Westjordanland – die große Vertreibung
Israels Ministerpräsident Netanjahu verharmlost die Siedlergewalt gern als Taten einer „kleinen Minderheit“. Dabei ist offensichtlich, dass Armee und staatliche Institutionen systematisch mit den Gewalttätern zusammenarbeiten. Ebenso klar ist das Ziel: die Verdrängung der Palästinenser aus immer größeren Teilen der besetzten Gebiete.
von Amira Hass

Die Nachricht vom Verschwinden der beiden Brüder erreichte mich am Abend des 3. August über Whatsapp. Ich war gerade auf einem Fest in Ramallah, mit dem ein befreundetes Paar den Schulabschluss seines Sohns feierte.
Während die Jugend in der Mitte des Raums tanzte und die Erwachsenen an den Tischen sich trotz der lauten Musik zu unterhalten versuchten, las ich auf meinem Display die Meldung: Im nordöstlich von Ramallah gelegenen Dorf Khirbet Abu Falah hatten israelische Soldaten zwei Söhne der Familie Hamayel verhaftet.
Bewohner von Khirbet Abu Falah und benachbarten Dörfern werden regelmäßig von israelischen Siedlern angegriffen, die in der Umgebung mehrere sogenannte Outposts errichtet haben, die meist auf Hügelkuppen liegen. Diese Außenposten sind kleine israelische Siedlungen auf dem seit 1967 besetzten palästinensischen Territorium, die ohne Zustimmung der israelischen Planungsbehörden auf privatem oder öffentlichem Land gegründet werden. Obwohl sie auch nach israelischem Recht illegal sind, werden sie – offen, inoffiziell oder heimlich – von staatlichen Stellen und privaten Spendern unterstützt.
Ein solcher Außenposten wurde erst vor Kurzem in der Nähe der Farm der Hamayels errichtet. Die Siedler versperren den Dorfbewohnern den Zugang zu einem Großteil ihrer Oliven- und Mandelbaumhaine, zu ihren Weideflächen, zu ihren Brunnen und Zisternen und zur Straße ins nächste Dorf.
In derselben Gegend haben jüdisch-israelische Zivilisten es in den vergangenen sechs Jahren geschafft, das Bauprojekt einer palästinensischen Firma zu sabotieren, die eine Wohnsiedlung errichten wollte. Und das, obwohl die israelischen Behörden in dieser Region laut den Oslo-Abkommen gar nicht befugt sind, palästinensische Projekte zu verbieten.

Es kann jede und jeden treffen
Einen Tag vor der Verhaftung der Brüder waren von einem Hof der Familie etwa einhundert Schafe gestohlen worden. Deshalb eilten die beiden Brüder, ihr Vater und ihr Schwager zu dem Anwesen, um ihr Olivenöl und einige wichtige Geräte zu holen, bevor auch die gestohlen werden könnten. Kaum angekommen, tauchten Siedler auf und fotografierten die Besitzer auf deren eigenem Land. Dann benachrichtigten sie die Armee.
Soldaten rückten an, verhafteten zwei der Palästinenser auf der Stelle und brachten sie – mit verbundenen Augen und in Handschellen – zur nahe gelegen Militärbasis.
Als mich die Nachricht von der Festnahme erreichte, waren die sechs Stunden, die israelische Soldaten einen Palästinenser „festhalten“ dürfen, schon fast abgelaufen. Es war unklar, wo sich die beiden Brüder befanden. Die große Befürchtung der Familie war, dass sie von den Soldaten misshandelt wurden – ein naheliegender Verdacht angesichts der sich häufenden Berichte von dieser und anderen Militärbasen.
Keine halbe Stunde nachdem ich und ein Kollege Anfragen an die Pressestellen der Armee und der Polizei geschickt hatten, erfuhren wir, dass man sie zum Verhör in eine israelische Polizeistation im Gewerbegebiet einer Siedlung östlich von Ramallah gebracht hatte.
Der Vorfall mit den beiden Brüdern ist bei Weitem kein Einzelfall. Dass israelische Soldaten Palästinenser festnehmen, nachdem diese von jüdischen Zivilisten angegriffen wurden, kommt seit drei, vier Jahren immer häufiger vor. Allein in diesem August erhielt der israelische Human Rights Defenders Fund (HRDF) über seine Hotline Meldungen über 60 solche Fälle. Der HRDF organisiert dann einen Rechtsbeistand für die Festgenommenen.1 Die tatsächliche Zahl der Festgenommenen ist jedoch höher, denn nicht alle wissen vom HRDF oder können ihn rechtzeitig kontaktieren.
Manchmal werden die Festnahmen von Siedlern vorgenommen, die gerade Wehrdienst in der Armee leisten. Manchmal sind Siedler „nur“ dabei, um die jungen Soldaten anzuleiten.
Manchmal wissen die Soldaten, dass es die Siedler „nicht gerne sehen“, wenn palästinensische Hirten an einem bestimmten Ort ihre Herde weiden lassen, und halten die Hirten deshalb für einige Stunden fest. In solchen Fällen gibt es fast immer Berichte, dass Soldaten die Festgenommenen misshandelt haben. Aber weil es kein Fotomaterial gibt, werden solche Berichte vom Pressebüro der israelischen Armee stets dementiert.
Manchmal dauert der Arrest auch mehrere Tage. Das Ganze endet meist mit einem „Verhör“ auf einer Polizeistation, zuweilen auch mit einer gerichtlichen Verurteilung des Palästinensers, der angegriffen wurde.
Es kommt aber auch vor, dass ein hartnäckiger Rechtsbeistand die Freilassung eines Festgenommenen erwirkt, so wie es der Anwältin Riham Nasra im Fall der beiden Brüder aus Khirbet Abu Falah gelungen ist. Sie kamen nach einem Tag wieder frei, ohne Anklage und ohne Auflagen – ein indirektes Eingeständnis der israelischen Seite, dass die Festnahme von vornherein ungerechtfertigt war. Doch es gibt nicht genügend Rechtsanwält:innen, die derart entschlossen und schnell agieren, zumal ohne Honorar. Es kam aber auch schon vor, dass Militärrichter die Absurdität eines Falls erkannten und die Festgenommenen freiließen.
Der Vorfall mit den Brüdern Hamayel gehört längst nicht zu den schwerwiegendsten, die im Westjordanland das alltägliche Leben prägen. Im vergangenen März wurden drei Männer aus Khirbet Abu Falah bei einem nächtlichen Angriff getötet, der von dem neuen Außenposten ausging.
Als die Dorfbewohner versuchten, ihre Haine und Häuser zu verteidigen, wurde ein Mann von einem Siedler erschossen. Im Fall des zweiten Toten waren sich die Augenzeugen nicht sicher, ob er von einem Siedler getötet wurde oder von einem Soldaten der Einheit, die angefordert worden war, um – wie üblich – die Angreifer zu schützen. Das dritte Todesopfer erstickte an dem Tränengas, das die Soldaten gegen die Angegriffenen einsetzten.
Aber der Fall der Brüder aus Khirbet Abu Falah – ihre willkürliche Festnahme – macht deutlich, dass es jeden und jede treffen kann. Dass die Festnahme durch Soldaten erfolgte, aber im direkten oder indirekten Auftrag der Siedler und mit dem Ziel, ein bestimmtes Gebiet einzunehmen, zeigt zudem die enge Symbiose zwischen den zivilen Angreifern und der Armee.
Heute hegt die palästinensische Bevölkerung im Westjordanland die nüchterne und durchaus realistische Befürchtung, dass die nahe Zukunft noch schlimmer sein wird als der aktuelle Grad der Unterdrückung. Dafür gibt es reichlich Gründe.
In dem Vernichtungskrieg, den Israel seit drei Jahren im Gazastreifen führt, sehen die Menschen ein mögliches „Modell“ für ihr eigenes zukünftiges Schicksal. Doch in der Gegenwart sind es die Aktionen der Siedler, von denen sich fast alle direkt bedroht fühlen. Diese Siedlergewalt gegen die palästinensische Bevölkerung gibt es bereits seit Jahrzehnten, ebenso das bewusste Wegsehen des Staats Israel. Doch mittlerweile sind die Angriffe und Festnahmen zu einer täglichen Routine geworden.
Die meisten Gäste auf dem Fest in Ramallah haben Verwandte und Freunde in bedrohten Dörfern; manche wohnen selbst dort. Und nicht wenige besitzen in dem Dorf, aus dem ihre Familie stammt, ein ererbtes Grundstück, das sie entweder schon verloren haben oder bald verlieren werden. Sei es durch die gewaltsame Landnahme von Siedlern, sei es, weil das Militär eine Enteignung verfügt hat, um eine Straße zu verbreitern oder das Gebiet einer Siedlung auszuweiten.
Wer kein Grundstück besitzt, das enteignet werden könnte, wird vielleicht von Siedlern auf den Straßen angegriffen oder leidet zumindest unter den vielen Straßensperren, die die Armee – oft auf Verlangen von Siedlern – überall im Westjordanland errichtet. Für das Jahr 2025 registrierte das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (Ocha) 1836 Übergriffe israelischer Siedler, bei denen Menschen oder Tiere zu Schaden kamen und/oder Sachschaden entstand. 2026 wurden bereits in den ersten sieben Monaten 1418 solcher Angriffe gezählt, womit sich der steile Anstieg seit 2022 fortsetzt.2
Weit höhere Zahlen registriert die Negotiations Support Unit der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), sie beruhen auf Berichten der palästinensischen Sicherheitsorgane und Meldungen in palästinensischen Medien: 3270 Angriffe im Zeitraum Januar bis Juli 2026. Die Differenz erklärt sich dadurch, dass die PLO-Statistik auch Übergriffe und Belästigungen durch Siedler erfasst, bei denen keine Personen oder Sachen geschädigt werden – wie bei der Siedleraktion, die zur Festnahme der beiden Brüder in Khirbet Abu Falah führte.
Die wachsende Zahl der Angriffe korrespondiert mit der ständig steigenden Zahl von Siedlungsaußenposten. Diese irregulären Gründungen werden von den Behörden meist schrittweise legalisiert, das heißt zunächst hingenommen und später offiziell anerkannt. Mitte 2026 existierten 390 solcher irregulär etablierter Außenposten, von denen rund 250 allein in den vergangenen vier Jahren entstanden – also unter einer Regierung, deren mächtigste Minister aus dem Lager der Siedler stammen.
Die Angreifer und ihre Unterstützer rekrutieren sich aus einem wie es scheint unerschöpflichen Reservoir vorwiegend streng religiöser jüdischer Israelis. Einige von ihnen sind als Gründer von Außenposten bekannt und genießen die finanzielle und logistische Unterstützung von Siedlerorganisationen. Viele von ihnen wurden in „etablierten“ Siedlungen geboren oder sind dort aufgewachsen. Andere, die sich an den Angriffen beteiligen, reisen offenbar extra an. Gemeinsam dringen sie auf private Grundstücke und Gemeindeland vor, zu Fuß oder in Geländewagen, die ihnen vom Staat oder der Armee überlassen werden. Sie sind sogar am Schabbat aktiv, obwohl die strengen orthodoxen Religionsgesetze ihnen das Autofahren eigentlich verbieten.
Staatliche Infrastruktur für Außenposten
Oft sind die Angreifer maskiert, einige sind mit Gewehren bewaffnet, die ihnen der Staat überlassen hat. Wer sich ihnen entgegenstellt, wird bedroht und mit Knüppeln attackiert. Sie stehlen unverfroren Vieh von Palästinensern und lassen ihre eigenen Herden auf den Gerstenfeldern grasen, um die Saat der einheimischen Bauern zu vernichten. Sie setzen Felder und Häuser in Brand und sabotieren Wasserressourcen, indem sie Quellen außerhalb der palästinensischen Dörfer besetzen, Bewässerungsrohre zerstören oder Tanks leeren.
Immer häufiger sind auch Kinder und Jugendliche im Einsatz, denen man offenbar aggressive Verhaltensweisen beibringt, etwa wie man eine verarmte Dorfbevölkerung, die von ihren Herden und Feldern lebt, durch Schikane und Dauerbeschimpfungen zermürben kann. Eine beliebte Methode besteht darin, dass man die Kinder und Jugendlichen die eigenen Schafherden auf die Felder und in die Obsthaine von Palästinensern oder auch direkt in deren Dörfer oder Anwesen treiben lässt.
Diese Jugendlichen zögern nicht, jeden zu beleidigen oder zu verprügeln, dem sie begegnen, seien es Palästinenser, Israelis oder internationale Aktivist:innen. Dabei müssen die Attackierten stets damit rechnen, dass sie, wenn sie sich verteidigen, verhaftet und wegen „Misshandlung Minderjähriger“ angeklagt werden.
Der israelische Staat tut bisher nichts gegen den Missbrauch von Minderjährigen, die gezielt bei Vertreibungsaktionen eingesetzt werden – trotz immer neuer Medienberichte und Videos und trotz zahlreicher Protestbriefe und Appelle israelischer Aktivist:innen an israelische Jugendschutzbehörden.
Im Gegenteil: Es gibt zahlreiche Indizien, die auf die volle Rückendeckung der Außenposten durch die israelischen Behörden hindeuten. Das aggressive Vorgehen ist überall im Westjordanland dasselbe; überall verfügen die Siedler über ähnliche Ausrüstung, wozu auch die Schaf-, Rinder- oder Kamelherden zählen, die jeder neue Außenposten bekommt.
Auffällig ist auch, wie schnell neu gegründete Außenposten über neue Wohncontainer verfügen, an die Wasserleitung der nächsten Militärbasis angeschlossen werden oder eine befestigte Zugangsstraße gebaut bekommen – ganz egal, ob die über privates palästinensisches Land führt.
Die Auswirkungen der tagtäglichen Gewalt sind gut dokumentiert. Seit 2022 wurden 74 Hirtengemeinschaften und -familien (darunter Beduinen, die 1948 bereits aus dem Süden Palästinas vertrieben wurden) gezwungen, ihre bescheidene Habe zu packen und den Ort zu verlassen, an dem sie jahrzehntelang gelebt hatten. Das betrifft insgesamt etwa 5000 Menschen. Ihnen bleibt nicht anderes übrig, als in den überfüllten Zentren des Westjordanlands Zuflucht zu suchen. Aus 18 weiteren Gemeinden wurden die Ansässigen zumindest teilweise vertrieben.3
Mit vorgehaltener Waffe, mithilfe des Militärs und dank der Untätigkeit von Polizei und Justiz haben es die Milizen der Siedler innerhalb der vergangenen Jahre geschafft, die palästinensische Bevölkerung von mehr als 1000 Quadratkilometern Land zu vertreiben, also aus knapp einem Fünftel des Westjordanlands.4 In solchen „gesäuberten“ Gegenden stößt man hier und da auf Spuren, die an die Menschen erinnern, die noch vor nicht allzu langer Zeit hier gelebt haben: auf die Überreste eines Zelts oder eines Fertigbaus, der einst als Schule diente.
Egal ob palästinensische Hirten oder Bauern oder einfach Familien, die einen Picknickausflug machen – alle von Vertreibungen betroffenen Palästinenser:innen meiden heute die Orte, an denen sie ihre Kindheit verbracht haben, selbst wenn sie sich offiziell noch in ihrem Besitz befinden.
Seitdem die Hirtenbevölkerung aus einem so großen Gebiet „verschwunden“ ist, haben es die Siedlermilizen leichter als zuvor, Häuser in den Randzonen der Dörfer und Städte zu attackieren und sogar zu besetzen. Die israelische Armee und die Polizei sehen dabei tatenlos zu. So wurden Anfang Juli drei Privathäuser im Dorf Dschalud von Siedlern besetzt, die zuvor die dort lebenden Familien drangsaliert hatten. Die Belagerung von Häusern in der benachbarten Gemeinde Kusra dauert weiterhin an. Trotz Berichten internationaler Medien und Kritik vom – ansonsten überaus siedlerfreundlichen – US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, gab die Armee an, ihr sei es „nicht gelungen“, die Eindringlinge zu vertreiben.
„Dies ist mein Haus“, erklärte ein israelischer Jude – übrigens in gutem Arabisch –, nachdem er am 26. Januar 2026 die Haustür der Familie Khoury am Stadtrand von Bir Zait aufgebrochen hatte. Der Satz ist seitdem leicht variiert bei vielen ähnlichen Aktionen gefallen. Manchmal erklären die Angreifer, das Haus oder das Stück Land gehöre ihnen seit 3000 Jahren, denn so stehe es in der Thora.
Wie mir ein Mitglied der Familie Khoury erzählte, wurde der Eindringling von einem Soldaten begleitet. Die Frau ist überzeugt, dass die beiden sich zurückhielten und das Haus verließen, nachdem sie gesehen hatten, wie sie sich bekreuzigte. Kurz zuvor hatte der Eindringling ihre 65-jährige Mutter mit einem Stein so schwer verletzt, dass sie mit blutender Kopfwunde ins Krankenhaus gebracht werden musste. Ihr Fehler? Sie hatte es gewagt, einen jüdischen Jungen aufzufordern, seine Schafherde nicht durch den Obstgarten ihres Hauses zu treiben.
Wie mir die Mutter später erzählte, habe der offenbar „verängstigte“ Junge die Bewohner des nahe gelegenen Außenpostens benachrichtigt. Der Außenposten war 2025 auf dem Land des Nachbardorfs errichtet worden. Zwei Mitglieder der Familie Khoury, die ihren Verwandten zu Hilfe eilten, wurden von Soldaten eines benachbarten Militärpostens acht Stunden lang festgehalten.
Später wurde auch der Sohn des Hauses, der die Eindringlinge zu vertreiben versucht hatte, von Soldaten festgenommen (einer der angreifenden Siedler hatte ihn beim Steinewerfen gefilmt). Im Militärposten wurde er verprügelt und anschließend der Polizei zum Verhör übergeben. In rechten israelischen Medien wurde das Ganze als „ernster Vorfall“ dargestellt, bei dem „arabische Randalierer einen Hirten beim Weiden seiner Herde angegriffen“ hätten.
So lautete auch die Anklage, nachdem der Palästinenser auf der Polizeistation vernommen worden war. Nach fünf Tagen in Haft verfügte der Militärrichter seine Freilassung gegen eine hohe Kaution. Selbst dieser Richter konnte die Fotos von der blutig geschlagenen Mutter nicht ignorieren und ebenso wenig die Tatsache, dass die Polizei nur den Sohn festgenommen und die aggressiven Eindringliche nicht einmal zur Befragung vorgeladen hatte.
Die Freilassung des Palästinensers passte den Siedlern offenbar nicht: Einer von ihnen tauchte zwei Wochen später vor dem Haus der Familie Khoury auf, unmittelbar gefolgt von Soldaten, die den jüngeren Sohn unter dem Vorwand festnahmen, er habe Nachbarn dazu aufgehetzt, Steine auf Israelis zu werfen. Ein Militärsprecher dementierte mir gegenüber, dass der Siedler die Festnahme veranlasst habe oder überhaupt anwesend gewesen sei.
Kurz vor dem ersten Angriff war der Geräteschuppen des ältesten Sohns, der Klempner ist, von Einbrechern ausgeräumt worden, desgleichen die kleine Garage des zweiten Sohns, der Autokarosserien repariert. Seit den Vorfällen von Anfang des Jahres haben die Khourys ihr Haus zu einer Art Festung ausgebaut, geschützt durch einem hohen Zaun, Eisentore und Überwachungskameras. So machen es viele Hausbesitzer, deren Grundstücke in der Randzone von Städten oder Dörfern liegen.
Die Angehörigen der Familie Khoury und der Nachbarfamilien trauen sich mittlerweile nicht mehr in die umliegenden Hügel, um auf ihren Feldern Unkraut zu jäten und ihre Olivenbäume zu schneiden. Mit dem Herbst rückt die Erntezeit näher, und sie wissen nicht, ob sie sich um ihre kaum einhundert Meter entfernten Bäume kümmern können.
In den sozialen Medien verdammen die jüdischen Milizen – oft Hilltop Youth genannt – die Festnahme von einigen wenigen ihrer Leute durch die israelische Polizei, aber vor allem brüsten sie sich mit ihren Aktionen und Erfolgen. Am 10. September, kurz nach dem jüdischen Jahresende, posteten sie in einer ihrer Whatsapp-Gruppen eine „Jahresbilanz des Kampfes gegen den arabischen Feind im Heiligen Land“. Der Beitrag enthält eine „Liste von angegriffenen Dörfern“. Darin sind mindestens 150 Namen aufgeführt, sortiert nach der Anzahl der Angriffe. Die Stadt Bir Zait zum Beispiel wurde zweimal attackiert, das benachbarte Dorf Atara fünfmal, Dschalud zehnmal, Kusra und Khirbet Abu Falah jeweils fünfzehnmal.
Stolz werden auch folgende Erfolgszahlen präsentiert: „Abgebrannte palästinensische Fahrzeuge: 436. In Brand gesteckten Gebäude: 201; davon Moscheen: 15. Verletzte Araber: 409.“ Darüber hinaus, so heißt es weiter, „wurden zehntausende Fensterscheiben zerschlagen, tausende Olivenbäume gefällt, hunderte Autoreifen zerstochen und zehntausende Dunam5 Ackerland und Obstplantagen abgebrannt. Ein gutes und gesegnetes Jahr für das gesamte Volk Israel.“
In diesem protzigen Post fehlten allerdings folgende Zahlen: Seit Jahresbeginn 2026 haben israelische Zivilisten bei ihren Angriffen 16 Palästinenser ermordet. Bei weiteren 8, die im Zuge solcher Angriffe umgebracht wurden, war nicht zu ermitteln, ob Soldaten oder Zivilisten die Täter waren.6
Wenn es darum geht, wer der palästinensischen Bevölkerung mehr Unrecht zufügt, sind die staatlichen Organe den Siedlern jedoch stets voraus. So hat die israelische Armee etwa Anfang 2025 auf Befehl von Verteidigungsminister Katz sämtliche Bewohner:innen der Flüchtlingslager von Dschenin und Tulkarem vertrieben. Das sind mehr als 33 000 Menschen, die seitdem Unterkunft bei Verwandten, in gemieteten Wohnungen oder Notbehausungen finden müssen. Die israelische Seite rechtfertigte die Aktion als „Eliminierung terroristischer Infrastruktur“.
Viele Häuser in den Lagern wurden von der Armee zerstört – die genaue Zahl ist unbekannt. Zudem hat die Armee – unter Berufung auf Sicherheitsbelange oder als Strafmaßnahme – tausende Obst- und Olivenbäume entwurzelt und tut dies weiterhin. Und sie untersagt hunderten von Bauernfamilien regelmäßig den Zugang zu ihren jenseits der Sperrzäune liegenden Grundstücken.
In den ersten acht Monaten dieses Jahres ließen die israelischen Behörden 1049 palästinensische Gebäude abreißen. In den meisten Fällen war der Vorwand das Fehlen einer Baugenehmigung, wobei man wissen muss, dass es für Palästinenser quasi unmöglich ist, eine Baugenehmigung zu erhalten. In 11 Fällen handelte es sich um Strafmaßnahmen, die vollzogen wurden, ohne das Ergebnis des rechtlichen Verfahrens abzuwarten. 276 der zerstörten Gebäude waren bewohnt; 1380 Menschen verloren ihr Dach über dem Kopf. Insgesamt waren über 30 000 Menschen direkt oder indirekt von den Abrissen betroffen.7
Über ein weitere Routine, die ebenfalls zum Alltag gehört, wird kaum gesprochen: In den Dörfern und Städten des Westjordanlands dringen jede Nacht – und immer häufiger auch tagsüber – Militärjeeps in palästinensische Wohngebiete ein, um Festnahmen durchzuführen oder um die Leute einzuschüchtern und ihre Macht zu demonstrieren. Manchmal kommen die Soldaten mitten in der Nacht in die Häuser, schrecken Familien auf und ängstigen die Kinder. Oder sie legen im Stadtzentrum für eine Stunde oder länger den Verkehr lahm und schießen mit Tränengasgranaten und scharfer Munition.
Verbranntes Ackerland, verbrannte Plantagen
Das Negotiations Affairs Department (NAD) der PLO registrierte allein in diesem August 1358 solcher Razzien und einschüchternder Militärpatrouillen. Das NAD erfasst in seinen täglichen Berichten die Strategie der israelischen Besatzung mittels verschiedenster Kategorien, die das Vorgehen gegen die palästinensische Bevölkerung beschreiben. Bereits die Liste dieser Kategorien – mitsamt den Zahlen – lässt erkennen, was die Palästinenser täglich aufs Neue durchmachen.
Sie lautet: „getötet“, „verwundet“, „festgenommen“, „Angriffe des Militärs“, „gezielter Beschuss“, „Beschlagnahmung von Häusern“ (durch die Armee), „Bedrohung palästinensischer Sicherheitskräfte“, „Angriffe auf medizinische Teams“, „Schikanen gegen das Erziehungssystem“, „permanente Blockade von Straßen und Kreuzungen“, „plötzliche Errichtung militärischer Checkpoints“, „Angriffe von Siedlern“, „Schädigung von Eigentum“, „Konfiszierung von Eigentum“, „Eindringen in religiöse Stätten“, „Luftangriffe“, „Abriss von Häusern“, „Vernichtung von Feldern“, „Konfiszierung von Land“, „Ausgangssperren“, „Verhaftungen“.
Jede dieser Kategorien tritt normalerweise in Kombination mit weiteren auf. Bei Angriffen des Militärs zum Beispiel kommt es zu gezieltem Beschuss, manchmal auch zu Verletzungen oder Tötungen, öfter zu Festnahmen. Ein von Soldaten plötzlich errichteter Checkpoint hat manchmal die Entwendung von Geld zur Folge oder auch die Konfiszierung von Autos. Eine Attacke von Siedlern kann einen Angriff des Militärs auslösen.
Für August 2026 haben die Verfasser des NAD-Reports insgesamt 4485 auf die Besatzung zurückgehende Vorfälle gezählt – wobei die Statistik auch Tote und Verletzte in Gaza beinhaltet. Diese Quantifizierung ist natürlich nicht auf den Fall genau exakt. In ihr drückt sich vor allem der verzweifelte Versuch aus, eine Aufmerksamkeit zu erzeugen – und sei sie noch so begrenzt –, die das Ausmaß der tagtäglichen Repression zur Kenntnis nimmt.
Auch in dieser exakten Bilanzierung der Besatzungspolitik kommt jedoch eine entscheidende Kategorie nicht vor: die Strangulierung der palästinensischen Wirtschaft, die von der Netanjahu-Regierung offen verfolgt wird und noch extremer ist als die früherer Regierungen. Sie erfolgt auf dreierlei Weise, von denen jede eine ausführliche Analyse verdienen würde. Erstens werden der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) die Einnahmen aus Zöllen und Importsteuern vorenthalten, die 60 bis 70 Prozent aller Einnahmen der PA ausmachen; dieser Diebstahl wird von israelischer Seite euphemistisch als „Beschlagnahmung“ oder „Einbehaltung“ deklariert. Zweitens dürfen weiterhin etwa 120 000 palästinensische Arbeiter:innen nicht in ihre Jobs in Israel zurückkehren, die sie nach dem 7. Oktober 2023 verloren hatten. Und drittens wird die Bewegungsfreiheit innerhalb des Westjordanlands immer stärker eingeschränkt, zum einen durch die vielen Checkpoints, zum anderen durch die gewalttätigen Aktionen, die von den Außenposten der Siedler ausgehen.
Diese dreifache Strangulierung hat gleichermaßen Arbeiterfamilien, Kleinunternehmer und Beschäftigte im öffentlichen Dienst in die Armut getrieben. Sie hat das öffentliche Gesundheits- und Bildungswesen schwer geschädigt – beide Bereiche erfüllen nur noch die allernötigsten Funktionen, was das Leben tausender Patient:innen gefährdet und zu einer spürbaren Verschlechterung der Unterrichts- und Lernqualität führt. Für die ökonomische Strangulierung wie für die Gründung immer neuer Outposts und die notorische Siedlergewalt, die auf die Vertreibung der einheimischen Bevölkerung zielt, ist die Regierung als Ganze verantwortlich. Doch niemand verkörpert diese Doppelstrategie mehr als Finanzminister Bezalel Smotrich, der zugleich dem Verteidigungsministerium angehört, wo er für den Siedlungsausbau im Westjordanland zuständig ist. Hinter Smotrich stehen weitere Minister und Knesset-Abgeordnete seiner Partei Religiöser Zionismus, die wie er selbst Siedler sind.
Mit seiner Beharrlichkeit und seiner Fähigkeit, strategisch zu planen, steht Smotrich exemplarisch für die jüdische Siedlungsbewegung insgesamt. Seine Worte und Taten lassen keinen Zweifel daran, welche Zukunft er für die Palästinenser plant, die between the river and the sea leben. Es steht schon in seinem 2017 veröffentlichten „Entscheidenden Plan“: Die Palästinenser müssten verstehen und sich damit abfinden, dass sie niemals einen eigenen Nationalstaat innerhalb des Territoriums zwischen Mittelmeer und Jordan verwirklichen können, denn ein solcher stehe allein den Juden zu.
Als beste Lösung propagiert Smotrich die „Auswanderung“. Wer bleiben will, dürfe bleiben – aber nur unter den von Israel vorgegebenen Bedingungen. Und mit denen, die sich widersetzen, würden sich die israelischen Sicherheitsorgane befassen. Smotrichs Plan kann also jeder schwarz auf weiß lesen, man muss nicht einmal seine blutgetränkten Drohungen gegen bestimmte Dörfer im Westjordanland oder im Gazastreifen zitieren.
Smotrich beschwört von morgens bis abends den Sturz der Palästinensischen Autonomiebehörde. Und nichts ist geeigneter, dieses Ziel zu erreichen, als die ökonomische Strangulierung, die ins soziale Chaos führen und einen internen Aufstand gegen die PA auslösen wird. So hat es jedenfalls ein Journalist aus dem Smotrich-Lager beschrieben.8
Die Gewaltaktionen der Siedler, die das israelische Establishment ermöglicht und unterstützt, sind im Kontext dieses Smotrich-Plans zu sehen. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich ein komplexer militärisch-bürokatischer Apparat damit, palästinensische Aktivitäten im größten Teil des Westjordanlands einzuschränken, von Bauvorhaben und Entwicklungsprojekten bis hin zu Ackerbau und dem Hüten von Viehherden.
Das Ganze fußt auf einem umfassenden System von Gesetzen und Verordnungen, von Klauseln in den Oslo-Verträgen und von israelischen Sicherheitserwägungen. Es wird aber auch dadurch begünstigt, dass aus der internationalen Gemeinschaft nur schwacher Protest kommt. Dadurch wurde ein Prozess vorangetrieben, in dessen Verlauf die meisten Palästinenser:innen in relativ kleinen Enklaven konzentriert wurden, die man mit ganz einfachen Mitteln voneinander isolieren kann, etwa durch ein verschlossenes Eisentor, eine Straßensperre oder auch einen großen Steinblock.
Der größte Teil des Territoriums wird für die Ansiedlung von immer mehr jüdischen Israelis freigehalten. Diese Siedler verzichten bei ihren Attacken – im Gegensatz zu dem beschriebenen Apparat und seinen staatlichen Betreibern – auf jeden Anschein von Legalität. Und viele der Angreifer erklären unverblümt, was das Ziel ist: die palästinensische Bevölkerung zum Verlassen ihres Heimatlands zu „ermutigen“.
Es gibt also allen Grund für die Befürchtung, dass der Tag nicht fern ist, an dem bewaffnete Siedler sich nicht mehr damit begnügen, in Randzonen der Dörfer und auf die umliegenden Felder oder in Hirtengemeinden einzudringen. Demnächst werden sie immer häufiger in die Zentren palästinensischer Städte oder Dörfer vorrücken – ob mit oder ohne Begleitschutz der Armee, jedoch mit dem klaren Ziel, zu demonstrieren, wer die Herren sind. Dadurch werden sie auch die Grenzen der Duldsamkeit der palästinensischen Bevölkerung austesten, ebenso wie die der PA-Sicherheitsorgane, denen die Hände gebunden sind.
Weniger diplomatisch formuliert: Ganz offensichtlich sind die Siedler darauf aus, Provokationen zu organisieren, die einen aktiven palästinensischen Widerstand auslösen oder auch individuelle Wutreaktionen wie Messerattacken oder Schießereien. Das würde der Armee erlauben, die Repression gegen die unter der Besatzung lebenden Menschen noch mehr zu verschärfen.
All das in der Absicht, dem erklärten Ziel näher zu kommen, das die Angreifer und wichtige Minister der Regierung Netanjahu gemeinsam verfolgen: der Vertreibung der Palästinenser aus ihrer Heimat.
2 „West Bank Monthly Snapshot: Casualties, Property Damage and Displacement“, Ocha, 24. August 2026.
5 Ein Dunam entspricht etwa 920 Quadratmetern.
6 „Data on casualties“, Ocha, die Zahlen werden regelmäßig aktualisiert.
7 „Data on demolition and displacement in the West Bank“, Ocha.
Aus dem Englischen von Niels Kadritzke
Amira Hass ist Journalistin in Israel.


