Wo steht die IG Metall?
von Lea Fauth, Fabian Grieger, Niklas Franzen und Paul Welch-Guerra

Der Mechaniker Tony Menzel erinnert sich noch gut daran, dass ihm die Tränen kamen an dem Tag, als aus seinem Werk im sächsischen Görlitz eine Rüstungsfabrik wurde: „Wir haben Sachen gebaut, die Leute transportieren, die gebraucht werden. Und jetzt bauen wir Sachen, die die Leute umbringen werden.“ 176 Jahre hatten sie dort Waggons hergestellt, die letzten fünf Jahre unter dem Dach des französischen Alstom-Konzerns. Auf die knallroten Doppelstockzüge für den Regionalverkehr seien sie immer stolz gewesen, sagt er.
Heute produzieren 300 bis 400 der insgesamt 700 Beschäftigten im Auftrag des deutsch-französischen Panzerbauers KNDS Komponenten für den Leopard 2 und den Schützenpanzer Puma. Menzel arbeitet seit 20 Jahren in dem Werk, in dem schon seine Eltern angestellt waren. Zu Alstom-Zeiten war er Arbeitnehmervertreter. „Ich glaube, mir fiel der Übergang leichter, weil ich in den Verhandlungen saß und relativ frühzeitig wusste, was passieren wird.“
2024 wurde der IG-Metaller zu einer Besprechung mit den Chefs von Alstom und KNDS nach Frankfurt beordert. „Und dort hat man dann dieses Paket geschnürt und gesagt: Na ja, wir machen euch zu; aber hier sitzt jemand, der würde euch die Perspektive bieten. Seit dem Tag war das für mich eigentlich dann quasi erledigt.“ Auch die Proteste der Görlitzer gegen die neue Rüstungsfabrik hielten sich in Grenzen.

Anfang 2025 reiste Bundeskanzler Scholz in Begleitung von Florian Hohenwarter, dem Chief Operating Officer von KNDS Deutschland, nach Görlitz, das mit dem polnischen Zgorzelec eine Doppelstadt bildet.
Die sanierten, denkmalgeschützten Häuser rund um den Rathausplatz können allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Görlitz immer noch von der Privatisierungswelle und Massenarbeitslosigkeit der 1990er Jahre gezeichnet ist. Abseits der Hauptstraße sind viele Geschäfte geschlossen.
Kurz nach Scholz’ Besuch holte die AfD bei den vorgezogenen Neuwahlen im Februar 2025 im Wahlkreis Görlitz 48,9 Prozent der Stimmen. Den Umbau des Waggonwerks zum Rüstungsbetrieb hatte die Partei nicht zum Thema gemacht, und sie schloss sich auch nicht den Protesten an.
Dagegen war Olaf Scholz ungewöhnlich wortreich darauf eingegangen, als er sich an die Görlitzer wandte: „Es gibt vor Ort auch Leute, die ganz gezielt Angst vor diesem Werk hier schüren. Das sind dieselben Leute übrigens, die Putins Angriffskrieg verharmlosen und kein Problem damit haben, dass russische Raketen täglich Frauen, Männer und Kinder töten. Wir werden den Frieden in Europa nur sichern, wenn wir auch mit unserer eigenen Kraft sicherstellen, dass Grenzen nicht mit Gewalt verschoben werden. Und dazu gehört natürlich, die Bundeswehr mit allem auszurüsten, was sie für unsere Verteidigung braucht.“
Florian Hohenwarter, der im Januar 2026 zum CEO von KNDS Deutschland aufstieg, freute sich über die vom Staat angekündigten „Abnahmegarantien“: Drei Jahre nach dem 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen, mit dem die 2022 von Scholz ausgerufene „Zeitenwende“ konkretisiert werden sollte, lockerte der Bundestag im März 2025 unter Scholz’ Nachfolger Friedrich Merz die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse für die Bereiche Verteidigung und Sicherheit.
Görlitz steht exemplarisch für eine allgemeinere Entwicklung. Während die Rüstungsetats massiv aufgestockt werden, geht es mit den deutschen Autobauern abwärts. Am 3. September bestätigte der VW-Aufsichtsrat den künftigen Abbau von 50 000 weiteren Stellen (weltweit insgesamt 100 000) und die Prüfung „alternativer Verwendungsmöglichkeiten“ für vier Werke in Deutschland. BMW rechnet mit dem Wegfall von 8000 Arbeitsplätzen.
Die Konkurrenz durch chinesische Elektroautos würgt den Deutschen den Motor ab. Viele Hersteller wenden sich vom Auto ab. So stellte Deutschlands größter Rüstungsproduzent Rheinmetall die Fertigung von Autoteilen am Standort Pierburg ein und nahm in Neuss eine Fertigungslinie für Kamikazedrohnen in Betrieb.
Eingefleischte Gewerkschafter wie Menzel wissen natürlich, dass sich die IG Metall in ihrer Satzung von 1949 dazu verpflichtet hat, sich „für Frieden, Abrüstung und Völkerverständigung“ einzusetzen. Doch was ist aus den guten Vorsätzen der Nachkriegszeit geworden? Trotz regionaler Unterschiede zeichnet sich eine deutliche Tendenz ab. Man erkenne an, „dass neue Bedrohungslagen eine gute Ausstattung der Bundeswehr und eine koordinierte europäische Verteidigungsfähigkeit erfordern“, erklärte etwa im September 2025 die Geschäftsstelle Duisburg-Dinslaken in ihrem Friedensgutachten 2025.1
Die Linke-Politikerin und Autorin Ulrike Eifler, die in der Geschäftsstelle der IG Metall in Würzburg arbeitet, hat die Initiative „Gewerkschaften gegen Aufrüstung und Krieg“ mitgegründet. In einem Gastbeitrag für L’Humanité kritisiert sie die Umwandlung ziviler Industriebetriebe in Rüstungsfabriken: „Die Fertigung von Nutzfahrzeugen oder öffentlichen Transportmitteln ausgerechnet in dem Moment einzustellen, wo allmählich erkannt wird, dass Investitionen verschleppt wurden, ist absurd. Der Investitionsstau äußert sich darin, dass es in unseren Städten und Regionen an Ausstattung und Personal fehlt und die vorhandene Infrastruktur nicht ausreichend instand gehalten wird. Das sind die Gründe für die chronischen Ausfälle und Verspätungen bei der Deutschen Bahn.“2
Bei den Arbeitern im Görlitzer Werk, die wir während des Schichtwechsels zwischen 14 und 15 Uhr befragen, schwankt die Stimmung zwischen Erleichterung über den Erhalt des Arbeitsplatzes und moralischen Bedenken. Tony Menzel hätte auch lieber „bis zur Rente“ Züge gebaut, verzichtet aber auf hehre Worte: „Soll jemand anders kommen und sagen, wie die Arbeitsplätze übernommen werden sollen. Wäre KNDS nicht da, wäre die Bude jetzt zu.“
In anderen Städten leisten die Gewerkschafter zaghaften Widerstand. In Köln veröffentlichten die ebenfalls in der IG Metall organisierten Beschäftigten des Ford-Werks eine Erklärung mit dem Titel „Nein zur Kriegswirtschaft“. Und ein paar IG-Metaller von VW überschrieben ein Flugblatt mit „Wir wollen nicht den Tod produzieren“. Sein Werk in Osnabrück mit seinen 2300 Beschäftigten will VW an den auf Rüstungsprojekte spezialisierten israelischen Fonds Aurelius verkaufen. Ab 2027 sollen dort in einem Joint-Venture mit dem israelischen Rafael-Konzern Teile für Luftabwehrsysteme hergestellt werden.
Am 7. September teilten VW, das Land Niedersachsen und Aurelius mit, man habe sich auf Eckpunkte für den Verkauf geeinigt. Bis zuletzt war unklar, ob es zu dazu kommen würde. Das lag aber nicht an Gewerkschaftsprotesten, sondern daran, dass der katarische Staatsfonds QIA, der rund 17 Prozent der Stimmrechte bei VW hält, „Vorbehalte gegen eine Zusammenarbeit mit dem israelischen Staatsunternehmen“ geäußert haben soll.3
Der Osnabrücker Arbeiter Mark Feldmann4 sitzt am Tresen der VW-Kantine ein paar Straßenecken von der Fabrik entfernt und betrachtet die Auslage mit belegten Brötchen. Er beschreibt den Zwiespalt wie die Beschäftigten in Görlitz – Angst vor Arbeitslosigkeit und Bedenken, für den Krieg zu produzieren – und erzählt von Kollegen, die „nicht für die Rüstungsindustrie arbeiten wollen“. Er selbst sei noch unentschieden
Draußen auf der Straße verteilen Mitglieder der „Zukunftswerk“-Initiative, die sich gegen die Rüstungskonversion des VW-Werks richtet, Flugblätter. „Zwei Panzer kosten so viel wie eine Grundschule: 50 bis 70 Millionen Euro“, erklärt Lotte Herzberg, eine der Initiator:innen des Zukunftswerks, gerade einem Passanten, der ein Flugblatt angenommen hat.
Auch Mark Feldmann hat Verständnis für die Initiative. Doch manche seiner Kollegen wollten davon nichts mehr hören, erzählt er: „Noch mehr Demos und die nächsten Flugblätter und mit uns reden, um uns zu erzählen, dass das Mist ist mit der Produktion von Rüstungsgütern – es wurde irgendwann dann halt anstrengend, und das haben die dann auch zu spüren bekommen. Weil natürlich die Stimmung nicht gut ist. Und dann wird man jeden Tag wieder damit konfrontiert oder teilweise irgendwann schon belästigt. Jeden Tag: ‚Können wir uns mit Ihnen unterhalten?‘ ‚Nein, könnt ihr nicht.‘ “
Im Juni hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung eine Studie über ein Projekt veröffentlicht, das die Möglichkeit untersucht, in dem Osnabrücker Werk Kleinbusse herzustellen. Eine Zutat fehlt allerdings: das Geld vom Staat. Für Waffen wird es mit vollen Händen ausgegeben, aber für die Verbesserung der öffentlichen Verkehrsmittel sind keine Mittel vorhanden.
Mark Feldmann glaubt nicht an Alternativen: „Im Moment ist einfach die Rüstungsindustrie auch ein viel zu lukratives Geschäft für viele Unternehmen. Damit lässt sich einfach zu viel Geld verdienen, gerade weil die Weltlage so ist, wie sie ist.“
Ein Forscher der Rosa-Luxemburg-Stiftung sagte uns im Vertrauen, der Pazifismus werde keinen Erfolg haben, solange sich die IG Metall nicht dem Widerstand gegen die Rüstungskonversionen anschließt. Und danach sieht es gerade nicht aus: „Wenn wir so viel wirtschaftliche Mitbestimmung hätten – das würde ich mir ja wünschen –, dass wir entscheiden würden, was am Ende des Tages wo produziert wird, dann wäre vielleicht die Diskussion auch eine andere“, sagt Thorsten Gröger, IG-Metall-Bezirksleiter für Sachsen und Niedersachsen.
Wenn man ihn so reden hört, würde man nicht meinen, dass er in einer Organisation mit mehr als zwei Millionen Mitgliedern arbeitet, die in den Aufsichtsräten der Großkonzerne sitzt, erheblichen Druck aufbauen kann und deren Meinung politisches Gewicht hat.
Die Linke, die sich als einzige linke Partei im Bundestag der Aufrüstung widersetzt, hat offensichtlich wenig Einfluss auf die Diskussion: Trotz ihres guten Abschneidens (8,8 Prozent) bei der Bundestagswahl 2025 hat sie nach wie vor wenig Rückhalt in der Arbeiterschaft.
Am äußersten rechten Rand des Spektrums gab sich die AfD in Ostdeutschland lange pazifistisch. 2024 druckte sie sogar Friedenstauben auf ihre Plakate. Gleichzeitig gab es Abstimmungen, in denen AfD-Politiker für erhöhte Bundeswehrmittel stimmten. Auch bei der Abstimmung zum Sondervermögen am 3. Juni 2022 stimmten immerhin 33 von 80 AfD-Abgeordneten dafür. Und in ihrem Parteiprogramm fordert die AfD eine allgemeine Wehrpflicht für Männer. Nach dem Sieg bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt am 6. September ist die Partei so stark wie nie.
Sollte sie eines Tages die Bundestagswahl gewinnen, fände sie sich an der Spitze eines schwer bewaffneten Landes wieder.
1 IG Metall, „Frieden retten – Friedensgutachten 2025“, 11. September 2025.
2 Aus Ulrike Eiflers Gastbeitrag in der französischen Tageszeitung L’Humanité vom 15. April 2025.
Aus dem Französischen von Andreas Bredenfeld
Lea Fauth, Fabian Grieger, Niklas Franzen und Paul Welch-Guerra sind Journalist:innen.


