09.07.2026

Washingtons langer Arm

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Washingtons langer Arm

von Ana Otasević

Tirana, 17. Juni 2026: Protest gegen Luxusprojekt von Jared Kusher und Ivanka Trump VLASOV SULAJ picture alliance/sipa USA/nexpher images
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Auf dem Balkan laufen die US-amerikanischen und die europäischen Interessen immer weiter auseinander. Unter Trump wollen die Vereinigten Staaten ihren geopolitischen Einfluss in der Region vergrößern und Russland in der europäischen Energieversorgung als wichtigsten Gaslieferanten ablösen. In Bosnien-Herzegowina und Albanien versuchen sich zudem Trump-Getreue auch persönlich zu bereichern.

Um diese Interessen durchzusetzen, schreckt Washington nicht davor zurück, die gemeinsam mit den Europäern installierte, weiterhin fragile Nachkriegsordnung infrage zu stellen und Akteure zu umwerben, die die Grenzen auf dem Balkan gern neu ziehen würden.

So besuchte am 7. April 2026 Donald Trump Junior die Republika Srpska, um Milorad Dodik, dem früheren Präsidenten der serbischen Teilrepublik von Bosnien-Herzegowina, im Namen der USA den Rücken zu stärken. Für den früheren Präsidenten Dodik, der in der Republika Srpska hinter den Kulissen noch immer das Sagen hat, war der Besuch eine willkommene Machtdemonstration in Richtung der Zentralregierung in Sarajevo. Bereits im Oktober 2025 hatte das US-Finanzministerium nach einem informellen Deal 2017 gegen Dodik verhängte Sanktionen aufgehoben.

Milorad Dodik hatte nach einem Gerichtsurteil im August 2025 das Präsidentenamt niederlegen müssen. Das Oberste Gericht in Sarajevo hatte ihn wegen Missachtung der Entscheidungen des Hohen Repräsentanten für Bosnien und Herzegowina, Christian Schmidt, zu einem Jahr Haft und sechs Jahren politischen Betätigungsverbots verurteilt. Der Hohe Repräsentant überwacht im Auftrag der Vereinten Nationen die Einhaltung des Friedensvertrags von Dayton. Er kann Gesetze erlassen und politische Verantwortungsträger absetzen.

Das Verfahren gegen Dodik war im September 2023 eingeleitet worden, nachdem dieser die Veröffentlichung von Gesetzen des Hohen Repräsentanten auf dem Gebiet der Republika Srpska für ungültig erklärt hatte. Dodik war gegen das Urteil zunächst in Berufung gegangen, im August 2025 bestätigte das Gericht jedoch die Entscheidung. Und tatsächlich kassierte das Parlament der Republika Srpska das Nichtachtungsgesetz, und Dodik trat zurück. Der Haft entging er durch die Zahlung einer Geldstrafe.

„Es ist nicht gut, auf diese Weise einen Präsidenten der Republik abzusetzen“, schimpfte Dodik am Tag vor dem Besuch von Trump Junior. „Aber wenn es langfristig dem Kampf der Republika Srpska dient, ist es nützlich.“

Seit er nicht mehr Präsident ist, trat Dodik mehrfach in den USA an der Seite von Trump-Getreuen auf, zum Beispiel von Michael T. Flynn. Der war während Trumps erster Amtszeit nationaler Sicherheitsberater, heute arbeitet er unter anderem als Lobbyist für Dodik. Dodik selbst beschwört auch zu Hause seine Nähe zu Trump und erklärt, der Aufbau eines Staats in Bosnien sei gescheitert.

Während die Regierung in Sarajevo eine Annäherung an die Nato anstrebt – im Oktober 2025 unterzeichnete sie ein „individuell zugeschnittenes Partnerschaftsprogramm“ (ITPP) –, blockierte Dodik lange Zeit einen potenziellen Beitritt. Immer wieder verwies er darauf, dass die Nato die Serben „zweimal mit abgereichertem Uran bombardiert hat, einmal in der Republik Srpska und einmal in Serbien“.

Dem Ministerrat von Bosnien-Herzegowina, der das Partnerschaftsprogramm angenommen hat, gehören auch Vertreter von Dodiks Allianz der Unabhängigen Sozialdemokraten (SNSD) an. Und es war SNSD-Mitglied und Vizeverteidigungsminister Aleksandar Goganović, der die Delegation nach Brüssel anführte. Es ist also davon auszugehen, dass Dodik die Entscheidung für das ITPP ermöglicht hat; eine Woche später wurden die US-Sanktionen gegen ihn aufgehoben.

Gefallen dürfte Dodik der Rücktritt Christian Schmidts, den dieser am 11. Mai 2026 unerwartet – und offenbar auf Druck der USA – angekündigt hat. In seinem halbjährlichen Bericht an den UN-Sicherheitsrat warnte Schmidt ein paar Tage später eindringlich vor dem drohenden Zerfall Bosnien-Herzegowinas, insbesondere mit Blick auf die Abspaltungsbestrebungen der serbischen Teilrepublik.

Die Europäer verlangen, dass der Sicherheitsrat schnell einen Nachfolger für Schmidt benennt. Die russische Regierung fordert hingegen die Schließung des Büros des Hohen Repräsentanten und bezeichnet ihn als „Hauptursache der Instabilität“ des Landes.

US-Erdgas für Bosnien

Der Lenkungsausschuss des Friedensumsetzungsrats (PIC) bestätigte am 4. Juni die Uneinigkeit über den künftigen Hohen Repräsentanten. Die USA und Italien wollten den italienischen Diplomaten und ehemaligen Botschafter in Moskau und Belgrad Antonio Zanardi Landi durchsetzen. Frankreich, Deutschland und Großbritannien unterstützten den französischen Sondergesandten für den Westbalkan René Troccaz. Bis Mitte Juli übt Schmidts Stellvertreter, der US-Diplomat Louis Crishock, nun das Amt aus.

Die USA spotteten über „die Unfähigkeit der Europäer, sich auf einen gemeinsamen Kandidaten zu einigen“, und kündigten an, ihre „Rolle im Rahmen der aktuellen internationalen Präsenz zu überdenken“. Sie plädieren für „deutlich eingeschränkte“ Kompetenzen des Hohen Repräsentanten: In Bosnien gehe es mit dem „internationalen Interventionismus zu Ende“. Tatsächlich liefen einige Entscheidungen von Christian Schmidt, die den Gassektor betrafen, US-amerikanischen Interessen zuwider.

Washington unterstützt den Bau einer Gaspipeline für 1,3 Milliarden Euro durch das Unternehmen AAFS, das von Jesse Binnall, früherer Anwalt von Trump, und Joseph Flynn, Bruder des oben genannten Michael T. Flynn, geleitet wird. Beide waren maßgeblich an der Kampagne zur Anfechtung der Präsidentschaftswahlergebnisse von 2020 beteiligt. Die Pipeline Southern Interconnection soll LNG (Flüssigerdgas) aus den USA vom Terminal auf der kroatischen Insel Krk nach Bosnien transportieren.

Damir Kapidžić, Professor an der Fakultät für Politikwissenschaften in Sarajevo, warnt vor einer „geradezu kolonialen Abhängigkeit“. Das Projekt habe „vor allem geostrategische Bedeutung für die USA“.

Die bosnischen Kohlekraftwerke sollen schrittweise durch Gaskraftwerken abgelöst werden, betrieben mit Gas aus den USA. Für die EU, die ihre LNG-Importe mittlerweile selbst zu fast 60 Prozent aus US-Lieferungen deckt, ist diese Entwicklung ambivalent: Einerseits soll Europa unabhängig von russischem Gas werden, andererseits fürchtet sie eine neue Abhängigkeit von den USA.

Luigi Soreca, der EU-Sonderbeauftragte für Bosnien und Herzegowina, schrieb am 13. April in einem Brief an die Regierung in Sarajevo, dass sich Bosnien als assoziiertes Mitglied der Energy Community, eines Zusammenschlusses von neun Ländern Ost- und Südosteuropas und der EU, bei Ausschreibungen an die Regeln der EU halten müsse. Er warnte, dass die eigens für das Pipelineprojekt verabschiedeten Sondergesetze in Bosnien den angestrebten EU-Beitritt des Landes ­sowie EU-Fördermittel in Höhe von rund 1 Milliarde Euro gefährden könnten.1

Joseph Flynn hatte das Pipelineprojekt Anfang April in Sarajevo als Instrument der dauerhaften Annäherung zwischen den USA und der Föderation Bosnien-Herzegowina präsentiert. Einen Monat zuvor hatte sein Bruder Michael in Banja Luka das Dayton-Abkommen – den Gründungsakt des Landes unter der Patenschaft der USA – als „überholt“ bezeichnet. Er plädierte für die „Unabhängigkeit“ der Republika Srpska, und zwar explizit auch von „Brüssel“. Auf die Frage, wie die bosnischen Serben ihre „Freiheit“ erlangen könnte, nannte er die Aufspaltung der Tschechoslowakei als Vorbild – befürwortete also implizit deren separatistischen Bestrebungen.2

In Serbien gestaltet sich das Bild etwas anders. Präsident Aleksandar Vučić hatte lange versucht, sich mit US-Demokraten und Republikanern gleichermaßen gutzustellen, dann konzentrierte er seine Bemühungen auf das Maga-Netzwerk. Um den US-Präsidenten für sich zu gewinnen, versucht auch Vučić Wirtschaftsprojekte anzubahnen, die Trumps Entourage einbeziehen. Anfang 2024 kündigte Trumps Schwiegersohn Jared Kushner Investitionen in Belgrad durch Affinity Global Development an, ein Unternehmen, das mit seinem Investmentfonds Affinity Partners verbunden ist, der wiederum vor allem von saudischem Kapital und Investoren aus Katar und den Emiraten gespeist wird.

Ein 2024 mit der serbischen Regierung eingegangenes Joint Venture plante, auf dem Gelände des ehemaligen jugoslawischen Generalstabs ein Trump-International-Luxushotel zu bauen. Der Vertrag sah den Abriss des Generalstabsgebäudes – das bei den Nato-Bombardements 1999 teilweise zerstört wurde – und eine kostenlose Pacht über 99 Jahre mit der Möglichkeit einer Umwandlung in Eigentum vor.

Die serbischen Behörden wollten das Projekt voranbringen und übten Druck auf verschiedene Institutionen aus, um den Denkmalschutz aufzuheben, womit sie Bürgerproteste und Strafanzeigen provozierten. Schließlich zog sich Kushner zurück, während Vučić seine Wut an den Gerichten ausließ und Gesetze durchsetzte, die ihre Unabhängigkeit einschränkten.

In Albanien soll ähnlich wie in Bosnien-Herzegowina neue Energieinfrastruktur in Kooperation mit den USA entstehen. Ende April unterzeichnete der sozialistische Ministerpräsident Edi Rama zusammen mit US-amerikanischen und griechischen Partnern ein 6-Milliarden-Dollar-Abkommen. Es sieht den Bau eines Wärmekraftwerks in Vlora vor, dass über 20 Jahre von Griechenland aus mit LNG aus den USA versorgt werden soll.

Die Regierung in Tirana macht sich auch für ein Bauprojekt stark, an dem sich Jared Kushner und Ivanka Trump mit 1,6 Milliarden US-Dollar beteiligen wollen. Auf der Insel Sazan und an der ihr gegenüberliegenden Lagune von Narta im Vjosa-Delta soll in einem Naturschutzgebiet ein Luxusresort entstehen. Das Projekt wird von der Gesellschaft Zvërnec South Adriatic Development getragen, die mit Kushner und Investoren aus Katar verbunden ist und von einem Netz albanischer regierungsnaher Oligarchen unterstützt wird.

Gegen das Vorhaben hat sich eine große Protestbewegung formiert. Wegen der Flamingos aus Pappe, mit denen die Demonstrierenden den Schutz der durch das Projekt bedrohten Vögel in der Lagune von Narta fordern, wird sie mittlerweile Flamingo-Revolution genannt. Es ist die bedeutendste soziale Bewegung in Albanien seit dem Fall des Kommunismus im Jahr 1991. Ähnlich wie in Serbien trägt vor allem die junge Generation, die sich für Umweltschutz und gegen soziale Ungleichheit engagiert, den Widerstand gegen undurchsichtige Absprachen zwischen politischen Eliten, lokalen Oligarchen und ausländischen Investoren.

Das Kosovo hat seine Entstehung dem US-Interventionismus unter Präsident Bill Clinton zu verdanken, der den Weg zur Unabhängigkeitserklärung 2008 gebahnt hat. Wegen seines umstrittenen Status bleibt seine Sou­veränität beschränkt: Fast die Hälfte der UN-Mitgliedstaaten erkennen es nicht an. Die Sicherheit des Territoriums hängt weiter von den dort stationierten Truppen der Nato und der USA ab.

Die erste Trump-Regierung trug zum Sturz der ersten Regierung des als links geltenden Albin Kurti bei. Mit seiner nationalistischen Antikorruptionspolitik kam der Vorsitzende der Partei Vetëvendosje! (Selbstbestimmung!) jedoch schnell wieder an die Macht. Für den Westen bleibt er vor allem wegen seiner Unnachgiebigkeit gegenüber der serbischen Minderheit im Kosovo und seines Wunsches nach einer Vereinigung mit Albanien ein schwieriger Partner.3

Kurti unterstützt heute auf internationaler Bühne die Positionen der Trump-Regierung zu Gaza, Iran oder Venezuela, um die Beziehungen zu den USA zu reparieren, die für sein politisches Überleben entscheidend sind. „Für das Kosovo ist die Beziehung zu den USA wesentlich, ja existenziell“, sagt Agon Maliqi, unabhängiger Analyst aus dem Kosovo. „Es gibt keine Fortschritte bei der Integration in Europa. Deshalb versucht jede Regierung, die transatlantische Verbindung zu pflegen.“

Im Januar trat das Kosovo, wie auch Albanien, dem von Trump gegründeten „Friedensrat“ bei. Im April stimmte das kosovarische Parlament einstimmig dafür, im Rahmen einer ebenfalls von Trump gewünschten „Internationalen Stabilisierungstruppe“ Soldaten nach Gaza zu entsenden. Auch Albanien und Bosnien haben einen Truppeneinsatz zugesagt.

„Die Westbalkanländer sind eine Spielwiese für konkurrierende Mächte“, stellt Boštjan Udovič, Professor für internationale Beziehungen in der Universität Ljubljana, fest. „Die EU kommt zuletzt. Sie versteht die Region nicht und hat Freiräume gelassen, die von anderen besetzt wurden.“

Dass sich die Regierungen in Sarajevo, Belgrad, Tirana und Pristina an den Prioritäten Washingtons orientieren, offenbart die Grenzen der EU-Außenpolitik, die ihre Vorstellungen durchsetzen wollte, zugleich aber den Beitritt der Westbalkanländer immer weiter hinausgeschoben hat. ⇥Ana Otašević

1 Vgl. Predrag Zvijerac und Gjeraqina Tuhina, „EU Warns Bosnia US Gas Project Could Threaten 1 Billion Euros In Aid“, Radio Free Europe, 25. April 2026.

2 „Flynn: One must be fearless about what one wants in future“, Agence SRNA, 3. März 2026.

3 Philippe Descamps und Ana Otašević, „Erzwungene Normalisierung“, LMd, April 2023.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Ana Otašević ist Journalistin und Filmemacherin in Belgrad.

Le Monde diplomatique vom 09.07.2026, von Ana Otasević

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