Albanien steht auf
Die Flamingo-Revolution richtet sich gegen den Ausverkauf der Natur und die allgegenwärtige Korruption
von Ana Otasević

Als der englische Dichter Lord Byron 1809 zu Pferde durch den Süden Albaniens reiste, war er von der Schönheit der Landschaft und der Gastfreundschaft der Menschen tief beeindruckt. In der Stadt Tepelena an der Vjosa bereitete ihm der osmanische Gouverneur Ali Pascha einen prunkvollen Empfang. In seinem Versepos „Childe Harolds Pilgerfahrt“ rühmte Byron die Natur: „Wie lieblich ihre wilden Züge sind, bevor Kultur besudelt ihren Pfad.“1
Im Juli 2021 bereisten Ivanka Trump und ihr Mann Jared Kushner auf der Jacht ihres Freundes Nathaniel Rothschild die Gegend und gingen auf der unbewohnten Insel Sazan an Land.
Sie wurde einst wegen ihrer strategischen Lage in der Straße von Otranto zwischen Adria und Ionischem Meer von Venezianern wie Osmanen als Vorposten an der Bucht von Vlora genutzt. Im Zweiten Weltkrieg verschanzten sich hier italienische und deutsche Truppen; danach waren bis zum Bruch des Kreml mit dem albanischen Regime 1961 sowjetische U-Boote in der Bucht stationiert. Anschließend ließ Diktator Enver Hodscha (1944 bis zu seinem Tod 1985) 3600 Kleinbunker auf der sechs Quadratkilometer großen Insel errichten.

Am gegenüberliegenden Ufer der Bucht erstreckt sich das Landschaftsschutzgebiet Vjosa-Narta um das Delta der Vjosa, einen der letzten wilden Flüsse Europas. 2023 wurde das Gebiet zum Nationalpark erklärt. Die Flussbetten, Dünen, Kiefernwälder und Strände liegen auf der Zugvogelroute zwischen Afrika und Europa, außerdem leben hier nahezu 250 verschiedene Vogelarten, darunter Rosaflamingos und Pelikane.
Als sich das Ehepaar Kushner auf dem Rückweg nach Korfu befand, kam auch der albanische Ministerpräsident Edi Rama an Bord und unterbreitete den beiden seinen Plan zur touristischen Erschließung Albaniens. Sie sahen hier ein gutes Geschäft: exklusive Luxusanlagen mit Privatstränden auf Sazan und an der Küste. Ein Jahr später kehrte Jared Kushner zurück, um die Region Vlora eingehender in Augenschein zu nehmen. Dort wurde gerade an einem neuen Flughafen gebaut. Als er kurz darauf Edi Rama in Davos wiederbegegnete, bot er ihm an, zu investieren. Der Ministerpräsident machte sich prompt ans Werk, etwaige juristische Hürden zu beseitigen.
Am 6. Mai 2026 entdeckte der Ornithologe Joni Vorpsi von der NGO Protection and Preservation of Natural Environment in Albania (PPNEA) bei einem Spaziergang mit Vertretern des Netzwerks BirdLife International eine Baustelle: „Wir beobachteten gerade die nistenden Vögel, als uns eine Kollegin auf die Baumaschinen aufmerksam machte.“ Die Dünen waren zerwühlt, die Bäume gefällt, eine Straße war schon angelegt und der Kanal, der die Lagune mit dem Meer verbindet, umgeleitet.
Zehn Tage später demonstrierten 300 Anwohner:innen und Aktivist:innen gemeinsam gegen die Baustelle im Naturschutzgebiet, die laut Olsi Nika, Direktor der NGO EcoAlbania, „ohne Umweltgenehmigung“ einen schwerwiegenden Gesetzesverstoß darstellt.
Die Bewohner der neun umliegenden Dörfer leben hauptsächlich vom Fischfang, von der Landwirtschaft und dem Sommertourismus. Aber reiche Hotelgäste in ihrem kleinen Paradies wollen sie auf gar keinen Fall bedienen. Bei den Protesten versuchten einige, die Gitter umzustürzen, die den Zugang zum Gelände und zum Strand versperrten. Ein Demonstrant wurde von Wachleuten des privaten Sicherheitsdienstes geschlagen und vor den Augen der Polizei über den Boden geschleift.
Kurz danach verkündetet Edi Rama, dass die Familie Trump an dem Bauvorhaben beteiligt sei. Er hatte gehofft, die Information würde die Gemüter besänftigen, aber die Wut steigerte sich nur. „Offensichtlich war er davon ausgegangen, dass man in einem so proamerikanischen Land wie Albanien ein solches Projekt nicht antasten würde. Passiert ist genau das Gegenteil“, berichtet die Redakteurin Ola Xama vom Privatsender MCN TV. Die „Flamingo-Revolution“, wie die Protestbewegung bald genannt wurde, brachte seit dem 23. Mai mehrere hunderttausend Menschen in Albaniens Hauptstadt Tirana auf die Straße. Inzwischen protestiert auch die albanische Diaspora von Australien bis in die USA.
Mit seinen Bergen, Olivenhainen und wilden Stränden, seinen römischen, byzantinischen und osmanischen Altertümern zog Albanien bislang eher Abenteuertouristen an als Komforturlauber. Laut der Architektin und Stadtplanerin Doriana Musaj ist es den Albanern tatsächlich gelungen, ohne Infrastruktur, teilweise sogar ohne Straßenanbindung einen Tourismus zu entwickeln, der sich auf Gastfreundschaft, landwirtschaftliche Produkte und Traditionen stützt. Dieser gewachsene sanfte Tourismus ist durch die geplanten Luxusanlagen bedroht.
Das Projekt der Kushners stützt sich auf das 2015 verabschiedete Gesetz zur Förderung strategischer Investitionen, das beschleunigte Verfahren, privilegierten Zugang zu öffentlichem Grund und Boden und Steuererleichterungen vorsieht. Der Staat übernimmt die Kosten des Straßenbaus, der Wasser- und Stromversorgung sowie der Kanalisation. Die privaten Investoren finanzieren den Bau über Vorabverkäufe von Wohnungen und Villen, die zu diesem Zeitpunkt nur auf dem Reißbrett existieren. Gute Beziehungen in Regierungskreise erleichtern dabei die zügige Abwicklung von Formalitäten.
In der westalbanischen Hafenstadt Durrës an der Adria beispielsweise baut der Immobilienentwickler Eagle Hills aus Abu Dhabi einen Teil des Hafens in einen Jachthafen um, inklusive Wohnanlage, Hotels und Läden. Das Unternehmen, das dem Dubaier Geschäftsmann Mohamed Ali Alabbar gehört, hält 67 Prozent der Anteile an dem Projekt; der Staat, der Grund und Boden zur Verfügung stellt und Steuervorteile gewährt, dagegen nur 33 Prozent. Der zweifelhafte Ruf Alabbars wegen seiner Bauten in Montenegro setzt sich in Albanien fort: Seine ersten Wohnhäuser sackten um bis zu 28 Zentimeter ab.
Durrës ist nur ein Beispiel für den systematischen Ausverkauf begehrter Grundstücke an Investoren aus dem Umfeld der Regierung. Eine journalistische Recherche des unabhängigen Mediums Citizens.al zählte über einen Zeitraum von zehn Jahren 252 diesbezügliche Entscheidungen, die der Nationale Rat für Landnutzung und Städteplanung unter Edi Ramas Vorsitz traf. Es geht um insgesamt 11,27 Millionen Quadratmeter Land und 5,49 Millionen Quadratmeter bebaute Fläche.
Im Hinblick auf den geplanten EU-Beitritt Albaniens – das Land befindet sich offiziell in der Abschlussphase der Verhandlungen – forderte das Europäische Parlament am 17. Juni bei der Verabschiedung des Jahresberichts zu Albanien „ein Moratorium für neue Genehmigungsverfahren, Bauarbeiten und Entwicklungsmaßnahmen innerhalb von Schutzgebieten, bis die vollständige Einhaltung der EU-Naturschutzstandards gewährleistet ist“.2
Einige Tage zuvor hatte Edi Rama allerdings versichert, dass das Projekt nicht fallen gelassen werde, solange er Ministerpräsident sei. Mittlerweile versucht er vor allem Zeit zu gewinnen und setzt darauf, dass die Proteste im Land wieder abflauen.
Hinter dem Vjosa-Narta-Projekt steckt ein undurchsichtiges Finanzkonglomerat. Ab 2021 hat das von dem albanischen Geschäftsmann Redi Struga kontrollierte Unternehmen South Adriatic Development ungefähr 1,2 Millionen Quadratmeter Land erworben. Der Grundbesitz und die Baugenehmigungen wurden anschließend auf mehrere Gesellschaften aufgeteilt, die alle zu dem Immobilienentwickler Sazan Real Estate Development (Sred) gehören. Das Unternehmen mit Sitz in Katar wird zu 70 Prozent von den Brüdern Moutaz und Ramez al-Khayyat kontrolliert. Die Inhaber der verbleibenden 30 Prozent sind nicht bekannt; ihre Anteile werden von Gesellschaften gehalten, die in Luxemburg und in der Steueroase Delaware angesiedelt sind.3
Die albanische Sonderstaatsanwaltschaft zur Bekämpfung von Korruption und organisierter Kriminalität (Spak) verdächtigt Artur Shehu, den Verkäufer mehrerer Grundstücke, der Geldwäsche und Dokumentenfälschung. Sein Name tauchte 2019 auch in einer Untersuchung auf, in der es um verschiedene Treffen mutmaßlicher Drogenhändler auf Aruba (Antillen) ging. Dabei soll es um Immobiliengeschäfte gegangen sein, die möglicherweise mit illegalen Geldern finanziert und von politischen Funktionären unterstützt wurden. In Zvërnec soll Shehu unter anderem mit einem gefälschten Grundbuch aus osmanischer Zeit Grundstücke erworben haben, weshalb die Zvërnecer bereits im September 2024 Jared Kushner warnten: Er solle davon absehen, mit ihrem Grund und Boden Geschäfte machen zu wollen.4
Inzwischen ermittelt die Spak auch wegen der Konzession für den Flughafen Vlora. Die Bauarbeiten begannen im November 2021, da lag der Ort noch innerhalb der Naturschutzzone von Vjosa-Narta; er wurde erst 2022 zurückgestuft. Die Bauarbeiten wurden trotz der Einwände der EU fortgesetzt. Die beiden Konzessionäre Behgjet Pacolli, Ex-Präsident des Kosovo, und Valon Ademi, albanischer Ex-Honorarkonsul im Kosovo, liegen wegen der Eigentumsanteile im Rechtsstreit.
Der Fall ist exemplarisch für die Eigentumsverhältnisse in Albanien, die häufig unklar bis absichtlich ungeklärt sind.5 Nachdem privates Grundeigentum unter Enver Hodscha abgeschafft worden war, wurde es ab 1993 wieder eingeführt. Korruption und einander widersprechende Eigentumstitel torpedierten allerdings den Abschluss einer Bodenrechtsreform. Außerdem musste nach der Justizreform von 2016 mehr als die Hälfte der überprüften Verwaltungsbeamten aus ihren Ämtern entfernt werden, weil sie ihre Vermögen nicht offenlegten oder Verbindungen zur organisierten Kriminalität hatten. Die frei gewordenen Stellen wurden nie nachbesetzt, weshalb die Gerichte mit den vielen Grundstücksstreitigkeiten heillos überfordert sind.
Als Ende Mai die Proteste immer größer wurden, prahlte Ivanka Trump immer noch damit, dass sie mit „einigen der größten zeitgenössischen Architekten“ an der Planung für Sazan arbeite. Kurze Zeit später ging allerdings Jared Kushners Investmentfonds Affinity Partners auf Distanz und erklärte, die Investoren des Projekts würden nun in „eigenem Namen“ handeln.
Bevor die Kushners auf den Plan traten, hatten die Medien früheren Protesten gegen den Ausverkauf der Küstengebiete kaum Beachtung geschenkt. Denn die mächtigen Medienunternehmer im Land sind selbst im Baugewerbe und im Tourismus aktiv. Da, wo 1991 die Statue von Enver Hodscha gestürzt wurde, skandieren heute die Demonstrant:innen „Albanien steht nicht zum Verkauf“ und fordern Haftstrafen für Edi Rama und Sali Berisha, den ersten frei gewählten Präsidenten Albaniens nach der Wende und langjährigen Vorsitzenden der Demokratischen Partei. Es ist eine Wut, die sich über 35 Jahre angestaut hat.
Berishas Demokratische Partei ist die größte Oppositionspartei, unterstützt aber ebenfalls die Projekte der Kushners. Und Ramas Sozialistische Partei ist laut Redi Muçi, Abgeordneter der linken Partei Lëvizja Bashkë („Gemeinsam“), nur ein Abklatsch der alten Kommunistischen Partei, die sich nach der Wende lediglich umbenannt habe: „Für viele Albaner ist sie die Fortsetzung der alten Nomenklatura mit all ihren Privilegien.“ Dagegen hat sich die Lëvizja Bashkë den Protesten in Zvërnec angeschlossen.
Die Wut auf eine neoliberale Politik, die den Nährboden für organisiertes Verbrechen und Korruption bildet, begegnet einem heute überall auf dem Balkan. Die Proteste in Albanien erinnern an die Massendemonstrationen in Serbien seit November 2024.6 Mittlerweile begegnet man aber auch den EU-Institutionen oder den USA mit wachsendem Misstrauen.7
Edi Rama dominiert die politische Bühne mit ähnlichen Methoden wie der Ex-Präsident und Ministerpräsidentenkandidat Aleksandar Vučić in Serbien. „Abgesehen von den ideologischen Unterschieden nutzen beide Politiker große städtebauliche Projekte als politische und wirtschaftliche Hebel“, sagt Lutfi Dervishi, Journalist und Geschäftsführer von Transparency International Albania.
Doch die Gegenmacht wächst. So haben die Proteste eine neue, überregionale Dynamik erreicht, Studierendenorganisationen, Gewerkschaften und Umweltorganisationen von Albanien bis Serbien vernetzen sich nun. 200 Jahre nach Byrons romantischer Verklärung ist der Widerstand der Völker auf dem Balkan quicklebendig.
5 Siehe Hans-Georg Taucher, „Der Fall Beleri“, LMd, Mai 2024.
6 Siehe „Die serbische Revolte“, LMd, März 2025.
7 Siehe „Washingtons langer Arm“, LMd, Juli 2026.
Aus dem Französischen von Brita Wagener
Ana Otašević ist Journalistin und Regisseurin.


