Was will Somaliland?
von Brendon Novel

Am 15. Juni weihte der „Präsident“ von Somaliland, Abdirahman Mohamed Abdullahi, genannt Irro, mit großem Pomp eine „Botschaft“ in Jerusalem ein. Israel ist das erste Land der Welt, das im Dezember 2025 die im Nordwesten Somalias gelegene abtrünnige Region als Staat anerkannt hat.
Während seines fast einwöchigen Besuchs traf sich Irro unter anderem mit Außenminister Gideon Sa’ar und posierte lächelnd mit Finanzminister Bezalel Smotrich, einer führenden Figur der suprematistischen extremen Rechten in Israel. Irro besuchte auch die Knesset und traf sich mit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Die beiden unterzeichneten eine „strategische Kooperationserklärung“, deren Inhalt jedoch nicht veröffentlicht wurde.
Somalia betrachtet Somaliland zwar nach wie vor als Teil seines Hoheitsgebiets, doch seit 1991 übt es dort keinerlei Kontrolle mehr aus. Damals, nach dem Sturz des Regimes von Mohamed Siad Barre, als der Bürgerkrieg seinen Höhepunkt erreicht hatte, erklärte das Gebiet einseitig seine Unabhängigkeit. Seitdem bemüht sich die Regierung in der „Hauptstadt“ Hargeisa um internationale Anerkennung.
In erster Linie beruft sie sich dabei auf die Historie: Als britisches Protektorat und später Kolonie war Somaliland 1960 für einige Tage unabhängig, bevor es sich mit Somalia vereinigte, das gerade seine Unabhängigkeit von Italien erlangt hatte. Außerdem präsentiert sich das Gebiet gern als Ausnahme in der Region: Es ist relativ stabil, und es finden regelmäßig Wahlen statt, auch wenn die Regierung tendenziell autoritärer wird und Proteste der Opposition unterdrückt.1
Bei der Aufnahme offizieller Beziehungen zu Israel bekam die Führung in Hargeisa Unterstützung von konservativen, proisraelischen Kreisen in den USA, für die Somaliland wegen seiner Lage am Golf von Aden geostrategisch interessant ist – vor allem, um dem regionalen Einfluss Chinas entgegenzuwirken.
Der republikanische Senator Ted Cruz und der evangelikale Publizist Mike Evans – ein Vertrauter Netanjahus, der Somaliland gern als „Israel Afrikas“ bezeichnet – forderten US-Präsident Donald Trump auf, das Gebiet als Staat anzuerkennen. Um die USA für sich zu gewinnen, hatte Irros Vorgänger (2017–2024) Muse Bihi Abdi bereits diplomatische Beziehungen zu Taiwan aufgenommen.
Doch auch wenn Trump gern gegen Somalia wettert, das er als „schmutzig, dreckig und ekelhaft“ bezeichnete, steht die Anerkennung Somalilands in Washington bislang nicht auf der Tagesordnung. Im Rest der Welt hat die Anerkennung durch Israel vor allem eine Welle der Unterstützung für Somalia ausgelöst, von der EU bis zur Afrikanischen Union, die nach wie vor dem Grundsatz der Unverletzlichkeit der Grenzen verpflichtet ist.
Um seine Entscheidung zu rechtfertigen, verweist Netanjahu hingegen auf das Selbstbestimmungsrecht des somaliländischen Volks, das er mit dem des jüdischen vergleicht – während er natürlich das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser weiterhin leugnet. Er knüpft damit an die von David Ben-Gurion bereits in den 1950er Jahren entwickelte „Peripheriedoktrin“ an, mit der sich der junge Staat aus der Isolation befreien wollte.3
Mit Somaliland verfügt Israel über einen neuen strategischen Partner an der Meerenge Bab al-Mandab, dem Eingang zum Roten Meer. Diese Partnerschaft könnte Israel insbesondere dabei helfen, seine Transportwege im Roten Meer zu sichern, die durch Angriffe der jemenitischen Huthis gefährdet sind. Derzeit ist die genaue Ausgestaltung der bilateralen Beziehungen noch unklar, doch Israel beteiligt sich schon jetzt an der Ausbildung von somaliländischen Polizisten und Soldaten.
Neben Israel setzt Somaliland auch auf die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), um seine diplomatische Isolation zu durchbrechen. Die Emirate, die ebenfalls gute Beziehungen zu Israel pflegen, haben selbst die Initiative zu dieser Annäherung ergriffen. Bereits seit 2017 baut Abu Dhabi seine Wirtschaftsbeziehungen zu Somaliland kontinuierlich aus.
Der Hafenbetreiber Dubai Ports World (DP World) verwaltet und saniert den Hafen von Berbera, der nicht nur für das abtrünnige Gebiet von höchster Wichtigkeit ist, sondern auch einen Zugangspunkt zum Binnenstaat Äthiopien darstellt. Die VAE helfen Israel und den USA angeblich sogar dabei, dort einen Militärstützpunkt zu errichten. Ein entsprechendes Angebot zur Nutzung der Basis hat Irro bereits öffentlich ausgesprochen.
Überhaupt bauen die VAE ihren Einfluss am Horn von Afrika und im gesamten Osten des Kontinents aus. Als Verbündete der Regierungen des Südsudan, des Tschad und Äthiopiens knüpfen sie ihre Netzwerke von der libyschen bis zur somalischen Küste, wo eine Tochtergesellschaft von DP World den Hafen von Boosaaso in Puntland betreibt.
Die teilautonome somalische Region Puntland, die bislang jedoch nicht ihre Unabhängigkeit fordert, erhält von den VAE immer offener politische und finanzielle Unterstützung. So finanziert Abu Dhabi zum Beispiel seit 2011 die Puntland Maritime Police Force (PMPF). Die VAE sollen Boosaaso überdies zu einer Drehscheibe für den Transport von Waffen und kolumbianischen Söldnern in den Sudan gemacht haben.4

Riskante Nähe zu Israel
Saudi-Arabien beobachtet mit Misstrauen die Annäherung Israels und der Emirate an Somaliland und den wachsenden Einfluss der beiden Länder am Horn von Afrika und im Roten Meer. Für das Königreich ist diese Region von zentraler sicherheitspolitischer Bedeutung. Es verteidigt daher den politischen Status quo in der Region und beharrt auf dem Prinzip der territorialen Integrität. Folgerichtig unterstützt Riad die somalische Regierung in Mogadischu.
Im Gegensatz dazu fördern die VAE – auch militärisch5 – lokale Akteure, die mal staatlich, mal parastaatlich, manchmal nach Autonomie strebend oder offen sezessionistisch sind, etwa die Libysche Nationalarmee unter Chalifa Haftar und die Rapid Support Forces (RSF) im Sudan. Ebenso unterstützen die VAE neben Somaliland und Puntland auch die teilautonome Region Jubaland im Süden Somalias.
Diese Politik hat zu angespannten Beziehungen zu Mogadischu geführt einschließlich mehrerer diplomatischer Krisen. Im vergangenen Januar kündigte der somalische Präsident Hassan Sheikh Mohamud alle mit den VAE geschlossenen Verteidigungs- und Sicherheitsabkommen und warf der Regierung in Abu Dhabi vor, sie habe die Annäherung Somalilands an Israel begünstigt.
Aus den Initiativen der VAE lässt sich zwar keine kohärente Doktrin ableiten, aber ihr Ziel lässt sich klar erkennen: Die Emirate wollen sich den Zugang zu Handelsrouten und wichtigen Rohstoffvorkommen, insbesondere Gold, sichern, ihr internationales Ansehen steigern und sich als führendes Logistikzentrum der Region etablieren.
Der US-israelische Angriff auf Iran Ende Februar brachte Saudi-Arabien und die VAE zwar dazu, sich besser abzustimmen. Das bedeutet aber nicht, dass beide Länder ihre strategischen Differenzen am Horn von Afrika beigelegt hätten. Während Saudi-Arabien in der Nachbarschaft eher auf Deeskalation und die Unterstützung anerkannter staatlicher Kräfte setzt, verfolgen die VAE einen interventionistischen Ansatz und eine immer stärkere Annäherung an Israel.
Die Interessen Saudi-Arabiens und der VAE in der Region sind zudem mit denen zahlreicher anderer Akteure verflochten, etwa Katars, aber auch der Türkei, Ägyptens und Pakistans. Mit diesen drei Ländern hat Saudi-Arabien im März einen Konsultationsmechanismus eingerichtet, um sich in der Bewältigung regionaler Krisen besser abzustimmen (siehe den Beitrag auf Seite 4). Alle vier unterstützen die territoriale Integrität Somalias und blicken besorgt auf eine mögliche israelische Militärpräsenz an der Küste Somalilands.
Die Huthis wiederum drohen mit Angriffen gegen das Gebiet, sollte Israel dort tatsächlich Truppen stationieren. Offene Drohungen gegen die Regierung in Hargeisa kommen auch von der somalischen Rebellenbewegung al-Shabaab. Der Al-Qaida-Ableger kontrolliert weite Teile Süd- und Zentralsomalias bis an die Grenzen Somalilands, wo er Terrorakte verüben könnte.
Unabhängig von den Vorteilen, die das Bündnis mit Israel und den VAE hat, kämpft der kleine, selbst ernannte Staat mit großen Problemen. Ein Teil seines östlichen Staatsgebiets (das an Puntland grenzt) spaltete sich 2025 ab und schloss sich unter dem Namen Waqooyi Bari der Bundesrepublik Somalia an. Die Regierung in Mogadischu unterstützt die Verwaltung dieser neuen Provinz und versucht so, das Projekt Somaliland zu untergraben.
Beide Konfliktparteien pflegen eine aggressive Rhetorik, und doch gab es in den letzten 15 Jahren mehrere Versuche, einen Dialog in Gang zu bringen. Zum ersten Mal trafen sich die Staatschefs von Somaliland und Somalia 2012 in Dubai. Weitere Treffen fanden in der Türkei, in Äthiopien und Ende 2023 in Dschibuti statt.
Die Anerkennung Somalilands durch Israel macht die Wiederaufnahme dieses Dialogs jedoch praktisch unmöglich. Eine direkte militärische Konfrontation bleibt dennoch unwahrscheinlich angesichts der begrenzten Kapazitäten der somalischen Streitkräfte, die im restlichen Staatsgebiet stark gebunden sind.
Denn auch Somalia steht vor großen Herausforderungen. Präsident Mohamud muss mit den Vorstößen der al-Shabaab fertigwerden und zugleich versuchen, die Kontrolle über die Provinzen Puntland und Jubaland aufrechtzuerhalten, deren Verwaltungen die Zusammenarbeit mit der Bundesregierung eingestellt haben. Die Regierung in Mogadischu unternimmt deshalb nun alles, um dort ihre Autorität mit Gewalt durchzusetzen.
Zudem befindet sich Somalia in einer schweren politischen und institutionellen Krise, seit die Amtszeit von Präsident Mohamud am 15. Mai abgelaufen ist, die Wahlen jedoch verschoben wurden. Am 3. Juni ging die Regierung in der Hauptstadt mit teils schweren Waffen aus türkischer Produktion gegen Oppositionspolitiker vor, die Proteste vorbereiteten.
Mohamud ist auf seine Verbündeten – insbesondere die Türkei und Katar – angewiesen, um an der Macht zu bleiben. Die Türkei ist in Somalia stark vertreten: Die Unternehmen Albayrak Group und Favori LLC betreiben den Hafen und den Flughafen von Mogadischu. Die türkische Regierung unterhält dort zudem ihren größten Militärstützpunkt im Ausland, und nördlich von Mogadischu errichtet sie einen Satellitenstartplatz und eine Testanlage für ballistische Raketen.
Auch Ägypten ist zu einem wichtigen Partner der somalischen Regierung geworden. Vor dem Hintergrund des Streits mit Äthiopien über die Grand-Ethiopian-Renaissance-Talsperre am Blauen Nil hat sich die ägyptische Regierung zudem Eritrea und Dschibuti angenähert. Der Sprecher des äthiopischen Außenministeriums protestierte im Mai 2026 gegen diese „Einkreisungsstrategie“, wie er es nannte.
Im Sudan wiederum steht Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi genau wie der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman auf der Seite der regulären Armee von General Abdel Fattah al-Burhan und kritisiert Äthiopien dafür, die sudanesischen RSF von General Mohammed Hamdan Daglo zu unterstützen. Ihnen sollen die VAE ein Ausbildungszentrum auf äthiopischem Boden finanziert haben.
Die Staatschefs Äthiopiens und der VAE sind sich also in Bezug auf den Sudan und Somaliland einig, auch wenn keiner von beiden die offizielle Anerkennung des Landes plant. Gleichwohl kann Äthiopien nicht als Teil einer Achse Israel–VAE gelten, denn das Land unterhält zugleich auch enge Beziehungen zu Staaten, die den israelisch-emiratischen Bestrebungen entgegenstehen. Insbesondere baut es die wirtschaftlichen Beziehungen zur Türkei und zu China aus – zwei der wichtigsten Investoren im Land – und steht im ständigen Dialog mit Saudi-Arabien.
Die Staaten am Horn von Afrika sind mehr als ein Schauplatz neoimperialistischer Ambitionen. Vielmehr nutzen Regierungen, bewaffnete Gruppen und lokale Machthaber die zwischenstaatlichen Rivalitäten im Nahen Osten aus, um an finanzielle, militärische und diplomatische Ressourcen zu gelangen. Auch das kleine Territorium Somaliland versucht, aus dieser komplexen Dynamik Vorteile zu ziehen.
Die Partnerschaft mit Israel soll ihm internationale Anerkennung verschaffen. Doch zugleich entfremdet es sich dadurch von mehreren regionalen Akteuren, die die somalische Souveränität unterstützen und Israel feindlich gesinnt sind. Angesichts dieser Gesamtlage könnte sich das Bild von der „Insel der Stabilität“, das Somaliland gern von sich vermittelt, schon bald als Illusion entpuppen.
1 Siehe Gérard Prunier, „Somaliland hat es besser“, LMd, Oktober 2010.
3 Siehe Karim Émile Bitar, „Der Feind meines Feindes“, LMd, Mai 2026.
Aus dem Französischen von Nicola Liebert
Brendon Novel ist Afrikaexperte am Centre d’études et de recherches internationales de l’Université de Montréal (Cérium).


