11.06.2026

Jüdisch und links in Frankreich

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Jüdisch und links in Frankreich

Der Spruch „Leben wie Gott in Frankreich“ stammt von Aschkenasim. Doch heute machen sich viele französische Juden Sorgen über das Wiederaufleben des Antisemitismus. Eine Minderheit unter ihnen leidet darunter, mit dem Staat Israel gleichgesetzt zu werden.

von Laura Raim

Paris, 5. Oktober 2024: jüdische Stimmen für Palästina ELSA BIYICK picture allaince/hans lucas
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Darf man jüdische Französinnen und Franzosen nach ihrer Haltung zu ­Gaza fragen? Viele regen sich darüber auf, wenn Juden und Israelis gleichgesetzt werden. Elad Lapidot, Professor für Hebräisch­studien an der Universität Lille, findet die Frage aber legitim: „Wenn Sie sich als jüdisch identifizieren, während im Namen des Schutzes der Juden ein Genozid stattfindet, können Sie nicht behaupten, es sei antisemitisch, Sie damit in Verbindung zu bringen. Als Juden müssen wir Position beziehen.“

Die Gleichsetzung von Juden mit Israel geschieht zuerst durch die israelische Regierung. Aber man müsse auch „der unbequemen Realität in die Augen sehen“, meint Maxime Benatouil vom Collectif Juif Decolonial Tsedek! (hebräisch „Gerechtigkeit“). „Nach mehreren Generationen zionistischer Sozialisierung stehen die meisten jüdischen Gemeinden hinter dieser israelischen Sichtweise.“ Der Journalist Sylvain Cypel führt diese Verbundenheit auf den Krieg von 1967 zurück: Damals machte die mögliche Auslöschung Israels in einer Konfrontation mit den arabischen Ländern vielen assimilierten, nichtzionistischen Juden in Frankreich zum ersten Mal Angst.1

Die offizielle Vertretung der jüdischen Institutionen in Frankreich (Conseil représentatif des institutions juives de France, Crif) kritisierte bis Anfang der 2000er Jahre immer wieder die Politik Israels. Heute ist sie ein treues Sprachrohr der Regierung in Tel Aviv. Jüdische Israelkritik ist in Frankreich kaum zu hören. Der Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 hat die Bindung an Israel noch verstärkt.

In den USA ist die Diaspora in ihrer Haltung zu Israel stärker gespalten. Das Land hat nie einen so heftigen Antisemitismus erlebt wie Frankreich mit seiner Hochzeit von der Dreyfus-Affäre bis zum Vichy-Regime. Andererseits ist Frankreich seit den 1960er Jahren das einzige Land in Europa, in dem mehr Juden leben als vor der Schoah, weil viele von ihnen aus Algerien gekommen sind. Nicht wenige hatten „eine koloniale Haltung, gemischt mit einer gewissen Feindseligkeit gegenüber ‚den Arabern‘ und ‚den Muslimen‘ “, schreibt Sylvain Cypel.

Angesichts der Massaker in Gaza gewinnen jedoch auch andere Auffassungen über das Verhältnis zwischen Jüdischsein und Zionismus an Bedeutung. Keine Gedanken darüber machen sich nach wie vor nur diejenigen unter den 600 000 Juden in Frankreich, die diesem Teil ihrer Identität keine Bedeutung beimessen oder ihr Jüdischsein kulturell und nicht religiös leben.

Für Linke, die ihr Jüdischsein politisieren, scheinen sich hingegen zwei gegensätzliche Optionen abzuzeichnen: ein Zionismus, der sich zum Prinzip eines jüdischen Nationalstaats bekennt, und der Antizionismus, dessen kleine, aber wachsende Schar von Anhängern findet, es sei an der Zeit, „das Jüdischsein vom Zionismus zu befreien“.2

Vor der Gründung des Staats Israel 1948 hatten sich die Jüdinnen und Juden in Frankreich unterschiedlich politisiert. Seit ihrer Anerkennung als französische Bürger Ende des 18. Jahrhunderts unterstützte ein bedeutender Teil von ihnen die Republik. Ihre Präsenz in politischen Institutionen und der Verwaltung trug allerdings auch zum Aufschwung eines modernen Antisemitismus bei, der Juden unterstellte, sie verdankten ihren Erfolg geheimen Machenschaften.

Eine zweite Gruppe setzte auf die Revolution: Viele europäische Juden wandten sich Ende des 19. Jahrhunderts dem Sozialismus zu, dem Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbund – einer säkularen, marxistisch geprägten Organisation, die sich gegen die Schaffung eines jüdischen Staats in Palästina aussprach.

Der Zionismus, lange eine Randerscheinung, war der dritte Weg. Am Anfang gab es auch da mehrere Strömungen. Dem politischen Zionismus Theodor Herzls stand vor allem der Kulturzionismus von Achad Ha’am gegenüber, für den Israel das geistige Zentrum einer polyzentrischen jüdischen Welt sein sollte. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war die Zahl der Bundisten in Europa stark zurückgegangen. Die Verfolgung und der Tod von sechs Millionen Juden stärkte die Zio­nis­ten in ihrer Forderung nach einem eigenen Staat. 1947 erreichten sie die Gründung des Staats Israel, der seither einen zentralen Platz in der jüdischen Welt einnimmt.

Darf man diesen Platz wegen der in Gaza begangenen Verbrechen infrage stellen? Linke Zionisten und Antizionisten können sich nicht auf eine Antwort einigen, denn ihre Ansichten über die Definition des Zionismus, die Folgen der Schoah und die Natur des heutigen Antisemitismus gehen weit auseinander.

Diaspora und Staatlichkeit

Auf der einen Seite steht die linkszionistische These, das Judentum in der Diaspora und der Staat Israel sollten nicht nur nebeneinander bestehen, sondern sich auch gegenseitig Sinn geben. Das sagt – neben anderen3 – auch der Philosoph Bruno Karsenti: „Darin liegt die ganze Originalität des zionistischen Projekts: einen Staat zu gründen, dessen Volk über die Nation hi­naus­geht.“4 Karsenti leugnet nicht, dass der Staat durch Einwanderung aus Europa und arabischen Ländern gewachsen ist. Er hält es jedoch für eine Vereinfachung, wenn man den Zionismus zu einer Form von Kolonialismus erklärt. „Der Zio­nis­mus der Anfänge war vor allem eine nationale Befreiungsbewegung, eine Bewegung von Flüchtlingen“, die darauf gerichtet gewesen sei, auf den Ruinen des Osmanischen Reichs einen „Schutzstaat“ zu errichten, „in dem die Juden die Garantie haben, nie mehr Pogrome zu erleiden“.

Dennoch „hatte der Zionismus, von dem Moment an, da er Wirklichkeit wurde, nicht das Ziel, die Existenz von Juden in der Diaspora zu ersetzen; er ist vielmehr das, was am besten dazu beiträgt, deren Existenz unter den neuen Bedingungen nach dem Zweiten Weltkrieg zu sichern“, so Karsenti; vor allem in Frankreich, wo die meisten der jüdischen Überlebenden im Land blieben, „auch wenn sie sich sagten: ‚Die absolute Sicherheit existiert für uns nicht, was geschehen ist, kann immer wieder geschehen.‘ “

Deshalb sei Israel als Staat der Zuflucht notwendig, was aber keine doppelte Zugehörigkeit bedeute. „Es ist wichtig, dass der Staat existiert, damit man voll und ganz Bürger eines anderen Staats in der Diaspora sein kann.“

Das Judentum vom Zionismus befreien zu wollen, erscheint Karsenti umso weniger angebracht, als man den Aufstieg eines „neuen Antisemitismus“ erlebe, dessen „Rückgrat“ der Antizionismus bilde. Und er unterstreicht die „missverstandene Spezifik von Antisemitismus: Es geht weniger um Diskriminierung wegen vermeintlicher Minderwertigkeit als vielmehr um Diskriminierung wegen vermeintlicher Überlegenheit.“ Es sei „Dominanz“, die man Juden vorwerfe. „Wenn die europäischen Regierungen und die antirassistischen Gruppierungen, die sich den allgemeinen ‚Kampf gegen Rassismus‘ auf die Fahne schreiben, das nicht mehr verstehen, fühlen sich die Juden im Stich gelassen und wenden sich umso stärker Israel zu.“

Für Karsenti ist Netanjahus „reaktionäre, expansionistische und kriminelle“ Politik nicht die unvermeidliche Vollendung des Zionismus, sondern das Ergebnis falscher Entscheidungen in der Geschichte. Erster Kipppunkt: 1967, als Israel das Westjordanland, Gaza und Ostjerusalem militärisch besetzte. „Der nächste kam 1977, als Israel nach rechts schwenkte. Das Schlimmste war, dass mit der Ermordung von [Jitzhak] Rabin [1995] und der Beerdigung der Osloer Verträge, an der beide Seiten Schuld tragen, die Aussicht auf ein politisches Abkommen mit den Palästinensern verschwand.“

Demgegenüber stehen antizionistische Juden für die Schaffung eines binationalen Staats.5 In seinem soeben erschienenen Buch „Redevenir juif“ („Wieder Jude werden“)6 nennt der belgische Philosoph Michel Feher zwei Gründe, das Judentum von der Vereinnahmung durch den Zionismus zu befreien. Der erste ist ethisch: „Sich mit einem genozidalen Staat verbunden zu fühlen, ist moralisch wie politisch ziemlich gespenstisch.“ Der zweite eher strategisch: „Mit der Unterstützung Israels als Bollwerk des Westens wurden die Juden echte ‚Weiße‘, sie werden von den rechtsextremen Parteien dazu erklärt, und sie werden geschützt, solange sie behaupten, dass der Antisemitismus nicht von den Weißen kommt, sondern von rassifizierten Minderheiten.“

In den USA, so Feher, sehe man allerdings bereits die Rückkehr eines rechtsextremen Antisemitismus rund um Figuren wie Tucker Carlson, die Trump vorwerfen, er führe einen von Israel diktierten Krieg. „Kurz gesagt, die Treue zum Zio­nismus ist keine gute Investition für die Juden.“

Die französischen Antizionisten leugnen nicht den Anstieg des Antisemitismus, doch für sie ist er mit den Verbrechen verbunden, die Israel im Namen der Juden verübt. Deshalb müsse man ihn bekämpfen, indem man gegen die israelische Politik aufsteht und Israel das Monopol auf das Jüdischsein streitig macht. Der in Frankreich lebende israelische Filmemacher und ­Essayist ­Eyal Sivan bezeichnet Zionisten, die „Judentum als Rechtfertigung für den staatlichen Nationalismus nutzen, wie die Islamisten den Islam in­stru­mentalisieren“, als „Judaisten“. Sie seien „die größte Bedrohung für das Judentum, weil sie es nationalisieren und damit den Verdacht des ­Suprematismus auf alle Juden lenken.“7

Der Zionismus habe weniger mit Jüdischsein zu tun als mit Kolonialismus, wie auch der in ­Gaza verübte Genozid weniger das Ergebnis eines seit den 1970er Jahren zunehmenden mes­sia­ni­schen Zionismus sei als die Vollendung der ethnischen Säuberung, die seit der Nakba 1948 am Werk sei. „Bevor der Zionismus Palästina kolonialisierte, hat er das Jüdischsein kolonialisiert“, behauptet Sivan. „Die politischen, säkularisierten Zionisten haben die jüdische Re­li­gion geplündert, um sich die für ihr Projekt nützlichen Elemente herauszupicken. Der Historiker Amnon Raz-Krakotzkin hat ihre Haltung so zusammengefasst: ‚Es gibt keinen Gott, aber er hat uns dieses Land versprochen.‘ Und ebenso, wie sie die Palästinenser herabgewürdigt haben, gab es auch eine entmenschlichende Wahrnehmung der religiösen Juden aus Osteuropa und der arabisch-muslimischen Welt als irrational und abergläubisch.“

Wie also soll man das Jüdischsein „dekolo­nia­lisieren“? Elad Lapidot, der Professor in Lille, erinnert daran, dass der Zionismus in der langen jüdischen Geschichte einen Bruch darstellt. „Die jüdische Diaspora ohne Staat bestand von der Zerstörung des Zweiten Tempels in Jerusalem im Jahr 70 bis 1948. Bis zur Schoah war der Zionismus für die Rabbiner eine Art Häresie, und selbst nach der Gründung Israels war die jüdische Orthodoxie noch lange nicht zionistisch oder antizionistisch.“ Bis heute ist das Exil für chassidische Gemeinschaften wie die Satmar, die es in Israel und in den USA gibt, eine göttliche Strafe, die nur der Messias beenden kann.

Der religiöse Antizionismus ist in den USA sehr viel stärker als in Frankreich, wo die beiden wichtigsten antizionistischen jüdischen Vereinigungen die 1994 gegründete Union juive ­française pour la paix (UJFP) mit einigen hundert aktiven Mitgliedern und das 2023 von den jüngeren Mitgliedern der UJFP gegründete Kollektiv Tsedek! sind. „Beide sehen sich in der interna­tio­nalistischen revolutionären Tradition“, erklärt Tsedek!-Aktivist Maxime Benatouil. „Zum politischen Erbe, das wir fortsetzen wollen, gehört der Bund, aber auch das Denken des 2010 verstorbenen marokkanisch-jüdischen Marxisten Abraham Serfaty.“8

Die UJFP bezahlt den Preis für ihr Engagement an der Seite der Palästinenser. 2025 wurden ihre Konten bei der Bank ­Crédit ­Coopératif geschlossen, mit denen humanitäre Projekte in Gaza finanziert wurden. Ein Jahr zuvor war der Verantwortliche für ihre Website von der französischen Justiz vorgeladen worden, nachdem sie ein Unterstützungskommuniqué für den „Widerstand des palästinensischen Volkes gegen die Besatzung“ veröffentlicht hatte. „Für mich ist die Frage nicht so sehr, was es heißt, Jude zu sein, sondern vielmehr, wie man es ist, während Israel im Namen der Juden einen Genozid begeht“, erklärt Michèle Sibony, die zur Führung der UJFP gehört. „Im Moment lautet die einzige Antwort, die ich darauf finde: indem man Widerstand ­leistet.“

1 Sylvain Cypel, „Israël contre les Juifs“, Paris (La Découverte), 2020.

2 Tsedek!, „Lutter en rupture, lutter en solidarité“, Toulouse (­Premiers Matins de Novembre Éditions) 2026.

3 Thierry Labica, „L’évanescence d’Israël, ou les ‚juif·ves de gauche‘ contre la gauche“, Revue des livres et des idées, 4. und 12. Mai 2026.

4 Alle Zitate von Bruno Karsenti stammen aus Interviews mit Laura Raim.

5 Siehe Shlomo Sand, „Vereint unterm roten Stern“, LMd, Dezember 2023.

6 „Redevenir Juif“, Paris (La Découverte) 2026.

7 Interview mit Laura Raim.

8 Abraham Serfaty, „Écrits sur la Palestine“, Paris (Syllepse) 2025.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Laura Raim ist Journalistin und Host von Talkshows und Podcasts auf Arte.

Le Monde diplomatique vom 11.06.2026, von Laura Raim