Artikel

Artikel drucken zurück

Von der ersten bis zur letzten Globalisierung

Von der ersten bis zur letzten Globalisierung

von Philip Golub

Unter welchen Bedingungen wurden die USA zur Supermacht? Wie haben es die ehemaligen britischen Kolonien in kaum anderthalb Jahrhunderten geschafft, Europa als führende Macht auf wirtschaftlicher, militärischer und kultureller Ebene abzulösen?

Über Jahrhunderte hatte das internationale System aus relativ autonomen Zentren (Osmanisches Reich, Westeuropa, China) mit vergleichbarem Entwicklungsniveau bestanden. Dieses dezentralisierte und nur schwach hierarchisierte System wurde durch die industrielle Revolution und die damit einhergehende Konzentration von Macht und Reichtum im „Westen“ entscheidend verändert. Die wirtschaftliche und koloniale Expansion ließe eine neue, höchst ungleiche internationale Ordnung entstehen, in der sich sowohl die politische Macht als auch der materielle Reichtum im „Westen“ konzentrierten.

Die wirtschaftliche und räumliche Expansion Westeuropas und die damit einhergehende Besiedlung europäischer Kolonien und Nordamerikas folgte derselben Dynamik. Als im Laufe des 19. Jahrhunderts diese beiden globalen Expansionsprozesse miteinander verschmolzen, entstand eine neue Hierarchie in den internationalen Beziehungen. Ihr Hauptmerkmal war eine ausgeprägte Polarität zwischen den dominierenden euro-atlantischen „Zentren“ und den dominierten oder abhängigen kolonialen „Peripherien“.

In einer hellsichtigen Darstellung der Globalisierung schrieben Karl Marx und Friedrich Engels bereits 1848: „Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat […] den nationalen Boden der Industrie unter den Füssen weggezogen. […] An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander.“1

Dieses neu entstehende globale System war allerdings asymmetrisch. Die neuen Industrieländer waren Ausgangs- und Zielpunkt langer Handelsrouten und profitabler Industrien. Bei ihnen konzentrierten sich Reichtum, Wissen und Know-how, während sie deren Entfaltung in anderen Gegenden hemmten. Der Historiker Fernand Braudel hat diese Asymmetrie so beschrieben: „Das Zentrum ist die Speerspitze, der kapitalistische Überbau der gesamten Konstruktion. Die Perspektiven ergänzen sich wechselseitig: Ebenso wie das Zentrum von den Lieferungen der Peripherie abhängt, hängt diese von den Bedürfnissen des Zentrums ab, welches den Ton angibt.“2

Die Vereinigung der Weltwirtschaft vollzog sich in gewaltsamen Formen. Immer neue Eroberungskriege sorgten dafür, dass immer größere und wichtigere Weltregionen in die Produktions- und Handelsnetze der Kolonialreiche integriert wurden. Die Zahl der „Untertanen“ direkter europäischer Herrschaft lag 1750 mit 27 Millionen noch relativ niedrig, explodierte dann aber im 19. Jahrhundert: 1830 waren es 205 Millionen, 1880 bereits 312 Millionen und 1913 schließlich 554 Millionen. Zu der Bevölkerung der formell zu Kolonialreichen gehörenden Territorien kam noch die der vorgeblich unabhängigen Staaten, die gleichwohl einem System indirekt ausgeübter Kontrolle und informeller Disziplinierung durch die Kolonialmächte unterworfen waren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war somit fast die Hälfte der Weltbevölkerung zwangsweise in eine internationale Arbeitsteilung eingebunden, die allein den Bedürfnissen der neuen Industrieländer entsprach.

Dominante Macht in diesem System war Großbritannien, das über die Meere, die Produktion und die Warenströme herrschte. Mitte des 19. Jahrhunderts entsprach seine Einwohnerzahl nur 2 Prozent der Weltbevölkerung, die aber 53 Prozent des Roheisens und 50 Prozent der Stein- und Braunkohle der ganzen Welt produzierte und fast 50 Prozent der weltweit produzierten Baumwolle verarbeitete. Die Briten verbrauchten fünfmal so viel Energie wie die USA oder Preußen, sechsmal so viel wie Frankreich und 150-mal so viel wie Russland. Auf Großbritannien entfielen allein ein Viertel des Welthandels und zwei Drittel des Austauschs von industriellen Produkten. Ein Drittel der weltweiten Handelsmarine segelte unter englischer Flagge.

1913 war das Britische Empire als Industriemacht von Deutschland ein- und von den USA überholt worden. Es erstreckte sich aber immer noch über Südasien, Afrika und den Nahen Osten und umfasste ein Viertel der Weltbevölkerung. Großbritannien war das Herz des Weltfinanzsystems. Seine ständig wachsenden Investitionen – vor allem in seinem eigenen Empire, in Lateinamerika und den USA – sorgten 1914 für 10 Prozent seiner Gesamteinkünfte.

Damals konnte ein Londoner, schrieb der Ökonom John Maynard Keynes, „seinen Morgentee im Bette trinkend, durch den Fernsprecher die verschiedenen Erzeugnisse der ganzen Erde in jeder beliebigen Menge bestellen […] seinen Reichtum in den natürlichen Hilfsquellen und neuen Unternehmungen jeder Weltgegend anlegen […] seinen Dienstboten zu einer benachbarten Bankstelle nach so viel Edelmetall schicken, wie er brauchte, und dann nach fremden Gegenden reisen, ohne ihre Religion, ihre Sprache oder ihre Sitten zu kennen, nur mit seinem gemünzten Reichtum in der Tasche“.3

Diese „erste Globalisierung“ fand 1914 ein brutales Ende, als Nationalismus und Militarismus der europazentrierten Weltordnung des 19. Jahrhunderts mit vereinten Kräften den Todesstoß versetzten. Der Erste Weltkrieg brachte den Widerspruch zwischen der nationalen Logik von Macht und Expansion und der transnationalen Logik des Kapitalismus zutage. Er erschütterte die europäischen Großmächte und führte zu einer„unglaublichen Entwicklung“ der antikolonialen Kräfte und Bestrebungen (so der konservative britische Politiker Lord Curzon). Er wurde zum Wegbereiter für die bolschewistische Revolution in Russland und schuf den Nährboden für den Faschismus. Vor allem aber beschleunigte er die grundlegende Umorientierung des erschöpften alten Kontinents auf die USA.

Schon bei der ersten Globalisierung hatten die USA eine wichtige Rolle gespielt. Die britischen Kolonien Nordamerikas waren noch vor ihrer Unabhängigkeit (1776) zu einem wichtigen Kettenglied des transatlantischen Wirtschaftssystems geworden, das auf der Gewinnung und Vermarktung von Rohstoffen aus den Kolonien beruhte. Nach 1776 nahm die Bedeutung der USA für die transatlantischen Handelsströme weiter zu.

Das lässt sich anhand der internationalisierten Baumwollindustrie illustrieren. Um 1850 machte Baumwolle 20 Prozent der britischen Importe aus, während Baumwollprodukte fast die Hälfte der britischen Exporterlöse erzielten.4 Im selben Zeitraum wurden die USA dank der Plantagen im Süden zum größten Baumwollproduzenten. Zwischen 1820 und 1860 (vier Jahre vor Abschaffung der Sklaverei) stieg der Anteil der USA an der weltweiten Baumwollernte von 20 auf 65 Prozent.

Erst Richtung Westen, dann quer über den Atlantik

Seit dem 19. Jahrhundert waren die USA und Europa durch die Handels- wie die transnationalen Kapital- und Menschenströme unentflechtbar miteinander verwoben. Das half auch bei der oft gewaltsamen Besiedlung und administrativen Absorption neuer Territorien im Westen der USA. Diese bis 1850 dauernde Periode kontinuierlicher räumlicher Ausdehnung kann man als Spielart der kolonialen Expansion der europäischen Mächte betrachten, entsprang sie doch den materiellen Potenzialen wie auch den Kultur- und Rassenvorstellungen, die allen Kolonialmächten gemeinsam waren und den Kern der globalen Expansionsideologie bildeten.

In dieser Epoche strebten die USA verstärkt nach Einfluss auf die internationale Politik und intervenierten häufig in den neu entstandenen kolonialen Randgebieten, manchmal auch an der Seite europäischer Streitkräfte. Zwischen 1846 und 1898 unternahmen sie 20 Militärinterventionen in Lateinamerika und 19 im Asien-Pazifik-Raum und natürlich noch laufend „Operationen“ gegen die einheimischen Indianer.

Der Krieg von 1898 gegen Spanien und die koloniale Unterwerfung von Kuba und den Philippinen markierten den Kulminationspunkt dieser ersten Expansionsphase, in der die territoriale Ausdehnung als Ausdruck einer „offenkundigen Bestimmung“5 gesehen wurde, die sich aus der „natürlichen“ Überlegenheit der USA auf dem Kontinent und im Westen insgesamt begründete.

Diese Interpretation der Weltgeschichte am Ende des 19. Jahrhunderts entsprach der erreichten ökonomischen Dominanz – 1900 stammten 23,5 Prozent der globalen Industrieproduktion aus den USA und nur noch 18,5 Prozent aus Großbritannien – und einem stark erweiterten internationalen Engagement. Für die expansionistischen Ideologen der Jahrhundertwende war der Aufstieg der USA das logische Resultat eines Selektionsprozesses, der die historische Abfolge der Imperien regelte. Brooks Adams, Berater von Präsident Theodore Roosevelt und glühender Expansionist, schrieb bereits 1900: „Wir wüssten nicht, warum die Vereinigten Staaten nicht ein Zentrum der Macht und des Reichtums werden könnten, das größer ist, als es England, Rom oder Konstantinopel je gewesen sind.“6

Die beiden Weltkriege haben diese historische Vision bestätigt. Nach 1918 musste sich die britische Elite mit einer Teilung der weltweiten „Verantwortung“ zwischen London und Washington abfinden. Und 1939 konnte der einflussreiche internationalistische Journalist Walter Lippmann schreiben: „Während nur einer Generation – der unseren – hat sich eines der wichtigsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte vollzogen. Die den westlichen Kulturkreis beherrschende Macht hat den Atlantik überquert.“7

Präsident Harry Truman hat die Idee der imperialen Erbfolge 1946 wieder aufgenommen: „Seit dem Persischen Reich von Darius, dem Griechenland von Alexander, dem Rom von Kaiser Hadrian und dem England der Queen Victoria […] hat keine Nation oder Nationengruppe eine Verantwortung übernommen, die der unseren von heute vergleichbar wäre.“8

Nach 1945 hatten die USA das Erbe Europas angetreten, die kapitalistische Weltwirtschaft umstrukturiert und modernisiert und internationale Sicherheitsbündnisse wie die Nato geschaffen. Trotz einer „bipolaren“, in einen kapitalistischen und einen sozialistischen Block geteilten Welt dominierten die USA das internationale System während der ersten Nachkriegsjahrzehnte. Den voreiligen Prophezeiungen eines „Niedergangs“ zum Trotz blieben sie auch nach dem Ende des Kalten Kriegs zugleich Zentrum und treibende Kraft im zweiten Globalisierungszyklus.

Jetzt begannen die Eliten der „einzigen Supermacht“ in einer globalisierten kapitalistischen Ökonomie von einem neuen „amerikanischen Jahrhundert“ zu träumen. 1998 schrieb Zbigniew Brzezinski: „Die Reichweite und Omnipräsenz der amerikanischen Weltmacht sind heute einzigartig.“9

Seitdem haben die USA zwei nicht sehr erfolgreiche Kriege und eine Finanz- und Wirtschaftskrise erlebt, deren Ende noch nicht absehbar ist. Aber die Großmachtansprüche bestehen fort. Auch Barack Obama beschwört weiter das Ziel, aus dem neuen „ein weiteres amerikanisches Jahrhundert zu machen.“10

Doch die Welt tendiert eindeutig zum Polyzentrismus. Der Aufstieg Asiens und anderer großer postkolonialer Regionen und die neue Rolle von Schwellenländern wie China, die bereits halbautonome Zentren des Weltkapitalismus geworden sind, haben die globale Konstellation verändert. Die USA werden eine große Macht bleiben, aber sie werden sich angesichts des neuen Pluralismus mit einer bescheideneren weltpolitischen Rolle abfinden müssen.

Fußnoten: 1 Karl Marx und Friedrich Engels, „Manifest der Kommunistischen Partei“, Hamburg/Berlin 1999. 2 Fernand Braudel, „Die Dynamik des Kapitalismus“, Stuttgart (Klett-Cotta) 2011, Deutsch von Peter Schöttler (Originaltext von 1976). 3 John Maynard Keynes, „Krieg und Frieden. Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrags von Versailles“, Berlin (Berenberg) 2006, Deutsch von M. J. Bonn und C. Brinkmann. 4 Eric J. Hobsbawm, „Industrie und Empire. Britische Wirtschaftsgeschichte seit 1750“, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1969. 5 Zur Ideologie des „Manifest Destiny“ siehe Reginald Horsman, „Race and Manifest Destiny. The Origins of American Racial Anglo-Saxonism“, Cambridge (Harvard University Press) 1999. 6 Brooks Adams, „Amerikas ökonomische Vormacht“, Wien/Leipzig (Lumen) 1908. 7 Walter Lippmann, „The American Destiny“, Life Magazine, New York 1939. 8 Zitiert nach Donald W. White, „History and American Internationalism. The Formulation from the Past After World War II“, Pacific Historical Review, Bd. 58, Nr. 2, Mai 1989. 9 Zbigniew Brzezinski, „Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft“, Frankfurt am Main (Fischer Tb) 2004. 10 So in seiner Rede vor dem vereinigten Kongress am 24. Februar 2009. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Philip S. Golub ist Professor an der American University of Paris (AUP). Der Text ist ein Auszug aus „Power, Profit and Prestige: A History of American Imperial Expansion“, London (Pluto) 2010.

Le Monde diplomatique vom 13.01.2012,