08.10.2026

Die Schatten von Nanjing

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Die Schatten von Nanjing

Schmerz, Patriotismus und Geschichtspolitik in China

von Charlotte Wiedemann

Gedenkstätte von Nanjing Charlotte Wiedemann
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Der erste Blick fällt auf die trauernde Mutter mit dem toten Kind. Von weither ist die Statue zu sehen, zwölf Meter hoch, der Kopf wie im Schrei in den Nacken geworfen, die Brust entblößt , die Kleidung zerrissen. Schiefergraue Einfärbung verleiht der Schmerzensmutter eine steinerne, monumentale Gebrochenheit.

Zu ihren Füßen unter einem lang gestreckten Sonnendach die Warteschlange der Besucher. Die Gedenkstätte für die Opfer des von Japanern verübten Massakers in Nanjing zählt zu den meistbesuchten Orten chinesischer Geschichtspolitik. Millionen kommen Jahr für Jahr, manche aus Pflicht, viele aus freien Stücken; wegen des großen Andrangs ist nur ein Besuch pro Monat gestattet.

Wer wissen will, wie China an seine Unrechtserfahrungen erinnert, muss hier beginnen.

Sechs Wochen wütete die japanische Armee im Winter 1937/38 in Nanjing, der damaligen Hauptstadt. Die Opferzahl wird auf 200 000 oder höher geschätzt, es waren wehrlose Zivilisten und Kriegsgefangene, die systematisch ermordet wurden. Ein halbes Jahr zuvor hatte Japan eine Invasion begonnen, die ebenso von wirtschaftlichen Motiven wie von rassistischer Überlegenheitsideologie geprägt war. Entsprechend schrankenlos war das Töten. Die Frauen von Nanjing waren Freiwild, 20 000 wurden vergewaltigt, viele mehrfach. Manche flohen in den Wahnsinn, andere nahmen sich das Leben. Die schiefergraue Schmerzensmutter fängt all das ein, soweit es denn darstellbar ist – die malträtierte Frau, das malträtierte Land.

Weiße Chrysanthemen, Trauerblumen, stehen zum Mitnehmen in Eimern bereit. Ich schließe mich dem Strom der chinesischen Besucher an, sie gehen feierlich und sehr still.

Das Leid spricht jetzt zu uns auf Augenhöhe, mit lebensgroßen Skulpturen, die in einem Wasserbecken stehend wie aus der Zeit herausgelöst scheinen. Der Fluchtversuch eines Manns; ein Kind beim Betrachten seiner toten Eltern. Angelehnt an Erzählungen von Überlebenden hat der Bildhauer Wu Weishan, ein vormaliger Direktor des Nationalen Kunstmuseums in Beijing, eine universelle Sprache von Opferschaft gewählt. Die Figuren haben nichts Heroisches, ihre Züge wirken nicht einmal unbedingt chinesisch Auf einem Wandrelief versuchen Verzweifelte, einander mit ihren Körpern zu schützen; Assoziationen kommen auf, europäischer Horror und Stacheldraht.

Die Gedenkstätte ist auf einem Gelände von zehn Hektar Museum, Mausoleum und Tatort zugleich. Hier war einer der vielen Schauplätze des Massakers – eine Topografie des Terrors der anderen. Ihre Architektur ist minimalistisch nüchtern, graue Granitwände, eine Fassade durchzogen von einem gezackten Riss wie andernorts bei Museen jüdischer Geschichte.

Auf dem zentralen Gedenkplatz überraschen christliche Elemente: eine Trauerglocke und ein hohes Kreuz mit den Daten des Massakers, vom 13. Dezember 1937 bis Ende Januar 19381 . Auf einer tiefschwarzen Marmorwand steht in verschiedenen Sprachen „300 000 Opfer“ – eine überhöhte Schätzung, doch sie gilt in China als gesetzt, eine gepanzerte Gegenrede zur chronischen Verharmlosung des Verbrechens in Japan. Neben mir fotografieren junge Leute die Zahl und halten eine Hand mit der Trauerblume ins Bild, augenscheinlich eine geläufige Choreografie. Zum Ablegen der Chrysanthemen gibt es später eine dafür vorgesehene Stelle vor einer Mauer mit eingravierten Namen von Opfern.

Nur aus respektvoller Entfernung darf ein ausladendes Bronzegefäß betrachtet werden: Die nationale Trauerschale für die Toten wurde 2014 von Präsident Xi Jinping eingeweiht. Seitdem ist der 13. Dezember – der Tag, als Nanjing fiel – na­tio­na­ler Gedenktag. Xi bezeichnete das Massaker als eine der drei größten Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs; welche er für die beiden anderen hält, blieb in seiner Rede offen. Der Holocaust ist in China anerkannt. In Shanghai ist ein Museum eigens den dorthin geflüchteten Juden und Jüdinnen gewidmet.2 Im offiziellen Sprachgebrauch ist das Nanjing-Massaker kein Völkermord, sondern ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, doch chinesische Forscher zu Nanjing suchen den Anschluss an internationale Genocide Studies.

Die Besucher gehen schweigend und gemessenen Schrittes, weil das Gelände auch ein Gräberfeld ist. In einer schwarz dekorierten Halle blickt man hinunter auf nummerierte Skelette. Sie liegen in der Erde in der gekrümmten Haltung, in der sie beim Bau der Gedenkstätte aufgefunden wurden. Draußen warnt ein Schild, Kinder nicht mit hineinzunehmen; es findet wenig Beachtung. Filigran geflochtene Papierkränze zeugen vom Besuch japanischer Friedensgruppen.

Noch eine nachtdunkle Halle, diesmal mit einem Sternenhimmel winziger Lichtpunkte; an den Wänden hunderte schwarz-weiße Porträts von Überlebenden, meist Frauen und Mädchen. Gerahmte Fotos bis zur Decke wecken Assozia­tio­nen mit Yad Vashem. China hat die interna­tio­nalen Strategien wirksamer Musealisierung studiert, doch richten sie sich hier an ein fast ausschließlich einheimisches Publikum.

Am Eingang zu den dokumentarischen Ausstellungen ermahnt ein Schild: „Seid leise. Horcht auf die Geschichte.“ Stilisierte Aktenordner aus Plastik flankieren nun den Weg, beschriftet mit chinesischen Namen in alphabetischer Ordnung. Ein imaginäres Archiv, das unterstreichen soll: Wir haben Beweise und jedes Opfer hat seinen Platz.

Vor Schautafeln, Fotos und Vitrinen herrscht drangvolle Enge. Es ist erstickend heiß, die Lüftung kommt gegen die Masse der Körper kaum an. Der Tonfall der Erklärungen ist indes sachlich, ohne Hass, im Duktus eines souveränen Urteils über „ein Massaker, das die Welt schockierte und in offensichtlicher Verletzung internationalen Rechts geschah“. Die damaligen ausländischen Zeugen werden raumfüllend präsentiert; eine ganze Wand ist dem Deutschen John ­Rabe gewidmet. Rabe, Siemens-Mitarbeiter und ­NSDAP-Mitglied, richtete mit anderen internationalen Helfern eine Schutzzone ein, in der vermutlich 200 000 Zivilisten zeitweilig Zuflucht fanden. Die US-Missionarin Minnie Vautrin, als lebensgroße Bronzestatue mit Brille, scheint wie ein Erzengel die Kinder hinter sich schützen zu wollen. Sie nahm sich schwer traumatisiert nach ­ihrer ­Rückkehr in die Staaten 1941 das ­Leben.

Westler in einer positiven, empathischen Rolle zu zeigen, war in der Frühzeit der Volks­re­pu­blik unmöglich, zumal wenn es sich – nach dem Koreakrieg! – um US-Amerikaner handelte. Über das Geschehene wurde lieber geschwiegen. Heute ist nicht nur anerkannt, dass das Massaker durch ausländische Zeugen international bekannt wurde, sondern das offizielle Narrativ betont auch, wie sehr die Erinnerung daran der gesamten Welt teilhaftig ist.

Im Gedränge vor den Vitrinen bemüht sich ein Student, für mich die vergilbten Blätter des Kriegstagebuchs von Shiro Azuma zu finden. Der Japaner veröffentlichte 1987 seine unzensierten Aufzeichnungen mit Details der Gräueltaten. Während er in Japan mit Gerichtsverfahren überzogen wurde, kam Shiro Azuma immer wieder nach China, bat um Vergebung, half bei Recherchen. Obwohl selbst Mittäter, schrieb er sich in die Herzen der Chinesen ein. Seinetwegen und wegen einiger anderer reumütiger Soldaten ist das chinesische Bild von der damaligen japanischen Armee nicht monolithisch.3

Draußen fällt nun ein sanfter Regen. Die Hochhäuser von Nanjing verschwimmen im Dunst wie eine ferne Kulisse. Die Besucher gehen unter ihren bunten Regenschirmen langsam, erschöpft, immer noch still. Der Gedenkparcours kennt nur eine Richtung, niemand kann ausscheren, den Besuch vorzeitig abbrechen. Er ist angelegt wie ein Gang der Erkenntnis, auf Betroffenheit, Trauer und historische Beweisführung folgt nun die politische Konklusion. Auf diesem letzten Abschnitt wird die Bildsprache national, den Wechsel verkündet die Statue eines uniformierten Trompeters. Ein Wandrelief zeigt den Widerstandskrieg: Schlachtengetümmel, geschwungene chinesische Dächer, steinerne Drachen aus der Ming-Zeit und jemand, der aussieht wie Mao.

Als Gegenfigur zur Schmerzensmutter erhebt sich am Ende des Parcours auf einem hohen schwarzen Podest eine Siegreiche, Starke aus milchweißem Marmor, eine Friedenstaube auf der einen Hand, im anderen Arm einen wohlgenährten Säugling. Zu ihren Füßen stellen sich Besucher für Gruppenfotos auf, in kerzengerader Haltung.

Nahebei rastet ein Lehrer mit hundert müden Schülern; sie sind von weither angereist. Nach der Rückkehr wird ein Aufsatz geschrieben. Der Besuch, sagt der Lehrer, diene nicht nur dem Geschichtsbewusstsein, sondern auch der Liebe zum Land. Die Jungen und Mädchen sollen begreifen, dass es sich lohnt, für China einen persönlichen Beitrag zu leisten.

Im Museumsshop finde ich eine golden schimmernde Gedenkmünze, ihre beiden Seiten besagen „Nanjing Massaker“ und „Sieg 1945“ mit großem Victory-V. Was verbindet beides – ist das Leid die Kehrseite des Triumphs? Für eine Antwort bedarf es noch weiterer Stationen patriotischer Bildung.

***

Das Massaker von Nanjing blieb weitgehend ungesühnt. Ein japanischer General, Matsui Iwane, wurde durch das Internationale Militärtribunal in Tokio zum Tode verurteilt und 1948 hingerichtet, doch über Kaiser Hirohito hielten die USA schützend ihre Hand. Statt ihn als Kriegsverbrecher anzuklagen, wie China und die Sowjetunion es verlangten, blieb er auf dem Thron; im aufkommenden Kalten Krieg wurde er als Verbündeter des Westens gebraucht. Zu Japans medizinischen Experimenten an chinesischen Zivilisten und Kriegsgefangenen, bei denen die Opfer qualvoll starben, gab es einen schmutzigen Deal: Die USA bekamen die Forschungsergebnisse und garantierten dafür Straffreiheit.

Japans Umgang mit dem Massaker von Nanjing war lange von Leugnung und Schuldabwehr geprägt. Das Bildungsministerium ließ mehrfach Unterrichtsmaterial zensieren; eine Kontroverse um Schulbücher in den 1980er Jahren erregte asien­weit Aufsehen. Während das Verbrechen unter seriösen Historikern in Japan heute anerkannt ist, halten sich in der politischen Klasse bis hinein in rechte Regierungskreise die Verharmlosungen.

In China, das mit internen Machtkämpfen beschäftigt war, blieben die Überlebenden von Nanjing lange mit ihren Traumata allein. Selbst an den Schulen der Stadt fand das Massaker bis in die späten 1970er Jahre keinerlei Erwähnung. Erst 1985, als Reaktion auf den Schulbuchstreit in Japan, entstand die Gedenkstätte, zunächst viel kleiner als heute. Im Wechselspiel zwischen dem wachsenden Nationalismus in China und dem anhaltenden Revisionismus der japanischen Rechten vervielfachte sich in den folgenden Jahrzehnten das Interesse: Nun wurden Überlebende gehört, Forschungen finanziert, Filme gedreht.

Einige Abschnitte der wuchtigen Stadtmauer von Nanjing aus der Ming-Zeit sind erhalten, dreispurig fließt der Verkehr durch das Yijiang-Tor. 1937 war es viel enger, es war das letzte offene Tor der belagerten Stadt, eine riesige Menge versuchte noch hinauszugelangen. Mehr als 5000 Menschen schafften es nicht, sie fielen der japanischen Armee zum Opfer und wurden später an Ort und Stelle notdürftig bestattet. Im Nachkriegsschweigen wuchs Gras über dem Massengrab, später wurde ein Park angelegt, auch er war still, ein Ort privaten Trauerns. Erst 1985, parallel zum Bau der Gedenkstätte, änderte sich das. Nun entstanden dezentrale Erinnerungsorte überall dort, wo besonders Grauenvolles geschehen war.

In der Gedenkstätte hatte ich die lange Reihe gläserner Urnen gesehen, gefüllt mit Erde von Massengräbern aus diesem und jenem Stadtteil, beschriftet mit Namen, die mir nichts sagten. Nun stehe ich an einem dieser Orte, im Park am Yijiang-Tor, und sehe im Morgenlicht eine Szene heiterer Schönheit. Durch die Bäume weht leise Musik, vor der Kulisse eines Sees praktizieren ältere Chinesinnen gymnastische Tänze; manche filmen sich dabei für ihre Tiktok-Kanäle.

Wenige Schritte entfernt steht auf einem Steinquader „Massengrabstätte“. Die Frauen beantworten die Frage, ob sie manchmal an die Geschehnisse von 1937 denken, mit „Jaja, oft“ und machen weiter. Keine von ihnen spricht den ursprünglichen Dialekt von Nanjing. Sie kamen als Kinder in die Stadt, sind wie die meisten ihrer Einwohner später Zugezogene, keine Nachfahren von Überlebenden. Damals lebte in Nanjing eine Million Menschen, heute sind es neun Millionen. Das Massaker ist mehr Nationalgeschichte als Lokalgeschichte.

Ein junger Ingenieur mit gutem Englisch begleitet mich an diesem Tag; es freut ihn, dass sich eine Ausländerin für die unscheinbaren Gedenkorte interessiert. Wenn es um Geschichte geht, verfällt er, sonst durchaus Individualist, in ein kollektives chinesisches Wir. Am Jangtse erinnert ein Mahnmal in Form einer weißen Patrone daran, dass hier 16 000 Menschen erschossen wurden. Es dauerte die ganze Nacht, sagt mein Begleiter, so habe es Shiro Azuma, der Japaner, in seinem Tagebuch beschrieben. „Wir nennen ihn einen Helden.“

Eine Patrone als Mahnmal, daraus spricht die ästhetische Hilflosigkeit der ersten Gedenkphase in den 80er Jahren. Auf ganz andere Weise als die neuere, professionell durchkomponierte Erinnerungskultur erzählt dieser Ort von der Unfassbarkeit eines großen Verbrechens.

Auf dem Campus der Nanjing-Universität bin ich mit dem Historiker Liu Cheng verabredet; er hat einen Unesco-Lehrstuhl für Friedensforschung, in China ein Orchideenfach. Im eleganten internationalen Konferenzzentrum erinnert sich der Professor, Jahrgang 1964, an die mageren Jahre, als ein chinesischer Historiker für britische Geschichte zu arm war, um einmal nach Großbritannien zu reisen. Mit einem Stipendium des ­British Council konnte er schließlich ­Coventry besuchen und entdeckte dort seine künftige Passion: Peace Studies. „Vorher war Frieden für mich der Sieg nach einem Gewalteinsatz; eine sehr chinesische Sicht.“ Nun begann er über Versöhnung mit Japan nachzudenken und darüber, wie Menschen überhaupt friedensfähig werden. Daraus ging eine Reihe von Porträts kriegsgeschundener Städte hervor: Warschau, Coventry, Dresden, ­Hiroshima, Nanjing.

Um die Peace Studies in China einzuführen, musste er alles erst erschaffen, auch die Lehrbücher. Schließlich wurde die Unesco auf den Einzelkämpfer aufmerksam; nach langem Zögern erlaubte Beijing ihm, das Angebot eines UN-finanzierten Lehrstuhls anzunehmen. Nun konnte er reisen und den Austausch mit japanischen Historikern beginnen. Das erste Treffen fand vertraulich in einer kleinen Tokioter Coffee-Bar statt, es folgten Konferenzen, auch in Nanjing, letztes Mal in diesem Konferenzzentrum. Nun aber ist das Tauwetter vorbei; im Zeichen neuer Spannungen hat China die Wissenschaftskooperation mit Japan eingefroren. Liu Cheng reist trotzdem weiter nach Tokio. „Ich habe keine Wahl; jemand muss es doch tun.“

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Um Chinas weltgeschichtliches Erzählmuster zu begreifen, ist Nanjing ein mehrfach geeigneter Ort. Nahezu hundert Jahre vor dem japanischen Massaker schrieb sich in dieser alten Kaiserstadt eine andere Katastrophe in Chinas Nationalgeschichte ein – nicht mit Strömen von Blut, sondern mit wenigen Blatt Papier. Der chinesisch-britische Vertrag von Nanjing leitete nach dem verlorenen Ersten Opiumkrieg 1842 Chinas halb koloniale Unterwerfung ein und markierte den Beginn des sogenannten Jahrhunderts der Demütigung. China musste Hongkong abtreten, den imperialen Interessen diverse Häfen öffnen und den Ausländern exterritoriale Rechte auf seinem Territorium zugestehen.

Aber warum wird daran heute in einem Tempel erinnert? Als im August 1842 britische Kanonenboote auf dem Jangtse bis Nanjing vordrangen und die regierende Qing-Dynastie die weiße Fahne hisste, wurde es den Engländern auf dem Fluss bald zu heiß. Sie verlegten die Verhandlungen in den prächtigen Jinghai-Tempel, Chinas Ohnmacht verhöhnend. Denn die Anlage aus dem frühen 15. Jahrhundert war einst zu Ehren der spektakulären maritimen Expeditionen von Admiral Zheng He gebaut worden, der von Nanjing aus ferne Küsten erkundete. Seine Flotte war der europäischen Hochseeschifffahrt überlegen, doch den chinesisch-muslimischen Seefahrer trieb nicht die Absicht, fremde Völker zu unterwerfen. „Tempel des friedlichen Meers“ hieß der Bau, den die Briten nun requirierten.

Heute existiert davon nur eine seelenlose Kopie, die als Museum des Nanjing-Vertrags fungiert, eine Station für den sogenannten roten Tourismus, staatlich geförderte patriotische Bildungsreisen. Am Eingang steht: „Der lange Marsch von der Demütigung zum Wiederaufstieg“. Gerade steigt eine Gruppe älterer Leute aus ihrem Bus, Menschen vom Land, die sich das Reisen anders kaum leisten könnten. Sie sehen in der Ausstellung die glorreiche Schifffahrt von einst und die imperiale Kanonenbootpolitik des Westens. Das Modell eines Segelschiffs aus der Flotte des 15. Jahrhunderts ist mit kleinen roten Wimpeln beflaggt.

Was waren die Gründe für Chinas historischen Absturz? Das Museum beschreibt sie so: Die Qing-Dynastie war ökonomisch wie militärisch zurückgeblieben, es herrschte eine inkompetente herrschende Klasse, die dem eigenen Volk feindlich gesinnt war und sich ausländischen Mächten unterwarf. Auf einem Ölgemälde bevölkern Hofbeamte in blauen Seidengewändern und mit roten Hüten den Raum, während am Verhandlungstisch, eingedeckt mit Obst und Tee, drei britische Offiziere in der selbstgewissen Haltung von Gastgebern Platz genommen haben. Dem Vertrag von Nanjing folgten weitere Knebelabkommen. China musste Land abtreten, Unsummen an Reparationen bezahlen und verlor seine Zollhoheit.

Vor dem Museum zieht eine grimmig dreinblickende Statue ein Schwert aus dem wehenden Mantel. Das, erklärt mir eine Passantin, ist Lin Zexu: Der kaiserliche Beamte ließ 1839 die Opiumvorräte britischer Händler vernichten, tausende von Kisten, im aussichtslosen Kampf gegen das Rauschgift, das China überschwemmte. Für Großbritannien war die Aktion der Vorwand zum Krieg. Lin Zexu ist heute ein Nationalheld. Auf dem Sockel seines Denkmals prangt das Emblem der Nanjinger Drogenkontrollkommission – die Warnung vor Sucht, in China allgegenwärtig, wird hier mit der historischen Niederlage in Verbindung gebracht. Nie wieder abhängig sein!

Nanjing steht in der chinesischen Erinnerungspolitik für eine zweifache, wenngleich verschiedenartige Unterdrückung – durch den westlichen und durch den japanischen Imperialismus. Chinas semikoloniale Erfahrungen gelten offiziell als wichtige Brücke zum Globalen Süden: Als Frankreich kürzlich ein Gesetz zur Rückgabe kolonial geraubten Kulturguts verabschiedete, verwies China umgehend auf die Plünderung des Alten Sommerpalastes in Beijing. Französische und britische Soldaten erbeuteten dort 1860 geschätzt eine Million Objekte, die in private Sammlungen und in die Museen Europas gelangten. 40 Jahre später beraubten die Soldaten der 8-Mächte-­Allianz4 Beijing erneut, diesmal unter deutscher Beteiligung. Bei der brutalen Niederschlagung des Boxeraufstands5 von 1900/01, einer Erhebung gegen ausländische Mächte im Land, fungierte der berüchtigte Lothar von ­Trotha als Kommandeur; später befehligte er den Genozid in Deutsch-Südwestafrika. Unvergessen in China ist der Ton der Hunnenrede von Kaiser Wilhelm II.: Das Militär möge dafür sorgen, „dass niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen“.6

***

„Kanton“ – so nannten Europäer die südchinesische Metropole Guangzhou, wohl weil die umliegende Provinz Guangdong heißt. Kolonialismus bedeutet auch die Simplifizierung des Unbekannten. Nachdem der Knebelvertrag von Nanjing die Öffnung des Hafens Guangzhou erzwungen hatte, legten Briten und Franzosen auf einer sandigen Halbinsel namens Shamian im Schachbrettmuster Straßen an und ließen Chinesen nur als Dienstboten in ihre Enklave.

Die herrschaftlichen Gebäude jener Zeit sind heute eine beliebte Fotokulisse, vor der junge Chinesen und Chinesinnen in ausgefallenen Mode­styles posieren. Betagte Baumriesen strecken ihre Luftwurzeln in die feuchtwarme Abendluft, und auf alt getrimmte Laternen tauchen alles in romantisches Licht. Neben dem säulenbewehrten einstigen Sitz der Hongkong & Shanghai Banking Corporation (HSBC), gegründet zur Finanzierung des Opiumhandels, steht ein Harry-Potter-Starbucks und wirbt mit „the flavour of the magic“.

Rote Fähnchen dürfen aber auch hier nicht fehlen, und ein Steinquader erinnert daran, dass Guangzhou vor 2000 Jahren Ausgangspunkt einer maritimen Seidenstraße war. Wieder wird die Größe vor dem Absturz beschworen.

Wiederaufstieg, Erneuerung, Regenerierung, Wiederbelebung sind allgegenwärtige Begriffe an den Orten patriotischer Bildung. Wie aus Schwäche Stärke wurde und aus der Schande ein Impuls zur Anstrengung, das tritt als Narrativ selbst dort in Erscheinung, wo man es keineswegs erwartet hat, etwa im Beijinger Museum für die Geschichte der Auslandschinesen.

Der Betonklotz überragt den benachbarten Hutong, ein altes Wohnviertel mit niedrigen Häusern, doch soll der Klotz, so ist zu lesen, einem traditionellen chinesischen Vierkanthof nachempfunden sein. Ein erster Fingerzeig: Hier geht es um nationales Kulturgut! Die Partei betrachtet das Museum als patriotische Bildungseinheit. Der Tenor: Rund um die Welt haben Auslandschinesen mit Fleiß und Tapferkeit Herausragendes geleistet, sowohl für die Länder, in denen sie lebten, als auch für die gesamtchinesische Entwicklung, die ihnen immer am Herzen gelegen habe.

Das ist nun eine arg harmonisierende Sicht des Umstands, dass mehr als 19 Millionen Menschen auf der Flucht vor Elend, Hungersnöten und Warlords China während des 19. und 20. Jahrhunderts verließen – eine gewaltige Migrationsbewegung und ein Reservoir für billige Arbeit. Nach dem Verbot des Sklavenhandels stieg weltweit die Nachfrage nach chinesischen Kulis, für die kolonialen Plantagen in Kuba oder in der „Deutschen Südsee“ und für die britischen Kohle­minen in Südafrika.

Der Mensch als bloßes Material – China selbst schickte, auf Mitsprache in der internationalen Politik hoffend, während des Ersten Weltkriegs 200 000 Arbeiter nach Europa, um die unter Arbeitskräftemangel leidenden Länder der Alliierten zu unterstützen. Für Frankreich und Großbritannien, die kurz zuvor erst Beijings Kunstschätze geraubt hatten, schufteten die Chinesen in Rüstungsfabriken und hoben Schützengräben aus. „Arbeiter verhalfen China zum Beitritt in den Klub der siegreichen Nationen“, heißt es im Museum. In Wahrheit wurden die chinesischen Delegierten bei den Friedensverhandlungen in Versailles durch größte Herablassung brüskiert.

Der Durchbruch kam erst mit dem Zweiten Weltkrieg und dem immensen Leid, für das ­Nanjing beispielhaft steht. Nach dem Massaker dauerte es noch drei lange Jahre, bis die USA nach Japans Angriff auf Pearl Harbor 1941 in den Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg eingriffen. Der Beitritt zur Anti-Hitler-Koalition bot China endlich die Chance, sein Erbe der Demütigungen zu überwinden. Als General Tschiang Kai-schek im November 1943 auf der Kairoer Konferenz über die Kriegsziele im Pazifik neben US-Präsident Franklin D. Roosevelt und dem britischen Premier Winston Churchill saß, sah sich China erstmals in der modernen Geschichte als Großmacht behandelt.7 Im selben Jahr verzichtete der Westen auf seine exterritorialen Rechte aus den Knebelverträgen.

Die Gegenleistung bestand erneut in Menschenleben. China band in einem zermürbenden Abnutzungskrieg etwa eine Million japanischer Soldaten auf seinem Territorium und hatte folglich bei Kriegsende nach der Sowjetunion die weltweit zweithöchste Zahl an Opfern zu beklagen, geschätzt 20 Millionen, mehrheitlich Zivilisten. In der westlich-eurozentrischen Lesart des Zweiten Weltkriegs kommen sie kaum vor. Um Chinas Anspruch auf Anerkennung zu unterstreichen, publizierte die Akademie der Sozialwissenschaften in Beijing 2025, zum 80. Jahrestag des Kriegsendes, eine „Neue Geschichte des Zweiten Weltkriegs“8 . Sie beschreibt China als siegreichen Alliierten in einem antifaschistischen Weltkrieg und – als Gründungsmitglied der Vereinten Na­tio­nen – frühzeitigen Protagonisten einer gerechteren internationalen Ordnung.9

So erklärt sich die golden schimmernde Münze mit der Aufschrift „Sieg 1945“, die mir als Souvenir der Nanjinger Gedenkstätte so seltsam erschien. Ganz ohne Zweifel ist die chinesische Erinnerungskultur politisch gefärbt. Doch dasselbe gilt auch für das Nichterinnern: In Japan hat sich bis heute kaum ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass das Kaiserreich den Zweiten Weltkrieg (auch) gegen China verloren hat.

1 Für das Ende wird kein taggenaues Datum angegeben.

2 „Jüdisch in Shanghai“, taz, 3. Juli 2026.

3 Der Spielfilm „City of Life and Death” (2009) von Lu Chuan über das Massaker von Nanjing zeigt Soldaten mit Gewissensnot, sogar Empathie.

4 Beteiligt waren Italien, die USA, Frankreich, Österreich-Ungarn, ­Japan, Deutsches Reich, Großbritannien, Russland.

5 Die kampfkunsterprobten Aufständischen nannten sich selbst „Fäuste für Gerechtigkeit und Harmonie“.

6 Vgl. Martin Schaad, „Des Kaisers Hunnenrede. Unbotmäßige Anmerkungen zum 125. Jahrestag“, Einstein-Forum.

7 Vgl. Klaus Mühlhahn, „Die Geschichte des modernen China“, München (C. H. Beck) 2026.

8 Chinese Academy of Social Sciences, „A New History of World War II“, Paths Publishing Group, 2025.

9 Siehe auch Julia Haes und Klaus Mühlhahn, „Die fünfte Siegermacht“, LMd, November 2025.

Charlotte Wiedemann ist Journalistin und Autorin. Von ihr erschien: „Den Schmerz der Anderen begreifen. Holocaust und Weltgedächtnis“, Berlin (Propyläen) 2022.

© LMd, Berlin

Le Monde diplomatique vom 08.10.2026, von Charlotte Wiedemann

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