El Niño und die Hungersteine
von Mohamed Larbi Bouguerra

Am Meeresufer zieht sich das Wasser in der Brandung zwischen zwei Wellen eigentlich zurück. Für die Hitzewellen in diesem Sommer galt das leider nicht. Sie waren eher wie eine Überflutung. Zeitweise herrschten auf bis zu 40 Prozent der Gesamtfläche Frankreichs Temperaturen von über 40 Grad. Das Land verwandelte sich in einen Glutofen, manchmal im wahrsten Sinne des Wortes: Riesenbrände, die in der Lage sind, ein eigenes Klimaphänomen zu erzeugen, haben mit ihren Flammen fast hunderttausend Hektar verwüstet. Das gab es noch nie. In Spanien ist die verbrannte Fläche fast doppelt so groß. Ganz Westeuropa ist betroffen.
„Glücklicherweise wird es Herbst!“, beruhigen uns die Meteorologen und vermelden erleichtert sinkende Temperaturen. Das Schlimmste sei überstanden. Tatsächlich geht es jetzt erst richtig los.
In den Flussbetten von Elbe, Donau und Rhein wurden durch die sinkenden Wasserpegel die Hungersteine mit den eingeritzten Jahreszahlen 1616, 1746, 1842 oder 1904, als extreme Trockenheit herrschte, und der Mahnung „Wenn du mich siehst, dann weine“ freigelegt.1 Am 16. August meldete der Copernicus Atmosphere Monitoring Service, dass Rhein, Themse und Po seit Beginn der Aufzeichnungen vor 34 Jahren noch nie so wenig Wasser geführt hätten wie in diesem Juli.

In Frankreich hängt die Seine, die sich aus den Stauseen an ihrem Oberlauf und den Nebenflüssen in der Champagne und im Burgund speist, gewissermaßen am Tropf. Bei 40 Prozent der beobachteten Bäche ist der Wasserfluss unterbrochen, und in 92 Départements wurde die Wassernutzung eingeschränkt. Die Auswirkungen auf die europäische Landwirtschaft sind dramatisch.
Allein das französische Landwirtschaftsministerium beziffert den Ernterückgang bei Mais für 2026 auf 35 Prozent; seit 1980 wurde nicht mehr so wenig Mais geerntet. Bei manchen landwirtschaftlichen Produkten könnte es sogar zu einem Mangel kommen, befürchtet Cyril Pogu, stellvertretender Vorsitzender des französischen Gemüsebauernverbands: „Wir verzeichnen sehr große Verluste von bis zu 100 Prozent bei Salaten, Brokkoli, Lauch, Kohl und Rettich.“2
Nach den verheerenden Auswirkungen der Kriege Russlands gegen die Ukraine sowie der USA und Israels gegen Iran auf die weltweite Nahrungsmittelversorgung verdüstern sich nun die Aussichten noch weiter. Vor dem Krieg stammte fast die Hälfte des nach Europa importierten Getreides und ein Viertel des Geflügels aus der Ukraine.3 Russland und die Ukraine zusammen stellten 30 Prozent der weltweiten Exporte von Weizen und fast ebenso viel von Gerste.
Russland greift unvermindert ukrainische Schiffe an und blockiert mit seinen Luftangriffen die Schwarzmeerhäfen, über die in den Vorkriegsjahren 90 Prozent der landwirtschaftlichen Exporte aus der Ukraine verschifft wurden.4 Inzwischen schlägt Kyjiw zurück und greift seinerseits russische Häfen und Getreidesilos an. Die Handelsströme für Getreide sind dadurch erheblich gestört.
Hinzu kommt seit der Blockade der Straße von Hormus, dass auch Rohstoffe wie Helium fehlen, die dringend gebraucht werden, um Düngemittel herzustellen. Infolge der iranischen Vergeltungsschläge wurden außerdem Produktionsanlagen beschädigt oder mussten stillgelegt werden. Das heißt, dass es nach der – bislang nicht absehbaren – Aufhebung der Blockade vermutlich immer noch zu Engpässen kommen wird. Weltweit sind die Preise für Dünger und Getreide in die Höhe geschnellt und ist die Produktion zurückgegangen.
Schon vor Beginn der Hitzewellen auf der Nordhalbkugel in diesem Sommer hat Máximo Torero, der aktuelle Chefökonom der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), vor den Folgen des Kriegs gegen Iran gewarnt, der „eine der folgenreichsten Erschütterungen des globalen Warenaustauschs der letzten Jahre“ ausgelöst habe. „Dies wird besorgniserregende Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit, die landwirtschaftliche Produktion und die Weltmärkte haben.“5
Iran, Saudi-Arabien, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Bahrain lieferten zusammengenommen bislang über ein Drittel des weltweit verbrauchten Stickstoffdüngers. Daneben bestreitet die Golfregion auch fast die Hälfte des Welthandels mit Schwefel. Kürzlich hat der US-Düngemittelkonzern The Mosaic Company verkündet, er werde wegen der massiven Preiserhöhungen für Schwefel die Produktion von Phosphatdünger in den USA und Brasilien herunterfahren.6 Denn natürliches Phosphat, zum Beispiel aus den Minen in Marokko, muss für die Herstellung von wertvollem Dünger wie Superphosphat mit Schwefelsäure aufgeschlossen werden.
Für Torero ist die Blockade der Straße von Hormus „nicht nur ein Energieschock, sondern eine systemische Erschütterung, die das weltweite landwirtschaftliche Produktionsnetz insgesamt in Mitleidenschaft zieht“. Die ägyptische Weizenproduktion, der indische Reisanbau und Exportländer wie Brasilien sind davon betroffen, ganz zu schweigen von den Ländern der Subsahara, die stark von Düngemittelimporten abhängig sind, wie Somalia, Tansania, Mosambik, Kenia und andere.
Auch Südasien ist einem extremen Risiko ausgesetzt. Die Landwirte in Ländern wie Pakistan und Bangladesch, die im Unterschied zu denen in reicheren Ländern die hohen Preise für Dünger nicht bezahlen können, mussten nun bereits auf ausgelaugten Böden pflanzen. Und die afrikanischen Kleinbauern, die 70 Prozent der Nahrungsmittel Subsahara-Afrikas produzieren, sind sogar in ihrer Existenz gefährdet.
Der Ernst der Lage lässt sich auch daran ablesen, dass China den Export der entsprechenden Rohstoffe begrenzt hat und die australischen Getreidebauern bereits ihre Anbauflächen verringert haben. Die US-amerikanischen Mais- und Sojabauern haben sich direkt an Präsident Trump gewandt und fordern Unterstützung.7 Inzwischen hat die US-Regierung deshalb die Sanktionen gegen Düngemittel aus Belarus und Venezuela aufgehoben. Aber das reicht den US-Farmern nicht. Sie fordern, dass auch die Zölle auf marokkanische Superphosphate zurückgenommen werden.
Und das Schlimmste kommt noch. Das ist weder ein neuer Krieg noch eine nächste Hitzewelle, sondern das extreme Wetterphänomen El Niño, das etwa alle vier Jahre auftritt. Dieses Jahr droht es besonders gefährlich zu werden.
Infolge der steigenden Wassertemperaturen im Pazifik brechen gleichzeitig in verschiedenen Teilen der Welt Naturkatastrophen aus: sintflutartige Regenfälle auf dem amerikanischen Kontinent, Dürren und Brände in Australien und Südostasien sowie Taifune in ganz Ostasien und Ozeanien.
Den schlimmsten registrierten El Niño gab es vor mehr als einhundert Jahren, von 1876 bis 1878. Damals kam es in China, im südlichen Afrika, in Brasilien, in Ägypten und in Indien zu katastrophalen Dürren. Indien, das damals auch noch von der britischen Kolonialmacht ausgebeutet wurde, hatte mehr als sechs Millionen Hungertote zu beklagen.
Der kommende El Niño, der zwischen Oktober und Dezember beginnen und bis ins Frühjahr 2027 dauern soll, könnte noch heftiger ausfallen.
In Peru hat er bereits zugeschlagen: Wegen der ungewöhnlich hohen Wassertemperaturen im Pazifik haben die Behörden die Sardellenfischerei verboten – und Sardellen gehören hier zu den Grundnahrungsmitteln. Seitdem hat sich der Preis für Fischmehl verdoppelt, und Fischöl ist sogar dreimal teurer geworden. In Indien und Indonesien, den großen Produktionsländern von Robusta-Kaffee, werden Hitzeschäden erwartet; in Vietnam könnte es die Wasserspeicher treffen, die traditionell für die Bewässerung der Kaffeesträucher genutzt werden. Damit wäre die Ernte 2027/2028 gefährdet.8
Mehrere hundert Millionen Menschen könnten in diesem Jahr von extremer Nahrungsmittelunsicherheit bedroht sein. In den ohnehin am meisten gefährdeten Regionen der Welt könnten viele verhungern. Andere werden an den Folgen der Umweltverschmutzung durch die aktuellen Kriege und Hitzewellen erkranken, unter anderem durch Gase, Feinstaub oder krebserregende Stoffe, die nach Bränden oder einer Ölpest in die Umwelt gelangen.
Doch das Bild wäre ohne eine weitere menschengemachte Geißel unvollständig: die Spekulation von Kapitalanlegern auf den Märkten für Nahrungsmittel. „Die Akteure, die die Finanzmärkte für landwirtschaftliche Produkte beherrschen, verschärfen die Folgen der Krisen und ziehen genau daraus ihren Profit“, schrieb CCFD-Terre Solidaire, Frankreichs älteste NGO zur Bekämpfung des weltweiten Hungers, im zweiten Jahr des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine: „Wir kennen diese alarmierende Tendenz nur allzu gut; sie wird durch die voranschreitende Deregulierung der Märkte begünstigt, die der Finanzialisierung unserer Nahrungsmittelversorgung mit ihren verhängnisvollen Konsequenzen den Weg bereitet hat.“9
Man kann sicher nicht damit rechnen, dass die üblen Geschäftemacher auf ihre Profite verzichten werden, selbst wenn sie durch sie die Ärmsten der Welt dem Hunger ausliefern. „Über den Hunger muss man reden“, schrieb der französisch-italienische Schriftsteller Louis Calaferte (1928–1994), der einen autobiografischen Roman über das Elendsviertel seiner Kindheit verfasst hat: „Wenn man immerzu Hunger hat, wenn der nervenaufreibende Hunger sich an einen festklammert, dann akzeptiert man irgendwann von allen alles. Die ganze Existenz ist plötzlich auf eine anständige Mahlzeit ausgerichtet. Daraus wird eine Obsession. Man verliert dabei seine Würde, seine Ehre und seinen Stolz.“10
Was in den nächsten Monaten auf uns zukommt, ist nicht die Folge irgendeines unabwendbaren Schicksals. Es ist die logische und erwartbare Folge eines gesellschaftlichen Organisationsmodells und politischer Entscheidungen in voller Kenntnis der Sachlage.
Wie lange wollen wir denn noch so weitermachen?
Aus dem Französischen von Brita Wagener
Mohamed Larbi Bouguerra ist ehemaliger Forschungsdirektor beim CNRS sowie Mitglied der Akademie der Wissenschaften Bait al-Hikma (Karthago). Er dankt Éléonore Guillemin-Baulny für ihre Mitarbeit an diesem Artikel.


