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Ultras gegen Kamelreiter

Ultras gegen Kamelreiter

Bei der ägyptischen Revolution kämpften Fußballfans an vorderster Front von James M. Dorsey

Vom Persischen Golf bis zur nordafrikanischen Atlantikküste macht der Fußball dem Islam bei der Schaffung eines alternativen öffentlichen Raums seit knapp dreißig Jahren ernsthaft Konkurrenz. Als im Dezember 2010 die arabische Rebellion begann, war der Fußball bereits einer der wichtigsten zivilgesellschaftlichen Bereiche, der sich den repressiven Regimen und ihren Sicherheitsapparaten ebenso erfolgreich widersetzte wie den militanten Islamisten.

Seit etwa zwanzig Jahren läuft zwischen den Fans und den autokratischen Herrschern ein Katz-und-Maus-Spiel um die Hoheit über die Stadien. Zugleich wehren sich die Fans auch gegen die Versuche der Dschihadisten, die Jugendlichen bei ihrer Fußballbegeisterung zu packen und für ihre Sache zu rekrutieren. Offensichtlich gehen alle konkurrierenden Gruppen – die Fans, die Regime und die Islamisten – von der Prämisse aus, dass nur der Fußball ähnlich intensive Gefühle und eine ähnliche Opferbereitschaft bei der Mehrheit der Bevölkerung erzeugen kann wie die Religion.

Vor diesem Hintergrund war es unvermeidlich, dass die staatliche Reaktion auf die Protestbewegung zuallererst den Profifußball traf. Wann immer im Nahen Osten oder im Maghreb die Massen gegen die Regierung auf die Straßen gingen, verfügte die politische Führung fast automatisch die Aussetzung des Ligabetriebs, weil sie in jedem Fußballstadion eine potenzielle Arena für oppositionelle Kundgebungen sieht.

In Syrien hat das Assad-Regime schon Anfang 2011, noch bevor es gewaltsam gegen die Bevölkerung vorging, den Fußballbetrieb auf unbestimmte Zeit suspendiert. Dadurch wurden die oppositionellen Kräfte in die Moscheen zurückgetrieben: Wenn die Stadien kein öffentlicher Raum mehr sind – auch weil sie den Sicherheitskräften als Sammelstellen und Internierungszentren dienen – verlagern sich die meisten Proteste in die Moscheen, weil sich dann nur hier größere Menschenmengen versammeln können.

In Tunesien, Ägypten und Algerien hatte die Aussetzung des Fußballbetriebs zur Folge, dass die oft militanten, hoch politisierten und gewaltbereiten Fußballfans statt im Stadion auf den öffentlichen Plätzen protestierten. Dort fiel ihnen häufig eine besondere Rolle zu: Sie halfen den Demonstranten, die von den neopatriarchalischen Autokraten errichtete Angstbarriere zu überwinden, die ein wichtiger Grund war, warum die Massen deren Herrschaft bis dahin schweigend und passiv hingenommen hatten.

Schon weil Fußball in der Region immer noch ein ausgesprochener Männersport ist, wird er von patriarchalischen Werten dominiert und bietet sich auf den ersten Blick als das perfekte Spiel für Diktatoren an. Mubaraks Identifikation mit der Nationalmannschaft ging so weit, dass er die Erfolge und Misserfolge der Fußballer zum Barometer für das Schicksal des eigenen Regimes machte. Die Spieler selbst – in Tunesien wie in Ägypten – beobachteten die epochalen Umbrüche meist von der Seitenlinie. Und die Fußballfunktionäre stellten sich demonstrativ hinter die umstrittenen Autokraten. Deshalb entfalteten Fans in Ägypten bei einem der ersten Spiele nach dem Sturz von Mubarak ein Banner, auf dem sie ihre Idole kritisierten: „Wir sind euch überall hin gefolgt, aber in den harten Zeiten konnten wir euch nicht finden!“ Ein anderes Spruchband bezog sich auf die Weigerung der Klubs und ihrer Stars, eine Kappung der Transfersummen und Spielergehälter hinzunehmen: „Ihr fordert Millionen und schert euch nicht um die Armut der Ägypter.“ In Internetforen finden sich mittlerweile zahlreiche Aufrufe von Fans, die ihre Wut über die provisorische Militärregierung artikulieren und soziale Gerechtigkeit fordern – ein Begriff, der im ägyptischen Fußball früher kaum zu hören war.

Das Motiv, den Fußball zu kontrollieren, steht auch hinter den Versuchen vieler Regierungen, die populärsten Vereine zu unterstützen und zu vereinnahmen. Im fußballverrückten Ägypten befindet sich die Hälfte der 16 Erstligaklubs im Besitz des Militärs, der Polizei, einzelner Ministerien oder Provinzregierungen. Und die 22 Fußballstadien des Landes wurden von Baufirmen errichtet, die dem Militär gehören.

In Ägypten wurde der Fußball durch die Tatsache, dass Armee und Geheimdienst seit 1952 praktisch das ganze Land kontrollieren, fast automatisch politisiert. Einer der Anführer der militanten Fanklubs des Kairoer Fußballklubs Al Ahly, erklärte das einmal so: „Fußball ist größer als Politik, er ermöglicht die Flucht aus der Realität.“ Er beschrieb den durchschnittlichen Ahly-Fan als einen Mann, „der mit Frau, Schwiegermutter und fünf Kindern in einer Zweizimmerwohnung lebt, einen Minilohn verdient und auch sonst beschissen dran ist. Das einzig Gute in seinem Leben sind die zwei Stunden am Freitag, in denen er im Stadion sein Team anfeuert. Deshalb ist es so wichtig, dass Ahly jedes Spiel gewinnt. Es macht die Leute einfach glücklich.“1 Der Klub hat seine Fans schon oft beglückt: Al Ahly war 34-mal ägyptischer Meister und sechsmal beste Vereinsmannschaft Afrikas (als Sieger beim African Cup der Landesmeister und seit 1997 der CAF Champions League). Der zweite große Kairoer Verein Zamalek hat den nationalen Titel 14-mal und die afrikanische Vereinsmeisterschaft fünfmal gewonnen.

„In der Politik gibt es keine Konkurrenz, deshalb hat sich die Konkurrenz auf den Fußballplatz verlagert“, meinte ein ägyptischer Fan 2010, nachdem seine Gruppe eine Polizeisperre vor dem Stadion durchbrochen hatte, an der den Fans Feuerwerkskörper und Stoffbanner abgenommen werden sollten. „Wir verstoßen gegen die Regeln und Regulierungen, wenn wir sie für falsch halten.“ Aber dieser militante Fan betonte noch – kurz vor Beginn des „Arabischen Frühlings“, er und seine Freunde seien nicht politisch. Und doch haben die Kämpfe mit den Sicherheitskräften und rivalisierenden Fangruppen, die allwöchentlich in den ägyptischen Stadien entbrannten, Kairos militante Fußballanhänger auf die Ereignisse vom Februar 2011 vorbereitet, die am Ende Präsident Mubarak zum Rücktritt zwangen.

Auf dem Tahrirplatz in Kairo geschah sogar das Wunder, dass die Anhänger der ewigen Rivalen Al Ahly und Zamalek vorübergehend ihre tiefsitzende Feindschaft vergaßen. Beide Klubs haben eine interessante Geschichte: Al Ahly SC (Die Nationalen) wurde von Gegnern der britischen Kolonialherrschaft gegründet und hatte seit jeher Zulauf von nationalistischen Anhängern aus dem einfachen Volk. Die Mannschaft trägt bis heute das Rot der Flagge des vorkolonialen Ägypten. Der Zamalek SC dagegen spielt im weißen Trikot und war ursprünglich der Klub der britischen Kolonialbeamten und Offiziere, aber auch der Kairoer Oberschicht.

Fußball ist größer als Politik

Auch nach der Unabhängigkeit Ägyptens behielt die erbitterte Rivalität eine politische Dimension. Wenn die beiden Klubs aufeinander treffen, ist das nicht einfach ein Fußballspiel, sondern eine Art gesellschaftlicher und politischer Krieg, bei dem es nicht nur um die sportliche Ehre geht. Dabei repräsentieren die Ahly-Fans vorwiegend religiöse, arme und nationalistische Schichten, während sich die konservativ-royalistischen Zamalek-Anhänger nach wie vor aus dem bürgerlichen Mittelstand rekrutieren.

„Zamalek ist die größte politische Partei in Ägypten“, meint Hassan Ibrahim, ein ehemaliges Vorstandsmitglied des Vereins. „Wir spüren ständig die Voreingenommenheit des Fußballverbands und der Regierung gegenüber allem, was einmal dem König gehört hat. Verband wie Regierung sehen in Zamalek den Feind. Der Verein repräsentiert die Leute, die ihre Wut über das System ausdrücken. Dagegen sind die Al-Ahly-Leute für uns die Repräsentanten der Korruption.“2

Die Rivalität zwischen den beiden Vereinen sitzt so tief, dass die Mubarak-Regierung darauf bestand, die Derbys auf neutralem Platz auszutragen und von ausländischen Schiedsrichtern leiten zu lassen. Bei einem solchen Spiel sind Hunderte von Bereitschaftspolizisten, Soldaten und anderen Sicherheitskräften im Einsatz. Sie sorgen unter anderem dafür, dass die gegnerischen Fans vor und nach dem Spiel strikt getrennt bleiben.

„Ein Zamalek-Anhänger wird dir auf die Frage, ob er zu einer anderen Religion konvertierten könnte, keine Antwort geben“, erklärt der Fernsehkommentator und ehemalige Zamalek-Star Ayman Younis, „aber frag ihn, ob er seinen Verein wechseln könnte, und er wird definitiv nein sagen.“ Die tiefe Feindschaft zwischen den Klubs wurde nur durch den Hass überboten, den beide Fangruppen auf das Mubarak-Regime hatten. Nur deshalb konnten sie ihre Differenzen zumindest zeitweise vergessen und sich gemeinsam den Mubarak-Anhängern entgegenstellen.

Die Erfahrungen der beiden Ultragruppen bewährten sich auch bei der Organisation von sozialen Diensten und bei der Arbeitsteilung, die den Dauerprotest auf dem Tahrirplatz ermöglicht hat. Dabei wurden die Ultras (von denen einige überzeugte Anarchisten sind, die jedes hierarchische Regierungssystem ablehnen) vor allem als Patrouillen eingesetzt, die den Platz nach außen schützen und den Zugang kontrollieren sollten.

Wenn es zu Zusammenstößen mit den staatlichen Sicherheitskräften und Regime-Anhängern kam, standen sie an vorderster Front, obwohl sie die Polizei zuvor telefonisch ermahnt hatte, dem Tahrirplatz fernzubleiben. Dabei waren sie in der Regel vermummt, sodass die Sicherheitskräfte sie nicht identifizieren konnte. Zu den Kampftechniken der Ultras gehörten der gezielte Einsatz von Steinewerfern, Spezialtrupps zum Umstürzen und Abfackeln von Autos, die zu Barrikaden umfunktioniert wurden, und eine uhrwerksmäßig arbeitende Logistikmannschaft, die für einen ständigen Nachschub von Wurfgeschossen sorgte.

„Wir waren an vorderster Front“, erzählt der zwanzigjährige Zamalek-Fan Mohammed Hassan. „Als die Polizei angriff, machten wir den Leuten Mut: Sie sollten nicht davonlaufen und keine Angst haben. Dann feuerten wir Leuchtraketen ab. Die Leute fühlten sich ermutigt und machten mit; sie wissen, dass wir was von Ungerechtigkeit verstehen, und fanden es gut, dass wir wie die Teufel kämpften.“

Der schmächtige junge Mann mit dem adrett getrimmten Dreitagebart ist Informatikstudent, will aber Fotograf werden. Er ist einer der Anführer der Ultra White Knights (UWK), einer Gruppe militanter Zamalek-Fans. Am 25. Januar 2011, am ersten Tag der Protestbewegung, marschierte Mohammed an der Spitze von 10 000 Demonstranten vom Kairoer Stadtviertel Shubra zum Tahrirplatz. Dabei passierten sie sieben Barrikaden der Sicherheitskräfte, berichtet Ahmad Fondu, ein anderer UWK-Aktivist: „Wir waren auf diesen Tag vorbereitet – vier Jahre lang haben wir für unsere Rechte im Stadion gekämpft. Wir sagten unseren Leuten: ‚Das ist jetzt unser Lackmustest, jetzt dürfen wir nicht versagen.‘ “ Und dann beschreibt Fondu stolz, wie er sich die auf Kamelen angreifenden Mubarak-Anhänger geschnappt hat. Irgendwann versuchte eine Gruppe von UWK-Ultras, die Polizeisperre zu durchbrechen und zum nahen Parlamentsgebäude zu gelangen. Mohammed war dabei. Die Ultras, sagt er, hätten ihm die Furcht genommen. Bei ihnen habe er erfahren, was Brüderlichkeit bedeutet, und sich den „Mut des Stadions“ zugelegt.

Sie waren auch am 21. September 2011 beim Sturm auf die israelische Botschaft in Kairo dabei. Mit dieser Aktion wollten sie daran erinnern, dass die arabischen Regierungen in ihrer Politik gegenüber Israel auf die öffentliche Meinung Rücksicht nehmen müssen. Die Botschaft richtete sich gleichermaßen an die Militärs in der ägyptischen Übergangsregierung wie auch an Israel. Sie verweist auf wachsende Vorbehalte in Teilen der ägyptischen Bevölkerung gegenüber dem Militär und dessen Bemühungen, die hart erkämpften Freiheiten wieder einzuschränken und sicherzustellen, dass die privilegierte Stellung der Armee erhalten bleibt, egal welche Regierung aus den Wahlen hervorgeht.

Die militante Fanszene im fußballverrückten Ägypten hat bewiesen, dass die verhassten Sicherheitskräfte des Regimes nicht unbesiegbar sind. Diese Lehre hat ihre Spuren in allen Gesellschaften der Region hinterlassen. Der Fußball bleibt ein Kampfschauplatz und zugleich ein Prisma der sozialen und politischen Dynamik, und das nicht nur in den nach wie vor autokratisch regierten Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas, sondern auch dort, wo diese Autokraten bereits gestürzt wurden. Das gilt vor allem für Ägypten, wo militante Fußballfans sich weiterhin an vorderster Front für freie und faire Wahlen prügeln (und verprügeln lassen).

In den letzten Jahrzehnten war Fußball in der ganzen Region stets mehr als nur ein Spiel. Wir können davon ausgehen, dass es auch in Zukunft in den Stadien um sehr viel mehr gehen wird als nur um das Geschehen auf dem Rasen.

Fußnoten: 1 James Montague, „The World’s most violent derby“, The Guardian, 18. Juli 2008. 2 Zitiert nach einem BBC-Programm vom 14. Juni 2010, „The Power and the Passion“. Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

James M. Dorsey lehrt an der Nanyang Technological University in Singapur und ist Autor des Blogs „The Turbulent World of Middle East Soccer“.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 13.01.2012,