13.08.2026

„Ich habe für die Zukunft geschrieben“

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„Ich habe für die Zukunft geschrieben“

Hoffnung auf ein freies Palästina und Poesie als Waffe

von Mahmud Darwisch

Mahmud-Darwisch-Mural in Ramallah, 2009 MUHAMMED MUHEISEN picture-alliance/ap
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Mit sieben Jahren war Mahmud Darwisch nicht Mahmud Darwisch.

Ich erinnere mich noch gut an dieses Kind. Ein stiller Junge, der ein unbeschwertes Leben führte. Mit fünf Jahren kam er in die Schule. Ich glaube, er war ein glänzender Schüler. Außerdem war er ein bisschen draufgängerisch. Er lebte in einem kleinen Ort namens al-Birwa unweit von Akko.

Als er eines Tages von der Schule heimkam, war seine Mutter nicht zu Hause. Man sagte ihm, sie sei zusammen mit seiner Großmutter nach Akko gegangen. Spontan beschloss er, die beiden dort suchen zu gehen, ohne zu wissen, was das ist: eine Stadt. Er lief also los, die Hauptstraße entlang, über mehrere Stunden. Angst hatte er keine, ein bisschen Durst vielleicht. Aber er hielt durch, denn er wünschte sich nichts sehnlicher, als seine Mutter zu finden. Er hatte das Gefühl, ein großes Abenteuer zu erleben. Er entdeckte, was eine Stadt war, mit ihren Straßen, Häusern, Menschen.

Seine Mutter fand er natürlich nicht, und nachdem er eine Weile geweint hatte, beschloss er umzukehren. Als er im Dorf ankam, fand er dort alle Bewohner wegen seines Verschwindens in heller Aufregung. Sie waren bereits bei allen Brunnen gewesen, um nachzuschauen, ob er vielleicht hineingefallen war. Das ist immer das Erste, was die Dorfbewohner tun, wenn ein Kind verschwindet, sie schauen in alle Brunnen. Ich erinnere mich sehr gut an diese Anekdote.

Das Kind war an jenem Tag nicht in den Brunnen gefallen, aber wenige Tage später fiel etwas anderes hinein. Es geschah in einer Frühlingsnacht,1 mein Vater war von Gewehrschüssen geweckt worden. Zusammen mit dem Kind und einigen Küchenutensilien machte sich die ganze Familie im Mondlicht durch die Olivenhaine auf und davon und fand sich nach mehrstündigem Fußmarsch im Libanon wieder. In diesem Moment begriff das Kind zum ersten Mal, dass es ein „Flüchtling“ war. Und noch am selben Tag wurde ihm klar, dass der Mond, mit dem es zusammenlebte, in einen Brunnen gefallen war.

An den kleinen Jungen in den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon kann ich mich gut erinnern. Dort war es, wo er sich der Welt im eigentlichen Sinne bewusst zu werden begann. Er wusste nicht, was die Wörter „Exil“, „Israel“, „Rückkehr“ bedeuteten. Kein Kind braucht diese Wörter. Er schon, denn er lebte mit ihnen zusammen. Das Kind, das er war, wechselte schlagartig von der Kindheit in die Welt der Erwachsenen. Das Drama der Palästinenser wurde ihm bewusst, indem er es am eigenen Leib erfuhr. Dieses Bewusstsein kam zu ihm über die Wörter, und auf diese Weise fand er Eingang in die Welt der Sprache.

Als wir unsere Heimat verlassen mussten, waren wir alle der Meinung, es sei bloß vorübergehend, die Araber würden die Angreifer besiegen, und der Spuk wäre binnen weniger Wochen vorbei. Ein Jahr später begriffen die Menschen, dass dies unser Schicksal war. Man musste nach Palästina zurückkehren, ohne groß darüber nachzudenken, was nach der Rückkehr passieren würde. Wir haben uns also heimlich in unser Dorf zurückgeschlichen.

Diese Rückkehr erschien uns wie ein Traum, der Wirklichkeit wurde, aber es war ein zerstörter Traum. Das Dorf selbst war zerstört. Im Libanon war ich ein Geflüchteter – und fand mich wieder als Flüchtling im eigenen Land. Wir mussten enorme Anstrengungen unternehmen, um unseren rechtlichen Status wiederzuerlangen, denn nach den israelischen Gesetzen waren wir „anwesende Abwesende“.2

In der ersten Zeit musste ich mich, wenn ich zur Schule ging, während der Pause in einem der Klassenzimmer verstecken, damit der Aufseher mich nicht zu Gesicht bekam. Denn ich hatte keinen Ausweis, galt nicht als Bürger und hatte keine Schulerlaubnis. So begann damals der Kampf.

Ich erinnere mich, dass ich mich mit zehn Jahren für Literatur und Dichtung begeisterte. Alles, was uns, meinen Eltern und mir, zustieß, schrieb ich auf. Mit dreizehn oder vierzehn habe ich anlässlich einer großen Feier zu Ehren der Gründung des Staates Israel ein Gedicht vorgetragen. Die Behörden hatten alle aufgefordert, den Jahrestag mit Ansprachen zu feiern. Der Schuldirektor sagte etwas, dann der Lehrer und zum Schluss ein Schülervertreter. Da ich ein glänzender Schüler war, vor allem was Aufsätze anging, und der Lehrer bei mir eine Begabung für Lyrik erkannt hatte, wurde ich ausgewählt, ein Gedicht vorzutragen. Ich freute mich sehr und schrieb ein Gedicht gegen diese Geschichte von der Staatsgründung.

Ich sprach darin von unserem Drama als Flüchtlinge, von der Vertreibung des palästinensischen Volkes, vom Raub unseres Landes und der Verfolgung durch die Militärgouverneure. Es gab einen furchtbaren Aufruhr im Dorf, und der Militärgouverneur zitierte mich zu sich. Er schlug mich und drohte mir mit Gefängnis, wenn ich weiterhin Gedichte schriebe.

Die Poesie war für mich damals keine ernste Sache, eher eine Art sentimentaler Zeitvertreib. An jenem Tag besiegelte der Militärgouverneur meinen Lebensweg: Ich würde Gedichte schreiben. Damals begriff ich, dass die Poesie eine Waffe ist. Ich musste wählen: entweder nicht kämpfen, also nicht schreiben, oder den Kampf aufnehmen und Gedichte verfassen. Ich habe mich für den Kampf entschieden.

Später, als ich aufs Gymnasium ging, stellte ich fest, dass uns die Israelis alles beibrachten, um perfekte Zionisten zu werden. Ich habe alles über das jüdische Volk gelernt, aber nicht viel über den Islam oder die Geschichte des arabischen Volkes. Zum Beispiel habe ich die meisten Werke des jüdischen Dichters Chaim Nachman Bialik3 gelesen und seine Gedichte eingehend studiert. Aber ich kannte kein einziges Gedicht von al-Mutanabbi.4

Um die Prüfungen zu bestehen, musste ich den Tanach in- und auswendig kennen, dagegen habe ich den Koran nie studiert. Sämtliche literarischen Werke, die die nationale Frage berührten, waren verboten. Arabische Lehrer brachten den Schülern einige alte Gedichte bei, die den Ruhm unseres Volkes priesen. Als sie dabei „ertappt“ wurden, entzog man ihnen die Lehrbefugnis und jagte sie davon.

Der junge Araber entscheidet sich nicht dafür, in die Politik zu gehen, es ist eher die Politik, die zu ihm kommt. Überall, in der Schule oder wenn man sich im Land bewegt, überall ist man mit politischen Problemen konfrontiert. Wenn man jung ist, spürt man natürlich noch nicht die Notwendigkeit, die Wichtigkeit, sich zu organisieren. Man denkt, es reiche aus, dass man den De-facto-Staat ablehnt und seine Ablehnung in Worten und Gedichten zum Ausdruck bringt.

Aber als ich anfing, Bücher zu lesen, mich politisch zu bilden, begriff ich die Notwendigkeit, mich einer revolutionären Partei anzuschließen, die gegen diese Politik kämpft und die nationalen Bestrebungen des palästinensischen Volkes vereint. So kam es dazu, dass ich in die Kommunistische Partei Israels (Maki) eintrat, gleich nach dem Abitur.5 Ich wurde Redakteur der Parteizeitung al-Jadid, später Chefredakteur der Literaturbeilage.

Das Handeln der Maki ging von der politischen Grundannahme aus, die sich später bewahrheitet hat, dass die zionistische Politik Israels in die Katastrophe führt und dass es keine zionistische Lösung für den israelisch-arabischen Konflikt gibt. Dass die einzige Lösung in der Anerkennung der legitimen nationalen Rechte des palästinensischen Volkes besteht. Im Übrigen unterstützte sie fortwährend die sozialen Kämpfe der Massen gegen Ausbeutung und Kapitalismus in Israel.

Meine Beziehung zur Partei hielt bis 1970. Zu diesem Zeitpunkt beschloss ich, einen radikalen Schnitt zu vollziehen und diese Wirklichkeit hinter mir zu lassen. Ich schloss mich dem palästinensischen Widerstand an.6 Mein Verhältnis zur Partei war also immer eine intellektuelle und ideologische Entscheidung in vollkommenem Einklang mit ihren Zielen. Ich habe die Maki nicht verlassen, ich bin nur kein Mitglied mehr, aus dem einfachen Grund, weil ich nicht mehr in den besetzten Gebieten lebe.

1973 war ich im Libanon. Ich gehörte zu den wenigen Leuten, die vom ersten Tag an daran glaubten, dass die Araber irgendeine Art Sieg davontragen würden.7 Ich habe schnell entschieden, im Krieg eine „literarische“ Rolle zu spielen. Während der Kämpfe schrieb ich Gedichte. Eine Granate ist im Moment ihrer Explosion natürlich viel mächtiger als ein Gedicht, aber in der Folgezeit kann sich das ändern. Ich schrieb täglich über die Wirkungen, die der Krieg auf mich hatte. Die arabischen Sender und Zeitungen griffen auf, was ich Tag für Tag schrieb. Man sah darin damals eine mächtige psychologische Waffe im Kampf.

Die Dichtung ist eine Waffe. Das ist unbestritten. Aber wenn sie rostig, diese Dichtung also nicht gut ist, wird sie ihre Funktion niemals erfüllen können. Ich glaube sogar, dass die schlechte Dichtung, ganz gleich, welche Intentionen der Autor in Bezug auf den Imperialismus verfolgt, diesem eher in die Hände spielt, als ihm zu schaden. Damit eine Dichtung revolutionär sein und ihre Funktion erfüllen kann, muss sie vor allem schön sein. Die schlechte Dichtung arrangiert sich mit dem Imperialismus und mit dem hässlichen Einfluss, den er auf die menschliche Seele ausübt.

Die Dichtung des Widerstands existiert erst ab dem Moment, wo sie sich mit den Problemen des Volkes, dem Wesen der Dinge und den geschichtlichen Phänomenen auseinandersetzt. Es muss ein Absolutes geben, das aus der Dichtung einen dauerhaften ästhetischen Gegenstand macht, der die Menschen berührt und dazu bewegt, sich für eine Sache, einen Kampf, den Einsatz gegen einen Feind oder ein Hindernis starkzumachen. Die Frage der Widerstandsdichtung ist unter uns Revolutionären zu einer Selbstverständlichkeit geworden, aber sie bedarf einer kritischen Prüfung auf ästhetischer Ebene: Die Waffe muss scharf sein und gut, elegant, schön und bewegend.

Ich arbeite also auf zwei Ebenen: Ich vertiefe meine Beziehung zur palästinensischen Sache und meine Beziehung zur poetischen Sprache. Ich bewege mich immer zweigleisig. Manchmal ist die Schönheit meines Gedichts – sein künstlerischer Grad – dermaßen abstrakt, dass es seine Funktion verfehlt.

Vor einigen Jahren war ich in den arabischen Ländern eine Art Mythos – für die Presse, für die literarische Welt und für die Menschen dort. Wenn arabische Bürger meine Gedichte lasen, dachten sie, ich sei ein Held, jemand, der sein Leben aufs Spiel setzt, dabei hat mein Leben absolut nichts Heroisches.

Mein Vater ist ein Held, er schon. Innerhalb weniger Tage geriet er aus gut situierten Verhältnissen in tiefstes Elend. Er hatte damals sechs Kinder, besaß ein Stück Land, weigerte sich aber beharrlich, es zu verkaufen. Heute ist es konfisziert. Die israelischen Behörden haben den Verkauf erzwungen und das Geld bei einer Bank hinterlegt, zur freien Verfügung meines Vaters. Doch er hat sich stets geweigert, es anzurühren, selbst in kritischen Zeiten, als er es dringend gebraucht hätte. Er wollte lieber sterben, als einen Schekel dieses Geldes anzurühren.

Persönlich halte ich Heldentum für aller Ehren wert, aber ich habe nichts getan, mir dieses Attribut zu verdienen. Ich hätte es mir durchaus gefallen lassen können, hätte eine Art Held ohne Heldentum werden können. Aber das verbot mir mein Stolz, und heute bin ich sehr glücklich, dass ich der Erste war, der diesen Mythos kritisiert und entschieden von sich gewiesen hat.

Ich habe einen in der arabischen Welt berühmt gewordenen Artikel geschrieben mit dem Titel „Erspart uns diese grausame Liebe!“.8 Ich habe darin erklärt, dass ich als Dichter lediglich ein Debütant bin, einer, der kontinuierlich an der Verbesserung seines Stils arbeitet und versucht, die menschlichen Probleme besser zu verstehen, deren größtes für ihn nach wie vor die palästinensische Frage ist.

Außerdem habe ich in diesem Artikel geschrieben, dass ich nie aufgehört habe, Schüler der großen Pioniere der arabischen Dichtung zu sein, und dass die Entstehung des Mythos um meine Person nicht auf irgendeinem Verdienst gründet, sondern auf politischen Sympathien mit den arabischen Bürgern, die unter israelischer Besatzung leben.

Wenn ein Dichter innerhalb des besetzten palästinensischen Vaterlandes seine Stimme erhob – ich in diesem Fall – und die Besatzung und die Herrschaft Israels infrage zu stellen wagte, hatte das eine magische Wirkung auf die Seele der arabischen Massen. Die Kritiker haben es versäumt, meine Dichtung als Dichtung zu beurteilen, und sich damit begnügt, mich als Helden ohne Heldentum anzusehen.

Ich lehne dieses Etikett ab. Ich lehne den „Mythos Mahmud Darwisch“ ab, und ich lehne die in dieser unverdienten Zuschreibung enthaltene Übertreibung ab.

Es wäre mir lieber, Palästina wäre frei, und ich hätte nie ein einziges Gedicht geschrieben.

1 Der erste israelisch-arabische Krieg begann am 15. Mai 1948, am Tag nach der Ausrufung des israelischen Staates. Kurz darauf besetzten die israelischen Truppen Westgaliläa und das Dorf al-Birwa, in dem die Familie Darwisch lebte.

2 Mit „anwesende Abwesende“ wurden die nach dem Krieg von 1948 in Israel verbliebenen Palästinenser bezeichnet, die zum Zeitpunkt der Volkszählung im November 1948 nicht an ihrem Wohnort oder in ihren Dörfern anwesend waren. Obwohl sie sich in dem Gebiet aufhielten, wurden ihre Besitzungen auf Grundlage des im März 1950 verabschiedeten Gesetzes über abwesende Eigentümer konfisziert.

3 Chaim Nachman Bialik, 1873 in einem ukrainischen Dorf geboren und 1934 in Wien gestorben, schrieb auf Hebräisch und Jiddisch und gilt als israelischer Nationaldichter.

4 Abū t-Tayyib (915–965), besser bekannt unter seinem Beinamen al-Mutanabbi, gilt als einer der größten arabischen Dichter.

5 Darwisch trat 1962 im Alter von 20 Jahren der Maki bei. Zu der Zeit lebte er in Haifa.

6 Im Jahr 1970 verließ Darwisch Israel, um in Moskau zu studieren, ging dann 1971 nach Kairo. 1973 schloss er sich der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) an. Von 1972 bis 1982 lebte er in Beirut.

7 Der Jom-Kippur-Krieg/Ramadan-Krieg brach am 6. Oktober 1973 aus. Darwisch, der an zentraler Stelle innerhalb des PLO-Apparats in Beirut tätig war, wurde zu einer der führenden literarischen Stimmen der nationalen palästinensischen Bewegung.

8 Der Text wurde in arabischer Sprache in der Zeitschrift al-Jadid (Nr. 9, Haifa 1969) unter dem Titel „Unqidhuna min hadha al-hubb al-qasi“ veröffentlicht.

Aus dem Französischen von Christian Hansen

Mahmud Darwisch (1941–2008) gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Dichter der arabischen Welt und als die „poetische Stimme“ des palästinensischen Volkes. Dieser Beitrag entstammt einem Interview, das der französische Journalist Bernard Violet am 17. Februar 1976 in Beirut mit ihm führte. Ursprünglich war das Interview für den Sender France Culture geplant. Nachdem es abgelehnt wurde, verschwand es für ein halbes Jahrhundert unveröffentlicht in den Archiven.

Le Monde diplomatique vom 13.08.2026, von Mahmud Darwisch