Mangel und Aufstiegsträume
Kuba an der Schwelle zum Kapitalismus
von Julia Neima

Das türkisfarbene, frisch renovierte Haus in Havanna-Vedado sticht aus der heruntergekommenen Umgebung besonders hervor. Im Innenhof spenden zwei Obstbäume Schatten; eine Hollywoodschaukel lässt den Kunstrasen heiterer wirken. Getönte Fensterscheiben sorgen für Privatsphäre. Vor der Tür sitzt eine hochbetagte Dame im Rollstuhl und führt Selbstgespräche.
Sie ist eine der Bewohnerinnen von TaTamanía, Kubas erster privater Seniorenresidenz, die im Frühjahr eröffnet wurde. Solche Einrichtungen waren seit der Revolution von 1959 verboten, doch die öffentlichen Institutionen kämpfen seit Jahren mit einem Mangel an Ressourcen, ihre Lage ist kritisch.
Gegründet würde dieses Mipyme von Yadira Álvarez, einer ehemaligen Kinderärztin, und ihrem Mann, einem Informatiker. Das Kürzel Mipyme (deutsch KMU) steht für „micro-, pequeña y mediana empresa“ (Mikro-, Klein- und Mittelunternehmen), die sich seit ihrer Zulassung vor fünf Jahren rasant vermehren.
Nach der Coronapandemie hatte die Regierung eine Liberalisierung der Wirtschaft in der Hoffnung eingeleitet, den kompletten Zusammenbruch zu verhindern. Die Ursachen sind komplex: An erster Stelle steht das jahrzehntelange US-Embargo; hinzu kam 2016 Trumps Politik des „maximalen Drucks“ mit 243 Zwangsmaßnahmen; es folgten die Gesundheitskrise und eine Währungsreform, nach der die Inflation in die Höhe schoss.1 Die Wende erfolgte zu einer Zeit, als die größte Protestbewegung seit 1959 die Machthaber erschütterte, die entsprechend hart gegen die Demonstrant:innen vorgingen.
Seit Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus im Januar 2025 steht Kuba mehr denn je im Visier Washingtons. Wiederholt kündigte der US-Präsident die „Übernahme“ der Insel an.2 Am 29. Januar – gut drei Wochen nach der Entführung von Präsident Maduro nach New York und der erzwungenen Einstellung venezolanischer Öllieferungen nach Kuba – erklärte Trump, die Insel stelle eine „ungewöhnliche und außerordentliche Bedrohung der nationalen Sicherheit und der Außenpolitik der Vereinigten Staaten“3 dar. Nicht nur Venezuela, auch kein anderes Land darf mehr Erdölprodukte nach Kuba exportieren – andernfalls drohen Strafzölle.
Die Schlinge zieht sich immer enger, und weitere Sanktionen kommen hinzu. Seit dem 1. Mai richten sie sich gegen kubanische Führungskräfte, denen schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden, sowie gegen jede Regierung, Person oder Organisation, die Geschäftsbeziehungen zu Kubas Staatsbetrieben unterhält.4
Trump will mit seinem Angriff auf das staatliche Wirtschaftsmonopol die kubanische Regierung dazu zwingen, einen profitorientierten Privatsektor aufzubauen. Für die Wirtschaft des Landes würde das eine tiefgreifende Umwälzung bedeuten: Die Agrarreform unmittelbar nach der Revolution von 1959, die großen Verstaatlichungen der 1960er Jahre und die „revolutionäre Offensive“ von 1968, in deren Verlauf alle kleinen Geschäfte und damit die letzten verbliebenen privaten Strukturen verstaatlicht wurden, führten zu einer extremen Zentralisierung – und zu einer so weitverzweigten wie lähmenden Bürokratie.
Fernab der Wortgefechte zwischen der Regierung in Havanna und der Supermacht im Norden versuchen die Kubanerinnen und Kubaner schon lange, die schwerste wirtschaftliche und soziale Krise seit der Revolution irgendwie zu überstehen. Täglich fallen Wasser und Strom aus. Das Verkehrsangebot wurde immer mehr ausgedünnt, das Gesundheitssystem geht in die Knie, die Preise schossen in die Höhe, ausländische Unternehmen verließen das Land.
Der Tourismus, ein Schlüsselsektor der kubanischen Volkswirtschaft, ist praktisch zum Erliegen gekommen. Die Besucherzahlen sind nach Angaben des Nationalen Statistikamts von 4,2 Millionen im Jahr 2019 auf weniger als 360 000 im ersten Halbjahr 2026 gesunken. Die wirtschaftliche Liberalisierung scheint somit das letzte Mittel zur Versorgung des Landes zu sein – und der Auftakt zu einer neuen Ära.
Bestes Beispiel für die Zentralisierung ist eine Holding, die Anfang der 1990er Jahre in der „besonderen Phase in Friedenszeiten“ nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion von Raúl Castro und den Revolutionären Streitkräften (FAR) gegründet wurde. Unter dem Dach des Grupo de Administración Empresarial SA (Gaesa) sind dutzende Unternehmen aus den verschiedensten Bereichen vereint, vom Tourismus (Gaviota) über Finanzen (Rafin, Banco Financiero Internacional), Einzelhandel (Cimex) bis zu Import/Export, Geldtransfers, Bauwesen, Fischerei und so weiter. Castros Schwiegersohn Luis Alberto Rodríguez López-Calleja leitete die Holding bis zu seinem Tod 2022.
Abgesehen davon, dass Gaesa als wirtschaftlicher Arm der Militärs und Machthaber verrufen ist, steht die Holding insbesondere wegen ihrer zahlreichen neuen Luxushotels in der Kritik. Seit 2016 wurden rund 50 davon gebaut, die mehr oder weniger leer stehen beziehungsweise wegen der US-Sanktionen ganz geschlossen werden mussten wie das Iberostar Selection an der Calle K, kurz Torre K genannt.
Als im Februar 2025 das 42-stöckige Hotelhochhaus inmitten verfallener Häuser eröffnet wurde, war die Empörung groß. Die Leute fragten sich, wie angesichts des Embargos die für den teuren Bau benötigten Materialien beschafft werden konnten. „Das ist doch der reinste Wahnsinn“, empört sich ein Anwohner, „ein Symbol für die Verachtung, die die da oben für uns übrig haben, und dann steht das auch noch mitten in der Stadt und ist von fast überall aus zu sehen!“ Im März beschlossen die Behörden, das Hotel vorläufig dichtzumachen, und ließen es trotzdem jeden Abend beleuchten, während in der Stadt ständig der Strom ausfiel.
Am 2. Juni verteidigte die Regierung ihre Holding in der Parteizeitung Granma: „Gaesa hat nichts zu verbergen, sie wurde nicht von Eliten ins Leben gerufen, geschweige denn als Projekt zur Bereicherung einiger weniger.“ In derselben Mitteilung hieß es weiter, die Gewinne seien „in das Wärmekraftwerk Lidio Ramón Pérez“ in der Provinz Holguín und „in Renovierungsarbeiten an Polikliniken, Arztpraxen und Schulen“ reinvestiert worden.
Kurz darauf kündigte die Regierung 176 Einzelmaßnahmen für „wirtschaftliche und soziale Umgestaltungen“ an, die eine grundlegende Wende im Handel, bei Dienstleistungen, in der Landwirtschaft und vor allem im Energiesektor vorsehen.5 Nach und nach wurden Investitionsbeschränkungen gelockert und immer mehr Branchen für private Unternehmen geöffnet. Dazu zählen mit dem Dekret vom 4. August etwa Apotheken und Pflegeeinrichtungen sowie die Erdölförderung.6
Der Staat zieht sich also etwas zurück und verzichtet beispielsweise auf sein Monopol im Energiesektor zugunsten privater Investoren. Der Außenhandel wurde liberalisiert und die Preisbindung für landwirtschaftliche Produkte gelockert. Die „Libreta“, das Bezugsheft für sehr günstige Lebensmittel, soll in ihrer derzeitigen Form abgeschafft werden, um das Solidarprinzip auf „schutzbedürftige Menschen“ zu konzentrieren, wie Präsident Miguel Díaz-Canel am 18. Juni vor dem Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Kubas erklärte.
Unter dem ständigen Druck der US-Regierung, die all diese Reformen als „oberflächlich“ abtut, durchlebt Kuba schwere Zeiten. Einen regelrechten Aufschwung gibt es indes bei den Mipymes, die künftig mehr als hundert Mitarbeitende beschäftigen und ihre Aktivitäten ungehindert ausbauen dürfen. Ihre Betreiber können neuerdings auch mehrere Firmen besitzen.
Dem Unternehmerpaar der Seniorenresidenz TaTamanía kommt das sehr entgegen. Die Einrichtung bietet sowohl eine dauerhafte Unterbringung als auch eine Tagesbetreuung an. Das kostet monatlich zwischen 1000 und 1200 US-Dollar – ist also unerschwinglich für normale Kubaner:innen, die im Durchschnitt umgerechnet etwa 15 Dollar im Monat verdienen.
Das Angebot sei auch gar nicht für zahlende Angehörige gedacht, die auf der Insel leben, sondern richte sich an Auswanderer, die hier Verwandte zurückgelassen haben, erklärt Álvarez: „Wir haben eine Niederlassung in der Dominikanischen Republik eröffnet und möchten in ganz Lateinamerika Fuß fassen, den Markt ausbauen und zum Marktführer im Pflegebereich auf dem Kontinent werden.“
Niemand hätte noch vor wenigen Jahren hier so geredet. Die 2021 beschlossenen und 2024 erweiterten Lockerungen haben eine neue Schicht von Geschäftsleuten entstehen lassen, deren Businesskultur sich zumindest in den Großstädten langsam ausbreitet – parallel zur explosionsartigen Zunahme der Ungleichheit, die mittlerweile im Alltag deutlich wahrnehmbar ist. Im Zentrum dieser Entwicklung stehen die rund 10 000 Mipymes mit etwa 900 000 Beschäftigten – in Kuba liegt die Erwerbstätigenzahl insgesamt bei rund 4 Millionen.7
Überall im Land sind tausende Verkaufsräume in Privathäusern entstanden. „Früher gab es Touristen, denen ich Zimmer vermietet habe. Die stehen seit Jahren leer, also habe ich diesen kleinen Lebensmittelladen unter meiner Wohnung eröffnet“, erzählt eine Anwohnerin in Vedado. Restaurants, Handyreparaturen, Möbeltischlereien und diverse Bauarbeiten, Läden für Reinigungsmittel und IT-Ausrüstung – es gibt immer mehr dieser kleinen Geschäfte. Auch zahlreiche Apps für die Lieferung von Lebensmitteln sind entstanden, ebenso wie La Nave, das kubanische Pendant zu Uber.
Darüber hinaus bilden sich erste Ansätze von Finanzdienstleistern heraus, insbesondere für den Onlinezahlungsverkehr. Sein Ziel sei, „den Kubanern finanzielle Freiheit zu verschaffen“, sagt uns der Gründer eines dieser Unternehmen. Ein anderer meint, er wolle das „kubanische Amazon“ als Verkaufsplattform für die Produkte von Mipymes gründen.
Seit 2021 darf man auf eigene Kosten importieren – früher durfte das nur der Staat. Diese Neuerung ist ein wichtiger Antrieb für die Entwicklung der Privatwirtschaft. Mario (Name geändert), der ein Mipyme für Landwirtschaftsgeräte betreibt, ist zu Besuch bei einem Kunden in der Provinz Artemisa westlich von Havanna. Auf einem drei Hektar großen Feld stehen ein paar Bauern vor einem erst kürzlich erworbenen kleinen roten Traktor mit Anhänger.
„Und, läuft er gut?“, fragt Mario. „Ja, er ist wirklich praktisch“, antwortet einer von ihnen. „Heute brauch ich nur noch eine halbe Stunde, wofür ich früher mit den Ochsen einen ganzen Vormittag geackert hab.“ Mit dem Traktor werden die Büsche gekürzt, wird gegraben, gepflügt, gedüngt und die Ernte abtransportiert. Der Bauer ist begeistert von dem vielseitigen Nutzen des Traktors. Es gebe nur ein Problem – der mangelnde Sprit, fügt er halb spöttisch, halb frustriert hinzu.
„Wir importieren alles aus China“, berichtet Mario, der seine Firma vor zwei Jahren gegründet hat. „Der Agrarsektor hat in unserem Land großes Potenzial. Wir müssen in Kuba auf agroindustrielle Produktion umsteigen. Das ist das Ziel unseres Unternehmens.“ Auf seinem Mobiltelefon zeigt er uns Fotos und Videos von riesigen Hallen in China, in denen Reihen von Landmaschinen stehen, fertig für den Abtransport nach Kuba.
Diese Entwicklung könnte sich in der Tat positiv auf die kubanische Nahrungsmittelproduktion auswirken, der es nach Jahrzehnten des Niedergangs schlecht geht. 2024 wurden gerade einmal 9000 Tonnen Schweinefleisch produziert, verschwindend wenig für ein Land mit 11 Millionen Einwohnern; und beim Reis wurde nur noch 30 Prozent der Erntemenge erreicht, die man 2018 eingefahren hatte, wie die Regierungszeitung Granma am 2. März und 9. April 2025 berichtete.
Mittlerweile dürfen unabhängige Landwirte, Genossenschaften und Mipymes ihre Produkte direkt vermarkten. Zuvor waren sie gezwungen gewesen, praktisch alles an den Staat zu verkaufen, der den Vertrieb über eine Einrichtung namens Acopio übernahm. Nur wenige Überschüsse konnten an lokale Verbraucher abgegeben werden.
In dem Betrieb in Artemisa werden unter langen schwarzen Dächern auch Bohnen, Kürbisse, Mais, Maniok, Bananen und Mangos gezogen. Nachdem sie die etwa 20 Schweine der Farm gefüttert und den Wasserstand der Tanks überprüft haben, gönnen sich die Bauern eine Pause im Schatten. „Von jetzt an werden wir auf Märkten und an Hotels verkaufen. Hätten wir das schon früher machen können, gäbe es nicht so viel Hunger im Land“, sagt Rolando, einer von ihnen, hinter vorgehaltener Hand.
Erst nachdem sich seine Kollegen entfernt haben, spricht er weiter: „Das bisherige System hat die Produktion total behindert. Acopio hat die Ernte abgeholt, und danach sind viele Produkte in den Lagerhallen einfach vergammelt. Der Staat hat wegen der Blockade keinen Treibstoff, aber bei der Verwaltung hat es auch keinen wirklich interessiert, es fehlte der Wille. Dafür wurde viel Geld in den Tourismus gesteckt, aber nur wenig in die Landwirtschaft. Die Privaten zahlen besser, und es gibt weniger Bürokratie.“
Zwar bleiben die Kapazitäten begrenzt, doch dank der neuen Vorschriften haben die Landwirte immerhin mehr Spielräume in der Produktion und bei den Investitionen. Für private Unternehmer geht es nun darum, diese Liberalisierung in nachhaltige Gewinne umzuwandeln und zu beweisen, dass sie die Ernährungssicherheit des Landes gewährleisten können.

Neuer Traktor und kein Benzin
Es gibt ein breites Spektrum an Mipymeros. Zum Beispiel Pablo, der in Havanna erst mal einen Parkplatz für seinen aus Panama importierten Toyota-SUV finden muss, bevor wir uns auf die Hotelterrasse des Roc Presidente setzen können. 2021 gründete der junge Mann eine Autowerkstatt mit 20 Angestellten. Filter, Öle, Reifen und dergleichen waren Mangelware. Pablo erzielt damit ein komfortables Einkommen.
Während wir unseren Kaffee trinken, tritt eine Bettlerin mit einem Baby auf dem Arm an die Balustrade. Der Unternehmer reicht ihr einen 1000-Peso-Schein (zum damaligen Zeitpunkt rund 1,70 Euro). Als er sich wieder gesetzt hat, seufzt er: „Weißt du, ich suche jemanden, der sich um meine kranke Mutter kümmert. Dafür würde ich locker 1200 Peso am Tag bezahlen. Aber ich finde niemanden. Eine Frau wie diese Bettlerin könnte diese Arbeit doch machen.“ Und er fährt fort: „Zu viele junge und kräftige Menschen wollen nicht arbeiten, zum Beispiel auf dem Bau. Wenn man nicht studiert hat, muss man eben auch so einen Job annehmen. In der Gesellschaft sollte jeder jede Arbeit machen, anstatt sich zu beschweren.“ Pablo steht voll und ganz hinter der neuen Mipymerokultur: „Wenn meine Angestellten nach Hause gehen, sitze ich noch am Schreibtisch. Wir Unternehmer schlafen nicht mehr als fünf oder sechs Stunden. Letztes Jahr hatte ich ganze zwei Tage Urlaub.“
Seine Vision für die Zukunft? „Ich war in China. Dort kommt der Uber schon eine Minute nach deiner Bestellung an. Die Geschäfte haben die ganze Nacht über geöffnet. Hier sieht man Leute schon ab 14 oder 15 Uhr herumlungern. In China hab ich gesehen, wovon ich für Kuba träume!“
Lange rechtfertigte man in Kuba das Verbot jeglicher privatwirtschaftlicher Initiativen damit, dass dadurch verhindert werde, dass sich einige wenige auf Kosten der Allgemeinheit bereichern, und dafür Gleichheit herrsche. Tatsächlich haben seit der Zulassung der Mipymes die sozialen Unterschiede in den letzten Jahren zugenommen. Die Ungleichheit springt ins Auge: Kinder betteln – dergleichen gibt es erst seit Kurzem –, auf den Straßen von Havanna türmt sich der Müll, und an den Ecken stehen Prostituierte.
Bei Sonnenuntergang fährt ein weißer Tesla nahezu lautlos die Avenida Linea entlang. An einer Kreuzung steht ein Porsche Panamera. Etwas weiter unten öffnen sich in mehreren Restaurants die Türen; auf den Speisekarten wird Fleisch, Fisch, Wein und Eiscreme angeboten, importiert aus den USA. Ein krasser Gegensatz zu den staatlichen Restaurants, in denen es an allem mangelt.
Ein komplettes Menü kostet umgerechnet 10 bis 20 Euro. Lebensmittelgeschäfte sind allerorten wie Pilze aus dem Boden geschossen, manche verkaufen Marmelade für 9,50 Euro das Glas, Olivenöl für 13 Euro, eine Flasche Wein für 30 Euro, Pasta für 3 Euro und Parmesan für 40 Euro pro Kilo.
Die Unternehmer mit den lukrativsten Geschäften haben oft mit Geld aus dem Ausland angefangen, das zum Teil noch immer fließt. Einige, die eine Zeit lang in Spanien, Mexiko oder anderswo gelebt haben, haben ihr dortiges Bankkonto behalten und sind nach Kuba zurückgekehrt, um die neuen Chancen zu nutzen – und nicht zuletzt das Leben zu genießen.
Am Stadtrand von Havanna führt ein Pfad zu einem mehrere Hektar großen Resort am Ufer eines Sees. Auf dem Rasen unter Palmen sitzen Gäste im luxuriösen Restaurant. Ein Hauptgericht kostet umgerechnet 40 Euro, die Übernachtung im Bungalow mit eigenem Pool etwa 400 Euro. Angeboten werden Aktivitäten wie Kajak fahren, reiten und Wellnessanwendungen. El Patrón heißt das von Roberto Carlos Chamizo González gegründete Resort. In der Umgebung sind die Leute nicht begeistert davon. „Dieser Ort … der ist unanständig“, schimpfen ein paar Bauern, denen wir unterwegs begegnen.
Die Bar von Fidel Castros Enkel
Einer von Fidel Castros Enkeln ist Stammgast im El Patrón: Sandro Castro, der seine Besuche stets in den sozialen Netzwerken postet, ist selbst ein Mipymero. 2019 eröffnete er in Vedado die Bar Efe. Im Patrón verkehrt auch Dionisio Arranz, ein bekannter Unternehmer im Luxussegment und Sohn eines ehemaligen leitenden Beamten des Außenhandelsministeriums.
Der Patrón-Chef Chamizo González veröffentlicht auf Instagram wiederum bevorzugt Fotos von seinem Leben in Privatjets und Luxusrestaurants, in Dubai oder beim Italienurlaub. Er gilt als regierungsnah und ist auch Betreiber des Restaurants Mia Culpa im Hotel Iberostar Packard, das der Gaesa gehört.
In den sozialen Netzwerken stößt man auf weitere Mipymeros aus Parteikreisen, zum Beispiel Ángel David Fernández del Valle, Enkel von General Sergio del Valle Jiménez, einem engen militärischen Vertrauten Fidel Castros. Fernández’ Unternehmen Sil26 vertreibt in Kuba die Produkte von Supermercado 23, einer in Florida ansässigen Onlineverkaufsplattform, die auf die Insel liefert – an solche, die es sich leisten können. Gaia, ein weiteres Unternehmen im Vertriebssektor, wird von Lisa Titolo Castro geführt, Enkelin von Fidels jüngerem Bruder Raúl Castro.
Die Ausweitung der Marktwirtschaft in Kuba geht jedoch keineswegs mit einer politischen Öffnung einher. Kritik an der Politik der Kommunistischen Partei ist nach wie vor unerwünscht. Wiederholte Verhaftungen schüren ein Klima der Angst. Auch die noch in den Kinderschuhen steckende linke Opposition bleibt von den Repressionen nicht verschont.
Alexander Hall Lujardo, ein marxistischer Historiker, äußert Vorbehalte gegenüber den jüngsten Reformen: „Der Aufstieg der Mipymes ist ein zweischneidiges Schwert. Ohne sie gäbe es in Kuba keine Lebensmittel. Doch die sich bildende Händlerbourgeoisie wird letztlich ihre eigenen Interessen in den Vordergrund stellen.“ Er befürwortet eine auf Genossenschaften basierende Alternative, die sich mit einer sozialistischen Perspektive besser vereinbaren ließe. Gegen den Publizisten und afrokubanischen Aktivisten wurde ein Ausreiseverbot verhängt.
Als Bedingung für eine Ausreisegenehmigung verlangte die Staatssicherheit von ihm zwei Dinge: die Unterzeichnung einer auf Video aufgenommenen Selbstbezichtigung, in der er sich zu Vorwürfen bekennen sollte, die man ihm später zur Last legen könnte, sowie den Verzicht auf jegliche Zusammenarbeit mit Medien. Er lehnte ab. „Es ist anscheinend leichter, sich mit dem historischen Feind der Revolution an einen Tisch zu setzen und zu diskutieren, als mit den eigenen Bürgern.“
Raymar Aguado ist repräsentativ für eine neue Generation linker kubanischer Dissidenten.8 Sie sind zumeist Intellektuelle, die an kubanischen Universitäten studiert haben und antiimperialistische und marxistische Positionen vertreten. Sie kritisieren die Machthaber und wollen die Castro-Ära hinter sich lassen. Aguado veröffentlicht seine Texte – stets unter dem wachsamen Auge der Zensoren – in verschiedenen Onlinemedien. „Die meisten hiesigen Unternehmer wollen sich bereichern. Die Öffnung der Wirtschaft für private Akteure wird nicht von einer Politik der Stärkung der Gewerkschaften und der Mitbestimmung von Basisorganisationen begleitet“, erklärt er. „Es gibt hier weder Vereinigungs- noch Demonstrations-, noch Meinungsfreiheit.“
Die allgemeine Unsicherheit ist beunruhigend. Auf einer Caféterrasse im alten Stadtviertel Centro Habana unterhalten sich zwei Freunde darüber, ob sie in Kuba bleiben sollen. „Was wird aus diesem Land werden?“, fragt der eine. „Ich weiß nicht, wohin das führen wird, mein Freund“, antwortet der andere. „Ich glaube, die da oben werden einen Weg finden, die Dinge zu ihrem Vorteil zu drehen.“
Viele Kubaner:innen warten schon lange auf das Recht auf privatwirtschaftliche Initiativen. Doch wie in den anderen Ländern, die von einer staatlich gelenkten zu einer kapitalistischen Wirtschaft übergegangen sind, zeigt Kuba erste Anzeichen für die Herausbildung einer lokalen Oligarchie, die im Wesentlichen aus Funktionären des Machtapparats besteht.
Jeden Tag drehen sich die Gespräche um dieselben Fragen: Was wird morgen passieren? Eine soziale Explosion? Werden die USA eingreifen? Werden die Liberalisierungen Früchte tragen, oder wird die Bürokratie sie ausbremsen? Ist es nicht schon zu spät? Hätte man sie nicht schon vor 30 Jahren einführen müssen? Wird das Sozialsystem mit kostenloser Gesundheitsversorgung und Bildung überleben? Oder erleben wir gerade das vollständige Ende des aus der Revolution von 1959 hervorgegangenen kubanischen Modells?
1 Siehe Maïlys Khider, „Schlange stehen für fünf Würstchen“, LMd, November 2023.
2 Siehe Christophe Ventura, „Kuba allein auf der Welt“, LMd, März 2026.
5 „Transformaciones económicas y sociales“, Regierung der Republik Kuba, Juni 2026.
8 Siehe Maïlys Khider und Jesús Lopes, „Verzweifelt in Kuba“, LMd, August 2025.
Aus dem Französischen von Nicola Liebert
Julia Neima ist Journalistin.


