Der befreite Körper
Eine Hommage an Magnus Hirschfeld und Friedrich Wolf, zwei Wegbereiter der sexuellen Emanzipation in Deutschland
von Sonia Combe

Die Zeit scheint stillzustehen in Lehnitz, keine Stunde mit der S-Bahn von Berlin entfernt. Inmitten eines Waldes führen Kopfsteinpflasterstraßen zu von Birken umgebenen Villen.
Am Anfang der Ernst-Thälmann-Straße erinnert eine Stele an die Opfer des Nationalsozialismus. Die Straße ist nach dem Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) benannt, der am 18. August 1944 im Konzentrationslager Buchenwald ermordet wurde. An der Kreuzung Friedrich-Wolf-/Magnus-Hirschfeld-Straße steht ein Gedenkstein für das Ehepaar Julius und Ethel Rosenberg. Die beiden wurden nach einem umstrittenen Schauprozess wegen Rüstungsspionage für die Sowjetunion am 19. Juni 1953 in den USA hingerichtet.
In Lehnitz wie andernorts in der früheren DDR hat man sich nicht an den vielen Straßenumbenennungen nach der Wende beteiligt. Auch das frühere Wohnhaus von Friedrich Wolf (1888–1953) und heutige Museum für den Arzt und Schriftsteller ist in seiner Originaleinrichtung in der denkmalgeschützten Waldsiedlung am Alten Kiefernweg 5 nahezu vollständig erhalten geblieben. Die Magnus-Hirschfeld-Straße wiederum führt zum einstigen Jüdischen Genesungsheim, das am 9. November 1938 von Nationalsozialisten verwüstet wurde – wie zahllose Geschäfte, Synagogen und Institutionen in jener deutschen Pogromnacht.

Als die Rote Armee 1945 Lehnitz erreichte, hatten viele Bewohner:innen das Dorf bereits verlassen. Auch die Häuser in der Waldsiedlung, die Gefangene des nahe gelegenen KZs Sachsenhausen für Offiziere der Luftwaffe hatten bauen müssen, standen leer. Nachdem Friedrich Wolf aus dem sowjetischen Exil zurückgekehrt war, zog er 1948 in die Waldsiedlung, die die Sowjetische Militäradministration konfisziert und danach der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) übergeben hatte. Dort lebte er bis zu seinem Tod.
Zwei seiner später ebenfalls berühmt gewordenen Söhne waren kurz vor ihm aus Moskau nach Deutschland zurückgekehrt – Markus („Mischa“) als Kriegsreporter und Konrad als Soldat der Roten Armee. Konrad Wolf (1925–1982) wurde Regisseur („Solo Sunny“) und war ab 1965 bis zu seinem Tod Präsident der Akademie der Künste der DDR; Markus Wolf (1923–2006) leitete mehr als 30 Jahre lang den Auslandsgeheimdienst der DDR.
Magnus Hirschfeld (1868–1935), der Pionier der Sexualforschung und wie Friedrich Wolf jüdischer Herkunft, hatte Deutschland schon 1930 verlassen, weil er sein Leben bedroht sah. Er starb 1935 im Exil in Nizza. Es ist nicht überliefert, wer schon kurz nach dem Krieg dafür gesorgt hat, dass in Lehnitz eine Straße nach ihm benannt wurde. Denkbar ist, dass es Friedrich Wolf war, der unter anderem als Gutachter für Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft tätig gewesen war. Beide Ärzte hatten sich jahrelang, wenn auch auf unterschiedliche Weise und stets solidarisch miteinander, für das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung eingesetzt.
Hirschfeld kämpfte als Wissenschaftler für die Entkriminalisierung von Homosexualität und die Streichung des Paragrafen 175 aus dem Strafgesetzbuch. Friedrich Wolf engagierte sich als Schriftsteller und Arzt für die Aufhebung des Paragrafen 218, der Schwangerschaftsabbrüche verbietet. Beide Paragrafen waren 1871 nach der deutschen Reichsgründung ins neue Strafgesetzbuch aufgenommen worden.
Die staatlich gelenkte Körperpolitik wurde nicht in Deutschland erfunden, doch hier formierte sich der erste Widerstand dagegen. Ein prominenter Unterstützer Wolfs und Hirschfelds war etwa der Sozialdemokrat August Bebel (1840–1913). Der Vorreiter im Kampf gegen den Antisemitismus und Verfasser der berühmten Streitschrift für die Frauenemanzipation „Die Frau und der Sozialismus“ (1879) unterzeichnete sämtliche Petitionen der beiden Ärzte für die Aufhebung der Paragrafen 175 und 218.
Im Juli 1919 eröffneten Magnus Hirschfeld und seine Mitarbeiter:innen in einem Berliner Palais das weltweit erste Institut für Sexualwissenschaft. Vorläufer war das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK), das 1897 in Hirschfelds Charlottenburger Wohnung gegründet worden war.1 Von der offiziellen Eröffnungsfeier nahm die Presse kaum Notiz, und weil das Institut mitsamt seinem Archiv bereits im Mai 1933 von den Nazis zerstört wurde, ist über den Ablauf der Eröffnung fast nichts bekannt. Man weiß lediglich, dass die Feier mit einem Vortrag von Leo Gollanin begann, dem späteren Kantor der reformorientierten Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße.
Eine der ersten Reichstagspetitionen des WhK wurde 1904 von 750 Gymnasialdirektoren und 2800 Ärzten unterzeichnet. Im selben Jahr veröffentlichte Hirschfeld seine Studie „Berlins Drittes Geschlecht“, wobei er, um sich nicht angreifbar zu machen, betonte, dass es ihm nicht darum gehe, Homosexualität zu rechtfertigen: „Man hat gelegentlich die Befürchtung ausgesprochen, es könnte durch populäre Schriften für die Homosexualität selbst ‚Propaganda‘ gemacht werden. So sehr eine gerechte Beurteilung der Homosexuellen angestrebt werden muß, so wenig wäre dieses zu billigen. Die Gefahr liegt aber nicht vor. Die Vorzüge der normalsexuellen Liebe, wie sie – um nur von vielen einen zu nennen – vor allem im Glücke der Familie zum Ausdruck gelangen, sind denn doch so gewaltige, die Nachteile, die aus der homosexuellen Anlage erwachsen, so außerordentliche, daß, wenn ein Wechsel der Triebrichtung möglich wäre, er gewiß für die Homosexuellen, nicht aber für die Normalsexuellen in Betracht kommen würde.“
Die Großstadt sah er als Zufluchtsort: „Es ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, daß in Berlin mehr Homosexuelle geboren werden wie in der Kleinstadt oder auf dem Lande, doch liegt die Vermutung nahe, daß bewußt oder unbewußt diejenigen, welche von der Mehrzahl in nicht erwünschter Form abweichen, dorthin streben, wo sie in der Fülle und dem Wechsel der Gestalten unauffälliger und daher unbehelligter leben können. Das ist ja gerade das Anziehende und Merkwürdige einer Millionenstadt, daß das Individuum nicht der Kontrolle der Nachbarschaften unterliegt, wie in den kleinen Orten, in denen sich im engen Kreise die Sinne und der Sinn verengern.“2
Nach 1919 wurde das politische Engagement des WhK fortgesetzt, doch darüber hinaus trug die Forschung des Instituts dazu bei, dass sich die Sexologie als wissenschaftliche Disziplin etablieren konnte. So setzte sich die Erkenntnis durch, dass Homosexualität keine sexuelle Abweichung darstellt, sondern nur eine andere Form von Sexualität ist. Die sexuelle Identität – so Hirschfelds eigene Formulierung – sitze nicht in den Hoden oder Eierstöcken, sondern im Kopf. In Studien des Hirschfeld-Instituts wurde auch die Binarität hinterfragt und damit der Weg zur Anerkennung von trans Identitäten angebahnt.
Ausführlich untersucht wurde auch die Theorie der Intersexualität am Fall Karl M. Baer (1885–1956), eines Mannes, der bei der Geburt wegen uneindeutiger Geschlechtsmerkmale dem weiblichen Geschlecht zugeordnet worden war. Der Berliner Anwalt Sammy Gronemann hatte 1906 mit Unterstützung Hirschfelds und dessen Kollegen Iwan Bloch in einem Präzedenzfall vor Gericht die Änderung von Martha Baers Personenstandseintrag in Karl M. Baer erstritten. Baer wurde ermuntert, seine leidvollen Erfahrungen aufzuschreiben, die 1907 unter dem Pseudonym N. O. Body erschienen: „Aus eines Mannes Mädchenjahren“ wurde noch vor dem Ersten Weltkrieg in sieben Auflagen nachgedruckt.3
Der Fall Baer erinnert an den Fall Herculine Barbin, den Michel Foucault in einem medizinischen Archiv aus dem 19. Jahrhundert entdeckt hatte.4 Herculine verliebte sich an der Mädchenschule, an der sie unterrichtete, in eine junge Kollegin, die ihre Gefühle erwiderte. Als die Liebesbeziehung aufgedeckt wurde, vertraute sich Herculine einem Priester an und äußerte Zweifel an ihrer sexuellen Identität. Nach einer ärztlichen Untersuchung wurde sie per Gerichtsbeschluss in den männlichen Personenstand überführt und verließ als Abel Barbin Freundin und Heimat. In Paris folgten jedoch sozialer Abstieg, Einsamkeit und Armut. Am Ende nahm sich Barbin das Leben.
Noch mehr Ähnlichkeiten mit Baers Geschichte hat indes der viel ältere Fall Anne Grandjean, über den Foucault in seinen Vorlesungen am Collège de France Anfang 1975 berichtete.5 Bekannt geworden ist er durch die Denkschrift des Advokaten Vermeil, der Grandjean 1765 verteidigte: eine als Frau geborene Person, die als Mann lebte und mit einer Frau verheiratet war. In Jean-Claude Monods Verfilmung der historischen Episode unter dem Titel „Un jour fille“ (2023, international „Girl for a Day“) hält der Advokat, der von Thibault de Montalembert dargestellt wird, ein erstaunlich modernes Plädoyer.
Karl M. Baer wiederum war nach seiner Transition zweimal verheiratet und wurde später Mitarbeiter der Berliner jüdischen Gemeinde. Zuvor, noch als Marta, hatte er im Auftrag der Wohlfahrtsorganisation B’nei B’rith in Lemberg den Mädchenhandel in Osteuropa bekämpft, der junge Jüdinnen betraf, die auf der Flucht vor Pogromen von Zuhältern nach Deutschland gelockt wurden. Erst 1938 entschloss sich Baer dazu, Berlin zu verlassen. Er ging nach Palästina und starb 1956 in Israel.6
Bis Hirschfeld ihm bestätigte, dass er ein Mann war, hatte sich Karl M. Baer für eine Frau gehalten und darunter gelitten, dass er sich zu Frauen hingezogen fühlte. Der Paragraf 175 kriminalisierte zwar nur Beziehungen zwischen Männern, aber gesellschaftlich geächtet waren auch lesbische Paare.
Baer hatte zwar weder angefangen zu menstruieren noch Brüste entwickelt, war dafür aber im Stimmbruch gewesen und hatte Bartwuchs. Doch wie hätte er sich zu einer Zeit und in einem Milieu, in dem Prüderie die Norm war, vorstellen können, dass er keine Frau war, wie es ihm von Geburt an eingetrichtert wurde? Erst Hirschfelds klinische Untersuchung offenbarte Baer, dass er ein Mann wie jeder andere war.
Der Sexualwissenschaftler soll ihm einen kleinen operativen Eingriff empfohlen haben, wofür es aber keinen Beleg gibt und was auch eher unwahrscheinlich ist. Hinweise auf erste geschlechtsangleichende Operationen gibt es erst für die Zeit nach der Institutsgründung und in Deutschland auch nur bis 1933. Die Nazis schlossen alle Kliniken, die solche Operationen durchführten. Viele Ärzte forschten im Exil weiter. Für Hirschfeld und seine Kolleg:innen war der operative Eingriff ohnehin das letzte Mittel, um Selbstverstümmelungen und Suizide zu verhindern. Außerdem verfügte Karl M. Baer ja schon über alle männlichen Geschlechtsmerkmale.
Was die sieben zwischen 1907 und 1914 erschienenen Auflagen von Baers Memoiren zweifelsfrei belegen, ist das große Interesse an Fragen der sexuellen Identität im wilhelminischen Kaiserreich. Auch Michel Foucault erwähnt in seiner Einleitung zu „Über Hermaphrodismus“, dass der Fall Barbin in Deutschland die größte Aufmerksamkeit auf sich zog.
Magnus Hirschfeld verfolgte mit seinem unermüdlichen Engagement stets zwei Ziele: dass die Gesellschaft ihr Vorurteil abbaut, Homosexualität sei eine Krankheit, und dass der Staat aufhört, Beziehungen zwischen Männern zu kriminalisieren. Dafür scheute er auch öffentliche Auftritte nicht. So spielte er etwa in Richard Oswalds Filmdrama „Anders als die Andern“, das 1919 in die Kinos kam, sich selbst: einen Arzt, der die Eltern über ihren Sohn aufklärt und vor Gericht ein Plädoyer für Toleranz hält.
Laut Hirschfelds erster Biografin Charlotte Wolff verfolgte er selbst bei privaten Besuchen jener Nachtlokale, die von der Sittenpolizei überwacht wurden, seine wichtigsten Ziele. Er versuchte die Polizeibeamten darüber aufzuklären, dass die Kriminalisierung die Männer erpressbar mache, was wiederum nicht wenige in den Selbstmord treibe.7
Zu den damals prominenteren Fällen in Deutschland gehört der Fall Friedrich Alfred Krupp, der sich 1902 nach einer Verleumdungskampagne umgebracht haben soll. Der Erbe des Stahlimperiums, der verheiratet war und auch Kinder hatte, hielt sich oft auf Capri auf und soll dort eine langjährige homoerotische Beziehung zu einem jüngeren Italiener gehabt haben. In der italienischen Presse wurde er als Päderast diffamiert; der sozialdemokratische Vorwärts, der Krupps Homosexualität zwar bestätigte, forderte jedoch in demselben Artikel die Abschaffung des Paragrafen 175. Dennoch machte Kaiser Wilhelm II. in seiner Trauerrede die Sozialdemokraten für Krupps Tod verantwortlich.
Hirschfeld wurde früh zur Leitfigur des homosexuellen Untergrunds. Schon 1895 verteidigte er etwa öffentlich den Schriftsteller Oscar Wilde, als diesem im viktorianischen England wegen „Unsittlichkeit“ der Prozess gemacht wurde, und unterstützte die deutsche Publikation von „Das Bildnis des Dorian Gray“. Nur bei seiner eigenen Homosexualität achtete Hirschfeld auf Diskretion. Sein erstes Buch „Sappho und Sokrates oder Wie erklärt sich die Liebe der Männer und Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts?“ veröffentlichte Hirschfeld 1896 unter dem Pseudonym Th. Ramien.
Nach 1919 wurde sein Institut auch zur Anlaufstelle für die Opfer von Erpressungen. Hirschfeld und seine Mitarbeitenden begleiteten die davon Betroffenen in den Prozessen gegen ihre Peiniger, wandten sich immer wieder öffentlich gegen den Paragrafen 175 und hielten Vorträge an Universitäten und bei Gewerkschaften. An ihrer Seite standen mitunter solidarische Polizeikommissare wie Hans von Tresckow oder Heinrich Kopp, die ihrerseits das Wort ergriffen.
So berichtet der junge französische Arzt Pierre Najac: „Die Doktoren Hirschfeld und Abraham werden zu Gerichtsverfahren wegen Vergehen oder Verbrechen aus Leidenschaft häufig als Sachverständige hinzugezogen: Verführung Minderjähriger, Exhibitionismus, Homosexualität, Mord. Sie sagen oft vor Gericht aus, nicht nur in Berlin, sondern in ganz Deutschland. Das Institut nimmt auch Hausgäste auf. Beide Psychotherapeuten leisten ein wohltätiges Werk und bescheinigen, dass die Angst dieser Menschen sich erheblich mindern lasse durch eine Namensänderung und dadurch, dass sie in der Öffentlichkeit die Kleidung des anderen Geschlechts tragen dürfen. Die deutsche Gerichtsbarkeit berücksichtigt diese Erklärungen: Sie erlaubt Männern, einen weiblichen Vornamen anzunehmen und Kleider zu tragen. Sie gestattet Frauen, einen männlichen Vornamen zu wählen und sich wie Männer zu kleiden.“8
Die Rede ist vom sogenannten Transvestitenschein, der in den 1920er Jahren von den Polizeibehörden häufiger ausgestellt wurde und möglicherweise auch Billy Wilder zu seiner Filmkomödie „Manche mögen’s heiß“ (1959) inspiriert hat, in der sich Tony Curtis und Jack Lemmon als Josephine und Daphne in Frauenkleidern vor der Mafia verstecken. Einschlägige Erfahrungen konnte Wilder in den 1920er Jahren in Berlin sammeln, als er unter anderem als Eintänzer im Hotel Adlon arbeitete.9
Ihren Ruf als Mekka der Schwulenszene verdankte die deutsche Hauptstadt zu der Zeit ganz wesentlich dem britischen Schriftsteller Christopher Isherwood und seinem autobiografischen Roman „Leb wohl, Berlin“ (1939), der 1972 von Bob Fosse unter dem Titel „Cabaret“ mit Liza Minnelli verfilmt wurde und zahlreiche Oscars gewann.
Isherwood, der eine Zeit lang selbst im Institut für Sexualwissenschaft gewohnt hatte, stellte eine interessante These auf: „War Berlins berühmte ‚Dekadenz‘ nicht hauptsächlich ein Reklamespruch, den die Berliner in ihrem Wettbewerb mit Paris instinktiv entwickelt hatten? Den heterosexuellen Mädchenmarkt hatte sich längst Paris unter den Nagel gerissen; was also konnte man da den Berlinbesuchern noch bieten außer einem Mummenschanz der Perversionen?“10
Dem anderen Berlin, das der Hinterhöfe im ostjüdisch geprägten Scheunenviertel mit seinen verlorenen Gestalten, hat wiederum Alfred Döblin ein Denkmal gesetzt in seinem berühmtesten Roman „Berlin Alexanderplatz“ (1929), der 1980 von Rainer Werner Fassbinder kongenial verfilmt wurde.
Auch wenn Magnus Hirschfeld seine eigene Homosexualität und jüdische Herkunft nicht thematisierte, um seine Arbeit nicht zu gefährden, fällt sein Wirken in die Epoche der sogenannten deutsch-jüdischen Symbiose. Dieses „zarte Pflänzchen“11 war allerdings stets gefährdet – auch nach der vollständigen rechtlichen Gleichstellung durch Artikel 136 der Weimarer Verfassung. Am eigenen Leib erfuhr Hirschfeld das 1920 in München, wo er Opfer eines antisemitischen Überfalls wurde. Danach verbrachte er immer häufiger Zeit im Ausland.
Er wurde auch offiziell in die Sowjetunion eingeladen, deren revolutionäre Errungenschaften er bewunderte, insbesondere die Entkriminalisierung von Homosexualität und Schwangerschaftsabbrüchen – Fortschritte, die Mitte der 1930er Jahre unter Stalin allerdings wieder einkassiert wurden. 1930 verließ Hirschfeld endgültig Deutschland und unternahm ausgedehnte Reisen durch Asien und den Nahen Osten, die er in dem Buch „Weltreise eines Sexualforschers“ verarbeitete.12
1999 hat der Aktivist und Regisseur Rosa von Praunheim Hirschfelds Leben und Wirken mit seinem Filmdrama „Der Einstein des Sex“ einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. In Berlin erinnern an Hirschfeld eine Gedenkstele in der Otto-Suhr-Allee, das Magnus-Hirschfeld-Ufer an der Spree mit zwei Gedenktafeln und natürlich die 1982 gegründete Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft.
Auch wenn die Sexualwissenschaft genauso wenig wie die Psychoanalyse eine „jüdische“ Wissenschaft ist, gehen beide auf Forscher:innen zurück, deren erzwungene Marginalität zum Motor wurde. Im soziokulturellen Schmelztiegel zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik entstand erstmals ein Freiraum für sexuelle Diversität, der für Menschen wie Karl M. Baer und andere überlebenswichtig war.
Friedrich Wolf seinerseits verhalf als Arzt und Autor einem anderen Kampf zu gesellschaftlicher Sichtbarkeit: Er engagierte sich für die Streichung des Paragrafen 218 aus dem Strafgesetzbuch. Wie Hirschfeld sprach Wolf auf Gewerkschaftsversammlungen. Dort soll er auch Verhütungsmittel verteilt haben, insbesondere der Firma Fromm, die ab 1919 das weltweit erste nahtlose Kondom aus Naturkautschuk herstellte. Nach einem Besuch der Fromm-Fabrik in Berlin-Köpenick verbürgte sich auch Magnus Hirschfeld für deren gute Qualität.
Wie Hirschfeld wuchs Friedrich Wolf in einer bürgerlichen jüdischen Familie auf. Er wandte sich früh der Homöopathie und Naturheilkunde zu und war ein Verfechter der Freikörperkultur. Im Ersten Weltkrieg war er zunächst als Truppenarzt an der Front eingesetzt, wurde jedoch wegen Antimilitarismus und Pazifismus in die Psychiatrie eingewiesen. Neben seiner Tätigkeit als Arzt widmete er sich früh dem Schreiben und führte auch Regie am Theater. 1928, im Alter von 40 Jahren, trat er der KPD bei.
Auch Wolf verwies eindringlich auf die durch den Strafparagrafen verursachten Notlagen. In seinem Stück „Cyankali“, das am 6. September 1929 am Berliner Lessingtheater uraufgeführt und schon ein Jahr später verfilmt wurde, wird die Leidensgeschichte einer jungen Arbeiterin erzählt, die am Ende infolge eines unsachgemäßen Schwangerschaftsabbruchs an einer Zyankalivergiftung stirbt. Zur Filmpremiere von „Cyankali“ im Berliner Kino Babylon hielt Hirschfeld den Einführungsvortrag. Die Theaterfassung tourte nach über 100 Aufführungen in Berlin durch weitere deutsche und Schweizer Städte, wo es laut Wolf regelmäßig zu „Theaterschlachten mit Gasbomben und Bierflaschenbombardement“ kam.13
Auch Wolfs Theaterstück „Professor Mamlock“, das er 1933 bereits im französischen Exil schrieb, wurde verfilmt. Es entfaltet das Schicksal eines jüdischen Klinikdirektors, der von den Nationalsozialisten in den Selbstmord getrieben wird. Die erste Verfilmung von 1938 wurde in Moskau produziert, die zweite von 1961 stammt von Wolfs Sohn Konrad.
Am 4. März 1933 floh Friedrich Wolf aus Deutschland. Bevor er in die Sowjetunion gelangte, suchte er in Frankreich Zuflucht, wo er allerdings von 1939 bis 1941 im Lager Le Vernet interniert war. Nach dem Krieg kehrte er nach Deutschland zurück. Zwischen 1949 und 1951 entsandte ihn die DDR als Botschafter nach Warschau. Die Personalie soll Präsident Wilhelm Pieck, der wie Wolf im Moskauer Exil überlebt hatte, gegen Stalins Willen durchgesetzt haben. Ebenfalls bemerkenswert ist, dass Pieck ausgerechnet einen jüdischen Verfechter des Schwangerschaftsabbruchs ins Nachkriegspolen schickte – ein Land, in dem die antisemitischen Pogrome so lange anhielten, bis die kommunistische Führung ihnen ein Ende setzte.
Der Kampf für die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen begann schon kurz nach der Einführung des Paragrafen 218 im Jahr 1871. Doch zu einer breiten Bewegung kam es in Deutschland erst, als Friedrich Wolf und seine Mitstreiterin, die Ärztin Else Kienle, im Februar 1931 wegen des Vorwurfs gewerblicher Abtreibungen in Stuttgart verhaftet wurden. Dank der riesigen Solidaritätskampagne, an der sich unter anderem Bertolt Brecht und der Herausgeber der Weltbühne Carl von Ossietzky beteiligten, kamen beide bald wieder auf freien Fuß – Kienle allerdings später als Wolf und erst, nachdem sie in einen lebensgefährlichen Hungerstreik getreten war.
Kurz vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten schien die Streichung des Paragrafen 175 zum Greifen nah. 1929 bereiteten die kommunistischen, sozialdemokratischen und bürgerlich-liberalen Abgeordneten im Strafrechtsausschuss eine entsprechende Abstimmung im Reichstag vor. Doch dann stürzte die Regierung, und es folgten die Präsidialkabinette unter Heinrich Brüning und Franz von Papen.14 Beide waren extrem konservativ und demzufolge strikt gegen eine Entkriminalisierung von Homosexuellen.
Auch der Abtreibungsparagraf 218 überlebte die Weimarer Republik und die NS-Diktatur. Der starken, von den Arbeiterparteien getragenen Bewegung war es nicht gelungen, seine Streichung noch vor dem verhängnisvollen Januar 1933 durchzusetzen.
Magnus Hirschfeld und Friedrich Wolf waren bereits tot, als die beiden Strafparagrafen endlich abgeschafft wurden. In der DDR war dies jeweils früher als in der Bundesrepublik der Fall. Die formale Aufhebung des Paragrafen 175 erfolgte hier 1968 (allerdings nicht in Bezug auf Minderjährige) – was auch dem Psychotherapeuten Siegfried Schnabl zu verdanken war, einem engagierten und bekannten Sexualaufklärer. Sein Buch „Mann und Frau intim“ von 1969 lag damals bei vielen jungen Paaren auf dem Nachttisch. Jahrelang war Schnabl von der Staatssicherheit bespitzelt und schikaniert worden. Das fand jedoch ein jähes Ende, als er ein Schreiben des Gesundheitsministers erhielt, in dem dieser seinen Einsatz für die Rechte von Homosexuellen lobte – der Brief wurde natürlich ebenfalls von der Stasi abgefangen.
Die Aufhebung des Paragrafen 218 dauerte länger. 1965 wurde in der DDR die Antibabypille zugelassen, die ab 1968 mit einer aufwendigen staatlichen Kampagne beworben wurde, während das Gesundheitsministerium gleichzeitig Maßnahmen zur Geburtenförderung in die Wege leitete. Wie im übrigen Ostblock wurde der Schwangerschaftsabbruch zwar klinisch praktiziert. Doch formal hob die Volkskammer den Paragrafen 218 erst 1972 auf. Dabei kam es zu einem in der Geschichte des DDR-Scheinpluralismus vielleicht einmaligen Vorgang: Die Abgeordneten der Ost-CDU enthielten sich der Stimme.15
In Westdeutschland, wo die Kirche viel mehr politischen Einfluss hatte, wurde der Paragraf 175 erst nach der Wiedervereinigung 1994 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Schwangerschaftsabbrüche sind bis heute offiziell illegal, werden jedoch nicht mehr strafrechtlich geahndet.
Die Harmonisierung der sexualpolitischen Praxis ist vielleicht das wichtigste Erbe, das die untergegangene DDR dem wiedervereinigten Deutschland vermacht hat.
4 Michel Foucault, „Über Hermaphrodismus. Der Fall Barbin“, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1998.
6 Siehe „Hermann Simon à la recherche de N. O. Body“, 3. Juni 2022, en-attendant-nadeau.fr.
11 Siehe Peter Gay, „Freud, Juden und andere Deutsche“, München (Hoffmann und Campe) 1986.
14 Siehe Johann Chapoutot, „Die Totengräber von Weimar“, LMd, April 2025.
Aus dem Französischen von Andreas G. Förster
Sonia Combe ist Historikerin und Autorin von „Loyal um jeden Preis. ‚Linientreue Dissidenten‘ im Sozialismus“, Berlin (Ch. Links) 2022. Sie dankt Raimund Wolfert von der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft in Berlin und Thomas Naumann, dem Sohn von Friedrich Wolf.


