Es war einmal in Frankreich
Die große Bürgerbefragung von 1945 war lange vergessen. Eine Wiederentdeckung
von Benoît Breville

Manchmal taucht Geschichte auf dem Dachboden wieder auf. Lange vergessene Kartons werden geöffnet, und wenn der Inhalt katalogisiert ist, beginnt die Arbeit der Forschenden. Um einen solchen Fall handelt es sich bei den „États généraux de la Renaissance française“ (sinngemäß: Generalstände für einen französischen Neuanfang), wie der Nationalrat der Widerstandsbewegung (CNR) in Reminiszenz an den Vorabend der Französischen Revolution seine Volksbefragung von 1945 nannte.
Zwar gab es schon einzelne Studien, aber noch keine Gesamtdarstellung, die dem Umfang und dem Ideenreichtum dieser Initiative gerecht würde. Die war erst möglich, nachdem das Pariser Forschungszentrum CHS 2011 den Nachlass des CNR-Präsidenten Louis Saillant (1910–1974) übernommen hatte: 27 laufende Meter an Dokumenten, verstaut in 202 Kartons, von denen rund 40 Material über die états généraux (Generalstände) enthielten. Durch die Auswertung dieser Quellen haben Michel Pigenet und Danielle Tartakowsky nach fast 80 Jahren ein lange vergessenes Kapitel der Geschichte kürzlich neu erschlossen.1
Im September 1944 – knapp drei Wochen nach der Befreiung von Paris und während das Land teilweise noch besetzt war – war die Idee dazu entstanden. Der CNR verfolgte drei Ziele mit der Aktion: erstens Bekanntgabe seines Programms, das im März 1944 im Untergrund verabschiedet worden war; zweitens Verbreiterung der Basis, indem die Bevölkerung aufgefordert wurde, wie anno 1789 cahiers des doléances (Beschwerdehefte) einzureichen; und drittens sollte die Provisorische Regierung unter General Charles de Gaulle unter Druck gesetzt werden, ihre Reformversprechen umzusetzen.
Die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF) und der ihr nahestehende Allgemeine Gewerkschaftsbund (CGT) unterstützten das Vorhaben. Die Radikale Partei, die sozialistische SFIO und die Republikanische Volksbewegung (MRP) hielten Distanz. Und der Präsident der Provisorischen Regierung verhielt sich sogar offen feindselig. De Gaulle befürchtete, die Generalstände könnten den Handlungsspielraum seiner Regierung einschränken, indem sie ihre Beschlüsse als Ausdruck des Volkswillens präsentierten.
Die Gesamtauswertung der Delegierten fand vom 10. bis zum 13. Juli 1945 im Palais de Chaillot in Paris statt. Bis dahin sollten die Befreiungskomitees der einzelnen Départements (CDL) die Anliegen und Beschwerden sammeln und zusammenfassen. Die lokalen Befreiungskomitees (CLL) organisierten in Dörfern und Stadtvierteln Zusammenkünfte, wobei die Themen durch Fragebögen der CDL vorgegeben waren. Das Spektrum war allerdings so breit gefasst, dass Spielraum für vielfältige Meinungsäußerungen blieb.
Nach diesem Muster kam es im Juni 1945 in ganz Frankreich zu einigen tausend, teilweise sehr gut besuchten Versammlungen in Rathäusern, Festsälen, Theatern, Schulen, Gewerkschaftshäusern oder auch Cafés. Neben den kommunistischen Aktivist:innen beteiligten sich Sozialisten, Radikale, christliche Gewerkschafter, Vertreter von Berufsverbänden und zahlreiche parteilose Bürger:innen, die am Wiederaufbau des Landes mitwirken wollten.
Das Ergebnis waren tausende Beschwerde- und Forderungskataloge unterschiedlichster Art und Länge, mal nur eine Seite, mal ein komplett gefülltes Schulheft. So entstand ein bemerkenswertes, soziales Länderprofil von Frankreich im Jahr 1945.
Die Organisatoren hatten sich Listen gewünscht, die eher die Zukunft ins Auge fassen als die zahllosen Alltagsprobleme nach fünf Jahren Krieg. Doch diesem Wunsch wurde selten entsprochen. In Hubersent zum Beispiel, einem Dorf im Département Pas-de-Calais, schrieben die Leute in ihr cahier, was sie am dringendsten brauchten: Schuhe für die Bauern, Kohle und Nägel für den Hufschmied, Leder für den Schuster, Mehl für den Bäcker, Milch für die Kinder sowie Benzin, Garne und Fahrradreifen.

In der Bretagne wollten sie brachliegende Felder enteignen
Wie ein roter Faden zieht sich durch die Hefte die Hoffnung auf Fortschritt und das Vertrauen in die Potenziale einer gesellschaftlichen Transformation. Die Not hielt die Menschen nicht davon ab, „vernünftige Träume“ zu formulieren, schreibt etwa der Historiker Jean-Marie Guillon über seinen Forschungsgegenstand, das südfranzösische Département Var.2 Hier forderten die Leute die Elektrifizierung ihrer Dörfer, Wasseranschluss, Kanalisation, asphaltierte Straßen und geräumigere Wohnungen. Jedes Dorf plante öffentliche Einrichtungen, also Postamt, Gesundheitszentrum, Theater, Bibliothek, Kino, Schwimmbad, Stadion, Bahnhof, Bade- und Duschhäuser oder ein Jugendzentrum.
Im Département Isère wünschte man sich, dass neue Schulen, Sportstätten, Schwimmbäder und Festsäle oder auch die Wasserversorgung als „genauso wichtige staatliche Aufgaben gelten wie die Versorgung der Armee und das öffentliche Bildungswesen“. Hier werden die Hefte – so der Historiker Michel Pigenet – zum „Einfallstor sozialer Utopien“ der vielfältigsten Art: Einige wünschen sich etwa, dass Schriftsteller vom Staat finanziert werden; andere schlagen die Gründung von preisgünstigen Genossenschaftshotels vor, damit auch ärmere Leute Urlaub machen können.
Die Kostenfrage wird dabei nie als Hindernis gesehen: In vielen Heften steht, man solle doch „das Geld dort holen, wo es ist“: bei den Banken, den „Monopolen“, den „ökonomischen Feudalherren“ und den „Kriegsgewinnlern“. Es wird auch vorgeschlagen, dass der Staat die Wohnungen der „Verräter“ beschlagnahmt, um Familien unterzubringen, deren Wohnungen im Krieg zerstört wurden. Brachliegende Felder sollen enteignet und an arme Bauern verteilt oder Vermögen über 5 Millionen Francs konfisziert werden, schlagen etwa die Dorfbewohner im bretonischen Montfort-sur-Meu vor.
Die Beschwerdehefte bestätigen nicht einfach das CNR-Programm, sondern gehen oft darüber hinaus. Während der CNR nur gezielte Verstaatlichungen in strategischen Sektoren vorsieht, fordern die Beschwerdehefte reihum die Vergesellschaftung der Chemie- und Stahlindustrie, der Zementwerke, der Kunstfaserfabriken und Spinnereien, der Bauxitminen, der Ziegeleien, der Busunternehmen und zuweilen überhaupt „aller Fabriken, die für den Staat und die öffentlichen Körperschaften arbeiten“ (eine Forderung aus dem westfranzösischen Département Mayenne).
In Bezug auf die Modernisierung des Landes, die Rolle des Staates oder den Ausbau der Sozialleistungen herrscht im Sinne des CNR ein breiter gesellschaftlicher Konsens. Zu anderen Themen jenseits des CNR-Programms gehen indes die Meinungen diametral auseinander, etwa zur Stellung der Frau, zu den Kolonien oder zur Einwanderung. In Bourran im südwestlichen Département Lot-et-Garonne wünscht man sich, dass die „Mütter an den Herd“ zurückkehren und sich ausschließlich häuslichen Dingen und der Kindererziehung widmen. Im ostfranzösischen Département Saône-et-Loire dagegen fordert man für die Frauen „gleiche Rechte in allen Bereichen des wirtschaftlichen, öffentlichen, kulturellen, sozialen und politischen Lebens“.
Krasse Gegensätze gibt es auch in der Kolonialfrage: Aus Poilly-lez-Gien (Loiret) kommt die Forderung nach „absoluter Unabhängigkeit der Kolonialvölker“; in Casteljaloux (Lot-et-Garonne) dagegen befürwortet man „die Aufrechterhaltung und Ausweitung des zivilisatorischen Einflusses Frankreichs in der kolonialen Welt“. Was die Einwanderung betrifft, so wird in den meisten Heften zwar eingeräumt, dass für den Wiederaufbau des Landes auch ausländische Arbeitskräfte gebraucht werden, doch über ihre gesellschaftliche Stellung ist man uneins. Einige fordern gleiche Rechte für die Migranten, andere unterscheiden zwischen „erwünschten“ und „unerwünschten“ Zuwanderern. Manche gehen so weit, „jeglichen Import ausländischer Arbeitskräfte“ abzulehnen, raunen von einer „Invasion von Fremden in unsere Dörfer“ und befürchten, dass „Inseln fremder Rassen in unserer Rasse entstehen“ (so in Estevelles im Département Pas-de-Calais).
Im Jura forderten sie eine Steuer auf Müßiggang
Solche lokalen Bedenken nähren sich jedoch oft aus alten Denkmustern. In eine ähnliche Kerbe schlagen Diffamierungen von Arbeitslosen als „Faulenzer“, die „von der Arbeit anderer leben“. Eine Gemeinde im Jura schlägt sogar „eine Steuer auf Müßiggang“ gegen die „Faulenzer in den Cafés“ vor. Ähnlich verächtlich fallen zuweilen die Urteile über die Jugend aus, die als moralisch und physisch verkommen bezeichnet wird. Im Département Deux-Sèvres glauben die Leute zu wissen, woher das kommt: von den „Entbehrungen, der unsittlichen Maßlosigkeit, der Missachtung hygienischer Regeln und einer Lockerung der Sitten, die ganz allgemein zu Respektlosigkeit, Grobheit und Verschwendung führt“.
In anderen Beschwerdeheften beklagt man sich über die Verbreitung von angeblich pornografischen Zeitschriften, Alkoholwerbung, zu viele Kneipen und vor allem über das Kino, das die Leute vom Bücherlesen abbringe. In Chambon-la-Forêt (Loiret) werden besonders schädliche Machwerke der Filmbranche aufgezählt: Ehebruchgeschichten, Krimis und Komödien, die den jungen Mädchen aus dem Volk vorgaukeln, sie könnten ihr Glück finden, indem sie sich einen Millionär angeln. Gleichfalls unter Anklage stehen das Radio mit seinen Sendungen „von äußerst geringer Qualität“ sowie „Swing- und Negertänze“, die „unsere Jugend zum Gespött machen“, wie eine Versammlung im Département Charente-Maritime jammert, die Jazz, Kabaretts und Nachtclubs allesamt als sittenwidrig bezeichnet.
Es werden aber auch die Wurzeln von Problemen sichtbar, die die französische Gesellschaft bis heute bewegen. Ein ständig wiederkehrendes Thema ist etwa der Gegensatz zwischen Städten und dem Land, wo noch fast die Hälfte der Bevölkerung lebte. Immer wieder scheint der Wunsch auf, die Kluft zu verringern zwischen einer urbanen Welt, die allein vom Fortschritt profitiere, und den ländlichen Gebieten, die sich abgehängt fühlten. Diese Aufspaltung in zwei Sphären, bei der die ländliche „vom materiellen, intellektuellen und sozialen Fortschritt weitgehend ausgeschlossen bleibt, ist tödlich für unser Land“, ist etwa in dem Heft aus Samazan (Lot-et-Garonne) zu lesen.
Am Ende der regionalen Konsultationen versammelten sich fast 2000 gewählte Delegierte im Palais de Chaillot. Nach vier Tagen wurde eine Abschlusserklärung vorgelegt, die auf Konsens angelegt und deshalb so allgemein gehalten war, dass die Vielfalt der Beiträge dahinter verschwand. Mehrere Teilnehmer kritisierten die Erklärung als ungenau und voller „stereotyper Banalitäten“. Ohnehin stand die Initiative da schon im Schatten eines politischen Schachzugs von General de Gaulle: Einen Tag vor der Eröffnung der Generalstände verkündete er, dass im Oktober sowohl Parlamentswahlen als auch ein Referendum über die neue Verfassung abgehalten werden sollen.
Schon wenige Wochen später waren die Generalstände aus der öffentlichen Debatte verschwunden. Sie hinterließen weder bedeutende Beschlüsse noch ein institutionelles Erbe, dafür aber die Idee, dass die Zukunft des Landes von der Gesamtheit der Bevölkerung selbst diskutiert werden könne – und das kostbare Recht zu träumen, selbst in dunklen Zeiten.
Aus dem Französischen von Nicola Liebert
Benoît Bréville ist Direktor von LMd, Paris.


