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Bilals Frömmigkeit

Bilals Frömmigkeit

Islam, arabische Kultur und Sklavenhandel in Afrika von Charlotte Wiedemann

Der Islam hat den Ruf, frei zu sein von rassistischen Vorurteilen. Deswegen haben so viele Afrikaner darin eine Heimat gefunden – in einer Religion mit einem egalitären Menschenbild. Neben dem lichten Glauben steht, wie unverbunden, eine dunkle Herrschaftsgeschichte. Über Jahrhunderte haben arabische Sklavenhändler das islamische Ideal der Gleichheit verhöhnt und Afrikaner wie Ware exportiert. Aus dem muslimischen Selbstverständnis ist diese Vergangenheit heute verdrängt – und die Gründe dafür sind so komplex wie die Geschichte Islamisch-Afrikas.

Gorée und Sansibar. Zwei Inseln, die eine an der westlichen Flanke des afrikanischen Kontinents, die andere an seiner östlichen. Beide sind ein Symbol für den Sklavenhandel, nach Westen der europäische über den Atlantik, nach Osten der orientalische über den Indischen Ozean.

Doch nur die eine Insel spricht, die andere schweigt.

Gorée: Zwanzig Fährminuten von der Küste Senegals entfernt. Ein winziges Felseneiland mit sicherem Ankerplatz – so wurde Gorée zum Zwischenlager für den Sklavenhandel. Erst kamen die Portugiesen, 1445, damit begann die europäisch-afrikanische Beziehungsgeschichte; später Niederländer, Engländer, Franzosen. Am Hafen die einstigen Häuser der Sklavenhändler; eines ist das Museum Maison des Esclaves, in seinem Keller die berühmte „Tür ohne Wiederkehr“: eine steinerne Pforte zum Meer, durch welche die Sklaven auf die Schiffe gestoßen wurden. Ein ikonografischer Ort für ein Weltkulturerbe des Leids.

Die Erinnerung hat auf Gorée eine klare Ordnung: Opfer, Täter, Anteilnahme und eine Botschaft an die Nachwelt. Früher trafen sich auf Gorée Antiapartheidkämpfer, heute die Streiter für offene Grenzen.

Nun Sansibar: Zwei Stunden braucht das Schnellboot von Daressalam, vom tansanischen Festland. Tropische Schwüle liegt über den Gassen der Altstadt, mehr als fünfzig Moscheen auf einem knappen Quadratkilometer. Alles scheint hier diffuser, das Licht, die Erinnerung, die Konturen der Vergangenheit. Auf Sansibar begann, 500 Jahre früher als auf Gorée, gleichfalls eine Beziehungsgeschichte: die afrikanisch-orientalische. Der Islam kam im zehnten Jahrhundert mit Einwanderern aus Schiraz; sie brachten auch den Namen: Zangibar, Persisch für „die Küste der Schwarzen“. Dann kamen Jemeniten, später Omaner.

Das einstige Haus des bekanntesten Sklavenhändlers, Tippu Tip, ist nur mit Mühe zu finden; ein verfallendes weißes Gebäude, es gehört der Regierung, nun haben sich Wohnungslose hier einquartiert. Unter ihrer Patina erzählt die Altstadt von der wirtschaftlichen Blüte im 19. Jahrhundert – es war die Blütezeit des Sklavenhandels. Pro Jahr wurden damals etwa 30 000 afrikanische Sklaven über Sansibar exportiert. Mindestens ebenso viele schufteten, mit hoher Todesrate, auf den örtlichen Nelkenplantagen. Omanische Händler hatten die Nelkenproduktion eingeführt; sie erwies sich als so lukrativ, dass der omanische Sultan seinen Sitz von Maskat nach Sansibar verlegte.

Auf dem einstigen Sklavenmarkt steht eine Kirche; ein Missionar hatte irgendwann das Gelände gekauft. Zwischen Kirche und Touristentoilette ein Mahnmal: eine Figurengruppe, Frauen und Männer in Ketten, in einem angedeuteten Keller. Auf dem Hinweisschild steht: entworfen von einer Schwedin, gesponsert unter anderem von der Firma Ericsson. Seltsam; als sei in Sansibar, das so sehr auf seine islamische Identität hält, die Erinnerung an die Sklaverei nur ein Anliegen von Christen und westlichen Ausländern.

Bis zur Revolution 1964 hatten Schwarze hier immer noch Dienerstatus. Dann wurde der letzte Sultan blutig gestürzt, tausende Arabischstämmige ermordet. Später kam der arabische Einfluss mit anderem Gesicht zurück, als saudischer Wahhabismus. Beides, die Toten von damals und das saudische Geld von heute, sind Gründe, zu schweigen. Doch es gibt noch einen anderen Grund, er geht tiefer und hat über Sansibar hinaus Bedeutung. Die orientalisch-afrikanische Beziehungsgeschichte war vom ersten Moment an eine Geschichte der Vermischung. Die persischen Ankömmlinge aus Schiraz heirateten Afrikanerinnen; deren Nachkommen nennen sich heute, nach tausend Jahren, noch Schirazi. Manche Tansanier vom Festland spotten über die schwarzen Schirazi, sie hätten einen „afrikanischen“ Minderwertigkeitskomplex.

Der Sklavenhändler Tippu Tip, mit richtigem Namen, Hamed bin Mohammed el-Murjebi, war nur väterlicherseits ein Omaner. Seine Mutter war eine noble Afrikanerin vom Volk der Nyamwezi; dessen Elite war selbst in die Sklavenjagd verstrickt.1

Sucht man heute auf Sansibar nach den Nachkommen von Sklaven, wird einem beschieden, es gäbe da keine klare Trennung. Eine bekannte örtliche Politikerin stammt zum Beispiel vom Sklavenhändler Tippu Tip und von einer Sklavin ab; das ist nicht anstößig. Wie tief der arabische Einfluss in Afrika Wurzeln geschlagen hat, trotz Sklaverei und teils sogar durch die Sklaverei, das bleibt für Europäer schwer verständlich. Die Portugiesen verließen nach einem 200-jährigen Intermezzo die ostafrikanische Küste, als seien sie nie da gewesen. Die Araber aber hinterließen ihre Religion, ihre Sitten, ihre Kleidung, ihre Sprache. Und doch blieb die arabisch-afrikanische Beziehung stets eine Verbindung der Ungleichen. Auf Sansibar war es undenkbar, dass ein Schwarzer eine arabische Frau heiratet.

Der transatlantische Sklavenhandel entriss Afrika von 1450 bis 1900 etwa 12 Millionen Menschen. Der orientalische Handel erstreckte sich über einen viel längeren Zeitraum, von 650 bis 1920. Über drei Routen – Sahara, Rotes Meer, Indischer Ozean – wurden zusammen vermutlich 11 bis 15 Millionen Afrikaner in die islamischen Kernländer und bis nach China verschleppt; das sind Schätzungen, sie reichen bis zu 17 Millionen. Der transatlantische Handel bevorzugte junge Männer, der orientalische Handel Frauen (und Kinder). Weil er sich über 13 Jahrhunderte erstreckte, sind seine sozialen Folgeschäden schwerer zu fassen. Doch zweifellos empfanden die Opfer ihr Schicksal als nicht weniger grausam.

Trotzdem hat die afrikanische Öffentlichkeit den östlich-muslimischen Sklavenhandel nie in vergleichbarer Weise verurteilt wie den westlich-christlichen. Kein arabischer Regent fand Worte der Entschuldigung – und es wurden auch keine gefordert. Stattdessen haben sich im Westen nun antiislamische Kreuzzügler des Themas angenommen. Die machen den „islamischen Sklavenhandel“, ohne dass es neue Forschungsergebnisse gäbe, für „Genozide“ verantwortlich2 – als erneuten Beleg für den inhumanen Charakter dieser Religion. Nicht minder grobschlächtig die proislamische Beschönigung: Der Islam habe die Sklaverei eingeschränkt, behauptet der afroamerikanische Historiker und Imam Abdallah Hakim Quick3 ; Sklaven auf Märkten zu verkaufen sei verboten gewesen – und wer das trotzdem getan hätte, sei „nur dem Namen nach Muslim“ gewesen. Das ähnelt dem Argument, muslimische Terroristen seien keine Muslime, denn der Islam verbiete Gewalt.

Im Arabien zur Zeit des Propheten Mohammed war Sklavenhaltung Alltag, wie fast überall in der Antike und im frühen Mittelalter. In der Tat kam die neue Religion nun mit einer reformerischen, humanen Botschaft. Der Koran empfiehlt die Freilassung von Sklaven gleich an mehreren Stellen, zählt sie zu den wichtigsten frommen Handlungen, noch vor Gebet und Armensteuer. Auch heißt es: „Wünscht einer deiner Sklaven eine Freilassungsurkunde, so stelle sie ihm aus, wenn du ihn als gut kennst, und gib ihm einen Teil deines Reichtums, den Gott dir verliehen.“ Der Prophet ließ seine gesamten Sklaven einige Wochen vor seinem Tod frei; es sollen 63 gewesen sein.

Doch weder der Koran noch die überlieferte Praxis des Propheten stellen die Institution der Sklaverei an sich infrage. Die Standardformulierung im Koran lautet: „Jene, die ihr von Rechts wegen besitzt“. Behandelt sie barmherziger, lautet der Appell, seht sie nicht als Ware, sondern als Schwache! Es sei verboten, Sklaven zu misshandeln, sagte Mohammed in seiner letzten Predigt.

Muslimische Praxis gegen islamische Werte: Im Laufe der kommenden Jahrhunderte verflüchtigen sich die humanen, emanzipatorischen Impulse immer mehr. Ganz im Gegensatz zum koranischen Freilassungsgebot wurde die Größe des Sklavenbesitzes zum Maßstab sozialen Erfolgs. Es entstanden ganze Regelwerke zum Umgang mit Sklaven; sie werden als Kaste rechtlich fixiert. So durfte ein gläubiger Sklave nur zwei Frauen heiraten und keine Konkubinen haben, während dem freien Muslim eine unbegrenzte Zahl von Sklavenkonkubinen neben seinen vier freien Gattinnen zustand. Wie normal Sklaverei selbst für die gebildetsten und weltläufigsten Muslime war, zeigt das Beispiel von Ibn Battuta, dem berühmten Reisenden aus Tanger, ein großer Chronist des 14. Jahrhunderts. Während der drei Jahrzehnte seiner Reisen durch die gesamte islamische Welt kaufte er Sklaven, wo immer er hinkam, auch machten seine Gastgeber ihm teure Sklaven zum Geschenk.

Gleichheit vor Gott, Ungleichheit der Menschen

Papst Nikolaus V. gab der Versklavung Ungläubiger 1450 den höchsten Segen der Christenheit – etwas vergleichbar Eindeutiges hat es im Islam nie gegeben, konnte es aufgrund der Vielfalt von Rechtsauffassungen und Rechtsschulen auch nicht geben. Doch war die Versklavung von Kriegsgefangenen unbestritten legal, und obwohl einem Prophetenwort zufolge der schlimmste Mensch derjenige sei, der andere Menschen verkaufe, wurde der Handel mit Nichtmuslimen von vielen Gelehrten gerechtfertigt.

Die Sklavenhändler hätten die Widersprüchlichkeit der islamischen Doktrin geschickt zu ihren Gunsten ausgelegt, schreibt der algerische Anthropologe Malek Chebel.4 Diese Widersprüchlichkeit „hätte auch den Abolitionisten dienen können. Aber die Wahrheit ist, dass solche nicht zahlreich waren im Islam.“ Die Mehrzahl der muslimischen Reformer sei beim Thema Sklaverei „extrem zaghaft“ gewesen.

Es widerstreiten im Islam im Hinblick auf die Sklaverei zwei Prinzipien: die Gleichheit aller vor Gott inklusive des Gebots, sich nur ihm zu unterwerfen, und der Glaube an eine gottgewollte Ungleichheit der Menschen untereinander. Das erste Prinzip gilt als Basis des Antirassismus, das zweite legitimiert Klassen und Hierarchien.

Nicht Rassismus hat im islamischen Kulturraum die Sklaverei stimuliert, eher war es umgekehrt: Aus dem Einsatz bestimmter Ethnien für bestimmte Tätigkeiten wurden im Laufe der Zeit Zuschreibungen. Arbeiten, die als niedrig galten, wurden von schwarzen Sklaven verrichtet. Irgendwann war „abd“ (Arabisch für Sklave, Diener) ein Synonym für schwarz. Und die Gesellschaften der islamischen Kernländer begannen einen Unterschied zu kultivieren zwischen hellhäutigen Gläubigen, also Arabern, Türken, Persern, und dunkelhäutigen Gläubigen afrikanischer Herkunft.

Timbuktu, im Osten Malis. Das Institut, das die älteste Bibliothek südlich der Sahara verwahrt, 30 000 Manuskripte in arabischer Schrift, ist nach Ahmed Baba benannt, dem berühmtesten Philosophen der Stadt. Die Leute in Timbuktu weisen mit Stolz darauf hin, dass dieser muslimische Gelehrte schon im 17. Jahrhundert sagte: Es gibt keinen Unterschied zwischen schwarz und weiß. Hier endet die Erzählung – doch tatsächlich ist der Fall Ahmed Baba komplizierter und geradezu tragisch.

Als der schwarze Philosoph 1614 schrieb: „Der Grund für Sklaverei ist Unglaube“, war es bereits üblich, Afrikaner ungeachtet ihres Glaubens zu jagen. Verzweifelt hielt er dagegen: Nicht schwarz sein, sondern Nichtmuslim sein, das prädestiniert zum Sklaven! Der Philosoph verabscheute die zunehmende Willkür; er selbst wurde, als die Marokkaner Timbuktu eroberten, in Ketten nach Marrakesch verschleppt. Aber Unrecht war für ihn eben nur die Versklavung von Muslimen: „Wer auch immer als Ungläubiger gefangen genommen wird, darf legal in Besitz genommen werden.“ Im 18. und 19. Jahrhundert bedienten sich afrikanisch-muslimische Führer dieser Rechtfertigung bei ihren Kriegszügen. Das Gesicht der Täter war längst nicht mehr allein arabisch.

Es ist heute in Mode gekommen, die Islamisierung Afrikas als ein Werk der Zerstörung zu betrachten, als gewaltsames Ausmerzen indigener Kultur. Die religiöse Rechtfertigung von Sklaverei scheint diese Sicht zu bestätigen. Wenn dies die ganze Wahrheit wäre, hätte es allerdings einen Ort wie Timbuktu nie gegeben. Als Zentrum der Gelehrsamkeit stand Timbuktu für eine afrikanische Hochkultur arabischer Sprache. Arabisch spielte in Teilen Afrikas eine ähnliche Rolle wie Latein im europäischen Mittelalter, war über Jahrhunderte eine Schriftsprache der Eliten. (Um diesen Aspekt afrikanischer Geschichte zu würdigen, hat Südafrika unlängst einen Neubau des Ahmed-Baba-Instituts finanziert.) An der ostafrikanischen Küste entstand unter arabischem Einfluss die gebildete, weltoffene Händlergesellschaft der Suaheli. Kisuaheli ist heute die am weitesten verbreitete afrikanische Sprache; jedes vierte Wort darin ist arabischen Ursprungs.

Zurück nach Timbuktu: Dieser multiethnische Ort zeigt in mehr als einer Hinsicht, wie komplex die afrikanisch-islamische Geschichte ist. Westliche Touristen schenken nur einer einzigen Gruppe Beachtung: den Tuareg, genauer gesagt, deren hellhäutiger Oberklasse. In einer ärmlichen Koranschule sitzen auf dem blanken Boden schwarze Jungen und Mädchen, die gleichfalls Tamaschek sprechen, die Sprache der Tuareg. Die Kinder sind die Nachkommen von schwarzen Tuaregsklaven, Bella genannt. Erst seit etwa fünfzig Jahren sind die Bella formell frei. In Timbuktu, wo sie so zahlreich sind, ist die Bezeichnung Bella nicht ehrenrührig; in der Hauptstadt Bamako dagegen, zwei Tagesreisen entfernt, wird es leicht als beleidigend empfunden, jemanden derart an seine Herkunft zu erinnern. Viele Malier werfen den Tuareg vor, ihren Dünkel gegenüber Schwarzen nie abgelegt zu haben. In einer oft erzählten Anekdote stoppt ein Tuareg in Timbuktu den Dienstwagen eines Ministers mit den Worten: „Du bist mein Sklave. Gib mir das Auto.“

Wenn Eltern im muslimischen Afrika einen Sohn Bilal nennen, wollen sie daran erinnern, wie nahe die Schwarzen dem Propheten standen. Der Sklave Bilal al-Habachi (wörtlich: „der Abessinier“) wurde in Mekka freigekauft von Abu Bakr, dem Schwiegervater des Propheten, später erster Kalif. Bilal fiel auf durch seine opferbereite Hingabe an die neue, noch um ihr Überleben kämpfende Religion. Als Freier zog er mit der Prophetengemeinde nach Medina, dort machte ihn Mohammed wegen seiner schönen Stimme zum ersten Gebetsrufer des Islam. Eine hochsymbolische Geste: Der ehemalige Sklave ruft dazu auf, sich vor Gott niederzuwerfen – und nur vor ihm. (Später, bei der Einnahme Mekkas soll Bilal sogar auf die Kaaba geklettert sein, um von dort zu rufen; vermutlich nur eine Legende, doch verewigt in Miniaturmalereien der Mogulzeit. Der Iran hat seine schiitische Missionsagentur in Afrika nach Bilal benannt.

Es mangelt in der Geschichte des Islam nicht an Sklaven, die zu Ruhm und Einfluss gelangten. Etwa die Militärkaste der Mamelucken, die Ägypten fast 260 Jahre lang regierte. Ohne tausende von Söldnern sklavischer Herkunft hätte sich das islamische Herrschaftsgebiet vermutlich kaum so schnell und immens ausdehnen können. Auch der Berbergeneral, der 711 die iberische Halbinsel an der Spitze einer Armee von 7 000 Berbern für die Muslime eroberte, war ein ehemaliger Sklave: Tarik Ibn Sijad, daher rührt der Name Gibraltar (Arabisch: Dschebel Tarik, Berg des Tarik). In Tunesien führten ehemalige Sklaven, manche christlicher Herkunft, die Oberaufsicht beim Bau wichtiger Moscheen. Doch keine andere Geschichte hat sich so tief in die Herzen schwarzafrikanischer Muslime eingeschrieben wie die von Bilal. Beweist sie doch, dass in den Augen Mohammeds der Maßstab zur Beurteilung eines Menschen weder seine Nationalität noch seine Hautfarbe oder sein sozialer Status war, sondern allein seine Frömmigkeit. Unsterblich die Hoffnung, die sich daran knüpft, wie sehr sie auch im Laufe der Jahrhunderte betrogen wurde. Bittere Ironie liegt über dieser jüngsten Szene: Sidi Bilal heißt, nach einem örtlichen Heiligen, das libysche Hafenstädtchen, in dem afrikanische Migranten vergeblich Zuflucht vor den Banden von Aufständischen suchten. Die hatten gerade mit Allahu Akbar auf den Lippen Gaddafi besiegt; Schwarze, ob Muslime oder Christen, wurden gehetzt und gedemütigt, die Frauen zur sexuellen Benutzung eingefordert.

Schauplatz Mauretanien: Kein anderes Land Afrikas ist bis heute derart von den Folgen der Sklaverei geprägt. Obwohl Sklavenhaltung verboten ist, werden Leibeigene noch immer von den Eltern auf die Kinder vererbt – manchmal gar mit Zustimmung der Betroffenen, die sich ein freies Leben nicht vorstellen können. Und viele glauben, ein Sklave, der seinem Herrn nicht gehorcht, komme nicht ins Paradies. Die 3,5 Millionen Mauretanier, fast allesamt Muslime, sind sozial eine tief gespaltene Gesellschaft. Die hellhäutigen Mauren dominieren in Politik und Bildungswesen; die dunkelhäutigen Haratin, zum Teil Nachkommen freigelassener Sklaven, stellen die Mehrheit bei den Landlosen, den Armen, den Ungebildeten. Ehen zwischen beiden Gruppen sind immer noch verpönt.

Im Frühjahr 2011 trat der Architekt Boubacar Ould Messaoud, Vorsitzender von SOS Esclaves, mit anderen Aktivisten in Hungerstreik, um die juristische Ahndung eines aktuellen Falls von Sklaverei zu erzwingen. Er betraf drei Mädchen im Alter zwischen elf und fünfzehn. Ihre maurischen Herrinnen wurden von einem Gericht in Nouakschott verurteilt – das erste Urteil, seit ein Gesetz 2007 Sklavenhaltung unter Strafe gestellt hat. Schon drei Tage später war der Erfolg allerdings zunichte; ein Berufungsgericht kassierte das Urteil.

Sklavenhaltung der Gegenwart

Über Jahrhunderte verrichteten Sklaven in diesem Landstrich praktisch sämtliche Hand- und Feldarbeiten. Wo das heutige Mauretanien an den Senegal grenzt, erhob sich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine Bewegung der Marabuts, der ländlichen Islamgelehrten, gegen den Sklavenhandel und die Händler, die als schlechte Muslime, gar als Abgefallene gegeißelt wurden. Knapp hundert Jahre später entstand im Gebiet Futa Toro am Senegal-Fluss eine theokratische Republik, die den Sklavenhandel abschaffte. Allerdings war die religiöse Kritik in einem entscheidenden Punkt begrenzt: „Der Islam, der als Waffe der Mobilisierung gegen den Sklavenhandel diente, wurde nicht eingesetzt gegen die örtliche Praxis der Sklavenhaltung“, bilanziert der mauretanische Historiker Saidou Kane5 ; eher wurde die ungleiche Sozialordnung religiös sanktioniert.

Und das ist bis heute so. Als Mauretaniens Regierung im Herbst 2011 verlangte, jeder Einwohner müsse seine Nationalität durch eine Neuregistrierung beweisen, fürchten viele Schwarze, sie sollten ausgebürgert werden; so entstand die Bewegung „Rühr meine Staatsangehörigkeit nicht an“. Unvergessen, wie vor gut zwanzig Jahren viele tausend Schwarzmauretanier vor Pogromen in den Senegal flüchten müssen.

Schauplatz Niger: Das Land ist zu 95 Prozent muslimisch, geschätzte 40 000 Menschen leben in informeller Sklaverei. Ein Antisklavereiverband ermutigte 2008 eine junge Frau, beim Gerichtshof der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas gegen ihr Land zu klagen. Hadizatou Mani war als Zwölfjährige vom Besitzer ihrer Mutter verkauft worden; sie durchlitt ein Jahrzehnt als Haus- und Sexsklavin und fand danach noch die Kraft, für ein Leben als Freie zu kämpfen. Mit Erfolg: Die Regierung musste ihr 15 000 Euro Entschädigung zahlen.

Selbstbewusstsein und zivilgesellschaftliche Solidarität – das sind neue Antworten auf uralte Abhängigkeiten. Doch es gibt auch das Gegenteil: eine Kultur der Regression, die Verklärung von Abhängigkeit. Beobachtung in einem abgelegenen Saheldorf, wo die Realität des Lebens Armut und Machtlosigkeit zu verewigen scheint: Eine Gruppe der Einwohner nennt sich Jon, in der Sprache der Bambara heißt das Sklave, Gefangener. Die Jon bauen sich eine eigene Moschee, sie suchen nach einem Lehnsherrn, von dem sie Unterstützung verlangen, und sie pflegen eine eigene Folklore, eine Sklavenfolklore. In einem Tanz stellt eine Frau mehr als üblich ihre körperlichen Reize zur Schau, ihre Brüste, ihren Hintern. Bei einem anderen Tanz nehmen die Frauen das Tuch ab, das sie sonst zur Rolle gedreht auf dem Kopf tragen, und gürten sich damit wie für eine schwere Arbeit. Die Geste signalisiert den Zuschauern: Wir sind bereit, bis zum bitteren Ende zu gehen. Von Sklaven abzustammen, ist zum Kern eigener Identität geworden.

Schauplatz Sudan: In fast jeder Etappe der turbulenten Geschichte des Sudan spielte die Beschaffung von Sklaven eine Rolle. Heute ist die Begegnung des arabischen mit dem afrikanischen Kulturraum in der Wahrnehmung der Medien auf ein bestimmtes Klischee reduziert: Arabische Reiterhorden massakrieren schwarze Opfer. Täter und Opfer sind im Sudan früher wie heute nicht nach schlichten ethnischen Kriterien zu sortieren. Aber die geschichtliche Nord-Süd-Achse der Versklavungen, in Ägypten beginnend, hat ihre Verheerungen bis in unsere Tage hinterlassen. Mitte des 19. Jahrhunderts benutzten nordsudanesische Händler bei der Menschenjagd im Süden sogenannte zaraib, große Dornengehege, wie ambulante Gefängnisse. „Das Vorgehen war äußerst brutal, und die Erinnerung daran bildet heute noch den Kern des Ressentiments, das die Südsudanesen gegen den Norden hegen“, schreibt der französische Historiker Gérard Prunier.6 Auf den Schiffen, die damals in Khartum ankamen, gedrängt voll mit Sklaven, waren Lebende und Tote aneinander gekettet. Nach einem Mann, der mit diesem Menschenhandel schwerreich wurde, Zubeir Pasha, ist eine Straße im Zentrum Khartums benannt.

Als der osmanische Kalif 1876 die Sklaverei für abgeschafft erklärte, herrschte unter den Gelehrten zunächst Verwirrung. Wie konnte etwas verboten werden, was der Koran explizit erlaubt? Dann besannen sie sich darauf, dass der Geist des Korans auf die Gleichheit aller Menschen ziele. Heute wollen nicht mal die rückwärtsgewandten Salafisten die Sklaverei als genuinen Bestandteil des Islam betrachten – in dieser Einhelligkeit ein einmaliger Fall intellektueller Reform. Den Geist des Korans von den überlebten Institutionen des siebten Jahrhunderts zu befreien, das verlangen muslimische Feministinnen zum Beispiel beim Erbrecht immer noch vergeblich. „Leider haben die muslimischen Gelehrten diese kontextuelle Lesart nicht von der Sklaverei auf andere Felder des Personenstandsrechts ausgeweitet“, schreibt die tunesische Koranexegetin Olfa Youssef.7

Für die allermeisten Muslime scheint die Sklaverei heute so komplett aus dem Bezugsrahmen ihrer Religion verschwunden zu sein, dass eine kritische Betrachtung islamischer Herrschaftsgeschichte gar nicht aufkommen mag. Das gilt sogar für die Opferseite, also für jene Afrikaner, die den meisten Grund für Fragen hätten. Der europäische Sklavenhandel hat durch die nachfolgende koloniale Herrschaft die afrikanische Erinnerungslandschaft überlagert. Schon in den antikolonialen Kämpfen galt der Islam als eine Religion der Befreiung.

Außerdem: Nur wenige Intellektuelle aus dem subsaharischen Afrika wagen sich an die riskante Frage nach der Rolle der einheimischen Eliten beim Sklavenhandel. Wie afrikanische Führer jener Zeit den europäischen Händlern zuarbeiteten, das ist bereits ein heißes Eisen. Wer die Versklavung durch Araber und durch afrikanische Muslimführer zum Thema macht, muss sich vorhalten lassen, er greife den Glauben an und betreibe das Spiel des Westens.

Gerade darin aber zeigt sich, wie aktuell der Rückblick auf die Sklaverei ist, zumal in der Zeit der arabischen Aufstände. Denn es geht um Herrschaftsverhältnisse und um das Bild vom Menschen. Die Auffassung, wie sie ein Jahrtausend im Islam gültig war, nämlich dass nur der Gläubige im Vollbesitz von Rechten und Menschenwürde sei, zeigt bis heute Spuren: Die Weltgemeinschaft der Muslime versteht sich als Lobby für die Rechte von Muslimen, nicht als Verteidigerin der Rechte aller Menschen – und das lässt dem westlichen Menschenrechtsimperialismus freie Bahn. So war es jedenfalls bisher. Nun verbreitet sich mit dem Ende der Diktatoren der Gedanke, dass die Universalität der Menschenrechte auch für Muslime akzeptabel ist – und sogar von ihnen verteidigt werden kann, gegen die eigenen Führer wie gegen den Westen.

Der Rest ist Psychologie. Die lange Periode der Sklavenhaltung habe die politischen Sitten der arabischen Welt tief beeinflusst, meint der marokkanische Historiker und Soziologe Mohammed Ennaji. Gerade weil sich im Orient die Stellung vieler Sklaven von anderen Abhängigkeitsverhältnissen nicht so grundlegend unterschied, habe das Sklaventum die generelle Einstellung zu Macht und Autorität geprägt – und den autokratischen Regimen eine lange Lebenszeit beschert. Die arabischen Gesellschaften, folgert Ennaji, können erst zu einer Zukunft in Freiheit finden, wenn sie beginnen, ihre eigenen Geschichtslegenden zu dekonstruieren, und sich ihrem ganzen historischen Erbe stellen.

Fußnoten: 1 Paul E. Lovejoy, „Transformations in Slavery. A History of Slavery in Africa“, Cambridge (Cambridge University Press) 2000. 2 Zum Beispiel der Rostocker Althistoriker Egon Flaig, „Weltgeschichte der Sklaverei“, München (Beck) 2009. Der senegalesisch-französische Anthropologe Tidiane N’Diaye macht sich zum muslimischen Kronzeugen für die These, der Sklavenhandel durch die „arabomuslimischen Räuber“ sei „weitaus verheerender“ gewesen als der transatlantische. Die Araber hätten „die schwarzen Völker in Finsternis getaucht“ und 13 Jahrhunderte lang den afrikanischen Kontinent „ununterbrochen geplündert“. In: „Der verschleierte Völkermord“, Reinbek (Rowohlt) 2010. 3 Quick ist Konvertit, als populärer Prediger häufig auf Vortragsreise in Afrika: www.hakimquick.com. 4 Malek Chebel, „L’Esclavage en Terre d’Islam. Un Tabou bien gardé“, Paris (Fayard) 2007. Chebel hat in zahlreichen Ländern recherchiert und viele historische Dokumente veröffentlicht. 5 Siehe sosesclaves.org/EsclavageMauritanie/Saidoukane_Histoire_Esclavage.htm. Kane starb 2006. 6 Gérard Prunier, „Darfur. Der ‚uneindeutige‘ Genozid“, Hamburg (Hamburger Edition) 2007. 7 Olfa Youssef, „Le coran au risque de la psychanalyse“, Paris (Albin Michel) 2007. Charlotte Wiedemann ist Journalistin und Autorin, zuletzt erschien von ihr: „Ihr wisst nichts über uns! Meine Reisen durch einen unbekannten Islam“, Freiburg (Herder) 2008.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 13.01.2012,