Israel, die Drusen und die Drogen
Warum die Verständigung zwischen den Herrschern im syrischen Gouvernement as-Suwaida und der Zentralregierung scheitert
von Charles Lister

In den Morgenstunden des 3. Mai drangen jordanische F-16-Kampfflugzeuge in den syrischen Luftraum ein und bombardierten mindestens sechs Ziele im südsyrischen Gouvernement as-Suwaida. Die „Operation Jordanische Abschreckung“ habe, so hieß es in einer Verlautbarung Stunden später, Fabriken und Warenlagern gegolten, „die von Drogenbanden als Ausgangspunkt für Schmuggeloperationen nach Jordanien genutzt wurden“.
Es war die fünfte Militäraktion Jordaniens in as-Suwaida seit dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024; und die dritte seit Juli 2025, als von Israel unterstützte Drusenmilizen, die sich Nationalgarde nennen, die Kontrolle über das Gebiet im Südwesten Syriens erlangt hatten.
Vorausgegangen war dieser Machtübernahme, die einen Großteil des Gouvernements der Kontrolle durch die Regierung in Damaskus entzog, eine Woche blutiger Kämpfe mit schätzungsweise 1700 Toten zwischen drusischen Milizen und Angehörigen von Beduinenstämmen. Dieser lokal begrenzte Konflikt hatte eine Intervention syrischer Regierungstruppen zur Folge, die zu brutalen Vergeltungsaktionen und schließlich zum Eingreifen der israelischen Luftwaffe führte.
Laut einem UN-Bericht vom vergangenen März haben bei den Kämpfen um as-Suwaida alle Beteiligten – Regierungstruppen, Beduinen und Drusenmilizen – Kriegsverbrechen begangen, wobei die syrische Armee am stärksten belastet wurde.1
Das Interesse Israels an dem Gouvernement im Südwesten Syriens mit seiner drusischen Bevölkerungsmehrheit hat zum Teil mit der Rolle der drusischen Minderheit im eigenen Land zu tun. Die israelischen Drusen verfügen über großen Einfluss innerhalb des Militärs und fühlen sich mit den drusischen Brüdern und Schwestern jenseits der Grenzen solidarisch verbunden.
Wichtiger ist jedoch ein anderer Faktor: Die Regierung Netanjahu nahm von Anfang an eine ausgesprochen feindselige Haltung gegenüber der neuen syrischen Regierung unter Ahmed al-Scharaa ein. In den ersten Tagen nach dem Fall des Assad-Regimes versorgte das israelische Militär die drusischen Milizen, die gegen die Regierung in Damaskus aufbegehrten, aus der Luft mit Waffen und Munition. Seither hat Israel etwa 200 Quadratkilometer syrischen Territoriums besetzt, fast 1100 Luft- und Artillerieangriffe auf syrische Ziele und mehr als 1000 Bodenoperationen im Nachbarland unternommen.
Eine von Drusen kontrollierte Region as-Suwaida hat für Israel mehrere Vorteile: Sie stellt eine wertvolle Pufferzone dar, dient zur Abschreckung und Drohung gegenüber Damaskus und gilt als permanenter Quell politischer und religiöser Spannungen, die sich jederzeit bei Bedarf aktivieren lassen. Das trägt dazu bei, die Absicht von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zu verwirklichen: Syrien soll schwach und gespalten bleiben.
Nach den Kämpfen vom Juli 2025 schlossen sich etwa 40 drusische Milizen in as-Suwaida zur Nationalgarde zusammen. Ihre Loyalität gilt Hikmat al-Hidschri, einem der drei religiösen Führer (Scheiks) der syrischen Drusen. Mit der Unterstützung – oder auch unter dem Schutzschirm – der Israelis haben die Nationalgarde und ein politisches Gremium, das ebenfalls treu zu Scheik al-Hidschri steht, die Region inzwischen fest im Griff. Seitdem hat sich der Drogenhandel in Richtung Jordanien mehr als vervierfacht. Von Januar bis Juli 2025 waren auf jordanischer Seite 21 Drogenlieferungen aus as-Suwaida abgefangen worden; im Zeitraum Juli 2025 bis April 2026 stieg diese Zahl auf 128.2
Jordanien hat seine militärischen Gegenschläge ganz auf as-Suwaida konzentriert, und das auch schon, bevor die Drusenmilizen dort die Macht übernahmen – was eindeutig zeigt, dass die Militär- und Geheimdienstkreise in Amman die Region für das Zentrum der Bedrohung halten, und zwar in erster Linie durch die Droge Captagon.
Anfangs hatten die Schmuggler dieses billige und stark süchtig machende Amphetamin mit Quadrokopterdrohnen transportiert, doch das war so teuer und unprofitabel, dass sie inzwischen auf ein anderes Transportmittel setzen: mit Helium gefüllte Ballons, die schwere Lasten tragen können und mit einem GPS-System und einem Fernauslösemechanismus ausgestattet sind. So können die Drogenpakete gleich hinter der jordanischen Grenze abgeworfen werden.
Seit Juli 2025 hat das jordanische Militär mindestens 46 Millionen Captagon-Tabletten abgefangen3 , von denen die meisten von diesen Ballons abgeworfen wurden. Ab und zu dienten Ballons und Drohnen auch dazu, Waffen und Sprengstoffe zu transportieren oder andere Drogen wie Crystal Meth und Haschisch.
As-Suwaida ist schon lange ein Korridor für den Drogenhandel in Syrien. Bereits das Assad-Regime nutzte die dünn besiedelte Region und ihre einheimischen Schmugglernetzwerke, um Drogen über Jordanien an die reichen Kunden in den Golfstaaten zu liefern.
Im Gouvernement as-Suwaida entstanden mindestens zwölf größere Labore für die Captagon-Herstellung. Um die Schmuggeloperationen zu koordinieren, rekrutierten Mitglieder von Assads Militärgeheimdienst und der syrischen 4. Division (die von Assads Bruder Mahir geführt und von Iran ausgehalten wurde) Hilfskräfte aus den lokalen Beduinenstämmen oder unter ihren drusischen Verbündeten.
Wichtige Akteure des organisierten Verbrechens sind nach dem Sturz des Assad-Regimes und den Kämpfen vom Juli 2025 erneut an die Macht gekommen. Zumindest fanden sie in der Provinz neue lokale Autoritäten vor, die über ihre kriminellen Aktivitäten hinwegsahen oder den Drogenhandel sogar unterstützten. Als ich mich im Januar 2025 mit Vertretern drusischer Milizen traf – die sich später zum Kern der Nationalgarde formierten –, stellte ich die Frage nach der Zukunft des Drogenschmuggels in Syrien. Bezeichnenderweise ging niemand von den Anwesenden auf diese Frage ein.
Tatsächlich besteht die Führung der Nationalgarde von as-Suwaida gut zur Hälfte aus ehemaligen hohen Offizieren des Assad-Regimes. Dazu zählen etwa Brigadegeneral Jihad al-Ghoutani4 und Oberst Talal Amer, die beide der 4. Division, einer Elitetruppe Assads, angehörten; ebenso die beiden Brigadegeneräle Shakib Nasr und Anwar Radwan, die früher Geheimdienstchefs in Tartus beziehungsweise Baniyas waren.

Überreste von Assads Narco-Staat
Weitere hochrangige Offiziere der Nationalgarde zählen zum organisierten Verbrechen und waren Mitglieder des kriminellen Netzwerks, das einst von Assads Militärgeheimdienst betrieben wurde. Zu diesen Figuren gehören Nasser al-Saadi, Bassel al-Tawil, Haydar Anij, Mohannad Mazhar, Fawaz Abu Sarhan und Raji Falhout, der Verbindungen zur Hisbollah unterhielt.
Gegen Abu Sarhan hat Interpol wegen seiner Rolle im transnationalen Drogen- und Waffenschmuggel einen internationalen Haftbefehl erlassen; Mohannad Mazhar ist ein berüchtigter Krimineller, der an Prostitution und Drogenhandel, aber auch am Geschäft mit Lösegelderpressungen und Auftragsmorden beteiligt ist.
Die engen Beziehungen zum alten Assad-Regime, das Syrien wegen seiner notorischen kriminellen Aktivitäten den Ruf des weltweit führenden „Narco-Staats“ eingebracht hatte, wurden auch durch die Razzien und Überwachungsmaßnahmen der neuen Regierung in Damaskus bestätigt. Dabei wurden Verbindungen zum Libanon ermittelt, wo Kader des Assad-Regimes Zuflucht unter den Fittichen der Hisbollah gefunden haben.
Am 12. Januar 2026 fing eine syrische Spezialeinheit eine große Drogenlieferung aus dem Libanon ab. Beschlagnahmt wurden neben 650 000 Captagon-Tabletten und mehr als 100 Kilogramm Haschisch auch 226 brandneue Lastenballons. Damit wurde erstmals die Herkunft dieser Ballons aufgedeckt – und zugleich die zentrale Bedeutung des Libanon für den Drogenhandel, der für Damaskus ein anhaltendes Problem darstellt.
Allein in den letzten sechs Monaten haben die syrischen Behörden fast 33 Millionen Captagon-Tabletten abgefangen, die aus dem Libanon über die Grenze gelangten, was 77 Prozent der in ganz Syrien beschlagnahmten Captagon-Mengen entspricht (nach Daten von Syria Weekly).
Angesichts der Tatsache, dass die Hisbollah eng mit dem organisierten Verbrechen in Syrien verbandelt ist, hat die libanesische Regierung begonnen, mit Damaskus zu kooperieren. Am 26. März wurde aufgrund geheimdienstlicher Informationen aus Beirut ein führender libanesischer Drogenhändler in Syrien festgenommen und abgeschoben. Die Zahl der Drogenlieferungen, die in Syrien an der Grenze zum Libanon abgefangen werden, hat mit der allmählichen Verbesserung der syrisch-libanesischen Beziehungen um ein Vielfaches zugenommen.
Im Herbst 2025 war die Captagon-Produktion in Syrien nach Angaben des Innenministeriums so gut wie am Ende – das Ergebnis eines regelrechten Feldzugs gegen die vom Assad-Regime betriebenen Drogenlabore. Doch schon damals erzählte mir Innenminister Anas Khattab, dass seine Regierung in as-Suwaida wenig ausrichten konnte. Dort hatten Leute aus dem Umkreis von Scheik al-Hidschri seit Juli 2025 neue Captagon-Fabriken eingerichtet, sogar in der Gouvernementshauptstadt as-Suwaida.
Zur Bekämpfung des Drogenhandels arbeitet die Regierung in Damaskus eng und erfolgreich mit den Sicherheitsorganen der Nachbarländer zusammen. Allein in den letzten sechs Monaten hat Syrien gemeinsame Operationen gegen Drogenbanden mit dem Irak, der Türkei, Jordanien und dem Libanon durchgeführt. Die Antidrogeneinheit des syrischen Innenministeriums werde bei Ausbildung und technischer Ausrüstung von Katar, Saudi-Arabien und Jordanien unterstützt, erklärte mir ein syrischer Regierungsvertreter. Jüngst haben 300 syrische Sicherheitskräfte Fortbildungen am Internationalen Polizeiausbildungszentrum in Jordanien abgeschlossen. Sie sollen an Kontrollpunkten entlang der Grenze zum Gouvernement as-Suwaida eingesetzt werden.
Trotz solcher Fortschritte ist das südwestliche Gouvernement nach wie vor der Kontrolle durch Damaskus und dem Zugriff der syrischen Antidrogeneinheiten entzogen. Angesichts der anhaltenden Schmuggelaktivitäten sah sich Jordanien schließlich zum Eingreifen gezwungen. Zumal der jordanische Geheimdienst zu der Einschätzung gelangte, dass Scheik al-Hidschri gezielt eine strategische Allianz mit Drogenhändlern aus as-Suwaida aufgebaut hat: Der Drusenführer sorgt für ein „günstiges Umfeld“ für das organisierte Verbrechen und erhält im Gegenzug eine wichtige Einnahmequelle.
Es ist exakt dasselbe Konzept, von dem bereits das Assad-Regime profitiert hatte. Und in Amman weiß man genau, dass solche Vereinbarungen in der Regel eine lange Lebensdauer haben.
Jordanien hat allerdings nicht ganz auf eigene Faust gehandelt. Aus Regierungskreisen in Damaskus ist zu erfahren, dass der syrische Geheimdienst an dem jordanischen Gegenschlag beteiligt war. Dies geschah über eine spezielle Stelle zum Informationsaustausch, die Anfang 2025 eigens zur Bekämpfung des Drogenhandels eingerichtet worden war. Auf diesem Weg wurde die syrische Seite auch vorab über die jordanischen Luftschläge vom 3. Mai informiert.
Es waren sehr gezielte Angriffe. In der Stadt Arman wurden mehrere Gebäude getroffen, die Fares Saimouah gehören, einer dunklen Figur, die früher enge Verbindungen zum Assad-Regime, zum organisierten Verbrechen und zum Drogenhandel pflegte. Wie man in as-Suwaida erfahren kann, ist Saimouah auch mit Mohannad Mazhar – einem Führungsoffizier der Nationalgarde – und dessen Bruder Atef verbandelt. Beide loben öffentlich das Bündnis der Drusen mit Israel. Saimouah soll auch die Idee mit den Heliumballons entwickelt und den Handel mit Heliumflaschen monopolisiert haben.
Lokale Medien haben auch berichtet, dass ein weiterer Bruder Saimouahs wenige Tage vor den jordanischen Angriffen beim Transport einer großen Zahl von Heliumbehältern erwischt wurde, doch nach einem Anruf Saimouahs bei der Nationalgarde gleich wieder freikam.
Die jordanischen Luftschläge trafen auch Einrichtungen der Nationalgarde, etwa in Schahba, einer Stadt 15 Kilometer nördlich von as-Suwaida ganz in der Nähe des Hauptquartiers von Scheik al-Hidschri. Weitere Angriffe trafen Captagon- Produktionsanlagen und Lagerhäuser weiter im Süden.
Die von Israel unterstützte drusische Nationalgarde hat die Militäraktionen Jordaniens verurteilt und behauptet, Amman und Damaskus ginge es lediglich darum, „politische Rechnungen zu begleichen“. Auch hätten es beide Regierungen versäumt, ihren Kampf gegen das „Gift“ – für das nach Ansicht der Nationalgarde allein Damaskus verantwortlich ist – mit den Drusen zu koordinieren.
Dass Jordanien mit dem syrischen Innenministerium zusammenarbeitet und die Lage in as-Suwaida mit Sorge beobachtet, weiß man seit Langem. Schließlich war es die gemeinsame Vermittlung Jordaniens und der USA, die im September 2025 zur sogenannten Suwaida-Roadmap führte.
In diesem Dokument bekannte sich die Regierung in Damaskus zur Verantwortung für die tödlichen Ereignisse vom Juli 2025 und verpflichtete sich, Kämpfer, die nicht den Regierungstruppen angehörten, von der Front zurückzuziehen. Darüber hinaus sollten Hilfslieferungen erleichtert und Gefangene freigelassen werden, Geflüchteten sollte die Rückkehr gestattet werden. Die Untersuchung der Vorfälle vom Juli 2025 durch eine UN-Kommission wurde begrüßt und ein Dialog mit dem Ziel der Reintegration des Gouvernements as-Suwaida in den syrischen Staat befürwortet.
Dieser Plan wurde zwar von Israels Verbündetem al-Hidschri umgehend abgelehnt, er ist aber bis heute die einzige international anerkannte Vereinbarung, die den Abbau der Spannungen und die Beendigung der Suwaida-Krise zum Ziel hat.
Seit der Suwaida-Roadmap hat die jordanische Regierung wiederholt versucht, informelle Gespräche zwischen der Regierung in Damaskus, Führern der Beduinenstämme und Vertretern der Drusen in as-Suwaida in Gang zu bringen, aber die faktischen Herrscher des Gouvernements haben sich dem strikt verweigert.
Im November 2025 gelang Jordanien jedoch ein Durchbruch. Zumindest einige Führungsfiguren der Drusen von as-Suwaida erklärten sich bereit, zu einem Treffen nach Amman zu reisen. Allerdings wurde die Neuigkeit prompt an arabische Medien durchgestochen, woraufhin die Nationalgarde am 29. November zehn mutmaßliche Teilnehmer des Treffens verhaftete, darunter die drusischen Religionsführer Raed al-Mutni, Assem Abu Fakhr und Maher Falhout. Alle drei wurden zu Tode gefoltert; ihre Leichen fand man drei Tage später vor dem staatlichen Krankenhaus in as-Suwaida. Das Vorgehen erinnert gespenstisch an die Praktiken unter dem Assad-Regime.
Nach Informationen aus der drusischen Zivilgesellschaft entführte die Nationalgarde in as-Suwaida mindestens 30 drusische Persönlichkeiten, denen Kontakte mit Damaskus vorgeworfen wurden. Sie verschwanden in einem der informellen Gefängnisse, die einem allseits gefürchteten Mann unterstehen, der Eagle-Eye genannt wird. Über den von Eagle-Eye betriebenen Repressionsapparat gibt es kaum Informationen. Zu dessen Führungspersonal sollen mehrere Kommandeure der Nationalgarde gehören.
Das gesamte System wurde mithilfe der Israelis und unter der Oberaufsicht von Scheik al-Hidschri aufgebaut. Es betreibt geheimdienstliche Überwachung im gesamten Gouvernement als Ohr und Auge der Nationalgarde, es soll Kritiker des Regimes beobachten, entlarven, verhaften und verschwinden lassen.
Drusische Persönlichkeiten, die den Dialog unterstützen, haben sich nach Damaskus abgesetzt, um der Verfolgung durch das Eagle-Eye-System zu entgehen. Das gilt auch für Hassan al-Atrasch, das Oberhaupt der traditionell angesehensten drusischen Familie Syriens. Mitte Februar hielt al-Atrasch in Damaskus eine Rede, in der er al-Hidschri verurteilte. Man dürfe einen Menschen „nicht an seiner Fähigkeit messen, ein Feuer zu entzünden, sondern an der Fähigkeit, es zu löschen“, erklärte er.
Zu den dialogbereiten Kräften gehört auch der Aktivist und Journalist Marhaf al-Shaer, der am 7. Januar 2026 von der Mitgliedern der Nationalgarde entführt und mit Knieschüssen bestraft wurde. Drei Wochen zuvor war Marhafs Bruder, der Dichter Anwar al-Shaer, vor seinem Haus erschossen worden.
Die politische Unsicherheit und Instabilität in den südlichen Gebieten Syriens im Gefolge der blutigen Kämpfe vom Juli 2025 begünstigt die Rolle des Gouvernements as-Suwaida als Epizentrum der organisierten Kriminalität und des Drogenhandels. Seit diesen blutigen Ereignissen herrscht dort eine auf die Dauer nicht haltbare Pattsituation zwischen der syrischen Regierung und den von Israel unterstützten Drusen, die nun de facto die Macht in as-Suwaida ausüben.
Die Regierung in Damaskus zeigte bislang keine wirkliche Bereitschaft, die Verantwortung für die Verbrechen zu übernehmen, die ihre Sicherheitskräfte vor einem Jahr begangen haben. Was wiederum ihren Gegnern in as-Suwaida die Rechtfertigung ihrer eigenen Missetaten liefert. Diese Situation kommt al-Hidschri in vielerlei Hinsicht zugute; es ist genau die Konstellation, auf die der Scheik von Anfang an hingearbeitet hat.
Als ich al-Hidschri im Januar 2025 in seinem Hauptquartier in Qanawat unweit von as-Suwaida persönlich traf, erklärte er mir, dass es „mit den Terroristen in Damaskus nichts zu vereinbaren“ gebe. Verhandlungen seien seine „Zeit nicht wert“. Im Übrigen, sagte er damals, habe er täglich Kontakt mit Mazlum Abdi, dem Chef der kurdisch dominierten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), um deren Positionen gegenüber Damaskus „zu koordinieren“.
Im Frühjahr und Frühsommer 2025 lehnte Scheik al-Hidschri mehrmals Vereinbarungen mit Damaskus ab, die militärische, politische, religiöse und zivilgesellschaftliche Führungskreise für as-Suwaida ausgehandelt hatten, um dem Gouvernement einen Sonderstatus innerhalb des neuen syrischen Staats sichern zu können.
Doch als dann die syrischen Regierungstruppen im Januar 2026 den kurdischen SDF eine militärische Niederlage beibrachten, ließen sich die Kurden im Nordosten auf einen zügigen und bislang überraschend erfolgreichen Prozess der Integration in den syrischen Staat ein – und zwar zu Bedingungen, die jenen provisorischen Vereinbarungen, die man Anfang 2025 für as-Suwaida ausgehandelt hatte, verblüffend ähnlich sind.5 Al-Hidschri stand damit ohne Partner innerhalb Syriens da, woraufhin er allerdings keineswegs nachgiebiger wurde, sondern eine noch härtere Position bezog.
Seit der Unterzeichnung der Roadmap im September 2025 hielt sich Damaskus weitgehend zurück, mit der Folge, dass sich das Patt in dem Gouvernement verstetigt hat. Zwar gelangt nach wie vor Treibstoff und humanitäre Hilfe aus Damaskus nach as-Suwaida, aber der öffentliche Dienst ist in Auflösung begriffen und die innere Sicherheit zunehmend bedroht. In den letzten Monaten kam es zu dutzenden Zusammenstößen zwischen rivalisierenden Gruppen innerhalb der Nationalgarde.
Zudem bleiben die Menschen im Gouvernement außen vor, wo Syrien von der allmählichen Erholung der Wirtschaft, von internationalen Hilfen und ersten Investitionen profitieren kann. Die drusische Obrigkeit untersagt ihren eigenen öffentlichen Institutionen, mit den entsprechenden Ministerien in Damaskus zusammenzuarbeiten. Das führt zu ernsten Schwierigkeiten im Erziehungs- und Gesundheitswesen, im Banken- und Finanzsektor, bei Personenstandsregistern und der Wasser- und Stromversorgung. Angesichts dieser Probleme ist es kein Wunder, dass die Nationalgarde von vielen Menschen vor Ort beschuldigt wird, ihre Macht lediglich zur Kontrolle der lokalen Wirtschaft und zur kriminellen Bereicherung zu missbrauchen.
Am 6. April 2026 stürmten drusische Milizen die Bildungsbehörde von as-Suwaida und kidnappten deren von der Regierung in Damaskus ernannten Leiter, den drusischen Wissenschaftler Safwan Balan. Nur Stunden später erklärte Balan seinen Rücktritt „gemäß der Entscheidung von Hikmat al-Hidschri“. Daraufhin streikten die Lehrer:innen und versuchten al-Hidschri klarzumachen, dass bei einem Vakuum an der Spitze der Behörde die bevorstehenden Abschlussprüfungen ausfallen würden. Doch der Scheik blieb hart und drohte allen Lehrkräften, die nicht zur Arbeit erscheinen würden, mit Verhaftung.
Balan nahm seine Arbeit diskret wieder auf und verhandelte mit Damaskus, wie mit den anstehenden Prüfungen an den Schulen zu verfahren sei. Die Idee des Bildungsministeriums, die Examen in as-Suwaida durch eigene Abgesandte zu beaufsichtigen, lehnte al-Hidschri zunächst ab. Dann schlug er vor, dass nur weibliche Inspektorinnen nichtsunnitischen Glaubens aus Damaskus anreisen dürften. Das wiederum lehnte Damaskus ab.
Darauf kam aus der Hauptstadt der Vorschlag, der Syrische Rote Halbmond solle die Abgesandten des Ministeriums begleiten. Aber auch das lehnte al-Hidschri ab, woraufhin Balan erneut zurücktrat. Mit Beginn der Examenszeit erließ das Ministerium einen Beschluss, wonach die Schüler und Schülerinnen aus as-Suwaida für ihre Examen nach Damaskus oder in die Umgebung der Hauptstadt reisen müssten. Die Nationalgarde reagierte mit Drohungen und der Besetzung der Bildungsbehörde in as-Suwaida.
Ähnliche Szenen spielten sich in den vergangenen Wochen immer wieder ab, etwa nach der Ernennung von Bürgermeistern oder zur Frage der Kontrolle über die Zivilbehörden. Angesichts dieser Zustände sind – Meinungsumfragen zufolge – nur 6 Prozent der Bevölkerung von as-Suwaida mit der heutigen Situation zufrieden.
Dieses taktische Nullsummenspiel zwischen Damaskus und den De-facto-Herrschern in as-Suwaida ist auf Dauer nicht haltbar. Im Interesse der Bevölkerung des Gouvernements und ganz Syriens muss ein Kompromiss gefunden werden. Die US-Regierung wäre in der Lage, einen Dialog anzustoßen und bei Verhandlungen zwischen den beiden Parteien den Vermittler zu spielen. Doch dazu müssten auch die Israelis ihre offene Feindschaft gegenüber der Regierung al-Scharaa mäßigen und ihren Verbündeten in as-Suwaida klarmachen, dass nur der Dialog einen Ausweg bietet.
Solange das nicht passiert, wird das Gouvernement in dem mühsamen Prozess der Erholung und weiteren Stabilisierung Syriens weiterhin zurückfallen. Die unsichere Lage wird bleiben, der Drogenschmuggel weitergehen und das organisierte Verbrechen weiterbestehen, und je länger diese Situation andauert, desto schwieriger wird eine Lösung des Konflikts.
2 „How Syria’s captagon trade shifted to Sweida after Assad’s fall“, Middle East Eye, 8. Juni 2026.
3 Nach vom Autor gesammelten Daten.
5 Siehe Günter Seufert, „Was wird aus Rojova?“ LMd, Februar 2026.
Aus dem Englischen von Niels Kadritzke
Charles Lister ist Senior Fellow und Syrien-Direktor am Middle East Institute in Washington, D. C., und Gründer von Syria Weekly. Dieser Text erschien zuerst auf newlinesmag.com.
© für die deutsche Übersetzung: LMd, Berlin


