11.06.2026

Was wird aus Palmyra?

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Was wird aus Palmyra?

von Antoine Pecqueur

Palmyra im Mai 2026 MOHAMMED AL RIFAI picture alliance/dpa
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Die Ruinen der antiken Oasenstadt Palmyra in der Syrischen Wüste gehören zu den beeindruckendsten archäologischen Stätten im Nahen Osten. Der einstige Handelsplatz auf der römisch-persischen Karawanen­route wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach zerstört, zuletzt während des syrischen Bürgerkriegs.

Schon im 18. Jahrhundert fertigten Reisende aus Europa Zeichnungen von den imposanten Überresten der Stadt an; seit 1980 steht Palmyra auf der Unesco-Weltkulturerbeliste. In den 1990er Jahren zierten Abbildungen vom Hadrianstor und von einer stilisierten Büste der legendären ­Zenobia, die im 3. Jahrhundert einige Jahre über Palmyra und den römischen Orient herrschte, die Hundertpfundscheine der syrischen Zentralbank.

Entlang der mehr als einen Kilometer langen Kolonnadenstraße liegen das einstige Theater, die Agora und die Thermen. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich das heutige ­Palmyra beziehungsweise Tadmor, wie der aramäische Name der Stadt lautet.

Auf ihrem grausamen Feldzug zerstörten die Milizen der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) im Mai 2015 auch palmyrische Altertümer. Sie sprengten die den Gottheiten Baal und Balschamin geweihten Tempel und entführten den 82 Jahre alten Direktor des archäologischen Museums, Khaled Asaad. Am 18. August 2015 ermordeten sie ihn in einer öffentlich inszenierten Hinrichtung vor seinem Museum in Tadmor.

Nachdem die russische Armee 2016 wieder die Kontrolle über Palmyra gewonnen hatte, gab das Mariinsky-Orchester aus Sankt Petersburg ein Konzert im antiken Theater.

Zehn Jahre später befindet sich die archäologische Stätte immer noch in einem kritischen Zustand: „Säulen sind angeschlagen und einsturzgefährdet, die kleine Brücke zur Zitadelle ist schwer beschädigt und nicht benutzbar“, klagt Mariam Slimoun, Wissenschaftlerin am Institut für Geschichte und Quellen der Antike am französischen Forschungszentrum CNRS. Seit dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 herrsche Stillstand. Doch das könnte sich bald ändern.

Denn inzwischen hat die syrische Antiken- und Museumsverwaltung einen neuen Rahmenplan aufgestellt. Pascal Butterlin, Professor für die Archäologie des antiken Nahen Ostens an der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne, ist allerdings skeptisch und erinnert daran, dass nicht nur Kriege, sondern auch der Wiederaufbau danach ein Kulturerbe gefährden können.

Die entscheidende Frage ist, ob die antiken Monumente tatsächlich rekonstruiert werden sollen oder ob man sich darauf konzentriert, die Ruinen in ihrem derzeitigen Zustand zu konservieren. Mithilfe digitaler Verfahren wie der 3D-Modellierung können immer präzisere Nachbildungen gebaut werden. Noch unter Assad plante eine syrisch-russische Forschungsmission 2023 den Wiederaufbau des berühmten Triumphbogens, den der IS Anfang Oktober 2015 gesprengt hatte. Der Plan wurde von der Unesco auch angenommen, berichtet Youmna Tabet, eine Expertin der Organisation. Doch bevor er umgesetzt werden konnte, stürzte das Assad-Regime.

Unter Wissenschaftler:innen ist der Wiederaufbau umstritten. Mariam Slimoun plädiert für eine Instandhaltung der Ruinen: „Das wäre sehr viel ehrlicher.“ Der Archäologe Mohamad Taha, der den syrischen Verein Tadmorna (Unser Palmyra) in Frankreich vertritt, sieht das ähnlich. Für ihn sind die Ruinen Zeugen der Umbrüche, die der Ort erlebt hat – vom großen Erdbeben im 11. Jahrhundert bis zu den jüngsten Zerstörungen durch den IS.

Die syrischen Behörden tendierten jedoch dazu, das Zerstörte wiederaufzubauen und gleichzeitig die Besucher vor Ort über die Zerstörungen zu informieren, sagt die UN-Expertin Tabet.

Wie Mohamad Taha befürchtet jedoch die Fachwelt, dass Palmyra durch die offiziellen Pläne „in eine Art Disneyland verwandelt wird“. Vielen lokalen Archäologen graut es bereits vor einer Ansammlung seelenloser Monumente. Einen Vorgeschmack darauf lieferte die 2016 in London präsentierte 3D-Replik des Triumphbogens.

Märchenpark mit Falkenjagd und Kamelrennen

Die neue Regierung scheint das nicht anzufechten; sie setzt darauf, dass der Wiederaufbau den Tourismus wieder ankurbelt, erklärt Joseph Daher, Experte für die Ökonomie des Nahen Ostens. Vor Beginn des Bürgerkriegs 2011 war die Branche nach der Ölindustrie Syriens zweitwichtigste Devisenquelle. Mit damals durchschnittlich 150 000 Besuchern pro Jahr – bei rund 50 000 Einwohnern – war Palmyra die Sehenswürdigkeit Nummer eins. Zudem achte die Regierung sehr auf Imagepflege, sagt Daher: „Der Tourismus vermittelt ein positives Bild. Das Land öffnet sich und begeistert auch auf dem internationalen Parkett.“

Für Stirnrunzeln sorgt unter den Archäolog:innen auch das Interesse der Golfstaaten an Palmyra. Vor dem Krieg schon ließ ein Mitglied der katarischen Herrscherfamilie in unmittelbarer Nachbarschaft zu der Ausgrabungsstätte Luxusdomizile bauen. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) haben inzwischen ebenfalls ein Auge auf die historische Kulisse geworfen.

In einer Art Märchenpark soll das Beduinenleben nachgestellt werden, inklusive Falkenjagd und Kamelrennen.1 Mit dem Wohlwollen al-Scharaas, der sich um gute Beziehungen zu den Golfmonarchien bemüht, können sie fest rechnen. Schließlich war Saudi-Arabien nicht zufällig auch Ziel seiner ersten Auslandsreise im Februar 2025.

Ein geschickter Schachzug war 2017 auch die Gründung der Stiftung Internationale Allianz zum Schutz des Kulturerbes (Aliph), die auf eine Initiative der VAE und Frankreichs zurückgeht. Laut dem geschäftsführenden Direktor Valéry Freland wurde die Stiftung vor allem zum Schutz Palmyras gegründet. Inzwischen wird Aliph von 64 Ländern unterstützt und verfügt über ein Jahresbudget von 20 Millionen US-Dollar. Nach Frankreich und vor den Emiraten ist Saudi-Arabien der zweitgrößte Geldgeber. Syrien wird über einen Zeitraum von zwei Jahren mit 5 Millionen Dollar unterstützt. Das Geld soll auch in mehrere Projekte in Palmyra fließen: „Bei uns sind die Entscheidungswege kurz, sodass wir schnell reagieren können“, erklärt Freland.

Dagegen fehlt es der Unesco massiv an finanziellen Mitteln. Die USA, bis dahin mit 8 Prozent des Gesamthaushalts größter Beitragszahler, waren schon einmal unter Trump I ausgetreten, Ende 2026 erfolgt der zweite Austritt.

Zurzeit konzentriert sich die UN-Organisation auf Evaluierungsmissionen, um sich den syrischen Behörden wieder zu empfehlen. Denn in Syrien hat man nicht vergessen, dass die Unesco die Stiftung Syria Trust for Development zwei Jahre lang mit der Evaluierung des kulturellen Erbes betraut hatte. Gründerin und Vorsitzende der Stiftung war die Ehefrau des Diktators gewesen, Asma al-Assad.

Die Bevölkerung von Palmyra hat vor allem Sorge, dass die internationalen Organisationen über ihre Köpfe hinweg tätig werden. Schließlich waren sie es, „die all die letzten Jahre hindurch auf die archäologischen Stätten aufgepasst und den Museumsgarten gepflegt haben“, sagt Mariam Slimoun: „Sie müssen in die Aufbauarbeiten einbezogen werden. Es sollten nicht nur Ingenieure und Archäologen von außen herangezogen werden.“

Auch die Prioritäten der Geldgeber führen zu gewissen Irritationen. So soll die Aliph-Stiftung demnächst die Restaurierung des Grabungshauses unterstützen. In dem prächtigen Haus, das um 1900 erbaut wurde, wohnen „die ausländischen Archäologen, während direkt daneben die einheimische Bevölkerung Hunger leidet“, klagt Mohamad Taha: „Die Organisationen stecken alles Geld in den Wiederaufbau der antiken Stätte und denken nicht an die leidende Bevölkerung der heutigen Stadt. Die beiden Orte gehören aber zusammen.“

Bislang ist seit dem Sturz des Assad-Regimes erst ein Drittel der ehemaligen Einwohnerschaft von Tadmor zurückgekehrt. Zahlreiche Wohnungen sind zerstört, die Kanalisation ist in desolatem Zustand, und ein Großteil der Oase, die auf einer Gesamtfläche von 45 Quadratkilometern hauptsächlich aus Palmengärten besteht, ist verwüstet.

Die Unesco-Mitarbeiterin Youmna Tabet verwahrt sich gegen den Vorwurf, ihre Organisation widme dem Wohl der Bevölkerung weniger Aufmerksamkeit als dem Schutz des Kulturerbes. „Früher hatte die Unesco teils museale Methoden, aber heute achten wir darauf, die lokale Bevölkerung einzubeziehen.“

Die internationalen Organisationen betonen, dass sie mit syrischen Vereinen und der staatlichen Museumsverwaltung eng zusammenarbeiten würden. Aber manche Akteure vor Ort bezweifeln, dass das so gut klappt wie behauptet, weil die Teams aus verschiedenen Ländern getrennt an bestimmten Objekten arbeiten: polnische Archäologen am Al-Lat-Tempel, ein französisches Team am Baaltempel oder die Schweizer am Baalschamin-Tempel.

Eine Herausforderung ist auch der Kampf gegen Plünderungen. In den vergangenen Jahren gab es viele Raubgrabungen, allein 2019 nicht weniger als 461.2 „Die Stätte ist extrem gefährdet, weil sie zur Wüste hin offen ist“, erläutert der Archäologieprofessor Butterlin. Während des Kriegs haben die ärmsten Anwohner gelegentlich Gegenstände entwendet, selten aber von größerem Wert. Zurzeit wird über eine Kampagne versucht, die Objekte ausfindig zu machen.

Professionelle Grabräuber brachten dagegen ihr Diebesgut gleich außer Landes, meistens über einen libanesischen Hafen. „Wir nennen sie Blut­antiquitäten, weil sich die Terroristen über deren Verkauf finanziert haben“, erklärt Butterlin. Mit Zertifikaten von Experten versehen, tauchten manche dieser Raubgüter später in Auktionshäusern oder in großen internationalen Galerien wieder auf.

Er sei auch schon mal angesprochen worden, erzählt Mohamad Taha: „Ich sollte Zertifikate für geraubte Objekte ausstellen. Mir wurden 3000 bis 4000 Dollar pro Monat angeboten. In Syrien verdient man als Archäologe im Schnitt umgerechnet 40 Euro.“ Heute werden die Ruinen von Palmyra von bezahlten Wächtern geschützt, und die Polizei greift bei Bedarf sofort ein. Aber nach wie vor steht Palmyra – und das schon seit 2013 – auf der Liste des gefährdeten Welterbes.

1 Siehe Raphaël Le Magoariec, „Auf dem Rücken der Kamele“, LMd, August 2025.

2 Siehe „État de conservation des biens inscrits sur la Liste du patrimoine mondial en péril“, 44e session élargie du Comité du patrimoine mondial, 21. Juni 2021.

Aus dem Französischen von Brita Wagener

Antoine Pecqueur ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 11.06.2026, von Antoine Pecqueur

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