Kolumbien nach Petro
Die Amtszeit des linken Staatschefs Gustavo Petro geht zu Ende. Wer sein Nachfolger wird, entscheidet sich in der Stichwahl am 21. Juni. Abgesang auf einen einstigen Hoffnungsträger, der viele seiner Versprechen nicht umsetzen konnte.
von Maurice Lemoine

Als Gustavo Petro am 7. August 2022 als erster linker Präsident in der Geschichte Kolumbiens vereidigt wurde, verlangte er als Erstes, man solle das Schwert von Simón Bolívar bringen. „Es ist das Schwert des Volkes, und deshalb wollten wir es in diesem Moment hier, an diesem Ort haben.“1 Die Vorgängerregierung (2018–2022) unter Iván Duque, die zum Lager des rechten Hardliners und Ex-Präsidenten Álvaro Uribe (2002–2010) gehört, hatte sich zuvor geweigert, ihm die Reliquie für die Amtseinführung selbst zur Verfügung zu stellen.
Petro hatte damals die Wahlen knapp mit 50,4 Prozent der Stimmen gewonnen, doch sein linkes Wahlbündnis Pacto Histórico hatte es bei den Parlamentswahlen im März 2022 nur auf knapp 17 Prozent der Stimmen gebracht – zu wenig, um eine dezidiert linke Politik durchzusetzen.
Allerdings gibt es in Kolumbien (wie in vielen Staaten Südamerikas) die Tradition, dass sich Besiegte, sobald ihre Niederlage feststeht, an den Tisch des Siegers setzen. Und so verfügte Petro nach der Kehrtwende eines Teils der Rechten und der rechten Mitte – Liberale Partei, Sozialistische Partei der Nationalen Einheit, Konservative Partei und die zentristische Grüne Allianz – schließlich doch über eine komfortable Mehrheit. Politiker aus dem gemäßigten rechten Lager erhielten Ministerposten, etwa Alejandro Gaviria (Bildung) und José Antonio Ocampo (Finanzen). Dennoch war klar, welcher Logik seine neuen Freunde in der Regierung folgen würden: deren Reformen nach Möglichkeit abschwächen.
Auf der anderen Seite standen, so Petro, die „jungen Männer und Frauen, die beschlossen haben, mehr und tiefgreifendere Reformen zu fordern“. Zwischen diesen beiden Kräften stand die neue linke Regierung. „Vielleicht endet es in einem goldenen Mittelweg“, hoffte der Präsident.2 Nach Jahrzehnten interner bewaffneter Konflikte mit schätzungsweise 450 000 Toten und dem sozialen Aufstand von 20213 wollte Petro der Gewalt und der extremen sozialen Ungleichheit ein Ende machen.
Ende 2022 verabschiedete der aus Repräsentantenhaus und Senat bestehende Kongress eine ehrgeizige Steuerreform, die eine höhere Besteuerung von Erbschaften und hohen Einkommen sowie von Unternehmen vorsah. Drei im Anschluss vorgelegte Gesetzentwürfe zu Arbeitsrecht, Renten und Gesundheitswesen weckten dann aber doch den Widerstand der bis zum Regierungswechsel dominanten politischen Kräfte.
Der Machtkampf entzündete sich schließlich an der Gesundheitsreform. Die Regierung wollte die Rolle der privaten Krankenversicherungsträger (EPS) beschneiden. Allerdings hatten zwei Konzerne, Keralty (Eigentümer der EPS Sanitas) und Bolívar (EPS Salud Bolívar), zu den Großspendern der rechten Parteien gehört. Als das Repräsentantenhaus im Dezember die Reform verabschiedete, traten mehrere Minister zurück, zuvorderst Bildungsminister Gaviria. Im April 2024 begrub der Kongress nach einem Veto des Senats den Gesetzentwurf, ebenso zunächst den Entwurf für eine Reform des Arbeitsrechts.
Diese erste verlorene Schlacht markierte einen Wendepunkt. Der Staatschef verschärfte den Ton, und die Kritik im bürgerlichen Lager an seiner Amtsführung wuchs. Petro kündigte daraufhin die Einberufung einer verfassungsgebenden Versammlung an, sollten seine Reformen weiterhin blockiert werden. Der Verfassungsrechtler Rodrigo Uprimny warnte allerdings davor, die gültige Verfassung infrage zu stellen.
Arbeitsministerin Gloria Ramírez brachte im Juli 2024 eine Rentenreform durch, die jedoch im April 2026 durch eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs ausgesetzt wurde. Um seine Reform des Arbeitsrechts durchzusetzen, drohte der Präsident mit Generalstreik und einem Volksbegehren, bis der Kongress im Juni 2025 nachgab.
Auch Petros Versprechen eines vollständigen Friedens (paz total) blieb trotz des Friedensabkommens von 2016 zwischen der Farc-Guerilla und der Regierung von Juan Manuel Santos in weiter Ferne. Dessen Nachfolger, Iván Duque, hatte das Abkommen in Petros Augen sabotiert.
Unter Petro gab es elf Verhandlungsrunden mit verschiedenen Guerillagruppen wie der Nationalen Befreiungsarmee (ELN), dem Zentralen Generalstab (EMC) und der Segunda Marquetalia (allesamt Abspaltungen der Farc) sowie paramilitärischen Gruppen wie dem Clan del Golfo; mehrfach wurden Waffenstillstände verkündet, die immer wieder gebrochen wurden, und keine dieser Gruppen wurde demobilisiert. Petro, selbst ehemals Kämpfer der M-19-Guerilla, zeigte sich ausgerechnet gegenüber der ELN unnachgiebig – jener Fraktion, die am ehesten „politisch“ geblieben ist.
Petro ist mit einem Ego ausgestattet, das von vielen als „sperrig“ bezeichnet wird, doch in seinen besten Momenten trat er energisch für Umweltschutz ein und verurteilte den Völkermord in Gaza. Als er vor der UN-Generalversammlung davon sprach, „das Virus des Lebens in die Sterne des Universums zu tragen“, klang er hingegen wie ein ziemlich narzisstischer Prophet. Außerdem überschwemmte er die sozialen Netzwerke mit Nachrichten und ließ Kabinettssitzungen live im Fernsehen übertragen, in denen er seine Minister zurechtwies und die Fetzen flogen.
Er geißelte den Extraktivismus, während Kolumbien nach wie vor der drittgrößte Kohleexporteur der Welt ist.
Dennoch markierte Petros Amtszeit einen Bruch mit der Vergangenheit. Sie ist gekennzeichnet durch eine deutliche Anhebung des Mindestlohns, die Stärkung der Arbeitnehmerrechte, den Erwerb von mehr als 600 000 Hektar für den staatlichen Landreformfonds und die Umverteilung von fast 260 000 Hektar an 74 000 Bauernfamilien, indigene sowie afrokolumbische Gemeinschaften.4 Die Sozialausgaben wurden erhöht, die Armutsquote ging von 36,6 Prozent 2022 auf 31,8 Prozent 2024 zurück.5
Im Bemühen, die linke Regierung Petro zu Fall zu bringen, ließen ihre Gegner wenig unversucht. Bereits im Juni 2023 sahen sich die Abgeordneten des Pacto Histórico genötigt, die Interamerikanische Menschenrechtskommission (CIDH) um Maßnahmen zum Schutz ihrer Mandate zu bitten. Zuvor hatte die Generalinspektion – eigentlich ein rein administratives Organ unter der Leitung von Margarita Cabello, einstiger Jusizministerin der Regierung Duque – Ermittlungen eingeleitet, die einer politischen Verfolgungskampagne gleichkamen: Bis zu sechs Abgeordneten drohte die Suspendierung oder gar Absetzung. Das widerfuhr Senatsvizepräsidentin María José Pizarro, die durch das oberste Verwaltungsgericht im März 2024 ihres Amtes enthoben wurde.

Höherer Mindestlohn, aber kein Frieden
Der Nationale Wahlrat (CNE) leitete nach einer Kampagne in der rechten Presse eine Untersuchung zur angeblich illegalen Finanzierung von Petros Wahlkampf 2022 ein. Es ging um Spenden einer Lehrergewerkschaft, die zur Deckung der Kosten der Wahlbeobachter:innen des Pacto Histórico gedacht waren. Petro sprach daraufhin von einem „sanften“ Putschversuch durch den Generalstaatsanwalt und Uribe-Parteigänger Francisco Barbosa.
Außenpolitisch orientierte sich die Regierung Petro in Richtung der Brics-Staaten, so trat das Land der Neuen Entwicklungsbank der Brics und Chinas Infrastrukturprojekt Neue Seidenstraße bei. Außerdem brach Petro die Beziehungen zu Israel ab und verurteilte die tödlichen Angriffe auf angebliche Drogenboote in der Karibik durch das US-Militär und die Behandlung von Migranten in den USA – was in Washington auf äußerstes Missfallen stieß.
Gegenmaßnahmen ließen nicht auf sich warten. US-Präsident Trump drohte Zölle in Höhe von 25 Prozent und später 50 Prozent auf alle kolumbianischen Ausfuhren in die USA an, was bei der Opposition und Wirtschaftsführern im Land zu einem Aufschrei der Empörung gegen den „Verantwortlichen“ führte, also Präsident Petro.
Im September 2025 warf die US-Regierung Kolumbien vor, im Kampf gegen die Drogen versagt zu haben, und strich das Land von der Liste seiner Partner gegen den Drogenhandel; diese sogenannte Dezertifizierung kann massive Kürzungen von Hilfsgeldern zur Folge haben.
Petro, den Trump als „Drogenbaron“ bezeichnete, wurde sein US-Visum entzogen, außerdem ließ der US-Präsident ihn auf die Sanktionsliste des Finanzministeriums setzen.6
Am 3. Januar 2026 riet Trump Petro, „auf seinen Hintern aufzupassen“, wörtlich: „to watch his ass“, nachdem dieser scharfe Kritik am US-Angriff auf Venezuela und der Entführung von Staatschef Nicolás Maduro geäußert hatte. Einige Telefonate und ein Besuch Petros in Washington im Februar 2026 mit einem eigens erteilten Sondervisum sorgten dann erst mal für Entspannung.
Doch glaubt man der New York Times vom 20. März, hat die US-Drogenbehörde DEA Petro als „vorrangiges Ziel“ eingestuft, nachdem zwei strafrechtliche Ermittlungen von US-Bundesstaatsanwälten gegen ihn eingeleitet wurden. In Kolumbien rieb sich die Rechte am Vorabend der Wahl die Hände.
Die Offensiven Trumps wurden von seinen lateinamerikanischen Vasallen flankiert. Der ecuadorianische Präsident Daniel Noboa startete seinen eigenen Handelskrieg gegen Kolumbien. Im Januar führte er Zölle in Höhe von 30 Prozent auf kolumbianische Produkte ein, ließ Sätze von 50 Prozent und am 9. April schließlich von 100 Prozent folgen. Ecuador müsse schließlich die finanzielle Last der Grenzkontrolle zwischen den beiden Ländern tragen, argumentierte Noboa, da Kolumbien im Kampf gegen den Drogenschmuggel ja nicht wirksam kooperiere.
Petro reagierte mit einer Anhebung der Zölle für Produkte aus Ecuador und ließ die Stromlieferungen ans Nachbarland aussetzen. Zuvor hatte er ein Treffen von Noboa mit dem kolumbianischen Ex-Präsidenten Uribe scharf kritisiert.
Die aus der kolumbianisch-ecuadorianischen Konfrontation resultierende Wirtschaftskrise betrifft vor allem den Südwesten Kolumbiens, die geografische Machtbasis von Petro und seinem Nachfolgekandidaten Iván Cepeda.
In dieser Region kam es in jüngster Zeit auch zu zahlreichen Attentaten. Das tödlichste ereignete sich am 25. April, als bei einem Bombenanschlag auf einen Kleinbus mindestens 20 Menschen starben. Der Verteidigungsminister macht die EMC verantwortlich, die größte abtrünnige Fraktion der Farc, die die Verhandlungen mit der Regierung vor einigen Monaten abgebrochen hatte.
Petros Traum vom vollständigen Frieden ist nach wie vor in weiter Ferne.
1 Antrittsrede Petros, auf Deutsch bei amerika21.de, 12. August 2022.
2 „Petro: Si nos aislamos, nos tumban“, Cambio, 25. Juni 2022 (Interview auf Youtube).
3 Siehe Lola Allen und Guillaume Long, „Außer Kontrolle in Kolumbien“, LMd, Juni 2021.
4 Bericht des UN-Expertenkomitees, UN-Büro Genf, 12. September 2025.
5 Zahlen des Nationalen Statistikamts, 24. Juli 2025.
Aus dem Französischen von Nicola Liebert
Maurice Lemoine ist Journalist.
Die Kandidaten
Nach den stramm rechten Regierungen unter Álvaro Uribe (2002–2010) und Iván Duque (2018–2022) sowie einer Phase der Friedensbemühungen unter dem liberalen Juan Manuel Santos (2010–2018) wurde Gustavo Petro 2022 zum ersten linken Präsident Kolumbiens gewählt.
In seiner Jugend war Petro Mitglied der Guerilla M-19, die nach einem Friedensabkommen maßgeblich am Text der derzeit gültigen Verfassung von 1991 beteiligt war. Zwischen 1991 und 1995 war er Abgeordneter des Repräsentantenhauses, ab 2006 des Senats, bevor er 2012 zum Bürgermeister von Bogotá gewählt wurde. Bei den diesjährigen Präsidentschaftswahlen am 31. Mai konnte er nicht wieder antreten, weil die Verfassung nur eine Amtszeit erlaubt; die Möglichkeit einer zweiten Amtszeit, die ab 2004 existierte, wurde 2015 wieder abgeschafft.
Kandidat des linken Bündnisses Pacto Histórico wurde Iván Cepeda, der ab 2014 für den linksalternativen Polo Democrático Alternativo (PDA) im Senat saß. Der PDA trat 2025 dem Pacto Histórico bei. Cepeda steht für die Fortsetzung der Friedenspolitik Petros, gilt aber im Gegensatz zu dem irrlichternden Petro als eher nüchterner Politiker.
Das rechte Lager trat am 31. Mai mit zwei Kandidat:innen an: Abelardo de la Espriella und Paloma Valencia, die von der grauen Eminenz der kolumbianischen Rechten, Álavaro Uribe, unterstützt wurde. De la Espriella von der Partei Defensor de la Patria (Verteidiger des Vaterlandes) ist der Mann der extremen Rechten, der sich in populistischer Manier als Antiestablishmentfigur gegen die alten Eliten positioniert. Als Vorbilder nannte er Nayib Bukele in El Salvador, Javier Milei in Argentinien und Donald Trump. Von Letzterem wird er auch offen unterstützt. Er ist Anwalt und Unternehmer und hatte noch kein politisches Amt inne.
Nach gegenwärtigem Stand und anders, als die Umfragen prognostiziert hatten, erhielt de la Espriella mit 43,7 Prozent die meisten Stimmen. Bei einer Wahlbeteiligung von rund 58 Prozent votierten 10,3 Millionen der 24,6 Millionen Wähler:innen für ihn. Iván Cepeda kam mit 9,6 Millionen Stimmen auf 40,9 Prozent. Die beiden gehen somit in die Stichwahl am 21. Juni. Paloma Valencia landete überraschend mit nur 6,9 Prozent und 1,6 Millionen Stimmen abgeschlagen auf dem dritten Platz, für den alten Hardliner Uribe eine bittere Pille. Der Kandidat der Mitte, Sergio Fajardo, Ex-Bürgermeister von Medellín, kam mit einer Million Stimmen auf 4,3 Prozent.
Klassischerweise wählen die Küstenregionen eher links, das Inland eher rechts, mit dem linken Bogotá als Ausnahme.
Nach einem tödlichen Attentat in Bogotá auf den konservativen Senator und Präsidentschaftskandiaten Miguel Uribe (der mit dem Ex-Präsidenten nicht verwandt ist) im Juni 2025 machte das rechte Lager die nicht endende Gewalt zum wichtigsten Wahlkampfthema. US-Präsident Trump unterstützte mit Nachdruck den Rechtsextremisten de la Espriella.
In der Wahlnacht selbst hatten Petro und Cepeda das Wahlergebnis mit der Begründung angezweifelt, es seien 800 000 Stimmen mehr gezählt worden als Wählende erfasst wurden. Die ersten Wahlergebnisse liegen in Kolumbien durch ein Schnellauszählungsverfahren innerhalb weniger Stunden vor und werden von Wahlausschüssen überprüft. Cepeda ruderte jedoch einen Tag später zurück: es gebe keine hinreichenden Belege, um von einem Wahlbetrug zu sprechen. ⇥Katharina Döbler


