Der kleine Tiger Taiwan

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Der kleine Tiger Taiwan

Der kleine Tiger Taiwan

Handel sorgt für den Ausgleich mit der Volksrepublik China von Martine Bulard

Hsin-Huang Michael Hsiao ist ein vielbeschäftigter Mann. Der Soziologe steht der Demokratischen Fortschrittspartei DPP (Democratic Progressive Party) nahe, die für die Unabhängigkeit Taiwans eintritt. Doch der Wahlkampf, der im November 2011 die Gemüter erhitzt, nimmt ihn offenbar nicht sehr in Anspruch. Zwischen zwei Seminaren empfängt er uns zum Mittagessen in einem Restaurant auf dem Campus der Academia Sinica. Dieses Forschungszentrum – fernab vom Autolärm und den Schwärmen von Motorrädern, die sich in den Straßen der Hauptstadt drängen – ist eine Oase der Ruhe. Gute Arbeitsbedingungen. „Außerdem sind wir von der Politik und der Wirtschaft unabhängig“, versichert Hsiao, der vor allem für seine vergleichenden Studien zur Mittelschicht in Asien bekannt ist.1

Auf der nur 36 000 Quadratkilometer großen Insel Taiwan hat sich die Mittelschicht genauso entwickelt wie anderswo auch. „Man unterscheidet heute zwei Generationen“, erklärt Hsiao. Die „alte“ Mittelschicht aus Kleinunternehmern und Handwerkern bildete sich in den 1970er und 1980er Jahren heraus; sie hat Taiwan zum „Tigerstaat“ gemacht.2 Die „neue“ Mittelschicht entstand in den 1990er Jahren und besteht aus leitenden Angestellten, Ingenieuren, Managern und Selbstständigen. Sie ist inzwischen dreimal so groß wie ihre Vorgängerin. Doch die neue Mittelschicht hat die alte, aus der sie zum Teil hervorging, nicht verdrängt. Die Söhne und Töchter der Chefs kleinerer und mittlerer Unternehmen und der wohlhabenden Handwerker haben studiert, zum Teil in den USA oder in Europa, und eine liberale Lebenseinstellung angenommen. Viele sind dort geblieben. Andere sind nach China gegangen, um auf der anderen Seite der Taiwanstraße (früher: Formosastraße) zu investieren.

„In Taiwan steht die Mittelschicht im Zentrum der politischen Arena“, meint Hsiao. In ihrer politischen Meinung verbinde sie stets globale mit lokalen Fragen, denn ein wesentlicher Faktor bleibe die Familie. „Früher wählte die Mittelschicht die DPP, weil sie Reformen brauchte. Doch in Krisenzeiten versucht sie eher ihre Interessen zu schützen und ist sehr viel konservativer geworden.“ Diese Prognose Hsiaos, zwei Monate vor den gleichzeitig stattfindenden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen, hat sich inzwischen bestätigt.

Am 14. Januar 2012 setzte die Mittelschicht auf Kontinuität und wählte den amtierenden Präsidenten Ma Ying-jeou von der Kuomintang (KMT). Die Geschäftsleute Taiwans schlossen sich dieser Meinung an. Viele hatten ausdrücklich zur Wahl Mas aufgerufen, wie etwa Douglas Hsu, der Direktor der mächtigen Far Eastern Group, oder Terry Gou, der Gründer des chinesischen Apple-Zulieferers Foxconn. Manche Unternehmer schalteten ganzseitige Zeitungsanzeigen, um die guten Eigenschaften des Präsidenten anzupreisen. Auf solche Unterstützer konnte Mas Herausforderin Tsai Ing-wen nicht zählen. Es wäre schon sehr übertrieben, von einer Gleichbehandlung der beiden Kandidaten in den Medien zu sprechen, die meist in der Hand großer Industrie- oder Finanzkonzerne sind oder dem Staat gehören.

Ma erhielt 51,6 Prozent der Stimmen und seine Partei KMT errang mehr als die Hälfte der 113 Parlamentssitze. Damit verlor Ma zwar fast 6 Prozentpunkte gegenüber der letzten Wahl im Jahr 2008, hatte aber immer noch einen deutlichen Vorsprung. Auch von den kleinen Angestellten und Bauern stimmten einige für ihn. Den meisten Profit konnte Ma aus der Verknüpfung außenpolitischer Fragen (vor allem die Beziehungen zu Kontinentalchina) mit innenpolitischen Problemen (Löhne, Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen) schlagen. Das Argument der DPP, Ma habe „Taiwan an China verkauft“, zog nicht, ebenso wenig wie die Angst, vom großen Nachbarn geschluckt zu werden. Trotzdem stand Peking im Zentrum des taiwanischen Wahlkampfs.

Um die Beziehungen zwischen den beiden durch die Taiwanstraße getrennten Rivalen zu verstehen, muss man in die Vergangenheit blicken. „Mein Großvater trägt einen japanischen Namen; ich einen chinesischen“, erzählt Wu Qimao, ein Beamter aus Kaohsiung, der zweitgrößten Stadt Taiwans, in deren Stadtbild die Spuren der japanischen Besatzung immer noch sichtbar sind. Weder die Eltern des Großvaters noch die des Enkels haben die Namen ihrer Kinder frei gewählt. Eine solch bizarre Namensgeschichte ist in taiwanischen Familien nichts Ungewöhnliches.

Kooperation statt Wiedervereinigung

Japan besetzte Formosa im Jahr 1895 nach dem chinesisch-japanischen Krieg und modernisierte die vom Kontinent vergessene Insel, regierte aber zugleich mit eiserner Hand. Die Formosaner, wie die Einwohner damals hießen, „wurden von der Kolonialverwaltung wie Bürger zweiter Klasse behandelt“, schreibt der taiwanische Intellektuelle Peng Ming-min3 , der lange für die Demokratisierung seines Landes gekämpft hat. Nach der Kapitulation Japans wurde Taiwan 1945 gemäß den alliierten Kriegszielen in die damalige Republik China eingegliedert. Als Peking die Insel mit US-amerikanischen Flugzeugen und Schiffen in Besitz nahm, empfingen die Formosaner die Soldaten voller Begeisterung, weil sie dachten, nun brächen neue, wunderbare Zeiten an.

Die Ernüchterung folgte bereits am 28. Februar 1947, als in Kaohsiung, Taipeh und ganz Taiwan der „weiße Terror“ begann: Die Truppen der damals in China regierenden nationalistischen Kuomintang massakrierten tausende von Menschen. Peng schreibt: „Mein Vater erklärte daraufhin, er schäme sich seines chinesischen Blutes und wünsche, seine Kinder mögen Fremde heiraten, damit sich seine Nachkommen nicht mehr als Chinesen fühlen“.

Nachdem die Kommunisten unter Mao Tse-tung die Macht in Peking ergriffen hatten, floh der Führer der Nationalisten, General Tschiang Kai-schek, nach Taiwan und errichtete ein autoritäres Regime, das seine Nachfolger bis 1986 fortsetzten. Oppositionelle wurden ins Gefängnis geworfen oder ins Exil getrieben. Auf die militärische „Japanisierung“ folgte eine autoritäre Sinisierung: Die kulturellen Wurzeln Taiwans wurden verleugnet, die Sprache unterdrückt und durch das klassische Mandarin ersetzt, die Geschichte umgeschrieben. Man kann verstehen, dass die seit langem hier ansässige Bevölkerung bis heute verbittert ist – zumal der Kampf für die Demokratie stets mit dem Kampf gegen die Nationalisten von der Kuomintang einherging.

Letztere pflegten seit ihrem Rückzug nach Taiwan stets die Hoffnung, das Festland zurückzuerobern. Unterstützt wurden sie dabei von den USA, die 1950 ihre VII. Flotte in der Taiwanstraße stationierten, an Land Militärbasen errichteten und das Kuomintang-Regime weitgehend finanzierten. 24 Jahre lang repräsentierte Taiwan in den Augen der UNO – und damit der Welt – das „wahre China“, was zusätzlich dazu beitrug, dass sich die KMT im Recht fühlte.

Als Peking im Oktober 1971 den Sitz der Republik China (Taiwan) im UN-Sicherheitsrat übernahm,4 war die Zukunft der Insel zunächst ungewiss. Die meisten Länder der Erde kamen jedoch zu dem Schluss: „Es gibt nur ein China.“5 Taiwan verschwand von der Bühne der internationalen Aufmerksamkeit – und der chinesische Drache zeigte seine Krallen: 1996, kurz vor der ersten freien Wahl des taiwanischen Präsidenten, schoss China eine ballistische Rakete mit (deaktiviertem) Sprengkopf ab, und zwischen 2000 und 2008, als der Unabhängigkeitskämpfer Chen Shui-bian die Insel regierte, wurden die auf Taiwan gerichteten Raketenbasen verstärkt6 .

Diese Zeit der offenen Konfrontation ist inzwischen vorbei. An beiden Ufern der Taiwanstraße ist eine neue Generation von Politikern an die Macht gekommen. Die Kommunisten, die stets davon geträumt hatten, sich das widerspenstige Inselchen mit Gewalt einzuverleiben, wissen ebenso wie die taiwanischen Nationalisten, die es den Besatzern vom Festland gern ordentlich heimgezahlt hätten, dass sie diese Projekte niemals realisieren können. Die taiwanischen Antikommunisten von gestern sind inzwischen sogar die sorgsam gehätschelten Verbündeten der chinesischen Kommunistischen Partei geworden – eine einzigartige historische Wende.

Natürlich ist Peking keinen Deut von den Grundsätzen der Einheit und territorialen Integrität der Volksrepublik abgewichen – das würde weder die Armee noch die Bevölkerung zulassen. „Es geht uns nicht um eine sofortige Wiedervereinigung“, meint ein Diplomat in der chinesischen Hauptstadt, „aber wir können auch keine sofortige Unabhängigkeit akzeptieren.“7 In Taipeh erinnern die regierenden Politiker an das oberste Ziel: einen Friedensvertrag abschließen. Doch das wäre die faktische Anerkennung durch die Volksrepublik. Der Status quo kommt im Augenblick allen zupass. In Peking heißt es wie immer: „Ein China, zwei Systeme“, in Taipeh: „Ein China, unterschiedliche Interpretationen“ (je nachdem, ob man sich am einen oder anderen Ufer der Taiwanstraße befindet). Auf diese Weise kann jeder sein Gesicht wahren, und alle sind glücklich.

Grundsatz ist das dreifache Nein

Doch in diesem strategischen Tableau gibt es noch einen dritten Spieler: die USA, die nicht einen Fußbreit vor China zurückweichen wollen. Im Wahlkampf verbreiteten sich viele Kommentatoren über mögliche Einflussnahmen aus China. Washingtons Unterstützung für den regierenden Präsidenten wurde dagegen selten thematisiert: Im September 2011 kündigte die Obama-Administration die Modernisierung von 146 F-16-Kampfjets der taiwanischen Armee an, und im Dezember wurde die Visumpflicht für die USA aufgehoben. Damit beruhigte Obama die KMT-Führung und stellte klar, dass die USA Taiwans Verbündeter Nummer eins bleiben. Man kann also davon ausgehen, dass Ma auf beide Karten setzen wird: die amerikanische und die chinesische.

Mit Peking unterzeichnete der Präsident 2010 einen Rahmenvertrag zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit (Economic Cooperation Framework Agreement, Ecfa) – eine Art Freihandelsabkommen, das Zollschranken beidseitig aufhebt. Taiwan wird zwar von Peking nicht als eigenständiger Staat betrachtet, erhebt aber wie jedes andere Land Zölle. Von der UNO wird es nicht anerkannt, sitzt aber als „eigenständiges Zollgebiet von Taiwan, Penghu, Kinmen und Matsu“ in der Welthandelsorganisation (WTO): Politik nein – Handel ja.

Für Charng Kao, einen der stellvertretenden Minister im Rat für Kontinentalangelegenheiten (Mainland Affairs Council, MAC), der mit den Beziehungen zu Peking befasst ist, geht es ums Prinzip. Bei unserem Besuch in einem der MAC-Salons ist er sehr auf die Formalitäten (Fotos, Geschenkeaustausch) bedacht; dennoch ist dieser Mann ein Vertreter der neuen Generation. Er hat in den USA studiert, sein Englisch ist perfekt, und er kommt direkt auf den Punkt: „Unsere Methode ist einfach: Wir lassen die Politik beiseite und stellen die Wirtschaft in den Mittelpunkt. Unser Grundsatz ist das dreifache Nein: Nein zur Wiedervereinigung (bu tong), Nein zur Unabhängigkeit (bu du) und Nein zum Gewalteinsatz (bu wu).“ Die politischen Fragen seien die schwierigsten, meint Kao. „Wir haben uns daher für eine diplomatische Waffenruhe entschieden.“

Die führenden Unternehmer Taiwans haben ohnehin nicht auf grünes Licht von der Regierung gewartet, um sich mit Beginn der Reformen der 1980er Jahre auf das Festland zu stürzen. Die taiwanischen Direktinvestitionen in China werden auf 100 Milliarden US-Dollar geschätzt, wenn man die über Hongkong geflossenen Gelder hinzurechnet, sind es sogar 200 Milliarden. Wegen der immer häufigeren Betriebsverlagerungen arbeiten heute bereits mehr als 2 Millionen Taiwaner (von 11 Millionen Erwerbstätigen) auf dem chinesischen Festland.

In den Bereichen Elektronik oder Unternehmensdienstleistungen (Buchhaltung, Verwaltungssoftware usw.) gibt es kaum einen leitenden Angestellten, der nicht schon einige Zeit in China verbracht hätte. „Wir haben keine Wahl“, erzählt ein Angestellter, der in einem bekannten Elektronikunternehmen arbeitet und anonym bleiben möchte. „Wir müssen weggehen und Frau und Kinder zurücklassen, manchmal für mehrere Monate.“ Auch der Umgang mit den Kollegen vom Festland gefällt ihm nicht: „Man gibt uns immer den Rat: Vertraut keinem chinesischen Ingenieur oder leitenden Angestellten. Wir begegnen ihnen mit Verachtung, obwohl viele sehr kompetent sind. Sie leben oft unter schwierigen Bedingungen und die Arbeiter werden in Schlafsälen zusammengepfercht. Wir sollten uns schämen, sie so zu behandeln.“

Das bekannteste Beispiel ist die Firma Foxconn in der chinesischen Sonderwirtschaftszone Shenzhen. Hier sind die Arbeitsbedingungen so hart, dass es mehrere Selbstmorde gegeben hat und es fast zu Streiks gekommen wäre.8 Der Fall Foxconn, der um die Welt ging, hat auch die Taiwaner empört, doch insgesamt betrachten sie die Festlandchinesen meist mit der Herablassung des reichen Nachbarn: Das kaufkraftbereinigte Bruttosozialprodukt pro Kopf (2011) ist in Taiwan mehr als viermal so hoch wie in der VR China (37 931 gegenüber 8 394 Dollar).

Ob mit harten oder weichen Bandagen – die wirtschaftliche Integration ist in vollem Gange. Inzwischen gehen 40 Prozent der taiwanischen Exporte nach China. „Sieben der fünfzehn wichtigsten ‚chinesischen‘ Exportfirmen sind Tochterunternehmen taiwanischer Firmen“, erläutern die Wirtschaftswissenschaftler Stephane Cieniewski und Pierre Moussy.9 Auf der Insel macht sich der Exodus Richtung Festland in der massiven Deindustrialisierung bemerkbar, vor allem im Süden.

Das lässt sich zum Beispiel in der Hafenstadt Kaohsiung beobachten. Hier sieht man noch die Brachen – trotz des Baubooms und des ungeheuren Einsatzes der Bürgermeisterin Chen Chu, einer alten DPP-Kämpferin, die unter der Kuomintang im Gefängnis war und seit 1996 die Stadt regiert. „Wir hatten Schwerindustrie (Chemie, Stahl) und verarbeitende Industrie (Maschinenbau, Bekleidung, Spielwaren usw.), deren Rentabilität auf den niedrigen Löhnen basierte“, erklärt Chu. „Als die Arbeiter Lohnerhöhungen, bessere Arbeitsbedingungen und bezahlte Überstunden verlangten, also mehr soziale Gerechtigkeit forderten, haben die Unternehmen ihre Produktionsstätten nach Kontinentalchina, aber auch nach Südostasien verlagert. Vor allem nach Vietnam.“ Doch wenn sie sich beklagt, dann über die Investoren und ihre Betriebsverlagerungen, nicht über Peking. „Es lohnt sich nicht, zu jammern. Wir wollen ohnehin nicht mehr solche Fabriken, die unsere Umwelt verschmutzen.“ Die Stadt versucht zu diversifizieren. Doch trotz der Modernisierungsbemühungen ist Kaohsiung, bis Anfang der 2000er Jahre noch der wichtigste Containerhafen der Welt, inzwischen auf Platz neun abgerutscht.

Diese Fakten bestreitet auch Herr Charng in Taipeh nicht. Doch für ihn handelt es sich letztlich um ein Nullsummenspiel, in dem sich die wirtschaftlichen Vor- und Nachteile ausgleichen werden. Er verweist etwa auf die Elektronikindustrie: „Dort hat sich unsere Produktion verdoppelt, denn wir stellen Teile her, die dann am anderen Ufer zusammengebaut werden“. Weitere erfolgreiche Beispiele findet Charng in der Landwirtschaft, der Fischereiindustrie oder dem Tourismus. Seine Zahlen wirken glaubhaft – und doch gibt es immer mehr Arbeitslose.

Nach Meinung der Opposition fördert die Unternehmensflucht nach China vor allem das bisherige Wirtschaftsmodell, das auf niedrigen Löhnen basiert. Dieses System ist allein auf Exporte orientiert – vor allem in den Informations- und Kommunikationstechnologien – und wird mit Steuererleichterungen gestützt, die Kapital anlocken sollen (die Unternehmenssteuern wurden 2010 auf 17 Prozent gesenkt). Hinzu kommt die extreme Abhängigkeit von Auftraggebern aus den USA und Japan.

Die jungen Universitätsabsolventen, unter denen der französische Forscher Tanguy Le Pesant eine Umfrage durchgeführt hat10 , zählen zu den ersten Opfern dieser Politik. Zwar finden sie nach vier Jahren Studium relativ leicht einen Job. Doch ihr Monatsgehalt beträgt im Durchschnitt nur 23 500 Taiwan-Dollar (TWD) (etwa 600 Euro), der offizielle Mindestlohn liegt bei umgerechnet 455 Euro. Als Perspektive bleibt ihnen oft nur, aufs Festland zu gehen, wo sie leitende Posten erhalten und damit auch (etwas) mehr Geld. Damit entsteht aber auch ein ganz neues Chinabild (siehe unten stehenden Artikel).

Im winzigen Büro des taiwanischen Gewerkschaftsbunds in der Roosevelt-Straße in Taipeh sitzen Verbandspräsident Shih Chao-Hsien und sein Generalsekretär Hsieh Tsuan-Chih. Sie bestätigen, dass Niedriglöhne weit verbreitet sind, gerade unter jungen Absolventen: „Das ist wie vor zehn Jahren.“ Die beiden tragen weder Krawatte noch Anzug und schwingen auch keine großen Reden. Sie beschreiben die Probleme in einem Land, in dem freie Gewerkschaften gerade erst zugelassen wurden und 78 Prozent der Angestellten in kleineren und mittleren Unternehmen arbeiten. „Laut Gesetz beträgt die wöchentliche Arbeitszeit 40 Stunden; aber in Wirklichkeit sind es zwischen 45 und 48 Stunden, genau wie in Festlandchina. Die Überstunden werden nicht bezahlt.“ Im ersten Jahr gebe es gerade einmal sieben Urlaubstage, nach drei Jahren zehn, nach fünf Jahren vierzehn.

Die technische Zeichnerin Ping-fan, eine gut aussehende Frau um die 30, die mit zwei Kollegen in einem Kleinunternehmen arbeitet, kann das nur bestätigen. Auf die Frage nach ihrer Arbeitszeit sagt sie spontan „acht Stunden“ – vielleicht, weil sie nur für acht Stunden bezahlt wird. Nachdem sie ihre tägliche Arbeit beschrieben hat, korrigiert sie sich: Es seien „mindestens zehn bis elf Stunden“ am Tag. Dabei gelte die Regel, „die übernommene Aufgabe muss erledigt sein“. Ihr Chef kann sie samstags und sonntags an den Arbeitsplatz rufen und dazu verpflichten, bis spät in die Nacht zu bleiben. Sie muss die ungeschriebenen Gesetze des Betriebs achten, sich in der Hierarchie einordnen und möglichst nicht auffallen. Glaubt man den Aussagen von leitenden Angestellten, findet sich das an Japan angelehnte Modell einer pyramidalen Organisation auch in den führenden Industriebetrieben. Dabei kommt der Druck bei vielen eher durch die Kollegen als durch Befehle von oben.

Beim Gewerkschaftsbund zeigt man uns Fotos von Demonstrationen für Lohnerhöhungen oder gegen Arbeitsplatzabbau, aber solche Aktionen sind Randerscheinungen. Für ein paar Tage versammelten sich einige „Empörte“ vor Taipei 101, dem zweithöchsten Gebäude der Welt im Geschäftsviertel Taipehs – ohne große Konsequenzen. Der Forscher Le Pesant, der die Situation der jungen Leute gut kennt, meint: „Das Gewicht der Diktatur lastet noch immer auf der Zivilgesellschaft, und die Kritik von links – die früher im Kampf gegen den Kommunismus stark unterdrückt wurde – bleibt heute auf akademische Zirkel und einen kleinen Kreis von Aktivisten beschränkt. Das Bildungssystem und die konfuzianischen Werte, die es immer noch vermittelt, tragen auch nicht dazu bei, die bestehende Ordnung infrage zu stellen.“

Die Regierung in Taiwan setzt auf diesen Konformismus und hofft, dass die sozialen Unruhen, die gerade das chinesische Festland erschüttern, nicht auf die Insel übergreifen. Es wäre eine weitere Begegnung der feindlichen Brüder – diesmal jedoch eine erfreuliche.

Fußnoten: 1 Siehe Hsin-Huang Michael Hsiao, „East Asian middle class in comparative perspective“, Institute of Ethnology, Academia Sinica, Taipeh, Republik China. 2 Südkorea, Hongkong, Singapur und Taiwan wurden wegen ihres Wirtschaftswachstums in den 1980ern als die vier „Tigerstaaten“ bezeichnet. 3 Peng Ming-min, „Le Goût de la liberté“, Belaye (Editions René Viénet) 2011. Die Zitate stammen aus seiner Autobiografie. 4 Grundlage dafür war eine Resolution der UN-Generalversammlung, die alle Rechte der Volksrepublik China „wiederherstellte“. 5 Taiwan beziehungsweise die Republik China wird nur von 23 Staaten offiziell anerkannt. 6 Siehe François Godement, „Demokratisierung in Taiwan – Provokation für Peking“, in: Le Monde diplomatique, April 2000. 7 Martine Bulard und Jack Dion, „Chine-Inde. La course du dragon et de l’éléphant“, Paris (Fayard) 2010. 8 Siehe Isabelle Thireau, „Streiks, Briefe und Belagerungen. Die neue Welle sozialer Proteste in China“, Le Monde diplomatique, Oktober 2010. 9 Siehe Wirtschaftsbulletin „China“ des Wirtschaftsdienstes der französischen Botschaft in Peking. 10 Siehe Jean Pierre Cabestan und Tanguy Le Pesant, „L’Esprit de Defence de Taiwan face à la Chine. La jeunesse tauiwanaise face à la tentation de la Chine“, Paris (L’Harmattan) 2009. Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Land und Leute

Staat: Taiwans offizieller Name lautet „Republik China“; die Hauptstadt ist Taipeh.

Fläche: 36 000 Quadratkilometer.

Bevölkerung: 23,04 Millionen.

Währung: Neuer Taiwan-Dollar (TWD, auch NTD oder NT$), nicht konvertierbar. Wirtschaft: Das Bruttoinlandsprodukt (kaufkraftbereinigt) lag 2011 bei 875,4 Milliarden US-Dollar, das BIP pro Kopf (kaufkraftbereinigt) bei 37 931 US-Dollar (zum Vergleich: 8 394 US-Dollar in der VR China). Das Wirtschaftswachstum betrug im Jahr 2011 4,03 Prozent, im Vorjahr 10,72 Prozent; 2009 schrumpfte die Wirtschaft um 1,81 Prozent.

Offizielle Arbeitslosenquote: 5,4 Prozent.

Was wann geschah

1544 Die Portugiesen „entdecken“ die Insel und nennen sie „Ilha Formosa“ (schöne Insel).

1624 bis 1662 Die Holländer kolonisieren die Insel, Wirtschaftsflüchtlinge aus China treffen ein.

1661 bis 1895 Chinesen und Holländer streiten um die Kolonie; am Ende sind die Chinesen siegreich, und Taiwan wird eine Provinz des Kaiserreichs.

1895 bis 1945 Japan hält die Insel besetzt.

1945 Nach dem Zweiten Weltkrieg und der japanischen Niederlage fällt Taiwan an die Republik China.

1949 Nachdem er von den Kommunisten unter Führung Mao Tse-tungs besiegt wurde, flieht General Tschiang Kai-schek, der Führer der nationalistischen Kuomintang, nach Taiwan. In den Jahren 1949 und 1950 lassen sich 1,5 Millionen „Festlandchinesen“ auf der Insel nieder.

1971 Die kommunistische Volksrepublik China wird anstelle der Republik China (Taiwan) Mitglied der UNO.

1987 Aufhebung des Kriegsrechts in Taiwan.

1996 Der Präsident der Republik wird zum ersten Mal vom Volk gewählt.

2000 bis 2008 Chen Shui-bian von der Demokratischen Fortschrittspartei (DPP, Befürworter der Unabhängigkeit) regiert als Präsident.

2008 Ma Ying-jeou (KMT) löst ihn ab, er wird im Januar 2012 wiedergewählt.

Le Monde diplomatique vom 10.02.2012, von Martine Bulard

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