Eine subversive Religion
Vodou in Haiti
von Toni Keppeler

Als ich im März 2025 nach Haiti kam, war Pòtoprens (Port-au-Prince) eine belagerte Stadt. Rund 90 Prozent des Stadtgebiets waren im Griff krimineller Banden. Der Flughafen war seit Monaten geschlossen, die Zufahrtsstraßen in die Hauptstadt wurden von bewaffneten Männern verschiedener Gruppierungen blockiert. Man brauchte gute Kontakte und ein bisschen Risikobereitschaft, um überhaupt in die Stadt zu kommen, und auch dort war die Bewegungsfreiheit eingeschränkt.
In den von der Gewalt noch nicht heimgesuchten Gegenden hatten Bürgerwehren eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. Abends um neun wurden diese Viertel mit Gattern oder Barrikaden aus gefällten Bäumen, Müll und Schrottautos abgeriegelt. Junge Männer, mit Macheten und Flinten bewaffnet, ließen bis zum nächsten Morgen um fünf niemanden mehr durch.
Die samstägliche Vodou-Zeremonie im Kay Mambo Gladys, im Haus der Mambo Gladys,1 fand deshalb nicht wie zu friedlicheren Zeiten in den Abend- und Nachtstunden statt, sondern hatte schon am Vormittag begonnen.
Gladys ist eine große gewichtige Frau. Sie scheint haarlos zu sein. Ihre Augenbrauen sind breit und schwungvoll mit Kajalstift aufgemalt, unter dem gestickten gelben Kopftuch schimmert eine Glatze. Bei der Zeremonie trägt sie große goldene Kreolen und zwei ebenfalls goldene Halsketten. Ihr grün-rot gemustertes Kleid ist weit und bodenlang. Die Füße stecken in schlichten schwarzen Plastikschlappen. Fuß- und Fingernägel sind leuchtend rot lackiert. Ihr wichtigstes Accessoire ist eine Sisalpeitsche. Wenn sie die auf den Boden knallen lässt, weckt sie die Lwa.2
Ihr Haus steht in Dèlma, einem Viertel der schmalen Mittelschicht; der Zeremonienort ist der Platz davor. Er ist betoniert, kreisrund und hat einen Durchmesser von gut zehn Metern. Nur in der Mitte gibt es, eingefasst von einer kniehohen Mauer, nackte Erde. In der steht ein Mapou. So nennt man in Haiti den Kapokbaum.
Der Baum ist mit bunten Bändern geschmückt. An seinen Ästen hängen in Tücher gewickelte Teller, die Opfergaben für die Lwa enthalten. Der Mapou dient hier als Potò mitan, was übersetzt „Mittelpfeiler“ heißt, denn die Lwa brauchen eine vertikale Achse, um zu den Menschen zu gelangen.
Am Rand des Platzes sitzen fünf Trommler. Der Vortrommler und ein weiterer bearbeiten mit den Händen die Felle der etwa einen Meter hohen, blau, weiß und rot bemalten Instrumente, ein dritter schlägt mit Holzstäben auf drei vor ihm stehende ähnliche Trommeln. Der vierte hat ein kleines, höher gestimmtes Instrument vor sich, auf dem er mit einem Metallschlegel den Rhythmus der anderen akzentuiert. Ein fünfter Mann, der mit einem Stab auf ein Eisenstück schlägt, ergänzt die Combo der Musiker.
Es gibt einen Vorsänger mit kabellosem Mikrofon, auf dessen Texte die anderen antworten. Man kann sich das vorstellen wie die Wechselgesänge, wie man sie in US-amerikanischen Spielfilmen über die Zeit der Sklaverei bei der Arbeit von Schwarzen auf den Baumwollfeldern der Südstaaten hören kann. Die hier Versammelten freilich arbeiten nicht; zwei Dutzend von ihnen tanzen um den Potò mitan.
Drumherum sitzen noch einmal gut 30 Männer, Frauen und Kinder, die zuschauen. Viele schwatzen miteinander, kommentieren das Geschehen, lachen. Eine Vodou-Zeremonie ist nicht nur eine kultische Veranstaltung. Sie ist auch eine Gelegenheit, sich zu treffen und Neuigkeiten auszutauschen.
Die meisten Teilnehmer:innen tragen Alltagskleidung. Heraus sticht ein halbes Dutzend Frauen in langen weißen Kleidern. Sie tragen Kopftücher in Blau, Rot oder Grün. Es sind Helferinnen der Mambo. Die knallt immer wieder mit ihrer Sisalpeitsche auf den Boden. Bisweilen nimmt sie einen großen Schluck aus einer Flasche Rum und bläst die hochprozentige Flüssigkeit den Tanzenden als feine Tröpfchenwolke ins Gesicht. An diesem Nachmittag läuft die Zeremonie schon seit Stunden, doch bisher hat sich noch kein Lwa gezeigt.

Zeremonie bei Mambo Gladys
Die Besessenheit beginnt langsam, fast meditativ. Wer von einem Lwa in Besitz genommen wird, dreht sich zunächst still um die eigene Achse, ganz in sich versunken. Dann werden die Augen starr und treten hervor. Meist blicken die Besessenen nach oben ins Nichts. Es folgt ein wilder Tanz. Alle Muskeln sind angespannt, oft sind die Fäuste geballt, die Arme seltsam verrenkt.
Haitianer reden nicht von Besessenheit. Sie sagen, ein Mensch werde von einem Lwa „geritten“; der Gerittene werde zum „Pferd“ der Gottheit. Der Lwa übernimmt das Kommando, das Bewusstsein des Menschen ist ausgeschaltet. Er wird zu einer Manifestation der Gottheit.
Als eine der Ersten fällt eine Frau mit rotem Kopftuch, grüner Bluse und knielangem roten Rock in diesen Zustand. Sie wird starr, blickt mit geweiteten Augen hinauf zur Spitze des Mapou und zischt ein abgehacktes „ts ts ts ts“. Dann versucht sie, auf den Baum zu klettern. Offenbar wird sie von Danmbala, dem obersten der Lwa geritten. Sein Symbol ist die Schlange, ein Sinnbild unerschöpflicher Lebenskraft.
Zugleich stellt dieser Geist die Verbindung zu unterirdischen Gewässern her, über die die Tote zurück nach Ginen, der mythischen Heimat aller Haitianer in Afrika, gelangen. Menschen, die von Danmbala geritten werden, verhalten sich wie Schlangen. Sie zischen, sie kriechen mit wellenförmigen Bewegungen über den Boden. Sie klettern auf Bäume, hängen sich ins Geäst und lassen den Kopf wie eine Boa herabhängen. Mambo Gladys hindert die Frau im roten Rock daran, den Mapou zu erklimmen. Sie hält sie fest, redet beruhigend auf sie ein und verhindert so einen möglichen Sturz.
Es ist, als sei nun das Tor zur übernatürlichen Welt aufgestoßen. Ein Tanzender nach dem anderen wird von einem Lwa in Besitz genommen. Ein stämmiger Mann in Jeans und buntem Hemd führt einen kraftvollen Tanz auf, der selbst bei einem Hardrockkonzert Erstaunen erregt hätte und nicht zu den getrommelten Rhythmen passt. Ein anderer jüngerer Mann in braunen Hosen und rotem Kapuzenpulli wird von Bossou geritten, einem Lwa aus der Tiefe des Meers.
Bossou ist eine Schöpfergottheit, die Macht hat über die Erde, den Himmel und das Meer. Er wird oft als dreihörniger Stier dargestellt. Der Gerittene springt wild über den Platz, stürzt, steht wieder auf und springt weiter, fast wie ein Stier, der versucht, einen Torero anzugreifen. Schaum steht ihm vor dem Mund.
Auch einer der Zuschauer wird von einem Lwa in Besitz genommen. Er steht auf, greift sich ein langes Messer und fuchtelt damit herum. Helfer der Mambo halten ihn fest, nehmen ihm das Messer weg, ziehen ihm die Schuhe, die Socken und auch sein Hemd aus. Er setzt seinen grimmigen Tanz im Unterhemd fort, bis auch ihm Schaum vor dem Mund steht. Er wurde zur Manifestation des kriegerischen Lwa Ogou.
Auch die Lwa Lasirèn manifestiert sich. Sie wird oft als Meerjungfrau mit Flossenschwanz und langem seidigen Haar dargestellt. Sie kommt, wie Bossou, aus dem Meer und ist eine zwiespältige Lwa. Als Göttin der Schönheit, der Musik, des Reichtums und der erotischen Liebe steht sie für die Lebenskraft des Wassers – aber ebenso für seine Gefahren. Sie kann Menschen in ihr ozeanisches Reich hinabziehen, bringt aber auch Sterbende unter dem Wasser zurück nach Ginen. An diesem Nachmittag reitet Lasirèn eine zierliche Helferin im weißen Kleid.
Die junge Frau dreht sich langsam im Kreis, breitet die Arme aus, ihr Blick geht ins Leere. Dann treten ihre Augen so weit hervor, dass sie aus den Höhlen zu springen drohen. Den schmalen Körper überkommt eine Kraft, die man ihm nicht zugetraut hätte. Die Frau stampft mit den Füßen auf den Boden, schreit. Dann verfällt sie in einen wilden Tanz.
Es scheint, als schwebe sie über dem Boden. Immer wieder bleibt sie unvermittelt stehen, ballt die Fäuste, breitet die Arme aus, verschränkt sie hinter dem Rücken. Ihr Körper steht unter Hochspannung, das Gesicht ist grimassenhaft verzerrt, der Mund beim Schreien weit aufgerissen. Von ihren Lippen tropft weißer Schaum.
Erst nach einer Stunde verlässt Lasirèn ihr menschliches Pferd. Langsam gewinnt die junge Frau ihr Bewusstsein zurück. Sie wankt vom Kultplatz, hin zu einem großen Blechfass, das mit Wasser gefüllt ist. Sie beugt sich darüber und benetzt sich Gesicht und Haar. Ihre schmalen Hände klammern sich am Rand des Fasses fest. Ihre Augen sind müde, halb geschlossen. Sie atmet schwer durch den offenen Mund. Dann geht sie zurück auf den Kultplatz, setzt sich erschöpft auf das Mäuerchen um den Mapou und blickt leer vor sich hin.
Das haitianische Vodou speist sich aus verschiedenen Quellen. Sein wesentlicher Ursprung liegt in den animistischen Religionen im früheren Reich Dahomey (heute Benin). Hinzu kommen Einflüsse der Glaubensvorstellungen der Taíno, die Haiti vor der spanischen Kolonisierung bewohnten, Symbole und Ikonografie des Katholizismus und Elemente, die im Widerstand gegen Frankreich, im Freiheitskampf und nach der Unabhängigkeit entstanden sind.
Vodou unterscheidet sich deutlich von anderen afroamerikanischen Religionen wie der Santería in Kuba oder dem Candomblé in Brasilien, die rein spirituell sind. Vodou dagegen ist spätestens seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine eminent politische und militante Religion, subversiv und aufmüpfig gegen jegliche Obrigkeit.
1 Eine Mambo ist die Leiterin einer Vodou-Gemeinschaft, die auch die Zeremonien anleitet.
Toni Keppeler ist Journalist. Der vorliegende Text ist ein Vorabdruck aus seinem neuen Buch, das am 5. August erscheint: „Haiti – Sklaven, Vodou und ein endloser Kampf um Befreiung“, Zürich (Rotpunktverlag) 2026.


