Im Namen des Universums

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Im Namen des Universums

Im Namen des Universums

Eine Vorlesung über den Staat und die Zerstörung der Vielfalt von Pierre Bourdieu

Die Entstehung des Staates beschreiben heißt die Entstehung eines Mikrokosmos beschreiben, der innerhalb der sozialen Umwelt vergleichsweise autonom ist und in dem ein eigenes Spiel stattfindet: das legitime politische Spiel. Nehmen wir die Erfindung des Parlaments. Hier werden strittige Probleme, bei denen Interessen aufeinanderprallen, in formalisierten Abläufen und unter Einhaltung von bestimmten Regeln öffentlich diskutiert. Marx hatte dabei lediglich auf die Theatralisierung des Konsenses hingewiesen, die verschleiere, dass Menschen die Fäden ziehen und dass die tatsächlichen Einsätze, die tatsächlichen Mächte woanders liegen. Der Entstehung des Staates nachzugehen heißt sich mit der Entstehung eines Bereiches befassen, in dem sich das Politische künftig in formalisierter Weise abspielen, symbolisieren und dramatisieren wird.

Wer am Spiel des legitimen, regelkonformen Politischen teilnimmt, gewinnt Zugang zu einer wachsenden Ressource: der des „Universellen“. Er kann in universeller Rede universelle Standpunkten vertreten – im Namen aller, im Namen des Universums, im Namen der Gesamtheit einer Gruppe. Er kann als Anwalt des Gemeinwohls auftreten, davon reden, was gut ist für die Allgemeinheit – und es sich im gleichen Atemzug aneignen.

Hier liegt der Ursprung des Phänomens der Zweischneidigkeit, die Janusköpfigkeit der Universalität: Manche Leute verfügen privilegiert über das Universelle, aber man kann das Universelle nicht haben, ohne es zu vereinnahmen und zu monopolisieren. Es gibt ein Kapital des Universellen. Der Vorgang, in dem sich die öffentlichen Instanzen zur Verwaltung des Universellen entwickeln, ist untrennbar verbunden mit der Herausbildung einer Gruppe von Akteuren, deren wesentliche Eigenschaft es ist, sich das Universelle anzueignen.

Nehmen wir ein Beispiel aus dem Bereich Kultur und Bildung. Im Zuge der Entstehung des Staates durchlaufen verschiedene Arten von Ressourcen einen Konzentrationsprozess. Das sind Ressourcen der Information – wie durch Umfragen und Berichte ermittelte Statistiken – ebenso wie sprachliches Kapital, wenn etwa ein Dialekt zur herrschenden Sprache erklärt wird und damit alle anderen Sprachen als deren irregeleitete, minderwertige Abwandlungen gelten. Damit einher geht ein Prozess der Enteignung: Eine Stadt zur Hauptstadt zu erheben, zu dem Ort, an dem sich das Kapital in all seinen Formen konzentriert,1 heißt die Provinz zum Ort der Enteignung von Kapital zu machen; die Entscheidung für eine Amtssprache degradiert alle anderen Landessprachen in gewisser Weise zu Mundarten oder Dialekten.2

Die legitimierte Kultur beruht auf vom Staat garantierter Bildung, auf eben den Institutionen, die die Nachweise der Kultur ausgeben, nämlich Diplome und Doktortitel. Die Lehrpläne der Schulen sind Sache des Staates; einen Lehrplan verändern bedeutet, die Verteilung von Kapital zu verändern und gewisse Formen vorhandenen Kapitals zugrunde gehen zu lassen. Wenn zum Beispiel Latein und Griechisch aus der schulischen Bildung verbannt wird, werden die Träger dieses sprachlichen Kapitals zu staatsfeindlichen Kleinbürgern. Ich selbst hatte in allen meinen früheren Arbeiten zum Schulsystem ganz aus den Augen verloren, dass legitime Kultur staatliche Kultur ist.

Diese Konzentration ist zugleich Vereinheitlichung und eine Form der Universalisierung. Wo es früher Unterschiedliches, Verstreutes, Lokales gab, gibt es jetzt das Einheitliche. Mit Germaine Tillion haben wir vor vielen Jahren die Maßeinheiten verglichen, die in kabylischen Dörfern in einem Umkreis von dreißig Kilometern galten: Wir fanden ebenso viele Maßeinheiten wie Dörfer. Die Festlegung einer verbindlichen Maßeinheit ist ein Fortschritt im Sinne der Universalisierung. Doch der universelle Standard des metrischen Systems setzt Konsens und Einigung voraus. Begleitet wird der Vorgang der Konzentration, Vereinheitlichung und Integration vom Vorgang der Enteignung, denn die an die lokalen Maße gebundenen Kenntnisse und Kompetenzen werden dadurch wertlos.

Mit anderen Worten: Der Vorgang, durch den zusätzliche Universalität gewonnen wird, ist unmittelbar verbunden mit einer Konzentration der Universalität. Die einen wollen das metrische System (die Mathematiker), und die anderen haben nichts als ihre lokalen Bedingungen. Die Schaffung gemeinsamer Ressourcen lässt sich nicht davon trennen, dass diese Ressourcen zum Kapital von Monopolisten werden, die auch den Kampf um das Monopol des Universellen monopolisiert haben.

Dieser gesamte Vorgang – Herausbildung und Autonomisierung eines Bereiches; Entstehung von spezifischen Imperativen gegenüber ökonomischen und häuslichen Bedürfnissen; Entstehung einer spezifisch bürokratischen Form der Reproduktion, die mit der häuslichen, familiären Reproduktion nichts gemein hat – ist untrennbar verbunden mit einem Prozess der Konzentration und der Entstehung einer neuen Form von Ressourcen. Diese sind Bestandteil des Universellen und besitzen im Vergleich zu den vorhandenen Ressourcen einen höheren Grad an Universalisierung: Der kleine lokale Markt geht sowohl auf ökonomischer wie symbolischer Ebene in einen nationalen Markt über. Die Entstehung des Staates lässt sich im Grunde nicht trennen von der Bildung eines Monopols auf das Universelle – das Paradebeispiel dafür ist der Bereich Kultur und Bildung.

Staatliche Bildung und Kultur gewinnen ihre Legitimität daraus, dass sie als universell und allgemein zugänglich gelten und dass man im Namen dieser Universalität diejenigen, die sie nicht besitzen, einfach ausschließen kann. Diese Kultur, die sich den Anschein gibt zu vereinen, ist in Wahrheit eine Kultur der Spaltung. Sie ist ein wichtiges Herrschaftsinstrument, weil es solche gibt, die das Monopol auf diese Kultur haben. Dieses Monopol ist furchtbar, weil die Kultur eben als nichtpartikular gilt.

Bildungsbürger und Dorfdeppen

Die wissenschaftliche Bildung treibt dieses Paradox sogar noch auf die Spitze. Die Bedingungen, unter denen universelles akademisches Wissen hergestellt und akkumuliert wird, bringen eine Kaste von „Monopolisatoren“ des Universellen hervor, eine Art Staatsadel. Ausgehend von dieser Analyse könnte man sich vornehmen, die Zugangsbedingungen zum Universellen zu verallgemeinern. Aber wie? Müssen die „Monopolmacher“ enteignet werden? Nein, das ist natürlich nicht die Lösung.

Lassen Sie mich das Gesagte mit einer Parabel veranschaulichen. An einem Weihnachtsabend vor etwa dreißig Jahren war ich in einem kleinen Dorf im tiefsten Béarn bei einem kleinen Ball.3 Manche tanzten, andere nicht. Die meisten ältereren, bäuerlich gekleideten Gäste tanzten nicht, sondern unterhielten sich und überspielten ihre Verlegenheit, weil sie zwar dabei waren, aber nicht tanzten. Normalerweise hätten sie verheiratet sein müssen, denn nur die Verheirateten tanzen nicht mehr. Ein Ball ist ja auch eine Art Heiratsbasar, der Markt, auf dem potenzielle Ehepartner mit ihren symbolischen Gütern handeln. An diesem Abend waren besonders viele Unverheiratete da, etwa die Hälfte der 25- bis 35-Jährigen.

Früher gab es hier einen abgeschotteten, nicht vereinheitlichten, lokalen Markt. Mit der Herausbildung dessen, was wir Staat nennen, vollzieht sich eine Vereinheitlichung des ökonomischen Marktes – wozu der Staat mit seiner Politik das Seine beiträgt – und ebenso eine Vereinheitlichung des Marktes der symbolischen Tauschakte, der zu einer Uniformität des Auftretens und der Kleidung sowie des Selbstverständnisses und der Selbstdarstellung führt.

Diese Menschen hatten einst einen abgeschirmten, lokalen Heiratsmarkt, den sie kontrollierten, was eine durch die Familien geregelte Form von Endogamie ermöglichte. Die Produkte der bäuerlichen Reproduktionsweise hatten auf diesem Markt keine schlechten Chancen: Sie waren verkaufbar und fanden junge Frauen.

In der oben beschriebenen Logik war das, was sich bei diesem Ball zutrug, das Ergebnis der Vereinheitlichung des Marktes der symbolischen Tauschbeziehungen: Der Fallschirmjäger aus der benachbarten Kleinstadt, der hier seine Muskeln spielen ließ, war für den örtlichen Bauern das Konkurrenzprodukt, das ihm seinen Wert streitig machte.

Die durch den Markt bewirkte Vereinheitlichung kann – zum Beispiel für Frauen und andere Unterdrückte, die sich auf den Weg in die Welt machen – etwas Befreiendes haben. In der höheren Schule bekommt man eine andere Körperhaltung beigebracht, eine andere Art, sich zu kleiden und dergleichen – und prompt hat man auf dem vereinheitlichten Markt einen Heiratswert, während die einfachen Bauern deklassiert werden. Der ambivalente Charakter dieses Universalisierungsprozesses tritt hier deutlich zutage. Den jungen Frauen vom Land, die sich aufmachen in die Stadt und zum Beispiel einen Postboten heiratet, öffnet sich der Zugang zum Universellen.

Doch dieser höhere Grad an Universalisierung ist ohne den damit verbundenen Herrschaftseffekt nicht zu haben. In meinem Aufsatz „Reproduktion verboten“4 greife ich meine Analyse der Ehelosigkeit im Béarn noch einmal auf und zeige, dass die Vereinheitlichung des Marktes de facto zum Verbot der biologischen und sozialen Reproduktion einer ganzen Gruppe von Leuten führt. Zur gleichen Zeit hatte ich über einen Zufallsfund gearbeitet: die Register der Gemeinderatsbeschlüsse eines Zweihundert-Seelen-Dorfs während der Französischen Revolution. In der Gegend entschieden die Männer im Gemeinderat immer einstimmig. Dann kamen plötzlich Verordnungen, denen zufolge von nun an das Mehrheitsprinzip gelte. Die Männer debattierten, es gab heftigen Widerstand, es kam zu Lagerbildung. Und am Ende gewann die Mehrheit die Oberhand: Sie hatte das Universelle auf ihrer Seite.

Dieses Problem hatte schon Alexis de Tocqueville aufgeworfen und damit heftige Debatten ausgelöst. Eine Frage ist jedoch nach wie vor unbeantwortet: Worin besteht die spezifische Kraft des Universellen? Die politischen Verfahren der Bauern mit ihren jahrhundertealten Traditionen wurden von der Kraft des Universellen weggefegt, als hätten sie sich etwas logisch Überlegenem gebeugt – das aus der Stadt kam, das sich in einem expliziten, methodischen, nicht praktischen Diskurs durchgesetzt hatte. Aus Bauern wurden Provinzler, Dörfler.

Die Protokolle der Gemeinderatssitzungen des Zweihundert-Seelen-Dorfs dokumentieren die Veränderung in Wendungen wie: „Mit Beschluss des Präfekten …“, „Der Gemeinderat hat sich darauf geeinigt …“ Die Kehrseite der Universalisierung ist Enteignung und Monopolisierung. Mit der Entstehung des Staates entsteht eine universelle Führungsinstanz und zugleich ein Monopol des Universellen sowie eine Gruppe von Akteuren, die am faktischen Monopol des Universellen teilhat.

Fußnoten: 1 Vgl. Pierre Bourdieu, „Ortseffekte“, in: „Das Elend der Welt“, Konstanz (UVK) 1997, S. 159–167. 2 Zum Thema Amtssprache und dem damit einhergehenden Prozess der Enteignung siehe Pierre Bourdieu, „Langage et pouvoir symbolique“, Paris (Seuil) 2001, S. 59–131. 3 Siehe auch: Pierre Bourdieu, „Junggesellenball. Studien zum Niedergang der bäuerlichen Gesellschaft“, Konstanz (UVK) 1997, S. 7–14. 4 Pierre Bourdieu, „Reproduktion verboten. Zur symbolischen Dimension ökonomischer Herrschaft“, in: „Junggesellenball“, S. 205–240. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs Pierre Bourdieu (1930 bis 2002) lehrte ab 1981 Soziologie am Collège de France. Dieser Text ist dem soeben in Frankreich erschienenen Band mit Vorlesungen entnommen: „Sur l’Etat. Cours au collège de France 1989–1992“, Paris (Raisons d’Agir/Le Seuil) 2012.

Le Monde diplomatique vom 10.02.2012, von Pierre Bourdieu

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