10.09.2026

Hauptgewinn für Rheinmetall

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Hauptgewinn für Rheinmetall

Im Namen einer beschleunigten Aufrüstung bestellt die Bundesregierung laufend neue Rüstungsgüter – jedoch ohne echte strategische Steuerung und wirksame Kontrolle. In diesem politischen Vakuum etabliert sich Rheinmetall als Großprofiteur einer zunehmend undurchsichtigen Verteidigungspolitik.

von Thomas Schnee

Eline Brontsema, Euvelgunnerheem, fluitketel, 2020, Holzschnitt, 21,4 × 27,8 cm
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Als Armin Papperger, der Chef des größten deutschen Rüstungskonzerns, im März 2026 von The Atlantic gefragt wurde, was dafürspreche, Panzer für mehrere Millionen Euro pro Stück statt billiger Drohnen zu kaufen, machte er sich über die ukrainischen Innovationen lustig. Man könne doch Äpfel nicht mit Birnen vergleichen, also „die Technologie von Lockheed Martin, General Dynamics oder Rheinmetall“ nicht mit „ukrainischen Hausfrauen mit 3D-Druckern in der Küche“.

Mit solchen Sprüchen zeigt Papperger, wie sehr er von sich überzeugt ist – und dass er den Ehrgeiz hat, sich mit den fünf- bis siebenmal größeren US-Giganten zu messen.

Der russische Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022, die drei Tage später vom damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz ausgerufene „Zeitenwende“ und die Zustimmung des Bundestags zur Modifizierung der im Grundgesetz verankerten Schuldenbremse machten den Weg frei für quasi unbegrenzte Verteidigungsausgaben. Für Rheinmetall war das ein Geschenk des Himmels.

Im Jahr 2022 lag der Verteidigungshaushalt der Bundesrepublik bei 50,4 Milliarden Euro. Bis 2029 soll er auf das Dreifache steigen, auf 153 Milliarden Euro. Davon wird Rheinmetall enorm profitieren. Denn das Unternehmen liefert unverzichtbare Komponenten für die Fertigung des Kampfpanzers Leopard 2 und des Truppentransporters Boxer. Seit 2022 hat Berlin bereits 123 Leopard 2 und etwa 450 Boxer geordert. Für die kommenden Jahre gehen die Hochrechnungen der Bundeswehr von fünfmal so hohen Bestellzahlen aus.

Mit seiner abschätzigen Aussage über die ukrainischen Drohnen drückt sich Papperger allerdings um eine entscheidende Frage, die nicht in sein Weltbild passt: Welche Zukunft hat der Panzer angesichts dieser Fluggeräte? Eine Antwort bietet der Militärhistoriker Ralf Raths, wissenschaftlicher Direktor des Deutschen ­Panzermuseums Munster. Raths verweist zwar da­rauf, dass man „in Bewegungskriegen noch immer auf Panzer angewiesen“ sei, stellt aber klar, dass die Tage der schweren Panzer dennoch gezählt seien: „Der Fokus verlagert sich zu Kampfsystemen, die mehrere leichtere und automatisierte Einheiten miteinander verknüpfen.“

Aber warum werden dann immer noch so viele Panzer bestellt? „Weil die Bundeswehr möglichst schnell einsatzfähig sein will“, antwortet Raths, „und man momentan nichts anderes auf Lager hat, um sich zu verteidigen.“

Als Ansage für die Zukunft stellte Verteidigungsminister Boris Pistorius im April 2026 die „Gesamtkonzeption militärische Verteidigung“ vor, die davon ausgeht, dass Russland absehbar die größte Bedrohung darstelle.1

Das Zukunftskonzept sieht drei Phasen vor. Bis 2029 geht es zentral um die „schnelle Maximierung“ der klassischen Verteidigungsfähigkeiten und die Aufstockung der Truppenstärke. Langfristig peilt Berlin die einigermaßen unrealistische Zahl von 460 000 Soldaten an, davon 200 000 Reservisten; aktuell hat die Bundeswehr 185 000 Aktive und 60 000 Reservisten.

Im nächsten Schritt sollen die Streitkräfte gemäß den Nato-Zielen „weiterentwickelt“ und quer durch alle Waffengattungen (Land-, See-, Luft- und Cyberstreitkräfte) signifikant gestärkt werden. Bis 2039 schließlich soll die Bundeswehr zu einer „technologisch überlegenen“ Armee werden.

Friedrich Merz hat in seiner ersten Bundestagsrede als Kanzler im Mai 2025 erklärt, Deutschland werde die „konventionell stärkste Armee Europas“ aufbauen. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es eine entsprechende waffentechnische Ausstattung. Zwar gibt es bereits eine ganze Reihe großer deutscher Rüstungshersteller – neben Rheinmetall etwa KNDS, Diehl, Thys­sen­krupp oder Hensoldt –, aber das Land verfügt über keinen umfassenden militärisch-industriellen Sektor, der alle Rüstungsbereiche bedienen könnte. Weil „Ökosysteme für die neuen Wehrtechnologien“ fehlten, so der Verteidigungsexperte Björn Müller, bestehe die Gefahr, dass sich die etablierten Strukturen verfestigten.2

Die beschlossene Aufrüstung ist für Rheinmetall, das über industrielles Know-how in mehreren strategisch wichtigen Bereichen verfügt, ein Sechser im Lotto. Zumal Papperger über die Jahre ein beeindruckendes Netz von Beziehungen zur Bundeswehr, zu Bundestagsabgeordneten und bis in die höchsten Ebenen der Bundesregierung geknüpft hat. „Ich bin sehr zufrieden mit unserem Verteidigungsminister, und ich bin auch sehr zufrieden mit dem, was der Kanzler im Augenblick macht“, erklärte er Ende Juli 2025 bei der Einweihung einer neuen Munitionsfabrik.

Schon im Mai 2024 schätzte der Rheinmetall-Chef, dass von dem 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen für die Bundeswehr bis zu 40 Prozent seinem Unternehmen zugutekommen. Der nationale Champion, der ungefähr ein Drittel seiner Einnahmen mit Aufträgen der Bundeswehr erzielt, stößt also in neue Größenordnungen vor.

Der Jahresumsatz von Rheinmetall hat sich zwischen 2014 und 2025 von 4,68 auf 9,94 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Bis 2030 strebt Papperger einen Jahresumsatz von 50 Milliarden Euro an. Wobei er davon ausgeht, dass das derzeitige Auftragsvolumen von insgesamt 63 Milliarden Euro innerhalb von fünf bis zehn Jahren auf 300 Milliarden anwächst.

Gegründet wurde die Rheinmetall-Borsig AG im Jahr 1889. Das Unternehmen wurde zum Hauptlieferanten von Geschützen für das Deutsche Reich und später das NS-Regime. Auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs beschäftigte es an die 85 000 Arbeitskräfte, darunter zehntausende Zwangsarbeiter. Bald nach Beginn des Kalten Kriegs kam die US-Regierung zu dem Schluss, dass die Entwaffnung Westdeutschlands eine schlechte Idee gewesen sei. Mit der 1955 erfolgten Einbindung der Bundesrepublik in die Nato und der Gründung der Bundeswehr wurde der Weg frei für die Wiederaufrüstung.

Obwohl der westdeutsche Staat militärisch der Aufsicht Washingtons unterstand, beliefen sich seine Verteidigungsausgaben zwischen 1960 und 1970 bereits auf 3 bis 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). „In den 1970er Jahren gehörte Rheinmetall wieder zur Spitzengruppe der deutschen Rüstungshersteller“, resümiert die Historikerin Stefanie van de Kerkhof.

Im Zeitraum 1990 bis 2010 schrumpften die militärischen Kapazitäten dann drastisch aufgrund der Beendigung des Kalten Kriegs und der Sparpolitik. Konzerne wie Rheinmetall orientierten sich auf das Exportgeschäft, wurden internationaler und übernahmen andere Unternehmen.

Rüstungspolitische Kleinstaaterei

Doch seit dem russischen Angriff auf die Ukraine und der „Zeitenwende“ wird das Wachstum von Rheinmetall wieder von der Binnennachfrage getragen. Im März 2026 übernahm der Konzern die Rüstungssparte der ­Lürssen-Werft (NVL), die nahezu alle Schiffe für die deutsche Marine baut. Damit expandiert das ursprünglich auf Landwaffen spezialisierte Unternehmen auch in die Sparte Schiffbau.

Was die Aufträge für die Luftwaffe betrifft, produziert Rheinmetall bereits Aufklärungs- und Kampfdrohnen. Seit Juni 2025 unterhält das Unternehmen eine strategische Partnerschaft mit dem US-Unternehmen Anduril, um „Deep-Strike-Drohnen“ mit bis zu 1000 Kilometern Reichweite zu entwickeln. Schon seit 2023 steht fest, dass sich Rheinmetall auch am Bau der F-35 beteiligen wird. Im niederrheinischen Weeze entsteht eine Fabrik, in der Rumpfteile für den US-Kampfjet der fünften Generation gefertigt werden.

Auch an den Weltraumplänen der USA will Rheinmetall partizipieren. Zu diesem Zweck gründete der Konzern mit dem finnischen Minisatelliten­spezialisten Iceye ein Joint Venture, das noch in diesem Jahr mit der Fertigung von Aufklärungssatelliten beginnen soll.

Auf der Liste weiterer Rüstungsprojekte stehen unter anderem das neue Panzermodell Panther KF51 und das digitale Kommunikationssystem ­Gladius 2.0, das Einsatzkräften ein umfassendes Gefechtsbild liefern soll.

Das enorm beschleunigte Tempo deutscher Staatsaufträge, die zu etwa 80 Prozent inländischen Unternehmen zufließen, und die Tatsache, dass der Löwenanteil an Rheinmetall geht, wirft drei zentrale Fragen auf. Erstens: Brauchen Deutschland und die Europäische Union wirklich so viele Waffen? Zweitens: Inwieweit beruht die neue deutsche Rüstungsstrategie noch auf den Vereinbarungen über die europäische Industriekooperation? Und drittens: Gibt es im Cockpit der Berliner Regierung noch einen Piloten, der die Aufrüstungsstrategie tatsächlich steuert?

Im Mai 2026 legten das Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC) und Greenpeace einen Bericht vor, der eindeutig zeigt, dass die europäischen Nato-Mitglieder (plus Kanada) Russland rüstungsmäßig drückend überlegen sind.3 Zum Beispiel verfügen sie über 7104 Panzer (Russland 3630) und 15 896 Artilleriesysteme (Russland 5976). Einzig mit seinem Nuklear­arsenal liegt Russland vorn. Noch offenkundiger wird das Ungleichgewicht bei den Militärausgaben: 2025 gaben die europäischen Nato-Mitglieder 626 Milliarden US-Dollar für Rüstung aus. Nimmt man die USA hinzu, betragen die Nato-Ausgaben sogar 1581 Milliarden Dollar – gegenüber den russischen von 190 Milliarden Dollar.

Allerdings betont der Bericht, dass Geld nicht der einzige Rüstungsindikator ist. In Europa gibt es 19 verschiedene Panzermodelle; die USA haben nur ein einziges. Und es gibt 27 Fregatten- und Korvettenmodelle gegenüber 4 in den USA. In Europa entwickelt jeder Mitgliedstaat seine eigenen Kapazitäten, wodurch eine „rüstungspolitische Kleinstaaterei“ entstehe.

Dafür ist vor allem Deutschland verantwortlich. Berlin formuliert in seiner 2024 veröffentlichten Nationalen Verteidigungsstrategie – in der Paris oder London kaum vorkommen – als zen­tra­les Ziel, Deutschland müsse zur integrierenden Kraft und zum tragenden Pfeiler der europäischen Nato-Strukturen werden. Dabei will man sich auf die europäische Industriekooperationen stützen – so jedenfalls die Theorie.

In Wirklichkeit, erläutert Alexander Lurz, Greenpeace-Experte für die Themen Frieden und Abrüstung und Co-Autor des erwähnten Berichts, habe „der Anteil der europäischen Projekte nicht zu-, sondern abgenommen“, was auch daran liege, dass Berlin seine Politik „vor allem an den Interessen der Bundeswehr, der deutschen Industrie oder auch an regionalen Beschäftigungsinteressen ausrichtet“.

Ähnlich äußern sich Experten der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), einer der beiden wichtigsten öffentlichen Denkfabriken für Außen- und Sicherheitspolitik. Die DGAP-Forscher Patrick Keller und Max Becker merken zu der neuen Militärstrategie des Verteidigungsministers an: „Es soll Sicherheit ‚für Europa‘ entstehen. Allerdings nicht unbedingt mit Europa. Gleiches gilt für die Zusammenarbeit mit der Industrie. Nach dem Motto: Stärken wir nationale Fähigkeiten, stärken wir Europa.“4

Die Militarisierung ist seit 2022 so selbstverständlich geworden, dass die öffentliche Kontrolle darüber, was militärisch tatsächlich gebraucht wird und wie gerechtfertigt die Aufträge sind, genauso vernachlässigt wurde wie die Kontrolle über Preise und Auftragsvolumen. Im Prinzip muss jeder Auftrag über mehr als 25 Millionen Euro von den Berichterstattern des Haushaltsausschusses geprüft werden. Das seien allerdings nur fünf Leute, erläutert Alexan­der Lurz: „Die Zahl der zu prüfenden Projekte steigt dagegen unaufhörlich – von 2023 bis 2025 von 55 auf 97 und schließlich auf 103 –, während die Kontrollkapazitäten des Parlaments unverändert bleiben.“

Der Abgeordnete Dietmar Bartsch (Die Linke), der dem Haushaltsausschuss des Bundestags angehört, kommt zu dem Schluss, dass „die Highspeedaufrüstung der Bundesregierung fahrlässig ist“. Gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) kritisierte Bartsch: „In einer Sitzung rund 30 Vorlagen im Wert von über 50 Mil­liar­den Euro durchzupeitschen, verhindert eine seriöse Prüfung.“ Das sei eine Zumutung für die Steuerzahler, zugleich aber „ein gefährlicher Freibrief für Rheinmetall und Co, der nicht fortgeschrieben werden darf“.

Das im Fe­bru­ar 2026 in Kraft getretene Gesetz zur beschleunigten Planung und Beschaffung für die Bundeswehr etwa gestattet eine Expressbestellung von Kamikazedrohnen im Wert von rund 2 Milliarden Euro, die sich bei den Start-ups Stark und Helsing noch in der Entwicklung befinden. Zu den Kapitalgebern der Start-ups gehört – neben dem libertären US-Mil­liar­där Peter Thiel – auch Rheinmetall.

In der Rüstungsindustrie scheint inzwischen alles erlaubt – was auch daran liegt, dass sie sogar bei den Gewerkschaften wohlgelitten ist (siehe Beitrag auf Seite 18 f.), weil sie einen kleinen Teil der Beschäftigten aus der darbenden Autobranche auffängt.

Es liegt ganz auf dieser Linie, dass Bundeswirtschaftsministerin ­Katherina Reiche am 20. März 2026 eine befristete „allgemeine Genehmigung“ für bestimmte Rüstungsexporte in die Golfregion und in die Ukraine verkündet hat. Bei entsprechenden Lieferungen müssen die Firmen nun keinen Ausfuhrantrag mehr stellen. Das beweist erneut: Die Staatsgewalt lässt ihren Waffenhändlern freie Hand.

1 „Gesamtkonzeption militärische Verteidigung“, Bundesministerium der Verteidigung, April 2026.

2 Björn Müller, „Verpasste Chancen – die neue Rüstungsstudie des Wirtschaftsministeriums“, 16. April 2024 auf seinem Blog „Pivot Area“.

3 „Europa allein zu Haus? Europas Sicherheitspolitik in Zeiten Donald Trumps“, Greenpeace, 26. Mai 2026.

4 Patrick Keller und Max Becker, „Die Militärstrategie der Bundeswehr: Verantwortung für, aber nicht mit Europa“, DGAP, 23. April 2026.

Aus dem Französischen von Andreas Bredenfeld

Thomas Schnee ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 10.09.2026, von Thomas Schnee

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