einen Liter Öl zu gewinnen, müssen zweieinhalb Kilo Arganmandeln ausgepresst werden.

Vor etwa fünf Jahren kam das Arganöl auf den internationalen Märkten groß heraus. Gourmetköche schwören auf das Aroma des Arganöls, das auch als Geheimtipp für die Herstellung von Kosmetika gilt. Die Biochemikerin Zoubida Charrouf von der Universität Rabat leistete mit ihren Forschungen über die nährstoffreiche Substanz seit den 1980er-Jahren einen wesentlichen Beitrag zu ihrer späteren Verbreitung. Zuvor war das Arganöl kaum über die Grenzen der Souss-Region hinaus bekannt. Die Wissenschaftlerin interessierte sich aber nicht nur für dessen biochemische Beschaffenheit, sie unterstützte auch von Anfang an die Gründung der Frauenkooperativen. „Die großen Forschungslabore haben sich später gern damit geschmückt, dass sie den Berberfrauen Arbeit und Würde verliehen haben“, bemerkt Zoubida Charrouf mit ironischem Unterton.

In den folgenden Jahren mischten immer mehr Zwischenhändler mit; marokkanische und europäische Firmen richteten in Casablanca und Marrakesch kleine Produktionsstätten oder auch richtige Fabriken ein, in denen die Arganfrüchte maschinell für den Export verarbeitet wurden. Wichtigster Abnehmer in Europa, den USA, Japan und Kanada ist die Kosmetikindustrie – eine wachsende Palette aufwendig beworbener Arganölprodukte füllt inzwischen selbst die Drogerieabteilungen der Kaufhäuser.

Allerdings wurde bisher noch nicht die Maschine erfunden, die den Argankern kunstgerecht knackt. Deshalb beziehen die meisten Unternehmen für eine lächerliche Summe die Mandeln tonnenweise bei den Großhändlern, die sie wiederum den Bäuerinnen der Souss-Region abkaufen, wohl wissend, dass diese nicht in der Position sind, über den wahren Wert ihrer Arbeit zu verhandeln. In den Kooperativen hingegen verdienen die Frauen wenigstens 4 Euro am Tag; sie könnten an Alphabetisierungskursen teilnehmen, die Kinderbetreuung sei gesichert, und teilweise gebe es auch eine Gewinnbeteiligung, berichtet Taraabt Rachmain, Vorsitzende des Nationalen Verbands der Argan-Kooperativen (Anca).

Der enteignete Name

Die meisten der 42 Kooperativen, die sich in der Anca zusammengeschlossen haben, konnten sich, mit europäischer Unterstützung, inzwischen elektrisch betriebene Ölpressen anschaffen. Doch im Preiskrieg, den sich die großen Firmen liefern, können sie nicht mithalten: Der Erzeugerpreis für einen Liter Öl – nur gerechnet die Material- und Lohnkosten – liegt in den Kooperativen bei mindestens 18 Euro. In marokkanischen Supermärkten bieten die großen Hersteller den Liter schon zum Schleuderpreis von 20 Euro an. Und in Europa können sie das Acht- bis Zehnfache verlangen.

Der französische Unternehmer Benoît Robinne führt eine der erfolgreichsten Firmen der Branche. „Wir beschäftigen 2 000 bis 3 000 Heimarbeiterinnen in den Dörfern der Souss-Ebene“, erklärt er. „Sie erhalten von uns die Früchte in Säcken, und wir zahlen ihnen 5,30 Euro pro Kilo [also einen Tageslohn!] für das Aufbrechen.“ Allerdings wurde Robinne von einem Team des französischen Fernsehmagazins „Envoyé spécial“6 schon einmal dabei gefilmt, wie er auf einem marokkanischen Souk große Mengen Arganmandeln aufkaufte – in Begleitung eines Mitarbeiters, der den Geldkoffer trug. Sein Betrieb Absim stelle monatlich 8 000 bis 12 000 Liter Öl her, sagt die Geschäftsführerin der Fabrik in Casablanca. Eine Arbeiterin in der Kooperative schafft im Monat gerade einmal 15 Liter.

Die große Nachfrage bedroht zunehmend den Bestand des 820 000 Hektar umfassenden Arganwalds, der 1998 von der Unesco zum „Biosphärenreservat“ erklärt wurde. „Die Arganfrüchte wurden vollständig abgeerntet, so dass sich der Wald nicht mehr regenerieren kann“, warnt Abdelkrim Azenfar von der Forstwirtschaftsbehörde. „Es wurde sogar schon beobachtet, dass die Leute die Früchte von den Ästen schlagen. So schädigt man die Bäume und zerstört die nächste Blüte.“ Zudem war es in den letzten Jahren dermaßen trocken, dass die Bäume im Sommer 2008 fast keinen Ertrag brachten.

Innerhalb von zwei Monaten verdoppelte sich der Preis für den knappen Rohstoff. Händler horteten die Früchte, die Firmen hatten Lieferschwierigkeiten – ein lukratives Geschäft für die Spekulanten. „Einige Kooperativen mussten den Betrieb einstellen, weil sie kein Geld hatten, um Früchte einzukaufen“, berichtet Anca-Präsidentin Taraabt Rachmain. Die Ernte 2009 verspricht besser auszufallen, doch langfristig wird sich die Lage verschlechtern: Zwar gibt es Programme zur Neuanpflanzung, aber ein Arganbaum trägt erst nach zehn Jahren – und jährlich schwindet der Wald um etwa 600 Hektar. Gegenwärtig sind 7 000 Hektar neu mit Bäumen bepflanzt worden – auf Feldern und in Gewächshäusern. Doch zwischen den Jahren 2006 und 2007 hatte man schon allein 9 000 Hektar für Wohnsiedlungen oder Tourismusprojekte geopfert.7

Das marokkanische Landwirtschaftsministerium bemüht sich durchaus darum, dieses landestypische Erzeugnis zu schützen. So soll eine geschützte Herkunftsangabe für Arganöl dazu beitragen, die Region am Gewinn zu beteiligen. Aber das ist nicht so einfach: Welcher Produktname soll geschützt werden? „Natürlich Argan – so heißt das Öl in unserer Sprache“, meinen die Frauen in den Kooperativen. Leider hat sich das französische Pharmaunternehmen Pierre Fabre diesen Namen bereits in den 1980er-Jahren für eine auf Arganöl basierende Gesichtscreme eintragen lassen. In der Souss-Region mag man empört sein, Pierre Fabre Pharma sieht aber keinen Anlass, sich über seine „Marke“ Gedanken zu machen.

Außerdem scheint es bislang nicht so, als könne eine Marke die bestehenden Kooperativen, die mit traditionellen Methoden oder wenigen Maschinen arbeiten, vor der mächtigeren Konkurrenz schützen: Dort steht man schon in intensiven Verhandlungen über das „Leistungsverzeichnis“ des zu registrierenden Produkts, und natürlich finden Investoren und Exportfirmen beim Landwirtschaftsminister mehr Gehör als die Kleinbetriebe aus dem Argananbau.

Die Installation von wassersparenden Berieselungsanlagen im Gemüseanbau wird mit erheblichen Mitteln subventioniert, und ebenso erhalten die Unternehmen, die Arganöl außerhalb der Waldgebiete erzeugen, jede Unterstützung, um in der „Herkunftsregion“ des neuen geschützten Produkts einen Firmenstandort zu finden. Die staatlichen Finanzhilfen für die Kooperativen dienen dagegen weniger der Gründung neuer Betriebe als lediglich der Unterstützung schon bestehender und kaum lebensfähiger Einrichtungen.

Die gerade erst entstandene Kooperative Okhowa in Taroudant hat zum Beispiel weder Finanzhilfen noch Maschinen vom Staat erhalten. Malika, eine junge Bäuerin, deren Hof in einem der Stauseen bei Aoulouz untergegangen ist, kann sich nur auf die Motivation und Solidarität ihrer etwa 30 Mitstreiterinnen verlassen. „Wir haben es einfach satt, auf den großen Plantagen zu arbeiten“, sagen die meisten von ihnen. Auch die Frauen von der „Gewerkschaft der armen Bauern von Aoulouz“ würden gern eine Kooperative aufmachen, doch es fehlt am Geld. Und sie fragen sich, was sie stattdessen tun sollen. Vielleicht Ziegen hüten? Das Vordringen der Wüste hat die Nomaden aus dem Süden mit ihren Herden schon bis in die ohnehin überweideten Arganwälder getrieben.

Seit jeher waren die Berber in Souss-Massa-Draâ Selbstversorger. Sie lebten von Ackerbau und Viehzucht und von den Arganbäumen. Doch diese regionale Agrarwirtschaft ist vom Aussterben bedroht, genauso wie die Kulturtradition der Berber. Kabira drückt ihre Besorgnis in einer Geste aus, die einen Flieger nach Europa darstellt, und ruft dazu: „Ici, walou!“ Hier gibt es nichts.

Fußnoten: 1 Amazigh ist der legendäre Stammvater der marokkanischen Berber. 2 Najib Akesbi, „Evolution et perpectives de l’agriculture marocaine“, (2006), www.cgem.ma/pmb/opac_css/index.php?lvl=author_see&id=94. 3 Die Güter der königlichen Familie gehören zu den größten Erzeugern. Über diesen ererbten Besitz ist wenig bekannt, die Wochenzeitung Teluuel vom 12. Dezember 2008 (www.telquel-online.com/) schätzte die bewirtschaftete Fläche auf über 12 000 Hektar, die Zahl der Beschäftigten auf 2 000 und den Jahresumsatz auf 150 Millionen Dollar. 4 Diréction du développement forestier, „Elements de stratégie pour le développement de l’arganeraie“, Rabat, Januar 2006. 5 Benhammou Bouzemouri, „Problématique de la conservation et du développement de l’arganeraie“, Beitrag zum internationalen Kolloqium der Vereinigung Ibn-al Baytar über die Arganbaum-Wirtschaft, 27./28. April 2007. 6 Céline Destève und Cédric Fouré, „L’huile d’argan. Le nouvel or du Maroc“, France 2, 10. Januar 2008. 7 „Revue d’activités 2006–2007“, Direction régionale des Eaux et Fôrets du Sud-Ouest, Agadir, 2008.

Aus dem Französischen von Edgar Peinelt

Cécile Raimbeau ist Journalistin und Autorin von „Argentine rebelle. Un laboratoire de contre-pouvoirs“, Paris (Editions Alternatives) 2006.

Le Monde diplomatique vom 08.05.2009, von Cécile Raimbeau