09.07.2026

Die zwei Welten von Alice Springs

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Die zwei Welten von Alice Springs

von Cédric Gouverneur

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Südlich von Alice Springs durchschneidet der Heavitree Gap die ­MacDonnell ­Ranges, eine schmale Bergkette, die sich über 650 Kilometer erstreckt. Im Mythos der Arrernte-Aborigines ist dieser Ort mit den Heroen der Traumzeit verbunden, die die Welt formten: „Die grüne ­Raupe und die braune Raupe wurden zu Stein, als sie ihren Vater enthauptet vorfanden“, erklärt ­Brian Youngy, ein Oberhaupt der Arrernte, als wir in der Steppe stehen, wo vereinzelt Akazien und Spinifex-Bäume emporwachsen. „Seit undenklichen Zeiten war das hier ein Treffpunkt für die Völker in der Mitte des Großen Südlands“, fährt er fort. „Australien? Ich weiß noch nicht mal, wo dieser Name herkommt!“

Was sind schon 250 Jahre Kolonialgeschichte gegen 60 Jahrtausende? Nach bisheriger Kenntnis können sich die Arrernte auf die älteste noch existierende Kultur der Welt berufen: „Hier ist unsere Heimat, myri auf Arrernte. Wo der weiße Mann eine Wüste sieht, sehen wir Ressourcen. Wir lesen den Sand wie ein Buch. So wie Sie GPS nutzen, haben wir unsere Traumpfade (songlines). Ich bin der Hüter unserer Geschichte. Wir sind die ersten Einwohner dieses Landes, auch wenn wir immer noch als Bürger zweiter Klasse gelten.“

Laut dem Ethnologen William Stanner lässt sich die Verbindung der Aborigines zu ihrer Heimat nicht in einem Wort zusammenfassen. Sie ist zugleich „Herz, Land, ewiges Haus, zeremonieller Ort, Lebensquelle, spirituelles Zentrum“.1 Die Aborigines haben nie Territorialkämpfe geführt. „Meine Heimat ist der Ort, an dem meine Ahnen wohnen“, erklärt die Sozialarbeiterin ­Walbira Murray aus dem Stamm der Kamilaroi. „Das Land der Ahnen eines anderen erobern zu wollen, hat gar keinen Sinn.“

Auch der Besitz von Grundeigentum, dass der Boden demjenigen gehört, der ihn ausbeutet, kam im Denken der Aborigines nicht vor. Als der Engländer James Cook 1770 in der ­Botany Bay nahe der heutigen Stadt Sydney vor Anker ging, glaubte er, er könne den Kontinent zur „­terra ­nullius“ erklären, einem zur Kolonisierung freigegebenen Niemandsland.

1872 wurde die Telegrafenleitung zwischen Darwin im Norden und Adelaide im Süden fertiggestellt. In der Mitte, etwa 1600 Kilometer von beiden Städten entfernt, errichtete man eine Relaisstation und taufte sie auf den Namen „­Stuart“ – nach dem Schotten John ­McDouall ­Stuart (1815–1866), dem ersten weißen „Entdecker“ Zentralaustraliens. 1933 wurde die ehemalige Relaisstation, die inzwischen zu einer Stadt angewachsen war, in ­Alice Springs umbenannt – nach Alice, der Ehefrau von Charles Todd, Telegrafenpionier und Mastermind der 3200 Kilometer langen Nord-Süd-Leitung.

Seit 2010 steht eine Statue von Stuart im Stadtzentrum, mit Tropenhut und Gewehr. „Er war ein Mörder!“, ruft Brian Youngy. Tatsächlich hat der schottische Geometer in seinem Tagebuch festgehalten, wie er auf seiner Reise quer durch den Kontinent „feindselige Ureinwohner“ beschossen hat. Alice Springs, 31 000 Einwohner, hat in der „australischen Seele einen besonderen Platz“, erklärt der Ethnologe Richard Davis. „Es ist das geografische Zentrum, aber auch das Herz des Outbacks“ – in einem Land, das auf das Meer ausgerichtet ist und in dem 85 Prozent der Bevölkerung in Küstennähe leben.

Youngy führt uns zu den Überresten der Relaisstation und erzählt von dem letzten bekannten Massaker, das weiße Viehzüchter 1928 an Aborigines begingen. Er zeigt uns Schwarz-Weiß-Fotografien von den Aborigines, die damals dort gearbeitet hatten: „Diese stockmen wurden in Naturalien bezahlt – Zucker, Tee und Mehl.“

Erst seit dem Referendum von 1967, bei dem 90,77 Prozent der wahlberechtigten Aus­tra­lier:in­nen dafürstimmten, werden Aborigines in Volkszählungen als Einwohnende erfasst. Bis dahin hatten sie keine ordentlichen Bürgerrechte und konnten sich zum Beispiel nicht dagegen wehren, wenn Farmer ihnen kein Gehalt bezahlten. Erst in den 1960er Jahren setzten Streiks dieser Ungerechtigkeit ein Ende; mit der Folge, dass auch viele von ihnen entlassen wurden.

Auf Druck indigener Aktivist:innen und der Labour-Regierung verabschiedete das ­Northern Territory 1976 ein Gesetz, das den Aborigines „ein Vetorecht verschafft. Sie können jede Nutzung ihres Landes untersagen“, erklärt uns der Ethnologe Opal2 vom ­Central Land ­Council (CLC), das indigene Landrechte erfasst und mit einer Abgabe von 1 Prozent auf Gewinne aus dem Bergbau finanziert wird. Die Einrichtung vertritt etwa 24 000 Anspruchsberechtigte. Land, das als Eigentum der Aborigines anerkannt wurde, gehört dem Aboriginal Land Trust und kann weder ge- noch verkauft werden.

Nachdem die Farmer ihre indigenen Landarbeiter entlassen hatten, entstanden rund um Alice Springs in den 1970er Jahren die „Towncamps“. In diesen Siedlungen sind die Mieten günstig, etwa 2000 bis 5000 Menschen leben hier, die Fluktuation ist hoch. Brian Youngy lädt uns in sein Towncamp Hidden Valley ein. Vor eben­erdigen, oft baufälligen Häusern spielen Kinder in Autowracks. „Wenn die Autos kaputtgehen, ist es zu teuer, sie zum Schrottplatz zu bringen“, erklärt er. „Das Dach meines Hauses ist undicht, die Klimaanlage kaputt. Ich warte darauf, dass der Vermieter es reparieren lässt. Übrigens steht hinter diesem Hügel ein Luxushotel mit Golfplatz.“

Einst gab es in Australien 250 Sprachen, heute sind es 20

In den Towncamps leben Menschen verschiedener Ethnien, vor allem Arrernte, Pitjantjatjara, Warlpiri und Luritja. Sie sprechen meist mehrere Sprachen. Vor Beginn der britischen Kolonisierung gab es in Australien etwa 250 Sprachen, erzählt der Sprachforscher Joel Liddle. „Heute werden noch etwa 20 davon gesprochen. Im Bundesstaat Victoria sind es noch zwei, bis in die 1950er Jahre waren es noch um die 40. Aber hier, in der Mitte Australiens, sprechen die meisten Aborigines drei oder vier Sprachen, und Englisch steht dabei oft erst an letzter Stelle.“

„Zumindest hier, in Alice Springs, ist es uns gelungen, unsere Kultur zu bewahren“, meint Youngy. Durch den Film „Priscilla – Königin der Wüste“ gelangte die Stadt 1994 zu internationalem Ruhm. Das durchgeknallte Roadmovie um zwei Dragqueens und eine Transgender endet in Alice Springs, das als Nest betrunkener Cowboys dargestellt wird. Um dieses negative Bild geradezurücken, feiert das fabAlice Festival seit 2019 Dragqueens. Auch das Kulturerbe der Aborigines rückt in den Vordergrund, vor allem in Form von Murals, die die Wände von Shoppingcentern, Parkhäusern und Läden schmücken, oder von Verkaufsgalerien, die indigene Künst­ler:in­nen vertreten.

Alice Springs, Mparntwe auf Arrernte, ist auch die Stadt der gestohlenen Kinder. Zwischen den 1930er und 1970er Jahren wurden Söhne und Töchter aus ihren Aboriginesfamilien gerissen und von den australischen Behörden in kirchliche Heime gesteckt. 10 bis 30 Prozent einer Generation waren damals davon betroffen; viele von ihnen wurden Opfer von Missbrauch.3 „Ich bin in New South Wales aufgewachsen“, erzählt Rosa, „mein Vater war europäischer Australier und meine Mutter eine Aborigine aus einer gestohlenen Generation. Mit 20 bin ich mit meinem damaligen Freund nach Alice gekommen. Eine Aborigine schaute mich an und rief: ‚My blood!‘ Sie war eine meiner Tanten. In meinen Gesichtszügen erkannte sie ihre Schwester wieder. Diese Stadt ist voll von solchen Geschichten.“

In der Stadt sind viele Aborigines in kleinen Gruppen unterwegs. Manche leben in benachbarten Towncamps, andere in weiter entfernten Gemeinden. Sie reisen für städtische Dienstleistungen an, um ihre Post abzuholen oder staatliche Unterstützung, für Arztbesuche oder Autoreparaturen – oder um Verwandte vor Gericht zu unterstützen. Häufig kommt es auch zu Schlägereien unter Alkoholeinfluss. „Die westliche Welt hat uns ihre Übel gebracht“, meint ­Robert ­Japaljarri, ein Sozialarbeiter mit Gurindji- und Warlpiri­vorfahren. „Alkohol, Tabak, Glücksspiel, Fast Food. Vorher haben wir gesünder gelebt. Das Fleisch von Kängurus und Goanna-­Echsen ist gesund!“

Laut Opal sind viele Aborigenes arbeitslos: „Man wirft ihnen vor, auf Kosten der Allgemeinheit zu leben, aber für sie ist es schwierig, von Montag bis Freitag nine to five zu arbeiten, weil bei ihnen familiäre Verpflichtungen Vorrang haben. So kommt es etwa vor, dass jemand, der regelmäßig Gehalt bezieht, von seinen Verwandten so oft um Geld gebeten wird, dass er schließlich hinwirft, weil er keine Bitte abschlagen kann und es ihn gleichzeitig fertigmacht. Das komplexe Verwandtschaftssystem, nach dem alle verschiedene soziale Pflichten haben, ist sehr, sehr weit entfernt vom kapitalistischen Individualismus.“

Unsere Gesprächspartner:innen sagen, dass bis zu einem Drittel der Kinder die Schule schwänzt; daher kleben an vielen Ladentüren Aushänge, laut denen unbegleiteten Minderjährigen während der Unterrichtszeiten der Zutritt verwehrt ist.

„Die Schule der Weißen hilft nur, besser Englisch zu sprechen“, mein Brian Youngy. „Bei uns lernen die Jungen von den Alten das traditionelle Wissen, Jagen mit Bumerang und Speer, die Kenntnis der Pflanzen und der Zeremonien.“ Die westliche Schule passe „nicht zu unseren Lernformen“, ergänzt die Sozialarbeiterin Roxane, eine Kokhata: „Wenn man den Älteren zuhört und von ihnen lernt, ist das etwas vollkommen anderes, als in einer Klasse vor einem weißen Lehrer und dessen Büchern zu sitzen.“ Der Arrerntemusiker Sean Angeles fasst es so zusammen: „Wir leben unter zwei Gesetzen.“

Und diese Gesetze sind kaum miteinander vereinbar. Nach der Vergewaltigung und Ermordung eines Mädchens stürmten Ende April hunderte Aborigines das Krankenhaus von ­Alice Springs, in dem sich der mutmaßliche Mörder befand; die Polizei bewahrte den Mann in letzter Minute vor einem Lynchmord. Seine Aboriginescommunity forderte, dass er nach ihren Gesetzen bestraft werde – was gegen australisches Recht verstößt. Bis zum Prozess wurde der Verdächtige schließlich ins Gefängnis von Darwin verlegt, der Hauptstadt des Northern Territory.

Über solche Ereignisse wird in allen Medien breit und klischeehaft berichtet, was das Bild von Alice Springs noch mehr trübt. Die Stadt gilt ohnehin als unsicher. Als etwa im März 2024 eine große Schlägerei unter Aborigines in einem Spielsalon landesweit für Schlagzeilen sorgte, wurde eine Ausgangssperre verhängt, erzählt eine Galeristin: „Das hat noch die letzten Touristen verschreckt. Für einen Australier von der Küste ist es billiger, in Bali Urlaub zu machen, als hierherzukommen. Und zum Uluru kommt man inzwischen mit Direktflügen nach einem eigenen Flughafen.“ Der 450 Kilometer entfernte Inselberg aus rotem Sandstein, der früher unter dem Namen Ayers Rock bekannt war, ist ein Touristenmagnet – und eine heilige Stätte der Aborigines. „Die Leute haben vor allem Angst, was sie nicht kennen. In Melbourne und Sydney gibt es auch Unsicherheit, aber da sind die Übeltäter eben Weiße.“

Im Northern Territory fährt die Polizei meist mit vergitterten Kleintransportern herum. Manche Aborigines nennen Polizisten „blaue Hunde“. Hier leben auf 1,3 Millionen Quadratkilometern nur 245 000 Menschen, davon laut dem australischen Statistikamt etwa ein Drittel Aborigines. Zugleich gibt es hier die höchste Zahl an Strafgefangenen im Landesvergleich. Aborigines und die Bewohner der Torres-Strait-Inseln zwischen Australien und Neuguinea stellen insgesamt nur 3,8 Prozent der 26 Millionen Aus­tra­lier:in­nen, aber 29 Prozent der Strafgefangenen. Damit sind sie die am stärksten von Haft betroffene Bevölkerungsgruppe der Welt. Unter den Häftlingen sind viele noch minderjährig, und überproportional viele sterben im Gefängnis.4

Die repressive Sicherheitspolitik kulminierte 2007 in der „Intervention“ der Northern ­Territory Emergency Response (NTER). Damals schickte die konservative Regierung unter Premierminister John Howard (von 1996 bis 2007) die Armee in über 70 indigene Gemeinden. Auslöser war ein anonymes Interview zu Kindesmissbrauch in einer Aboriginesgemeinschaft nahe Uluru, das 2006 in der ABC-Sendung „Lateline“ ausgestrahlt worden war.

„Die Leute hatten Angst, dass die Soldaten ihre Kinder mitnehmen wie zur Zeit der gestohlenen Generationen“, erinnert sich Sarah Brown, Leiterin des Purple House, eines Gesundheitszentrums für Aborigines. In manchen Gegenden wurde ein Verbot von Alkohol und Pornografie erlassen; vor den Towncamps ließen die Behörden entsprechende Plakate anbringen. Und die staatliche Familienhilfe wurde Restriktionen unterworfen. Die Maßnahmen blieben bis 2012 in Kraft, obwohl die Vereinten Nationen sie als diskriminierend eingestuft hatten.5

„Während der Kolonisierung wurden wir in die Missionen umgesiedelt. Wir haben unsere Freiheit verloren, und unser Land wurde geraubt“, sagt Jade Appo-Ritchie, eine ­Goreng ­Goreng aus Queensland. „Dann wurde unsere Armut kriminalisiert.“ Appo-Ritchie war eine Vorkämpferin für „The Voice“, die Stimme der indigenen Völker Australiens für das Mitspracherecht in ihren Angelegenheiten. Am 14. Oktober 2023 wurde per Referendum darüber entschieden – mit negativem Ausgang.

Im Mai 2017 hatten 270 Oberhäupter in Uluru das „Uluru Statement from the Heart“6 unterzeichnet – der rote Monolith in der Mitte des Landes gilt als symbolisches Herz Australiens. Sie erinnerten daran, dass sie ihre Souveränität niemals aufgegeben hatten und dass diese auch unter der britischen Krone gilt. Daher forderten die Ältesten eine Verfassungsänderung, um innerhalb der australischen Nation eine Stimme zu erhalten.

John Howards Nachfolger, der Labour-Pre­mier Kevin Rudd, verkündete 2008 eine Zehnjahresstrategie namens „Closing the Gap“ (Die Lücke schließen) gegen die immense soziale Ungleichheit, unter der die Aborigines leiden: einer acht bis zehn Jahre niedrigeren Lebenserwartung als die Durchschnittsbevölkerung, hohen Inhaftierungsraten, Drogensucht und Selbstmorden. Zehn Jahre später war keines der gesetzten Ziele erreicht.

„Die meisten Menschen, die in Sozialeinrichtungen für Aborigines arbeiten, sprechen nur Englisch“, sagt Dr. Joel Liddle. „Missverständnisse führten zu medizinischen Fehlern. Wir können uns hier in keiner Weise mit den Maori in Neuseeland vergleichen, die eine ganz andere gesellschaftliche Rolle spielen und deren Sprache von vielen Nichtindigenen gesprochen wird. Zentralaustralien ist die Region, in der wir The Voice am Nötigsten gebraucht hätten, damit die Regierungsprogramme besser umgesetzt werden, in den Sprachen der Aborigines und für einen wirksameren Einsatz der Steuergelder.“

Das Purple House in Alice Springs bietet vor allem Dialysen an. In dem bunt dekorierten Gesundheitszentrum mit gepflegtem Garten herrscht eine entspannte Stimmung, überall hört man Musik, alle lächeln. „Früher haben es die Menschen bis zuletzt vermieden, ins Krankenhaus zu gehen, weil sie Angst vor den weißen Ärzten hatten, die ihre Sprache nicht sprachen“, sagt Leiterin Sarah Brown. Die Lebenserwartung von Aborigines, die an Niereninsuffizienz erkrankt waren, habe nach der Diagnose nicht mehr als zwei Jahre betragen. Jetzt liegt sie bei Dia­ly­se­patient:in­nen des Purple House höher als in Sydney: „Man kann also wirksam behandeln, wenn man die Leute einbezieht, anhört und respektiert. Das war die Idee von The Voice“, sagt Brown.

2022 beschloss die Labour-Regierung unter Premierminister Anthony Albanese, ein Referendum abzuhalten, um die Verfassung von 1901 zu ändern und einen Indigenenrat (ohne Vetorecht) einzurichten. Der Vorschlag war manchen Ab­ori­gi­nes­ak­ti­vist:in­nen zu moderat, sie forderten einen richtigen Vertrag – nach dem Vorbild des Vertrags von Waitangi im benachbarten Neuseeland, der seit 1840 die Beziehungen zwischen den Maori und der britischen Krone regelt; seit 1867 gibt es einen festen Anteil maorischer Abgeordneter im neuseeländischen Parlament.7

Das Ergebnis des Referendums am 14. Oktober 2023 über The Voice war, dass 60 Prozent der Wahlberechtigten dagegenstimmten. Es war eine Demütigung. Zeugen berichten, dass man in den Straßen von Alice Springs Aborigines weinen sah. „Ich habe mich gefragt: Warum hassen sie uns so?“, sagt die Sozialarbeiterin Walbira ­Murray. „Was fürchten sie? Dass wir ihnen unser Land stehlen? Dass wir ihre Kinder entführen? Dass wir ihnen antun, was sie uns angetan haben?“

„The Voice hätte den Aborigines zeigen können, dass die Mehrheit der Australier sich um sie und ihre Meinung kümmert und ihre Lage verbessern will“, seufzt Sarah Brown.

Zehn Tage nach dem Scheitern der Volksabstimmung veröffentlichten die Verfasser des Uluru-Statements von 2017 eine knappe Erklärung, in der sie die Ablehnung von The Voice als „Schande“ bezeichneten. Die NGO Australians for Native Title and Reconciliation (Antar) sprach sogar von „einem unerhört rassistischen Akt des weißen Australien“.8

Es gibt auch andere Meinungen dazu. „Das politische Spektrum in Australien ist sehr viel schmaler als in Europa“, meint der Ethnologe Davis. „Aussies sind im Allgemeinen vorsichtig und moderat, sie sorgen sich um die möglichen Folgen ihres Stimmverhaltens.“ Er glaubt, sie hätten „Angst gehabt, ins Leere zu springen. Schon 1999 ist das Referendum über die Umwandlung Australiens in eine Republik gescheitert.“

Nach Meinung von Tony Renehan, ­Arrernte und Leiter der Entwicklungsorganisation Centre­farm, hätte sich die australische Labour-Regierung auch mit einem einfachen Gesetz begnügen können, „wie das zur Einrichtung der Atsic“. Diese Kommission für Aborigines und die Bewohner der Torres-Strait-Inseln wurde 1990 von der Labour-Regierung unter Bob Hawke (von 1983 bis 1991) ins Leben gerufen. Doch sie hatte ebenfalls ihre Gegner, die das Akronym Atsic verächtlich übersetzten mit „Aborigines talking shit in Canberra“. Dann geriet die Kommission auch noch wegen Korruption und Ineffizienz dermaßen unter Beschuss, dass sie 2005 unter der konservativen Howard-Regierung aufgelöst wurde.

„Die Abschaffung der Atsic beweist, dass ein Gesetz nicht ausgereicht hätte, um The Voice zu begründen“, meint Jade Appo-Ritchie. „So ein Gesetz kann später durch eine andere Regierung wieder abgeschafft werden. Deswegen brauchten wir eine Verfassungsänderung.“

Wie lässt sich das Scheitern der Volksabstimmung deuten? Richard Davis erinnert an das grundlegende „fair go for all“ in Australien, nach dem alle einen fairen Anteil bekommen sollen: ein egalitäres, fortschrittliches Prinzip, das aus der australischen Geschichte als Strafkolonie für Verbannte aus England und Irland hervorgeht.

Die Gegner hätten den Wahlberechtigten regelrecht eingebläut, dass The Voice „nicht fair“ sei, erzählt Richard Davis: „Das Argument hat das Ja-Lager hart getroffen, weil es die Stimmen der Linken und der Unterklassen verlor.“ Am Ende seien fast nur noch Akademiker:innen dafür gewesen. Der damalige konservative Op­po­si­tions­führer Peter Dutton von der Liberalen Partei verstieg sich im Mai 2023 im Parlament zu der Aussage, The Voice würde die Nation „erneut rassifizieren“ und „für einen Orwell-Effekt sorgen: Alle Australier sind gleich, aber manche sind gleicher“ – eine Anspielung auf Orwells Revolutionsparabel „Farm der Tiere“.

Das Mitspracherecht wurde per Referendum abgelehnt

Die sehr allgemein formulierte Fragestellung des Referendums und fehlende Informationen zu den Details der geplanten Verfassungsänderung könnten auch dafür gesorgt haben, dass Menschen mit Nein stimmten. „Das ist aber genau das Wesen einer Verfassung“, erklärt Jade Appo-Ritchie. „Die Verfassung sagt zum Beispiel: Der Staat nimmt Steuern ein. Aber die Einzelheiten dieser Steuern werden durch Gesetze geregelt. Durch The Voice hätte die Verfassung einen Beirat für die Ausformulierung künftiger Gesetzestexte eingerichtet.“

Die australische Regierung hatte zwar eine Broschüre mit den verschiedenen Argumenten herausgegeben, aber viele noch Unentschiedene stimmten offenbar eher dagegen.9 „Das ist wie bei einem Heiratsantrag“, meint ein Wähler aus der Mittelschicht von Melbourne. „Wenn Sie sich nicht sicher sind, sagen Sie auch lieber Nein.“ ­Zudem kann man der Wahl nicht fernbleiben, denn in Australien ist die Teilnahme an einem Referendum über die Verfassung verpflichtend.

Zur weiteren Verwirrung trug bei, dass sich zwei Aboriginesabgeordnete gegen The Voice aussprachen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen: die rechte, ultraliberale Senatorin im Northern Territory Jacinta Nampijinpa Price (Country Liberal Party) und die linke (parteilose) Senatorin Lidia Thorpe aus dem Bundesstaat Victoria. Thorpe forderte stattdessen einen Vertrag.

Ausschlaggebend dürfte aber gewesen sein, dass die meisten Australier:innen an der Küste leben und persönlich gar keine Aborigines kennen. Raymond Scales, Pitjantjatjara und Leiter von Jawun, einer Firma, die die Ansiedlung von Unternehmen in Aboriginesgemeinden fördert, bedauert das sehr: „Sobald die Leute mit uns in Kontakt kommen, mit uns arbeiten und unsere Kultur kennenlernen, werden sie Verbündete.“

Appo-Ritchie zieht eine Parallele zur Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe. 2017 votierten 62 Prozent der Australier:innen dafür: „Inzwischen kennt die Mehrheit der Australier mindestens eine LGBT-Person. Sie haben mehrheitlich für die Ehe für alle gestimmt, weil sie sich gesagt haben, dass diese Maßnahme ihrem Freund, ihrer Cousine oder einem Kollegen nützen könnte. Die Leute, die mit Nein gestimmt haben, kennen uns nicht. Sie begreifen nicht, wie ihre Regierungen seit 1788 unser Leben belasten. Der Nein-Kampagne ist es gelungen, sie gegen uns aufzubringen, indem sie ihnen einredeten, sie würden mit The Voice ihre Besitzstände verlieren. In den 1990er Jahren wurden nach dem Mabo-Urteil ganz ähnliche Lügen verbreitet.“

Eddie Mabo war ein Bewohner der Torres-Strait-Inseln, der in einem langwierigen Rechtsstreit erreicht hatte, dass der Oberste Gerichtshof 1992 ein wegweisendes Urteil fällte. Indigene können seither Gebietsansprüche geltend machen, wenn sie nachweisen, dass sie traditionell mit dem entsprechenden Land verbunden sind. Damals, erzählt Appo-Ritchie, habe die Rechte das Gerücht verbreitet, die Aborigines würden ihnen die Farmen wegnehmen. „Wir sind die Erben der ältesten menschlichen Zivilisation. Sechzigtausend Jahre“, sagen die Musiker vom ­Balaclava Peace Collective im Radiostudio der Caama (­Central Australia Aboriginal Media Association). „Das können sie uns nicht nehmen. Sie haben uns mit The Voice einen Tritt in die Eingeweide verpasst, aber wir müssen weitermachen.“

Am 30. Oktober 2025 schloss Victoria als erster Bundesstaat einen Vertrag mit seiner indigenen Bevölkerung. Vorgesehen ist ein gewählter Aboriginesrat und ein beratender Ausschuss zum Kampf gegen Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung. Jacinta Allan, die Labour-Premier­ministerin des Bundesstaats, erklärte, dieser Vertrag verleihe „den autochthonen Gemeinden die Macht, die Politik und die Dienstleistungen zu gestalten, die sie betreffen“. „Der Vertrag von Victoria zeigt, dass trotz des Scheiterns von The Voice noch Hoffnung bleibt“, sagt Appo-Ritchie. „Wir müssen darauf hinarbeiten, dass diese Na­tion sich mit ihrer geteilten Geschichte aussöhnt.“

1 Zitiert bei Phillip Knightley, „Australia: A Biography of a Nation“, London (Vintage Books) 2001.

2 Die nur mit Vornamen genannten Personen möchten anonym bleiben.

3 Siehe „Bringing them home“, Bericht der Australischen Menschenrechtskommission, 1997.

4 „Stop mass incarceration to prevent deaths in custody“, Australische Menschenrechtskommission, April 2021.

5 Lindsay Murdoch, „Intervention facing UN criticism“, The Age, Darwin, 23. Mai 2011.

6 Text siehe „The Statement“, ulurustatement.org.

7 Siehe Cédric Gouverneur, „Die Wut der Maori“, LMd, September 2025.

8 Sarah Basford Canales, „Indigenous groups say referendum loss proves Australia is a ‚country that does not know itself‘ “, in: The ­Guardian, 22. Oktober 2023.

9 „Your official YES NO referendum pamphlet“, aec.gov.au.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Cédric Gouverneur ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 09.07.2026, von Cédric Gouverneur