Genosse KI
Gegen die Kapitalisierung des Wissens
von Evgeny Morozov

Einstmals entstanden große Emanzipationsbewegungen auf den Barrikaden, heute beginnen sie im muffigen Dunkel von Parkhäusern.
Im Juli 2024 brummte im britischen Ormskirk, West-Lancashire, der private Gebühreneintreiber für Parkhäuser Parkingeye dem 37-jährigen Koch Loren Cole eine fragwürdige Buße von 60 Pfund auf. Doch der focht die Forderung an, und zwar mittels ChatGPT. Das Gericht hob die Strafe auf, Parkingeye musste Cole für dessen Arbeitsaufwand 462 Pfund zahlen.
Lancashire war Mitte des 19. Jahrhunderts ein Zentrum der britischen Textilindustrie, die Karl Marx den Stoff zu seiner Kapitalismuskritik lieferte. Die Arbeitskräfte brachten ihre Fertigkeiten in die Entwicklung von Maschinen ein – um dann von ihnen unterjocht zu werden. Heute hilft eine Maschine, die sich der geballten Intelligenz der Menschheit bedient, einem Loren Cole im Kampf gegen einen anderen Leviathan.
Insofern ist Cole Teil einer verborgenen Revolution: von Mieter:innen, die sich gegen unerreichbare Hauswirte wehren; von Migrant:innen, die sich mit der Behördensprache herumschlagen; von Patient:innen, die mit ihrer Versicherung streiten. Das ist sicherlich keine revolutionäre Politik, aber auch nicht unerheblich.
Viele Linke sind mit einer Diagnose schnell bei der Hand. Beim Stichwort künstliche Intelligenz (KI) denken sie an Plagiate, Klimakatastrophe, die große Finanzblase. KI sei etwas, das man aufhalten und vergesellschaften müsse. Dabei ist KI für die Linke die größte Chance der letzten hundert Jahre – und zugleich eine tödliche Bedrohung.
Die Bedrohung ist offensichtlich: KI suggeriert eine reibungslose, synthetische Handlungsfähigkeit, die jeden revolutionären Impuls erstickt mit ihrem „Was kann ich heute für dich tun?“. Eine Linke, die dies als falsches Bewusstsein abtut, kann gleich ihren eigenen Nachruf schreiben. Wenn man jeder Unterdrückung mit einem Prompt begegnen kann, wozu dann überhaupt eine Linke?
Leider ist der Genosse ChatGPT ein Verräter. Mit den gespeicherten Chatdaten von Coles Sieg über Parkingeye wurde das Sprachmodell weitertrainiert. Für OpenAI ist der Beistand für den englischen Koch eine Investition mit wachsender Rendite. Das Modell lernt aus Coles Geschick, doch andere Leute, die mit ihren Prompts rebellieren, haben davon nichts. Daraus folgt, dass die entscheidende Zukunftsfrage des Sozialismus lautet: Lässt sich die durch generative KI entfesselte Orgie des individualisierten Lernens und Handelns in eine kollektive Fähigkeit verwandeln, die nicht von einem Privatunternehmen verwertet wird?
Der Sozialismus verstand sich von Anfang an als scharfsinnigster Interpret des Kapitalismus, indem er das bürgerliche Freiheitsversprechen ernst nahm. Aus sozialistischer Sicht veranstaltet das Kapital ein Festbankett und verriegelt die Türen. Es gilt nicht, das Bankett
zu boykottieren, sondern die Türen aufzubrechen, um zu zeigen, dass der Kapitalismus das Mahl nicht für alle bereitet.
Das funktionierte unter einer Voraussetzung: Man muss dem Kapitalismus seine Speisekarte von heute vorhalten – nicht die aus Großvaters Zeiten. Die heutige Linke mahnt uneingelöste Versprechen der Vergangenheit an: Freiheit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit. Aber der gegenwärtige Kapitalismus offeriert als Hauptgang etwas anderes: die Fähigkeit, zu handeln, zu gestalten und zu lernen. Der protestantische Pakt mit dem Kapital versprach dem Proletariat für seine Unterwerfung unter die Maschine Freiheit in der Zukunft. Der heutige Pakt mit der KI verspricht dagegen Freiheit durch die Maschine jetzt.
Die Linke droht eine entscheidende Chance zu verpassen, weil ihr Begriff von Arbeit auf Arbeitsplätze, Löhne und Dequalifizierung fixiert ist. Entsprechend betrachtet sie die KI-Ära als neue Etappe der alten Arbeitskämpfe. So versäumt sie, einen Arbeitsbegriff zu entwickeln, der über den Bereich der Erwerbsarbeit hinausgeht. Einen, der menschliche Aktivität als weltverändernde Kraft umfasst, also als konkrete Fähigkeit, Werkzeuge, Begriffe, Regeln und Maschinen zu entwickeln und anzuwenden.
Diese unterschiedlichen Konzepte stehen für zwei Wege zur Emanzipation: Beim ersten geht es darum, wer was bekommt, also um die Verteilungsfrage; beim zweiten darum, was Menschen bekommen müssen, um etwas werden zu können, also um die Frage der Aneignung.
Im ersten Fall wird dem Kapital etwas abgerungen, etwa durch Tarifabschlüsse über Löhne und Arbeitszeiten. Im zweiten wird das menschliche Handeln vom Diktat des (von Marx definierten) Wertgesetzes befreit durch Erweiterung unserer Handlungsfähigkeit insbesondere mit technologischen Mitteln. Hier geht es um die Aneignung „eingezahlter“ Fähigkeiten, die weitergegeben werden. Und das ist eine Frage der Politik.
Ein Jahrhundert lang setzte die Linke vor allem auf Verteilung, während die „freie Entwicklung eines jeden“ (so das Kommunistische Manifest) in Vergessenheit geriet. Die KI rückt diese Idee nun wieder ins Zentrum, wenn auch in verzerrter Form: Der alte Traum von der Erweiterung der menschlichen Fähigkeiten verwirklicht sich in gigantischen Dimensionen – jedoch zu den Bedingungen des Kapitals. Damit verweist uns KI überraschend auf einige marxistische Fragen: Was wird aus unseren Fähigkeiten, sobald sie sich „verdinglicht“ haben? Wer könnte sich das Erbe dieser Fähigkeiten wieder aneignen? Und auf welche Weise?
Marx bezeichnete die äußere Dimension dieser Reise mit dem Hegel’schen Begriff „Verdinglichung“. Arbeiten bedeutet, sich selbst zu veräußern: Die Fähigkeiten der Menschen fließen in Dinge ein, während sich Menschen verwirklichen durch das, was sie herstellen. Dabei können ihre Fähigkeiten sich materiell verselbstständigen, indem sie zu Werkzeugen, Wissen und Kultur werden. Sie können sich aber auch formell verselbstständigen und damit ihren Schöpfern als fremde Macht entgegentreten.
Der Unterschied liegt in den Beziehungen der Fähigkeiten zu ihren Schöpfern. Fähigkeiten, die in die Dinge einfließen, gelangen als Rendite ins gesellschaftliche Leben zurück – im Kapitalismus allerdings in entwerteter Form: in der Marktsphäre als Waren, im Produktionsprozess als Befehle. Im Taylorismus hat man die den Arbeitskräften innewohnenden Fähigkeiten mit der Stoppuhr quantifiziert, um sie ihnen in Form von Akkordvorgaben zurückzugeben.
Das Zeitalter der KI schreibt ein neues Kapitel dieser Geschichte. Die Warenmärkte haben Fähigkeiten zu Kaufobjekten gemacht, der Taylorismus hat Wissen in strenge Arbeitsanweisungen verwandelt. Die KI dagegen gibt das eingebrachte Wissen in Form konkreter Fähigkeiten zurück: als Ratschläge, Sprachleistungen, Strategien, Gutachten, Anregungen und so weiter.
Im Kapitalismus sind diese neuen Fähigkeiten jedoch mit einem Geburtsfehler behaftet: Sie sind als Eigentum verkapselt, das weder Urheber noch Vorleistungen, noch Verpflichtungen anerkennt, und werden als solches monatsweise an die Produzenten dieser Fähigkeiten zurückvermietet.
Marx erklärt zwar die „Hinreise“ der Fähigkeiten, sagt aber nichts über die mögliche Rückkehr zu ihren Urhebern. Seine Analyse der Vergegenständlichung – des Einfließens der Aktivitäten von Menschen in Objekte und Maschinen – ist vollständig. Aber er benennt keinen sozialistischen Mechanismus, über den die vereinnahmten menschlichen Aktivitäten als Fähigkeiten – und nicht als Anweisungen – zu ihren Urhebern zurückkehren könnten.

Aneignung statt Umverteilung
An dieser Aufgabe haben sich einige Marx-Erben versucht. Sowjetische Theoretiker wie Wygotski und Leontjew sahen die „Aneignung“ als Motor der Entwicklung. Demnach erbt jedes Kind die Fähigkeiten, die frühere Generationen in Form von Begriffen und Werkzeugen hinterlassen haben. Vertreter der Kritischen Psychologie haben diesen Ansatz weitergetrieben. Nach Klaus Holzkamp ist der ultimative Ertrag des Lernens erweiterte Handlungsfähigkeit. Der brasilianische Pädagoge Paulo Freire untersuchte das Leben der Landbevölkerung, um ein „generatives“ Vokabular als politisches Rüstzeug zu entwickeln.1
Diese Mechanismen der „Rückgabe“ in der politischen Ökonomie zu verankern, ist die eigentliche Aufgabe der Linken – die sie allerdings nicht wahrnimmt. Linke Strömungen haben eher im Sinn, die Zukunft einzuhegen, als sie zu gestalten. Nach alter Gewohnheit fordern sie KI-Steuern, KI-Regulierungen, KI-Moratorien – und ignorieren stur die eigentliche Zukunftsfrage: Kehren die Inputs in diese Systeme als gemeinsame, nachhaltige und überprüfbare Fähigkeiten zu ihren Schöpfern zurück? Oder werden sie oben abgeschöpft, sprich von den Plattformen verwertet?
Nehmen wir das Thema KI-Dividende. Hier stammt der kühnste Vorschlag von Bernie Sanders. Der unabhängige linke US-Senator will die KI-Unternehmen verpflichten, einen Teil ihrer Aktien an einen Staatsfonds abzutreten. Schöne Idee, doch die Teilenteignung der Milliardäre ließe das Verhältnis zwischen Bürger:in und Maschine unberührt. Loren Cole würde vielleicht reicher werden, aber er wäre immer noch eine Einmanntruppe.
Spuren der neueren Art von Emanzipation liegen verborgen in der Geschichte unserer Kultur, unserer Bildung, in unserem Sozialwesen, teils knapp unter der Oberfläche, teils nahezu unauffindbar. Um sie aufzudecken, muss man an drei Stellen nachgraben: im Schweden der Nachkriegszeit, in den Turiner Autofabriken der 1960er Jahre – und in einem brasilianischen Manuskript. Schweden liefert die klassenbildende Institution, Turin die Methode, um das unbewusste Wissen der Arbeitenden freizusetzen, und Brasilien die Theorie, wie ein Verkoppeln von eingespeisten Fähigkeiten und erzielten Leistungen zu erreichen wäre.
Betrachten wir zunächst das Schweden des „dritten Wegs“, wo in den Debatten über den Wohlfahrtsstaat unter dem Stichwort Wissensökonomie ein altes Problem der Linken thematisiert wurde. Der Diskurs über das Wissen wurde damals, so die Historikerin Jenny Andersson, in zwei konkurrierenden Idiomen geführt.2 Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Schwedens (SAP) benutzte „Bibliothek“ als zentralen Begriff, der Wissen als ein demokratisches Gut beschreibt, das durch Weitergabe wächst. Die britische New Labour setzte den Leitbegriff „Workshop“ entgegen, der Wissen als Ware definiert, die von Individuen auf den Märkten gehandelt wird.
Laut Andersson wurde die Rivalität durch die Einigung auf einen „dritten Weg“ beigelegt. Damit gaben beide Parteien das ursprüngliche Ziel der Sozialdemokratie, die Vergesellschaftung des Kapitals, stillschweigend auf, um es durch die „Kapitalisierung des Gesellschaftlichen“ zu ersetzen. Mit der begrifflichen Umkehrung wurden Neugier, Kreativität, Vertrauen, die Kultur schlechthin zu Humankapital erklärt, die Bibliothek zur Besenkammer des Workshops degradiert.
Für die europäische Arbeiterbewegung waren Bibliothek und Workshop anfangs keineswegs konkurrierende Begriffe. Bevor sie einen Staat hatte, an den sie ihre kulturelle Infrastruktur delegieren konnte, baute sie eine eigene auf: Arbeiterbildungsvereine, Büchereien, Volkshäuser – Humankapital, aber ohne Kapital.
Weitergabe verborgenen Wissens
Nirgendwo war diese Strömung so stark wie in Schweden. Im Rahmen der Volksbildung (folkbildning) lernten Arbeiter:innen, strukturelle Machtverhältnisse zu durchschauen, um sie aufbrechen zu können. Diese Bewegung in den Händen ihrer Nutzer brachte Bibliothek und Workshop unter einem egalitären Dach zusammen. Doch mit der Zeit übertrug die schwedische Sozialdemokratie diese Aufgabe an einen expandierenden Staat , der – wie sie 1990 selbstkritisch erklärte – „alte Grundsätze der Solidarität verdrängt“ habe. Statt als Hebel der Macht zu dienen, verkam Bildung zu einer öffentlichen Dienstleistung. Die Frage der Macht und des Erreichbaren verschwand von der politischen Agenda.
Autonome Arbeiterbildung in einer radikaleren Form finden wir anhand der Turiner Fabriken der 1960er Jahre. Die schwedische folkbildning hatte die Arbeiterklasse die Entschlüsselung der Macht gelehrt. In Turin lernte sie, das Grundübel dort zu erkennen, wo Freiheit und Notwendigkeit am heftigsten kollidieren.
Zum Betriebsarzt Ivar Oddone kamen damals Fiat-Arbeiter mit einer verzweifelten Bitte: „Sagen Sie mir, wie ich schneller krank werde, damit ich dieser giftigen Fabrik entkomme.“ Die Gewerkschaften feilschten nur um „Gefahrenzulagen“. Oddone schlug einen anderen Weg ein.3 Er tat sich mit altgedienten Arbeitskräften zusammen, um die Ursachen der Erkrankungen zu erfassen und genau zu lokalisieren: hier toxische Dämpfe, dort Staubentwicklung oder die spezielle Presse, die Handgelenke zerschmetterte.
Bei manchen Fragen verweigerten viele Arbeiter die Auskunft und schwiegen über die ausgeklügelten Tricks, dank derer sie ihre Schichten überlebt hatten. Oddones Lösung bestand in der istruzione al sosia, dem fiktiven Anlernen eines Vertreters. „Stell dir vor, morgen übernimmt ein anderer deinen Posten. Was bringst du ihm bei, damit niemand den Wechsel bemerkt?“, fragte Oddone.
Auf diese Weise erfuhr er von den Arbeitern alle Tricks und informellen Regeln, die in keinem Handbuch nachzulesen waren. Der erste Arbeiter, der seinen fiktiven Nachfolger geschult hatte, erzählte danach, er selbst habe dabei ein eigenes Wissen entdeckt, das ihm gar nicht bewusst gewesen sei. Somit hat auch er ein neues Verständnis von seiner Arbeit entwickelt.
Wer schon einmal einem Chatbot seinen Job erklärt hat, kennt diese Übung: Er oder sie gibt Anweisungen, die dann im Protokoll abgelegt werden.
In Turin kam der Kenntnisgewinn – anders als bei ChatGPT – direkt einem anderen Arbeiter zugute. Zudem flossen die von Oddone erschlossenen theoretischen Erkenntnisse in eine Gewerkschaftsbroschüre, die unter dem Titel „L’ambiente di lavoro“ (Das Arbeitsumfeld) aus dem Wissen einer Fabrik ein allgemein anwendbares Modell erstellte.
In der Folge ging dieses Wissen auch in die Arbeitsverträge ein, eröffnete die Möglichkeit von Gefahrenprotokollen und mündete schließlich im Gesetz von 1978, das ein nationales Gesundheitssystem in Italien einführte. Private Leiden wurden zu kollektiven Fakten, diese wiederum wurden zu einem Gesetz. Für kurze Zeit waren Workshop und Bibliothek unter einer Adresse vereint.
Anderswo hatten die beiden Emanzipationsweisen Bibliothek und Workshop schon immer verschiedene Adressen. Im Workshop, wo die Arbeitskraft sich des Elends erwehrte, herrschte das strikte Gesetz der Verteilung; in der Bibliothek, wo die Menschen auf die Freiheit vorbereitet wurden, galt das Prinzip der Aneignung.
Bei New Labour in Großbritannien war die Demontage des Wissens simpel: Man ignorierte die vielen eigenen Bibliotheken und machte alles zum Workshop – also das Wissen zur Ware und die Menschen zu „Humankapital“. In Schweden verliefen die Bildungsinitiativen der 1990er Jahre zwar weiterhin unter dem alten Begriff bildning, doch der wurde laut Andersson alsbald durch einen „neuen und irreführenden Bildungsbegriff“ ersetzt, der bildning auf Beschäftigungsfähigkeit und marktfähige Kompetenzen reduziert.
Das Silicon Valley betrieb ebenfalls Demontage, jedoch getarnt als Synthese. Die Gründungsurkunde des Projekts – der Whole Earth Catalog – kam als Bibliothek für Workshopausrüstung daher, und der planetarische Workshop Amazon begann als Buchhandlung. Steve Jobs’ legendäre Start-up-Garage ist Bibliothek und Workshop zugleich, symbolisiert Arbeit als Selbsterschaffung und Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit. Was die folkbildning einst von unten erobern wollte, annektiert die Garage nun von oben. Und die KI macht das Angebot komplett: Für eine geringe Gebühr bekommt jeder etwas ab.
Unterdessen haben sich die öffentlichen Bildungsinstitutionen selbst ruiniert. Der Sozialstaat sollte den Menschen helfen, die bestehenden Klassengrenzen zu überwinden. Doch er ist zu einem labyrinthischen Gebilde verkommen, das sich durch lähmende Langsamkeit auszeichnet. Das macht es der KI leicht, sich als fröhlicher Helfer in der Not anzubieten.
Und so sind die Rollen seltsam vertauscht: Der Kapitalismus ist heute der scharfsinnigste Analytiker des Sozialismus; und heuchelt zugleich eine immanente Kritik, um auf den Trümmern des Sozialstaats seine privatisierten Therapien für Probleme anzupreisen. So ergibt sich das Paradoxon, dass vorgeblich linksradikale Geister ausgehöhlte bürokratische Institutionen verteidigen, die ihre Seele längst verloren haben. Während Rechtskonservative mittels KI-Modellen an den waghalsigsten Utopien basteln.
Vielleicht sollten halsstarrige Linke endlich anfangen, eigene KI-Utopien zu formulieren, statt sich über Studierende aufzuregen, die ihre Arbeiten von der KI schreiben lassen. Dient das Lernen nicht schon lange der schnöden Produktion von Humankapital?
Die Umbrüche der letzten 30 Jahre lehren uns eines: Freiheit und Notwendigkeit, Arbeit und Spiel, Technologie und Kultur gehören in ihrer Polarität zur menschlichen Existenz. Sie müssen zusammengedacht werden – selbst dort, wo sie noch nicht gemeinsam gelebt werden können. Der Sozialismus der KI-Ära muss wiedervereinigen, was er ein Jahrhundert lang getrennt gehalten hat. Wenn nicht, wird das Silicon Valley diese Wiedervereinigung zu den Bedingungen des Kapitals vollziehen.
Doch um sie unter sozialistischem Vorzeichen anzugehen, muss man eine vergessene Kompetenz neu entwickeln. Erinnern wir uns an die Lücke im Marx’schen Geschichtsprozess: die Rückkehr der verausgabten Fähigkeiten zu ihren Urhebern, mit der sich eine Schleife der Aneignung vollzieht. Schleifen sind ein Spezialgebiet der Kybernetik, eines Vorläufers der KI.
Die Kybernetik ist leicht zu entpolitisieren: Ihre Rückkopplungsschleifen können eine Rakete oder ein Thermostat steuern. Die Gegenbewegung, also die Politisierung der Kybernetik, unternahm der brasilianische Philosoph Álvaro Vieira Pinto.4 Ebenso wie Oddone war er von Haus aus Arzt – allerdings mit einer Vorliebe für antike Philosophie, Existenzialismus und die Dependenztheorie. Und, was unter Linken selten ist: Er verfügte über fundierte Kenntnisse der Kybernetik.
Es ist also kein Zufall, dass der Pädagoge Paulo Freire ihn als seinen Mentor bezeichnete. Freire verdankt seine Prominenz zum Teil seiner Kritik am „Bankingmodell“ der Bildung, demzufolge Wissen in passive Schüler „eingezahlt“ wird. Sein Mentor Pinto konzentrierte sich auf den umgekehrten Prozess: wie das Wissen den Menschen entwendet und nie wieder zurückgegeben wird. Pinto wurde ins Exil getrieben; sein Werk „The Concept of Technology“ tauchte erst 2005 auf, lange nach seinem Tod.
Großdenker von Heidegger über Ellul bis Mumford neigten zu totalisierenden Definitionen von Technologie. Dagegen begriff Pinto Maschinen – wie Intelligenz und Arbeit – als soziale Erscheinung. Davon ausgehend untersuchte er die Politik des „retorno do efeito“, also der Rückwirkung oder – kybernetisch formuliert – der Rückkopplung.
Rückkopplung, so Pinto, vollzieht sich zwischen dem Produktionsoutput der Maschine und deren Hersteller, dem Menschen. Der entscheidet als „oberster Regulator aller Regulatoren“, ob die Maschine weiterbetrieben, modifiziert oder zerstört wird – und zu welchem Zweck. Wann immer sich innerhalb des Systems ein geschlossener Kreislauf bildet, sodass die Maschine Autonomie oder gar die Fähigkeit zur Selbstkorrektur erlangt, hat jemand insgeheim das letzte Schleifensegment gekappt, den obersten Regulator beseitigt. Das ist schon deshalb niemals harmlos, weil so der Nutzer der Maschine zum bloßen „Bediener“ fremder Absichten reduziert wird. Das hat oft zur Folge, dass die Arbeitskräfte die Technologie für Probleme verantwortlich machen, „obwohl sich der wahre Feind dahinter versteckt“.
Das Gegenmittel ist die Aneignung. Das gekappte Schleifensegment muss wieder angefügt, der Maschinenbediener wieder zum Regulator werden. Hinter jeder Rückkopplungsschleife taucht somit die ultimative Frage auf: In welche Richtung verläuft die Rückzahlung? Wer profitiert am Ende von den Früchten? Und wer hält nur den Rückkopplungskreis am Laufen, der anderen gehört?
Gute Prompts für alle
Zurück nach Lancashire. Loren Cole bekam recht, Parkingeye einen Dämpfer und die KI-Plattform die Daten eines weiteren Nutzers, der zu kämpfen gelernt hat. Doch während sich Coles Schadenersatz auf 462 Pfund beschränkte, stieg die Rendite von Parkingeye ständig an. Auch weil die nächsten Opfer des Unternehmen leer ausgingen.
Der kapitalistische Kreislauf ist nicht vollständig geschlossen, doch die einzige Lücke ist gut bewacht: durch den Filter des Wertes. Von hundert Coles kommt einer durch, die anderen 99 bleiben hängen. Und auch wer es schafft, bleibt nicht ungeschoren. Der erfolgreiche Einspruch des Normalbürgers Cole mittels KI wird in ein Geschäftsmodell überführt, das dem Wertgesetz unterliegt. In Brasilien gibt es eine App namens Anula Multa, die Bußgelder anficht. Dafür kassiert sie 30 Prozent der verhinderten Strafzahlung.
Während bei der kapitalistischen Dividende Werte zurückfließen, erfolgt die sozialistische Rückerstattung in der Währung neuer Fähigkeiten. Die verausgabten Energien kehren an ihren Ursprung zurück, vermittelt über Institutionen, die den Menschen neue Möglichkeiten eröffnen. So würden Schulen, Gewerkschaften, Bibliotheken, Mietervereinigungen und Migrantenzentren zu Anlaufzentren der Zivilgesellschaft, wo KI-Leistungen erfasst, verallgemeinert, ausgewertet und allgemein nutzbar gemacht werden. So geht kein guter Prompt mehr verloren, und Workarounds zur Eindämmung der Bürokratie stehen allen zur Verfügung.
Das Ziel muss sein, zwei Wege abzukürzen. Zum einen den zwischen dem einzelnen Unrecht und der strukturellen Beseitigung seiner Ursachen; zum anderen den zwischen individueller Erfindung und ihrer gesellschaftlichen Aneignung. Für Letzteres braucht es Institutionen, die die Erfahrungen, die ihre Mitglieder in ihren Alltagskämpfen machen, erfassen und als erweiterte Fähigkeiten an die Gemeinschaft zurückgeben. Am Anfang müsste ein Register stehen: eine Art kollektives Gedächtnis, in dem alle Lernerfahrungen gespeichert, ausgewertet und erweitert werden.
Eine solche Einlageninstitution für unbezahlte, erfinderische Tätigkeiten wäre das, was die Gewerkschaft für Lohnarbeit war. Das Geniale an der Gewerkschaftsidee lag ja nie darin, Missstände zu sammeln, sondern sie für die Zukunft abzustellen: Die nachfolgenden Arbeiter:innen „erbten“ bessere Anstellungsverträge, anstatt den Kampf wieder neu beginnen zu müssen. So könnte auch ein Mieterverband funktionieren, der sein KI-Modell mit jeder erfolgreichen Klage seiner Mitglieder füttert. Dann kann die tausendste Mieterin auf 999 Siegen aufbauen.
Solche Prototypen zu entwerfen, ist natürlich einfacher, als zu verstehen, warum so wenige funktionieren. Oddones Broschüre fand von São Paulo bis Tokio reißenden Absatz, aber eine Revolution hat sie nicht ausgelöst. Den Rückkopplungskreis nach oben zu verlagern wie in Italien, half auch nicht weiter. Die Gesetzesnovelle von 1978 integrierte Oddones Instrumente zwar in die staatlichen Strukturen, doch daraufhin lief seine Bewegung auseinander. 1994 konnte Oddone nicht sagen, ob die Errungenschaften seiner Generation noch lebendig oder schon mumifiziert waren.
Doch in Frankreich machte sein Projekt Fortschritte. Oddone verbrachte seine letzten Jahrzehnte mit dem Aufbau eines Registers von Berufskrankheiten. Da ihm das von den Unternehmen verwehrt wurde, mussten die Ermittlungen jenseits der Fabriktore stattfinden.
In der Umgebung der Raffinerien von Fos-sur-Mer westlich von Marseille bauten Hausärzte aus zwei genossenschaftlichen Kliniken ein System auf, das Oddone von Turin aus beaufsichtigte: Jede Erkrankung, die sich ursächlich auf den Arbeitsplatz zurückführen ließ, floss in ein kumulatives Gedächtnis ein, das Erfahrungen sammelte, aufzeichnete und weitergab. Bald registrierten 9 Allgemeinmediziner 50 Prozent aller Meldungen von Berufskrankheiten in ihrem Gebiet – genauso viele wie die übrigen 135 Hausärzte sowie alle Betriebsärzte und Fachärzte zusammen. Ab 2007 war dieses kumulative Gedächtnis online zugänglich. Mit einem Klick konnte man eine Karte aufrufen, in der vermeidbare Erkrankungen mit roten Punkten markiert waren.5
Doch das Projekt ist eingeschlafen. Oddones Geldgeber zog den Stecker, wobei er sogar zugab, dass seine Entscheidung paradox war. Denn im Grunde teilte er Oddone mit: Wir beauftragen Sie mit etwas, das die Institutionen ablehnen, und bestrafen Sie dann dafür, dass Sie deren Versagen aufdecken.
Im Übrigen wurde die Karte auch von den Gewerkschaften, Versicherungen und Opferverbänden, für die das Material gedacht war, nicht genutzt. Letzten Endes wurde das Register also nicht die fehlende Verbindung; denn die Empfängerinstitutionen, die das Feedback hätten aufnehmen und entsprechend handeln sollen, nehmen ihre Aufgabe nicht wahr.
Das Beispiel zeigt, woran es entscheidend fehlt. In Turin gaben die Arbeiter ihre Tricks unter vier Augen weiter. Die Karte von Marseille erfasste nur ein einziges Industriegebiet. Wer nicht dabei war, bekam nichts ab. Genau das ist es aber, was sich durch die KI ändert. Der Nutzen, der zuvor nur einer Person zukam, kann heute sofort allen anderen Menschen in ähnlicher Lage zuteilwerden. Das ist Aneignung in Pintos Sinne mit einem Upgrade von handwerklichen zu planetarischen Dimensionen.
Eine KI, die an die Basis zurückkehren würde, könnte auch – erst nur schlecht, nach und nach vielleicht besser – die von Andersson beschriebene Rivalität zwischen Bibliothek und Workshop aufheben. Die Trennwand hat das Silicon Valley schon beseitigt. Die Frage ist nur, wer die Fusion beider Sphären steuert. Und damit kommt erneut das Dilemma des „dritten Wegs“ in den Blick.
Die aktuellen Vorschläge von links gehen in Richtung KI-Dividenden und KI-Staatsfonds. Aber das läuft lediglich wieder auf die Vergesellschaftung von Kapital hinaus, was die Maschine problemlos schlucken wird. Unternehmen waren schon immer gern bereit, Anteile zu versilbern. Neu wäre der Versuch, die Devise des „dritten Wegs“ umzukehren: das Gesellschaftliche zu „entkapitalisieren“. Das würde heißen, Workarounds, erfolgreiche Beschwerdebriefe und hart erkämpfte Fertigkeiten der Verfügung durch die Unternehmen zu entziehen und als Fähigkeiten an die Gesellschaft zurückzugeben. Das bedeutet: Niemand darf sie besitzen, alle können sie nutzen.
Diese Aufgabe wird uns niemand abnehmen. Das Geschäft der Einlagen, die die eine Hälfte des Rückkopplungskreises ausmachen, läuft bereits auf globaler Ebene. Die zweite Hälfte des Kreises, die Regelung der Rückzahlung, also der Rendite dieser Einlagen, wurde nie geschaffen. Und weder SoftBank noch der Staatsfonds von Katar, noch Sam Altman und andere aktuellen Big Player sind daran interessiert.
Aber es bedarf auch nicht ihrer Erlaubnis. Wenn es darum geht, das Gesellschaftliche zu entkapitalisieren, muss der Turiner Leitspruch gelten: „Non delega“ – delegiere nichts, schon gar nicht das Urteil über das eigene Leiden.
Einlageninstitute jeglicher Art, als offenes oder geschlossenes Modell, kann man jederzeit gründen, gleich morgen. Über die nötigen Rohdaten verfügen bereits jeder Mieterverein und jedes Zentrum für Migrant:innen, die ein Archiv angelegt und die nötige Wut angesammelt haben.
Bislang ist das Datenzeitalter noch Eigentum seiner Begründer. Doch gibt es den nächsten Loren Cole, der es sich aneignen könnte.
Aus dem Englischen von Markus Greiß
Evgeny Morozov ist Direktor von The Syllabus, einer Plattform zur Auswahl und Aufwertung von Wissen. Sein neuestes Buch „Les Santiago Boys“ (Divergences, Quimperlé, 2024) basiert auf dem Podcast „The Santiago Boys“.


