Artikel

Artikel drucken zurück

Country für alle

Country für alle

Mit Musik auf Stimmenfang im US-Wahlkampf von Sylvie Laurent

Das Spektakel, das die Republikaner rund um die Kandidatenkür veranstalten, lässt leicht übersehen, dass auch der amtierende Präsident eine Charmeoffensive eingeleitet hat. Sie zielt vor allem darauf ab, jene zu überzeugen, die 2008 nicht für ihn gestimmt hatten. So lud das Ehepaar Obama im vergangenen November zu einem „Country Festival“ ins Weiße Haus, das eigens zu diesem Anlass zum „Haus des Volkes“ umbenannt wurde. Als Stars traten James Taylor, Lyle Lovett und Dierks Bentley auf. Bei dieser Gelegenheit gestand der Präsident, er habe erst durch seine Landsleute die Musik, die „ihnen so am Herzen liegt“, schätzen gelernt.

Das war eine ziemlich kühne Aktion, denn in Washingtons gehobenen Kreisen gilt Country als primitiv und reaktionär, weil er den Hass auf den Staat, Misstrauen gegen Minderheiten und Argwohn gegenüber den urbanen Eliten propagiere. Präsident Obama wagte sich also auf Tea-Party-Terrain, das nicht zu den Demokraten passt und erst recht nicht zu einem Schwarzen mit Harvard-Diplom.

Die Verbitterung alter weißer Männer, die ihr Amerika auf Abwegen und in Feindeshand wähnen, äußert sich nicht erst seit gestern in einem demonstrativen Patriotismus. Obama hat wohl erkannt, dass er dieses Nationalgefühl nicht nur den Republikanern und Rednecks1 überlassen darf. Zumal die Countrymusik mit ihrem altmodischen Zungenschlag wie ein abgehalfterter Cowboy schon seit Langem über die Südstaaten, ihren Herkunftsort, hinaus ganz Amerika erobert hat.

Zwei der drei bestverkauften Alben des Jahres 2010 stammten von Countrysängern: Gleich hinter dem Rapper Eminem folgten „Need you now“ von der Country-Combo Lady Antebellum aus Nashville und der blonden Bardin Taylor Swift mit ihrem Album „Speak Now“. Beide Alben verkauften sich zusammen fast 6 Millionen Mal. Seit dem Beginn ihrer Karriere soll Taylor Swift bereits mehr als 20 Millionen Alben verkauft haben.

Auch im Kino gewinnt das Genre an Ansehen, seitdem das Biopic „Walk the Line“ über Johnny Cash 2005 mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Vier Jahre später wurde der Film „Crazy Heart“ – über die Irrwege eines einsamen, alkoholkranken Countrysängers – von der Kritik gefeiert, und auch „Country Strong“, ein Beziehungsdrama um eine diesmal alkoholkranke Sängerin, eroberte ein breites Publikum.

Noch bemerkenswerter ist vielleicht, dass im April 2011 die schwarze Sängerin Rihanna, einer der größten R&B-Stars des Landes, zur Verleihung der Country Music Awards eingeladen wurde, die bis dahin als Gipfel der Spießigkeit galten.

Die Wurzeln des Country liegen in einer abgeschiedenen ländlichen Welt, wo zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein paar clevere Produzenten jene „Old Time Songs“ ausgruben, welche die wahre amerikanische Seele verkörpern sollten. Auch wenn die ersten Aufnahmen aus den frühen 1920er Jahren stammen, so führen manche Historiker und Musikethnologen ihre Ursprünge bereits auf die Zeit des Unabhängigkeitskriegs zurück.2 Die Balladen und Folksongs zu Gitarre oder Banjo trafen mit ihren melancholischen Texten mitten ins Herz des ländlichen Amerika, vor allem zur Zeit der Großen Depression am Ende der Weltwirtschaftskrise. So wie die unterdrückten Schwarzen den Blues hatten, so hatten die Weißen in den einsamen Bergen und Tälern ihren Country, zuweilen auch „Hillbilly-Blues“ („Hinterwäldler-Blues“) genannt.

In den Texten wurde das Farmerideal der Pioniere und der Mythos eines weißen, volkstümlichen und unverdorbenen Südens heraufbeschworen. Viele Songs feierten den antiquierten kompromisslosen Nationalismus eines Andrew Jackson, US-Präsident von 1829 bis 1837 und Urheber des Indian Removal Act, der die Vertreibung der Indianer aus ihren angestammten fruchtbaren Gebieten zur Folge hatte. Nach der Niederlage der Konföderierten im Amerikanischen Bürgerkrieg von 1865 wurde eine mit Bitternis getränkte Nostalgie zum Background dessen, was später die Countrymusik werden sollte: die Tonspur eines beleidigten Patriotismus.

So richtete sich der Country gegen alles, was das Selbstverständnis des weißen Amerikas zu bedrohen schien. Dabei gibt es innerhalb des Genres eine unendliche Vielfalt. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet Texas die Tradition des Country modernisieren sollte, indem es Sänger hervorbrachte, die das Image böser Jungs pflegten. Prägend waren jedoch die erzkonservativen Strömungen. Der legendäre Titel „Okie from Muskogee“ des Sängers Merle Haggard von 1969 war ein wahrer Hassgesang auf die langhaarigen Campus-Hippies aus den Städten des Nordens, die seiner Ansicht nach das Land in den Abgrund rissen.

Haggard, einst Häftling und Sprachrohr der ausgebeuteten Arbeiter, hätte ein neuer Woody Guthrie, Folksänger des amerikanischen Sozialismus, werden können. Doch er passte sich dem moralischen Mainstream aus Ordnung, Patriotismus und Unter-seinesgleichen-Bleiben an. 1974 erklärte Richard Nixon, dass diese Volksmusik „Amerika besser“ mache, und umhüllte sie mit dem Sternenbanner. Fortan begeisterte Country das ganze Land und verkaufte sich sogar außerhalb der Südstaaten am besten. Ronald Reagan bekräftigte 1983, es sei eine der wenigen Formen rein amerikanischer und zutiefst patriotischer Kunst.

Einige ihrer berühmtesten Sängerinnen und Sänger hoben sich jedoch von diesen Gemeinplätzen ab: Die einen protestierten gegen den Vietnamkrieg oder verlangten die Legalisierung von Drogen, andere waren glühende Feministen oder bekämpften das Monopol der Musikproduzenten in Nashville (Tennessee). Dennoch sorgte das clevere Marketing der Plattenfirmen dafür, dass die Musik zwar durch Einflüsse des Rock modernisiert wurde, in den Radios aber vor allem die Herolde des Patriotismus der „wahren Amerikaner“ gespielt wurden, die in kleinen, vergessenen Nestern auf dem Land lebten.

Texas wurde zum bevorzugten Terrain des Genres.3 George W. Bush krönte die Rechtslastigkeit des Country, als er ihn zu seiner Lieblingsmusik erklärte. Die Phrasen über Authentizität und „kulturelle Solidarität“ hörte man nun noch öfter. Nach dem 11. September war für die Musikproduzenten der weitverbreitete Hang zu Symbolen und Fetischen des amerikanischen Nationalbewusstseins – sogenannter Americana – ein Glücksfall für die Kommerzialisierung der dazu passenden Musiktitel.

Im Einklang mit seinem kriegerischen Präsidenten sang der berühmte Toby Keith „Courtesy of the Red, White and Blue“ und versprach all jenen, die es wagten, Amerika anzugreifen, einen Tritt in den Hintern. 2003 sang der Star, der schon 25 Millionen Alben verkauft hat, zusammen mit Willie Nelson in „Beer for my horses“, das volkstümliche Amerika müsse wie in alten Zeiten, wo man nach texanischer Art die Bösewichter an der nächsten Eiche aufknüpfte, zur Selbstjustiz zurückkehren. Trotz manch besorgter Reaktion blieb der Titel sechs Wochen lang an der Spitze der Charts und wurde zu einem der größten Erfolge für Toby Keith. 2008 wurde er sogar fürs Kino adaptiert, mit Keith in der Hauptrolle.

Die Mischung aus Patriotismus und Nationalismus, Hymnen auf die verlorenen Werte des kleinen Mannes und ideologischer Hysterie hatte etwas Beunruhigendes. Als Nathalie Maine, die Leadsängerin der Dixie Chicks („Südstaatenküken“), im März 2003 bei einem Konzert in England erklärte, sie schäme sich, weil Präsident George W. Bush auch aus Texas stamme, wurde die Gruppe innerhalb weniger Tage zur Zielscheibe heftiger Angriffe in den US-amerikanischen Medien. Alle Radiostationen boykottierten nach Maines Auftritt die Songs der Dixie Chicks. Das Entsetzen der traditionellen Hörerschaft über die auch noch im Ausland abgegebene Erklärung war sicher echt und wurde umso mehr als Fauxpas betrachtet, weil die Stimmung schon angespannt genug war. Aber der brutale Boykott war keineswegs spontan. Heute weiß man, dass vor allem vom Clear Channel Radio zum Halali geblasen wurde, einem texanischen Unternehmen, zu dem 1 250 Sender gehören.

Auch andere Countrysänger kritisierten den Irakkrieg, darunter Stars wie Rosanne Cash, Sheryl Crow, selbst Merle Haggard oder Steve Earle. Earle sang 2004 im Anklang an die Protestsongs aus den 1970er Jahren in „Rich Mans War“: „Bobby had an eagle and a flag tattooed on his arm / Red white and blue to the bone when he landed in Kandahar / Left behind a pretty young wife and a baby girl / … / Just another poor boy off to fight a rich man’s war. / When will we ever learn?“

Im Präsidentschaftswahlkampf 2008 wurden die Demokraten von einigen Countrysängern offen unterstützt. Selbst Toby Keith, der lauteste Scharfmacher gegen die Feinde Amerikas, der noch Bush gegen die Dixie Chicks verteidigt hatte, äußerte seine Sympathie für Obama. Offensichtlich haben auch die Cowboys genug von der eitlen Bitterkeit und dem Patriotismus, die sie nicht vor der viel besungenen Desillusion schützen konnten.

Fox News hat natürlich nur die konservativsten und größten Maulhelden aus der Branche eingeladen. Auch die Tea Party konnte für ihre Auftritte zahlreiche Countrysänger mobilisieren, denn man hat vieles gemeinsam. So wie die Hitmacher in Nashville die traditionelle Musik durch ihre Marketing-Mühlen drehen, so werden auch die bunt zusammengewürfelten Zusammenkünfte der Tea Party von mächtigen Interessengruppen gekonnt inszeniert. In beiden Fällen geht es implizit um ein unausgesprochenes Klassenbewusstsein, das sich mit „kultureller Identität“ maskiert. „Teabaggers“ und „Countrymen“ zelebrieren den Mythos von der klassenlosen Gesellschaft, betrachten sich aber zugleich paradoxerweise als Opfer von Klassendünkel.

Der Politologe Angelo Codevilla hat festgestellt, dass die soziale Ungleichheit in den USA erschreckend zugenommen hat.4 Der „ruling class“, die jegliche Bodenhaftung verloren habe, stellt er die von der Elite verachtete und von den großen politischen Parteien im Stich gelassene „country class“ gegenüber. Manche Künstler aus der Countryszene legen die sozioökonomische Natur des gesellschaftlichen Abstiegs bloß. John Rich, der 2008 als glühender Anhänger des republikanischen Kandidaten John McCain auftrat, prangert heute die Verantwortlichen an der Wall Street an. Die größten Erfolge feiern Künstler, die sich von den ostentativen Insignien der „Tradition“ befreit haben. Die Gruppe Lady Antebellum etwa, die nicht nur das angestammte Publikum begeistert, verzichtet trotz ihres vielsagenden Namens auf jede politische oder regionale Identifikation.

Auch Taylor Swift, die 2011 bei den American Music Awards als Artist of the Year ausgezeichnet wurde, ist zwar alles andere als eine politische Sängerin. Doch als sie bei einer Preisverleihung vor drei Jahren auf offener Bühne von dem Rapper Kanye West beleidigt wurde, sprang ihr kein Geringerer als Präsident Obama zur Seite. Seither ist die zarte blonde Sängerin aus Nashville das unschuldige Gesicht der Nation, mit dem sich Millionen Bürger identifizieren können, die sich von der Wirtschaftskrise und der Arroganz der Mächtigen überrannt fühlen. Doch wenn sie dem Country lauschen, wissen sie wieder, was es heißt, ein echter Amerikaner zu sein.

Fußnoten 1 Abwertende Bezeichnung für die weiße ländliche Unterschicht, vor allem in den Südstaaten. 2 James Edward Akenson, „Country Music Goes to War“, Lexington (University Press of Kentucky) 2005. 3 Aaron A. Fox, „Real Country: Music and Language in Working-Class Culture“, Durham (Duke University Press) 1994. 4 Siehe Angelo Codevilla, „Americas ruling class and the Perils of Revolution“; The American Spectator, July/August 2010 issue: spectator.org/archives/2010/07/16/americas-ruling-class-and-the/print.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Sylvie Laurent ist Autorin von „Poor White Trash. La Pauvreté odieuse du Blanc américain“, Paris (Presses l’Université Paris-Sorbonne) 2011.

Le Monde diplomatique vom 13.01.2012,