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Ein Kind des Frühkapitalismus

Der 500. Geburtstag von Johannes Calvin und das Missverständnis von Max Weber von Christoph Fleischmann

Wie kommt es, dass die Menschen im Kapitalismus bereit sind, so etwas Unsinniges zu tun wie fortwährend nach immer mehr Gewinn zu streben – ohne aus diesem Gewinn einen entsprechenden Genuss zu ziehen? Wie konnte der Gelderwerb vom Mittel zum Zweck des Lebens werden? Max Weber, der diese Fragen vor gut 100 Jahren stellte, meinte, dass die kapitalistische Wirtschaftsordnung seiner Zeit längst zu einem „stahlharten Gehäuse“ geworden sei, die den Menschen die Normen ihres Handelns aufzwinge: „Der Fabrikant, welcher diesen Normen dauernd entgegenhandelt, wird ökonomisch ebenso unfehlbar eliminiert, wie der Arbeiter, der sich ihnen nicht anpassen kann oder will, als Arbeitsloser auf die Straße gesetzt wird.“1 Der Mensch kann nicht anders als mitmachen. Die dazugehörigen Wertvorstellungen hat er längst verinnerlicht.

Trotzdem ist Weber eher für eine gegenteilige Haltung bekannt geworden: In seinem Aufsatz „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ hat er versucht, den Einfluss von Idealen auf die Wirtschaft nachzuweisen. Für den Beginn der kapitalistischen Wirtschaftsweise in Europa nimmt Weber an, dass das „Gehäuse“ noch nicht „stahlhart“ gewesen sei: Der Mensch sei vielmehr von religiösen Vorstellungen auf den Pfad des Kapitalismus gedrängt worden, der dann schließlich Macht über ihn gewonnen habe. Die These ist bekannt: Der Calvinismus trieb die Menschen zu einem sittlichen Leben an, indem er die Gläubigen vor die Frage stellte, ob sie von Gott erwählt seien.

Calvin war der Ansicht, dass Gott den einen Teil der Menschen zum Heil und den anderen zum Unheil vorherbestimmt, also prädestiniert hat. Zeichen der Erwählung ist das gottgefällige Leben der Gläubigen. In der Lebensbilanz ging es dem Calvinismus nicht wie dem Katholizismus um einzelne Sünden oder Verdienste und den Ausgleich der Ersten durch die Letzteren, sondern es ging immer ums Ganze: Angenommen oder verworfen?

Die Frage nach der Prädestination forderte für das gesamte Leben absolute Disziplin, vor allem im Beruf. Denn als guter Calvinist und damit Erwählter galt der, der viel arbeitete und sich im Berufsleben bewährte. So folgte aus einer religiösen Vorstellung das asketische Gewinnstreben, worin sich, so Webers These, der „Geist des Kapitalismus“ offenbare.

Max Weber argumentiert natürlich differenzierter, als viele seiner Adepten und Kritiker bis heute meinen: So unterscheidet er explizit zwischen Calvin und der späteren calvinistischen Entwicklung. Seine Belege bezieht er auch überwiegend von den englischen Puritanern des 17. Jahrhunderts. Außerdem untersucht Weber nicht den Gehalt einer Lehre – nirgends sagen Calvin oder seine Nachfolger, dass man am Kontostand sein Heil ablesen könne –, sondern er beschreibt, wie eine Lehre, ohne dass ihre Verkünder das gewollt hätten, bei ihren Anhängern nahezu entgegengesetzte psychologische Folgen zeitigte.

Auch wenn Webers These von Historikern abgelehnt wird, gelang es bisher nicht, „sie ein für allemal zu entkräften. Immer wieder taucht sie auf. Und dennoch ist sie ganz offensichtlich falsch.“2 Denn die protestantischen Gebiete in Europa waren wirtschaftlich nicht erfolgreicher als die katholischen. Im Einzelfall lassen sich viel näher liegende Gründe für wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg finden als ausgerechnet die Religionszugehörigkeit. Auch war die Sorge um die eigene Erwähltheit keineswegs so weit verbreitet, wie Weber es nahelegt.

Die Unausrottbarkeit von Webers These hat sicherlich damit zu tun, dass er die Mentalität des calvinistischen Milieus sehr scharf gesehen hat: Es gab und gibt bis heute Christen, die mit asketischem Fleiß ihrer Arbeit nachgehen, weil sie dies als ihren Auftrag und ihre Berufung von Gott ansehen. Offensichtlich ist auch, dass in säkularisierter Form ein Arbeitsethos gilt, für das Arbeit und Gelderwerb eher ein Zweck denn ein Mittel ist. Die Frage ist freilich, ob das Ethos Folge einer religiösen Haltung oder beides Folge einer kapitalistischen Dynamik ist.

Es gibt einige Indizien dafür, dass das soziale Umfeld der Reformatoren die Herausbildung ihrer Lehre geprägt hat; eine Wirkung, die Weber übrigens keineswegs ausgeschlossen, sondern nur nicht ausgearbeitet hat. Zentral für Webers Argumentation war die vermeintlich neue Einstellung der Reformatoren zu weltlichen Berufen als einer Berufung von Gott. Für diese Einstellung lassen sich genuin religiöse Motive finden: Im Zentrum von Luthers und Calvins Lehre stand die Auffassung, dass es allein die Gnade Gottes sei, die die Menschen rechtfertigt, nicht ein Leben nach Gottes Geboten.

Alle Arbeit ist Gott gefällig

In der spätmittelalterlichen Gesellschaft galten Priester, Mönche und Nonnen als diejenigen, die in besonderem Maße Gott wohlgefällig lebten. Für die Reformatoren war das ein Ausdruck von „Werkgerechtigkeit“, also der Vorstellung, dass man sein ewiges Heil verdienen könne. Gegen die Höherbewertung der geistlichen Stände setzten sie ihre Provokation: Alle Arbeit ist Gott gleich wohlgefällig. Auch der weltliche Beruf kann eine göttliche Berufung sein.

Die Reformatoren haben diese Vorstellung nicht neu erfunden – auch die scholastische Theologie des Mittelalters kannte eine Wertschätzung weltlicher Berufsarbeit. Zudem spiegelt das reformatorische Arbeitsethos eben auch das Selbstverständnis jener Schichten wieder, die die reformatorische Bewegung trugen: Die Reformation kam zuerst bei den Stadtbewohnern an. Diese selbstbewussten Bürger – Händler, Gewerbetreibende und auch Lohnempfänger – passten immer weniger in die feudale Gesellschaftsordnung. Ihre Stellung definierte sich zusehends weniger über den Stand, in den sie hineingeboren waren, sondern zunehmend über Arbeit und Gelderwerb. Die wachsende Bedeutung des Kapitals führte dazu, dass „Armut und Arbeitslosigkeit, bislang für die Werkheiligung der Christen unentbehrlich, […] kaum noch akzeptiert“3 wurden.

Die Abhängigkeit vom wirtschaftlichen Umfeld lässt sich an Calvins Einstellung zu ökonomischen Fragen ablesen: Er hatte – im Gegensatz zur mittelalterlichen Theologie und auch zu Luther – keine Scheu mehr vor der Kapitalbildung und der Vermehrung des Geldes durch Zinsen. Anders als Luther lebte Calvin in einer Handelsstadt, die bereits 1387 – damals eine Ausnahme – vom Bischof das Recht erstritten hatte, Zinsen zu nehmen. Außerdem war in Genf der Produktivkredit, auf dem natürlich Zinsen lagen, wichtig für die Neuorientierung der Kaufleute und Kleingewerbler nach dem Niedergang der großen Messen um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert. Durch Investitionen mussten neue Geschäftsbereiche erschlossen werden. In Genf waltete also bereits vor Einführung der Reformation ein „kapitalistischer Geist“.4

So wird man gegen Weber einwenden können, dass Calvins Vorstellungen über Wirtschaft und Arbeit eher Ausdruck seiner Zeit waren als Impulse für neue Entwicklungen. Auch wenn kulturell geprägte Mentalitäten, zu denen auch die Religion gehört, sich oft schwerfälliger bewegen als soziale Veränderungsprozesse, so können sie sich doch neuen Gegebenheiten anpassen. Der Adaptionsprozess des Christentums an den aufkommenden Kapitalismus hat keineswegs erst mit Calvin angefangen, sondern bereits lange vor ihm mit den Scholastikern, die allerlei argumentative Manöver erfanden, um Geldgeschäfte mit Zinsen zu erlauben.

Im Hinblick auf Max Weber lässt sich dennoch fragen, inwieweit religiöse Vorstellungen wirtschaftliches Handeln beeinflusst haben. Dabei ist im Zusammenhang mit Calvin nicht so sehr die Lehre von der Prädestination interessant als vielmehr die damit verknüpfte Providenzlehre, also die Lehre von der göttlichen Vorsehung. Calvins Vorstellung von der Souveränität Gottes schloss aus, dass menschliche Entscheidungen diese Souveränität beeinflussen könnten. Gott allein entscheidet über Heil und Unheil, nicht der Mensch. Das ist die Essenz der Prädestinationslehre.

Nach der Providenzlehre lenkt Gott auch den Weltlauf im Großen wie im Kleinen. Einen Platz für Zufall gibt es nicht: „Der Glaube wird anerkennen, dass das, was uns zufällig erscheint, tatsächlich Gottes geheimer Antrieb gewesen ist! Dieser Grundsatz tritt nicht immer so klar hervor; aber wir müssen doch festhalten, dass alle Veränderungen in der Welt als verborgene Wirkungen seiner Hand anzusehen sind.“ Für Calvin lässt Gott das Böse nicht nur zu, sondern setzt es aktiv ein – freilich ohne deswegen für die Sünde verantwortlich zu sein. Spätestens hier stößt Calvins Konzept an seine logischen Grenzen.

Letztlich kann das nur bedeuten, dass alles Geschehen Gottes Wille ist: Unbill wird als Strafe Gottes gedeutet, gutes Geschick – und damit eben auch wirtschaftlicher Erfolg – als sein Segen. „Denn wenn jeder Erfolg Gottes Segnung ist, jede Not und Widerwärtigkeit sein Fluch, dann bleibt jedenfalls hinsichtlich der menschlichen Geschicke für ‚Glück‘ oder ‚Zufall‘ kein Raum.“5

Der Stoiker Adam Smith

Calvins Vorstellung vom souveränen Gott ist von der antiken Philosophie der Stoa beeinflusst.6 Die Stoiker sahen eine göttliche Vernunft in der Welt wirken. Das bedeutet nicht nur, dass die Welt vernunftgemäß aufgebaut ist und entsprechend funktioniert. Die göttliche Vernunft der Stoiker, die sich mit Notwendigkeit durchsetzt, ist auch als Vorsehung zu verstehen, also als etwas, das sich in der Zukunft als gut erweisen wird. Auch wenn der stoische Determinismus vernunftgemäßes Handeln nicht obsolet macht, so sind doch Gutes wie Böses letztlich Teile einer göttlichen Harmonie.

Da tut sich nun eine interessante Parallele auf: Der Gründungsvater der liberalen Wirtschaftstheorie, Adam Smith, hatte ebenfalls ein stoisch beeinflusstes Weltbild.7 In seiner „Theorie der ethischen Gefühle“ geht Smith ausführlich auf die Stoa ein: „Die alten Stoiker waren der Meinung, dass wir – da die Welt durch die alles regelnde Vorsehung eines weisen, mächtigen und gütigen Gottes beherrscht werde – jedes einzelne Ereignis als notwendigen Teil des Weltplanes betrachten sollen, als etwas, das die Tendenz habe, die allgemeine Ordnung und Glückseligkeit des Ganzen zu fördern: dass darum das Laster und die Torheiten der Menschen einen ebenso notwendigen Teil des Planes bilden, wie ihre Weisheit und Tugend; und dass sie durch jene ewige Kunst, die Gutes aus Bösem schafft, dazu bestimmt seien, in gleicher Weise für das Gedeihen und die Vollendung des großen Systems der Natur zu wirken.“

Gegenüber der göttlichen Vorsehung wird das Handeln des Menschen letztlich indifferent. Zwar benennt der Moralphilosoph Adam Smith durchaus moralische Standards, aber dass der Mensch als Homo oeconomicus seinen eigenen Vorteil sucht, ist für ihn kein Problem.

Berühmter als der stoische Vorsehungsglaube wurde Smiths Formulierung von der „unsichtbaren Hand“, die den Eigennutz der Vielen zum Wohle aller umlenkt. Es wird immer dort investiert, wo am meisten Nachfrage herrscht, so dass sich der günstigste Preis durchsetzt. Die „unsichtbare Hand“ von Smith sorgt, allgemein gesprochen, dafür, dass die Selbstsucht der Reichen allen zugutekommt, als ob „die Erde zu gleichen Teilen unter alle ihre Bewohner verteilt worden wäre“.8

Die Vorstellung von der „unsichtbaren Hand“ ist – das zeigt der philosophiegeschichtliche Hintergrund – keine Beschreibung eines Naturgesetzes, sondern Ausdruck eines von den Stoikern geprägten Glaubens. Und die stoisch beeinflussten Denker Calvin und Smith zeigen, dass ihr Vorsehungsglaube zu einer Rechtfertigung des Faktischen führt: So, wie es ist, ist es gottgewollt, oder zumindest richtig.

Dass dieses Konzept wirkmächtig geworden ist in der Wirtschaftslehre, wird keiner bestreiten können. Wie weit es ursächlich für politische Entscheidungen war oder ob es diese nur ideologisch flankiert hat – darüber kann man streiten.

Bis in die jüngste Vergangenheit meinte ein Großteil der westlichen Politiker, dass noch der Eigennutz von Hedgefonds, die Unternehmen aufkaufen, zerlegen und wieder verkaufen, irgendwie dem Allgemeinwohl diene und dass es zum System freier und liberalisierter Märkte keine Alternative gebe.

Dieser optimistische ökonomische Glaube hat sich längst von seinen religiösen Ursprüngen gelöst. Er lebt aber weiter in der Annahme, dass der Fortschritt, verstanden als das Wachstum des Kapitals, immer weitergehe. Diesen Glauben hat wohl auch die gegenwärtige Finanzkrise nicht brechen können. Sie wird weitestgehend als Betriebsunfall angesehen, dessen Schaden mit etwas frischem Geld wieder behoben werden kann. Das ständige Wachstum des Kapitals zum vermeintlichen Wohle aller bleibt also die unhinterfragte Providenzlehre des kapitalistischen Wirtschaftens. Wenn es zu dieser Vorsehung einen Gott gäbe, dann wäre dieser freilich – ebenso wie Calvins Gott – nicht allen Menschen gnädig.

Fußnoten: 1 Max Weber, „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“, in: „Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie“, Band I, Tübingen (Mohr Siebeck) 1988, S. 203 und S. 37. 2 Fernand Braudel, „Die Dynamik des Kapitalismus“, Stuttgart (Klett-Cotta) 1985, S. 61. 3 Peter Blickle, „Die Reformation im Reich“, Stuttgart (Ulmer) 1992, S. 86. 4 Vgl. Jean François Bergier, „Zu den Anfängen des Kapitalismus – Das Beispiel Genf“, Kölner Vorträge zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Heft 20, 1972. 5 Johannes Calvin, „Unterricht in der christlichen Religion. Institutio christianae religionis“, Neukirchen-Vluyn/Wuppertal (Neukirchener/foedus) 2008, I 16, 9 und 16, 8. 6 Vgl. Klaas Huizing, „Calvin … und was vom Reformator übrig bleibt“, Frankfurt am Main (Hansisches Druck- und Verlagshaus) 2008. 7 Dazu: Hans Christoph Binswanger, „Die Glaubensgemeinschaft der Ökonomen“, München (Gerling) 1998, und Jiri Xerxes Kraus, „Die Stoa und ihr Einfluss auf die Nationalökonomie“, Marburg (Metropolis) 2000. 8 Adam Smith, „Theorie der ethischen Gefühle“, Hamburg (Meiner) 2004, S. 47 f. und S. 316.

Christoph Fleischmann ist Theologe und Journalist.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 10.07.2009,