Kampf um Mali
Seit dem 25. April greifen Dschihadisten und Tuaregrebellen die Hauptstadt Bamako und andere Städte an. Dadurch wird die Militärjunta geschwächt – und zugleich gestärkt.
von Akram Belkaïd und Anne-Cécile Robert

Seit 14 Jahren destabilisieren in Mali separatistische Gruppen und Dschihadisten durch mörderische Attacken das Land. Das Friedensabkommen von Algier, das die malische Regierung 2015 mit Tuaregrebellen des Nordens ausgehandelt hatte, wurde faktisch nie umgesetzt und 2024 von der Regierung aufgekündigt.
Der Norden und das Zentrum des Landes werden direkt oder indirekt von den Rebellen kontrolliert. Und das trotz Interventionen von außen – Tschads, Frankreichs, der UN und der G5-Sahelstaaten –, an denen tausende Soldaten beteiligt waren. Auch die malischen Streitkräfte konnten das Gebiet weder dauerhaft unter ihre Kontrolle bringen noch die Massaker an der Zivilbevölkerung verhindern, die 2022 begonnen hatten und seitdem jährlich mehr als 2000 Todesopfer forderten.1
Verschärfend kommt hinzu, dass die dschihadistische Gruppe für die Unterstützung des Islam und der Muslime (Groupe de Soutien à l’Islam et aux Musulmans, GSIM), die sich inzwischen mit den Tuaregseparatisten der Azawad-Befreiungsfront (Front de libération de l’Azawad, FLA), verbündet hat, seit Herbst 2025 die Hauptstadt Bamako blockiert. Die Folge sind Versorgungsengpässe, insbesondere bei Treibstoff. Seit dem 25. April greifen GSIM und FLA koordiniert die Hauptstadt und mehrere andere Städte an. Bei einem Angriff auf die Militärbasis Kati wurde auch Verteidigungsminister Sadio Camara getötet.
Die regierenden Militärs um Oberst Assimi Goïta, die durch zwei Putsche (August 2020 und Mai 2021) an die Macht gelangten, spielen die dramatischen Geschehnisse zu Zwischenfällen herunter, die ihre Rückeroberungsstrategie angeblich nicht beeinträchtigen.
Diese als „souveränistisch“ bezeichnete Strategie basiert auf der Ablehnung jeglicher Kooperation mit Frankreich, die als ineffektiv und neokolonialistisch abgetan wird. Deshalb ordnete die Junta 2022 den Abzug der französischen Soldaten der Opération Barkhane und 2023 der UN-Mission Minusma an.
Im September 2023 begründete Mali mit Burkina Faso und Niger die Allianz der Sahelstaaten (AES). In beiden Partnerländern hatte sich ebenfalls eine Militärjunta an die Macht geputscht. 2024 stieg die AES aus der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas) aus, die alle Putsche missbilligt und die drei Länder mit Sanktionen belegt hatte.
Der „Souveränismus“ hindert Mali keineswegs daran, die russische Wagner-Miliz, die sich seit 2023 Afrikakorps nennt, für Militäroperationen im Norden des Landes einzuspannen. Damit hat sich die Sicherheitslage allerdings nicht wirklich verbessert. Am 25. April wurden die russischen Söldner von den Kämpfern der GSIM aus der seit Jahren umkämpften Stadt Kidal vertrieben, was eine demütigende Niederlage bedeutete.
Die neu gegründete, 6000 Soldaten starke multinationale Eingreiftruppe der AES erzielte zwar begrenzte Erfolge, etwa mit der Operation Yereko 2 vom Frühjahr 2025 in der Region, wo die Grenzen der drei Länder sich treffen. Doch die AES konnte sich nicht behaupten und keine stabile Präsenz aufbauen. Dschihadistische wie separatistische Gruppen schaffen es weiterhin, ihre Kämpfer – samt Waffen, Motorrädern und Drohnen – ungehindert über die Grenzen zu bringen.
Auf den Putsch im August 2020 gegen die korrupte und wenig tatkräftige Regierung von Ibrahim Boubacar Keïta hatte die Bevölkerung noch positiv reagiert.2 Doch das neue Regime setzte auf immer härtere Methoden bis hin zum Verbot von Parteien im Mai 2025. Immer mehr Oppositionelle wurden willkürlich verhaftet oder verschleppt; andere sind verschwunden.
Im Februar 2026 wurde Ex-Premierminister Moussa Mara aufgrund fadenscheiniger Anschuldigungen zu zwei Jahren Haft verurteilt. Viele prominente Oppositionelle sind mittlerweile im Exil. Zu ihnen gehört der Imam Mahmoud Dicko, der von Algier aus die Koalition der Kräfte für die Republik (Coalition des forces pour la République, CFR) organisiert, desgleichen der Kommunist Oumar Mariko, Vorsitzender der Partei Afrikanische Solidarität für Demokratie und Unabhängigkeit (Solidarité africaine pour la démocratie et l’indépendance, Sadi), der im März 2026 vergeblich versuchte, die GSIM zur Freilassung von 17 Geiseln zu bewegen.
Dennoch genießt das Regime in der Bevölkerung offenbar nach wie vor einen gewissen Rückhalt. „Den Dschihadisten ist es nicht gelungen, die Bevölkerung so mitzunehmen wie erhofft“, stellt der senegalesische Journalist Abdou Khadre Cissé fest.3
Der Konfliktforscher Bakary Sambe sieht einen Rally-’round-the-Flag-Effekt – die Solidarisierung der Bevölkerung mit dem Regime –, ausgelöst durch die Ermordung von Verteidigungsminister Camara.4 Sogenannte Videomans (Männer wie Frauen) produzieren in der eigenen Küche oder auf der Straße Handyvideos, die erfolgreich die Argumente der Junta verbreiten.
Für den größten Teil der Bevölkerung ist das Leben jedoch ein täglicher Überlebenskampf, zumal seit der Einstellung ausländischer Finanzhilfen.5 Besonders hart treffen die Sanktionen der Ecowas das Land, das sich noch kaum von den Folgen der Coronazeit erholt hat und das unter Versorgungsengpässen leidet, die durch die Blockade wie durch die unsichere Lage auf den Fernstraßen verursacht sind.

Algerien, der unerwünschte Vermittler
Auch die Ausgaben für Rüstung und Sicherheit belasten die Finanzen des Staats, der neue Steuern auf den Telefonverkehr und auf mobile Geldüberweisungen eingeführt hat. In den von Dschihadisten kontrollierten Gebieten wird die Bevölkerung von Schutzgelderpressern drangsaliert, leidet aber auch unter der strikten Anwendung der Scharia. Hinzu kommen die brutalen Überfälle der Terroristen, die Übergriffe russischer Söldner und die Mordaktionen der Armee.
Die Ursachen der Instabilität reichen weit in die Vergangenheit zurück. Mali wurde 1960 unabhängig. Doch damit blieb ein Problem ungelöst: Die willkürlichen Grenzen der Kolonialzeit entsprachen nicht den sozialen Gegebenheiten und negierten die Ansprüche sowohl der Tuareg als auch anderer Bevölkerungsgruppen, die von Land- und Viehwirtschaft leben.
Die in den 1990er Jahren eingeleitete Dezentralisierungspolitik brachte kein befriedigendes Autonomiemodell hervor. Programme des Internationalen Währungsfonds (IWF) ließen die wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten zwischen 1990 und 2000 exponentiell zunehmen. Die Folge war eine weitere Schwächung des Staats, der ohnehin Mühe hatte, seiner Autorität im gesamten Territorium Geltung zu verschaffen.
Als 2011 infolge des Arabischen Frühlings der libysche Bürgerkrieg ausbrach, wurde der Prozess der Destabilisierung und des Irredentismus in Mali noch einmal angeheizt. Damals starteten dschihadistische Gruppen eine massive Anwerbungsoffensive unter arbeitslosen jungen Menschen. Diese Gruppen ersetzten im Norden des Landes den gescheiterten Staat, indem sie die Rechtsprechung übernahmen, Almosen verteilten und Konflikte um Landbesitz regelten.
In dieser Zeit waren Islamisten in der gesamten Sahelregion auf dem Vormarsch – aber vor allem in Mali, wo ihnen die Kombination aus innergemeinschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Faktoren einen besonders fruchtbaren Boden bot.
Die putschenden Militärs hatten Frankreich vorgeworfen, dass es eine rein militärische Strategie verfolge und damit Verhandlungen mit den bewaffneten Gruppen verhindere. Dieselben Leute sagen heute allerdings gebetsmühlenartig, dass mit Terroristen nicht verhandelt werde.
„Der Junta fehlt es an Realitätssinn“, meint daher der Politikwissenschaftler Gilles Yabi vom West Africa Citizen Think Tank (Wathi) in Dakar.6 Eine militärische Reaktion sei notwendig, aber es brauche auch eine politische Strategie: Man müsse die Gesprächskanäle zu den Nachbarländern und der politischen Opposition offen halten und die „inneren Dynamiken der bewaffneten Gruppen“ genau ins Auge fassen.
Die FLA sieht Yabi als eine heterogene Bewegung aus Tuareg und Arabern, darunter Muslime, Animisten und säkulare Kräfte. Die erklärten Ziele dieser Bewegung – Autonomie oder Unabhängigkeit des Azawad – deckten sich nicht mit denen der GSIM, die ein theokratisches Regime errichten wolle. Laut Yabi sind gewisse Fraktionen der GSIM sogar an einer „Normalisierung“ mit Bamako interessiert.
Auch jenseits der Grenzen hat der Dschihadismus Zulauf. Deshalb müssten die AES-Staaten „trotz politischer Divergenzen weiterhin und sogar noch intensiver mit ihren unmittelbaren Nachbarn zusammenarbeiten“, meinen die Forscherinnen Leylatou Saïdou Daoura und Rahinatou Leïla Salia vom Institute for Security Studies.7
Im Februar 2026 bildete die Ecowas eine 1650 Mann starke Antiterrorbrigade mit Soldaten aus Benin, Côte d’Ivoire, Gambia, Ghana, Nigeria und Senegal. Eine wirkliche Koordinierung mit der Eingreiftruppe der AES ist bislang nicht beabsichtigt.
Nach Meinung einiger Experten muss die malische Junta vor allem das Verhältnis zu Algerien normalisieren, wo die drittgrößte Tuaregcommunity (nach Niger und Mali) lebt. Doch als die Militärs in Bamako das mit der FLA geschlossene Abkommen von Algier aufkündigten, das eine umfassende Dezentralisierung im Norden Malis vorsah, signalisierten sie dem Nachbarn, dass er bei den politischen und diplomatischen Verhandlungen zum Sahel nicht erwünscht sei. Diesen Wunsch teilt Mali mit Niger und Burkina Faso.
Im April 2025 zerstörte die algerische Armee in der Grenzregion von Tinzaouatène eine malische Drohne aus türkischer Produktion, was die Spannungen zwischen beiden Ländern verschärfte. Algier behauptete, die Drohne habe die Grenze überquert, was Bamako dementierte.
Auf der UN-Generalversammlung vom 26. September 2025 beschuldigte Malis Premierminister Abdoulaye Maïga die Regierung in Algier, „den internationalen Terrorismus zu unterstützen“. Die Entrüstung in Algerien war groß, denn das Land hatte im „schwarzen Jahrzehnt“ (1992–2002) selbst unter dem Terror bewaffneter Gruppen gelitten. Entsprechend heftig reagierte die algerische Delegation auf dem Ministertreffen der Bewegung der blockfreien Staaten, das kurz darauf in Kampala stattfand: Sie titulierte die malischen Machthaber als „Putschisten“, die „Lügen in die Welt setzen“ und im Übrigen unfähig seien.
In Kampala wiederholte Algier mit Nachdruck seine „drei Neins“: „Nein, Algerien unterstützt keine malischen Terror- oder Separatistengruppierungen.“ Und: „Nein, Algerien wünscht keine Aufteilung Malis und verteidigt dessen territoriale Integrität.“ Und: „Nein, Algerien steckt nicht hinter dem Fall von Kidal und den koordinierten Angriffen des 25. April.“
Wie aus dem algerischen Sicherheitsapparat verlautet, habe man die malische Regierung sogar vor dem bevorstehenden Angriff gewarnt. Richtig ist allerdings, dass die Angriffe vom 25. April und der Fall von Kidal die Möglichkeit eröffnet haben, dass sich Algier im Sahel erneut ins Spiel bringt und als Regionalmacht profiliert – mit dem Anspruch, für Frieden und Stabilität einzutreten.
Wie aus Algier verlautet, habe man es geschafft, mit den Rebellen den gesicherten Rückzug der in Kidal eingeschlossenen russischen Söldner auszuhandeln. Algerien wirbt außerdem über verschiedene diplomatische Kanäle immer wieder für die Idee, dass Bamako und die FLA wieder Verhandlungen über die Dezentralisierung des nördlichen Landesteils aufnehmen. Dagegen besteht derzeit keine Aussicht auf Gespräche mit der dschihadistischen GSIM, auf die Algier nach eigenem Bekunden keinen Einfluss hat, auch wenn Bamako das Gegenteil behauptet.
Dass Algerien im Sahel wieder eine gewichtige Rolle spielen will, hat mit dem Präzedenzfall Libyen zu tun, wo nach der Zersplitterung des Landes mittlerweile mehrere ausländische Militärkräfte präsent sind. Angesichts dessen befürchtet die algerische Führung, dass sich die Junta in Bamako, in Reaktion auf die militärischen Fehlschläge und die Wirkungslosigkeit des russischen Afrikakorps, anderen Partnern zuwenden könnte.
Algeriens großer Rivale Marokko lehnt dagegen eine militärische Intervention in Mali ab, die für Algier einen Kriegsgrund darstellen würde. Anders die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), die bereits in Libyen, im Sudan und in Somalia präsent sind und deren Verhältnis zu Algerien ebenfalls angespannt ist. Die VAE könnten die Situation für sich nutzen, um ihren Einfluss auf dem afrikanischen Kontinent auszuweiten.
2 Siehe Anne-Cécile Robert, „Sahel – Aufstand der Autonomisten“, LMd, September 2023.
4 Radio France International (RFI), 13. Mai 2026.
Aus dem Französischen von Andreas Bredenfeld
Akram Belkaïd und Anne-Cécile Robert sind Teil der Redaktion von LMd, Paris.


