13.08.2026

Ein gutes Spiel

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Ein gutes Spiel

Wie ich den Frauenfußball nach Iran zurückbrachte

von Roxanne Varzi

Roxanne Varzi (am Ball) Mitte der 1980er Jahre in Michigan CHARLOTTE VARZI
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Reza schaute auf meine Doc Martens und fragte, ob ich damit auch rennen könne. Ich dachte, er meint, falls wir als Unverheiratete draußen von der Sittenpolizei erwischt würden. Ich war nur allzu bereit davonzulaufen, meinetwegen auch vor der Sittenpolizei. Seit Wochen war ich im Haus meines Onkels eingesperrt und wollte endlich das Teheran jenseits der Gartenmauer entdecken.

Meine 12-jährige Cousine ging jeden Morgen allein zur Schule. Doch für mich, die 20-jährige Verwandte aus den USA, war die Stadt „nicht sicher“. Ich sprach 1991 weder fließend Farsi, noch war ich mit islamischen Umgangsformen vertraut. Und wie man sich die Sittenpolizei vom Leib hält, wusste ich schon gar nicht.

Meine einzigen Kontakte zur Außenwelt waren meine Familie und deren Freunde, die einmal in der Woche zum Mittagessen kamen – ein Ritual, das mein Großvater lange vor meiner Geburt eingeführt hatte. Das letzte Mal war ich 1979 dabei gewesen; dann platzte die Islamische Revolution in meine beschauliche amerikanisch-iranische Kindheit.

Als ich zwölf Jahre später meinem iranischen Vater erzählte, dass ich als Fulbright-Stipendiatin nach Teheran zurückkehren wollte, war er entsetzt: „Leute in deinem Alter würden alles dafür tun, das Land zu verlassen. Und du willst freiwillig hin.“ Doch ich wollte keine Lehnstuhlethnologin werden und mir nicht länger das Gerede anhören, die Iraner seien alle Terroristen.

Also buchte ich einen Flug nach Teheran – nur um dort in einem sicheren Lehnstuhl zu landen. Das bourgeoise Möbel im Louis-seize-Stil im Haus meines Onkels, wo ich von freundlichen und fürsorglichen Menschen umgeben war, die mir jede Menge Ratschläge gaben: „Roksana, wenn dich jemand danach fragt, sagst du, du seist Kana­dierin“, oder: „Sprich lieber nicht mit diesem Nachbarn, der arbeitet vielleicht für den Geheimdienst“, oder: „Du musst langsamer gehen, sonst merkt man gleich, dass du Ausländerin bist.“

Bis sich Reza meiner erbarmte. Er war in meinem Alter und genoss das uneingeschränkte Vertrauen meines Onkels. Für mich war er wie ein Cousin. Er lud mich in seinen schallisolierten Partykeller ein, mit verdunkelten Fenstern seit dem Krieg gegen Irak, der vor drei Jahren zu Ende gegangen war. Wir tanzten zu Deep Purple und den Dire Straits.

Doch als Amerikanerin, die Max Webers „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ wie ein Selbsthilfebuch las, war ich auf der Suche nach einer sinnvollen Tätigkeit. Ich wollte ein nützliches Mitglied der Gesellschaft sein und mehr Leute kennenlernen. Reza fuhr mit mir zur ­Alzahra-Universität, wo meine amerikanische Mutter als Chemikerin geforscht hatte, nachdem sie 1967 als Stipen­dia­tin nach Teheran gekommen war. Reza führte mich in eine riesige leere Sporthalle. Das helle, frisch gewienerte Parkett und die mobilen Zuschauertribünen erinnerten mich an die Turnhallen meiner Schulzeit. Reza lächelte verschmitzt: „Ich hoffe, du kannst wirklich Fußball spielen, Roksana.“

Er zeigte auf einen platten Ball, und mein Heimweh löste sich augenblicklich in Luft auf. Meiner Mutter und der US-Ethnologin Margaret Mead zufolge war das beste Mittel gegen Heimweh ein Gottesdienst, weil sich die Ri­tua­le überall auf der Welt glichen. Meine Religion war Fußball: ein vertrauter ­Safe Space, wo Grenzen und Sprachbarrieren keine Rolle spielen und für alle dieselben Regeln gelten – jedenfalls bis zur letzten WM, bei der die iranische Mannschaft ohne Ende schikaniert und eine Rote Karte gegen das US-Team nach Trumps Intervention annulliert wurde.

Voller Anmut und Gelassenheit

Michigan war Anfang der 1980er Jahre kein guter Ort für ein iranisches Kind. Während des monatelang andauernden Geiseldramas in der US-Botschaft in Teheran hingen überall an den Bäumen gelbe Schleifen, und auf den Autos klebten in Anlehnung an den Song „Barbara Ann“ von den Beach Boys Sticker mit der Parole „Bomb bomb bomb / bomb bomb Iran“. Wirklich sicher und unbeschwert fühlte ich mich nur in den wenigen glücklichen Stunden der Woche, wenn ich auf einer Rasenfläche einem Ball hinterherlief und wir Mädchen uns am Ende abklatschten und atemlos für ein „gutes Spiel“ bedankten. Dank Fußball war ich Teil eines Teams und hatte für ein paar Stunden sogar einen Ersatzpapa; mein eigener war damals noch in Iran.

„Deine neue Trainerin“, stellte mich Reza einer schlanken, athletischen Frau vor, Sara, die eine schwarze Jogginghose von Adidas, ein langes Flanellshirt und ein locker gebundenes schwarzes Kopftuch trug. „Trainerin?“, presste ich hervor. – „Roksana hat in der ersten Collegeliga gespielt und ist eine zertifizierte Fifa-Schiedsrichterin“, strahlte Reza. Vielleicht hatte ich doch zu dick aufgetragen. Aber es hatte auch niemand nachgefragt. Und so blieb unerwähnt, dass ich das ganze Jahr auf der Bank gesessen hatte.

„Was ist mit eurem alten Coach?“, erkundigte ich mich. – „Du bist der erste. Heute findet hier das erste Frauenmatch an dieser Universität statt und vielleicht sogar das erste in der Islamischen Republik“, antwortete Sara auf Finglish (ein Mix aus Farsi und Englisch) und lobte meine „Fußballer­beine“ – ein typisches Tarof-Kompliment (Höflichkeitsformel), weil meine Beine unter meinem langen schwarzen Mantel gar nicht zu sehen waren.

Dann schickte sie Reza weg und forderte mich auf, mein Kopftuch abzulegen: „Das ist schon okay, wir sind ja alles Frauen.“ Nachdem auch sie ihr Kopftuch abgelegt hatte, überreichte sie mir umstandslos den Ball. – „Der braucht Luft“, sagte ich und dachte, dass ich auch gut welche gebrauchen könnte. Im Geräteraum lagen auch nur platte Bälle. – „Erklär mir das Spiel“, sagte sie. – „Was genau?“ – „Alles.“ Ich hatte das Gefühl, als würde auch aus mir alle Luft entweichen.

Als wir die Bälle aufzupumpen anfingen, begann sich die Sporthalle zu füllen, lautstark wie vor einer Vollversammlung. „Die Fans“, erklärte Sara und schoss den Ball in die Luft, um zu testen, ob er prall genug war. – „Ihr habt auch Fans?“, stotterte ich, und mir brach der Schweiß aus. Dabei hatten wir noch gar nicht angefangen. – „Deine Fans. Neuigkeiten verbreiten sich schnell in Teheran“, fügte sie grinsend hinzu. „Komm“, sagte sie und marschierte in die Halle wie ein Preisboxer in den Ring.

„Das ist Roksana, eure neue Trainerin aus den USA“, rief sie und überreichte mir ihre Trillerpfeife. Ich dribbelte den Ball in die Mitte. Die Fans lehnten sich nach vorn – das Spiel begann.

Über 30 Jahre später fand Sara mich auf LinkedIn wieder. Sie war mittlerweile Professorin für Sportmanagement an der Allameh-Tabataba’i-Universität in Teheran und erzählte mir von ihrem neuen Buch, in dem es unter anderem um die Geschichte des Frauenfußballs in Iran geht.1 Und die begann, was ich überhaupt nicht wusste, 1991, als ich mit Saras Trillerpfeife zum Anstoß pfiff.

Unser Austausch fiel in eine Phase, in der ich mit meiner selbst gestellten Lebensaufgabe haderte: Ich hatte dazu beitragen wollen, dass sich sowohl die Verhältnisse in Iran als auch die Wahrnehmung Irans in den USA ändern würden. Ich war die erste Ethnologin gewesen, die nach 1979 ein Fulbright-Stipendium für Feldforschungen in Iran bekommen hatte.

Ich hatte über den Iran-Irak-Krieg geschrieben, die Entwicklung des islamischen Nationalstaats und den Alltag unter einem unbeliebten Regime (was inzwischen in gewisser Weise für meine beiden Heimatländer gilt). In all diesen Jahren hatte ich immer gehofft, es würde irgendwann zu einem gesellschaftlichen Wandel kommen.

Stattdessen befinden wir uns heute im Krieg gegen Iran. Meine ganze Arbeit kam mir wertlos vor – bis zu dem Tag, als mir Sara schrieb und ich erfuhr, dass ich vor vielen Jahren an einem Winternachmittag in Teheran tatsächlich etwas Gutes mit auf den Weg gebracht hatte. Und das auch nur, weil es damals einen Freund gab, der wusste, dass ich einsam war, etwas Nützliches tun und Leute kennenlernen wollte.

Es machte mich unglaublich glücklich, von Sara zu erfahren, dass etwas, was ich aus purem Vergnügen getan hatte, so viel Einfluss gehabt haben soll. Und dass ich weitergeben hatte können, was der Fußball mir gegeben hatte: die Kraft, einfach auf den Platz zu gehen und das bestmögliche Spiel zu machen, ein „gutes Spiel“, so wie die iranische Männernationalmannschaft es bei der diesjährigen WM getan hat.

Allen politischen Widrigkeiten zum Trotz – die iranischen Profifußballer mussten ihr Quartier in Mexiko aufschlagen und durften zu ihren ersten beiden Spielen in den USA erst am Vortag anreisen – absolvierten sie ihre Partie voller Anmut und Gelassenheit. Nach ihrem letzten Spiel gegen Bel­gien hinterließen sie in der Kabine eine handschriftliche Botschaft, in der sie sich für die Gastfreundschaft bedankte. Diese Mannschaft hat mehr für die Diplomatie und das Ansehen von Ira­ner:in­nen in der amerikanischen Öffentlichkeit erreicht als jedes akademische Buch oder jeder Politiker.

Und wenn Sara meint, ich hätte dem Frauenfußball in Iran nach der Islamischen Revolution zu einem Neustart verholfen, sage ich: Ich bin einfach nur da gewesen. Und das können wir alle tun: füreinander da sein und spielen. Es ist nicht wichtig, wer gewinnt. Was zählt, ist, dass wir, nachdem wir 90 Minuten gemeinsam über das Feld gerannt sind, dieselbe Luft geatmet und einander abgeklatscht haben, sagen können: Es war ein „gutes Spiel“.

1 Sara Keshkar, „Die Entstehung und Entwicklung des Frauensports im Iran von der Pahlavi-Ära bis heute“ (auf Farsi), Teheran (Andisheh Ara) 2025.

Aus dem Englischen von Dorothee D’Aprile

Roxanne Varzi ist Filmemacherin und Professorin für Ethnologie an der University of California, Irvine. Zuletzt erschien: „Silent Scream. A Nordic Non-Noir“, ­Irvine (Bouncing Box Press) 2025.

© LMd, Berlin

Le Monde diplomatique vom 13.08.2026, von Roxanne Varzi

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