Israels Lobby in Europa
Mit Spenden, Reisen und Preisen operiert das European Leadership Network in den höchsten Kreisen
von Yossi Bartal

Im Oktober 2015 schickte Steven J. Rosen, damals einer der prominentesten Israellobbyisten in den USA, eine E-Mail an Ron Prosor, dessen Amtszeit als israelischer UN-Botschafter wenige Tage zuvor zu Ende gegangen war: „Ron, ich versuche dich dringend zu erreichen, um dir 10 000 Dollar plus Spesen anzubieten, damit du nach Los Angeles kommst und bei zwei Fundraisingveranstaltungen für Elnet sprichst. Wie du vielleicht weißt, ist Elnet die Organisation, die Beziehungen zwischen wichtigen europäischen Ländern und Israel aufbaut.“
Prosor sagte nicht sofort zu. Rosen versuchte es erneut: „Ich konnte meine Leute dazu bringen, auf 15 000 Dollar zu erhöhen. Bitte sag Ja.“ Prosor lehnte schließlich mit Verweis auf seinen vollen Terminkalender ab.
Der E-Mail-Verkehr tauchte 2024 in einem größeren Datenleak auf, das zahlreiche Postfächer hochrangiger israelischer Politiker betraf. Die Hacker gehören zu der mutmaßlich mit dem iranischen Geheimdienst in Verbindung stehenden Gruppe Handala. Die Whistleblowerplattform DDoSecrets machte Journalisten die Daten zugänglich.
Die E-Mails zwischen Prosor, seit 2022 israelischer Botschafter in Deutschland, und Rosen, der im Oktober 2024 an Alzheimer starb, zeigen, wie Geld und Strategien aus den USA genutzt wurden, um mithilfe israelischer Politiker und Diplomaten die einflussreichste proisraelische Lobbyorganisation Europas aufzubauen .
Elnet (European Leadership Network) war schon seit 2007 in Europa registriert. Doch erst 2015 nahm die Organisation rasant Fahrt auf. Sie sollte die Lobbyarbeit für Israel in ganz Europa koordinieren – „sehr ähnlich dem, was Aipac in den USA so erfolgreich erreicht hat“, wie ein Elnet-Vertreter in einer anderen geleakten E-Mail erklärte.
Die Hauptziele waren, wie aus einer weiteren Nachricht aus Prosors Postfach hervorgeht, die Anerkennung eines palästinensischen Staates zu verhindern und europäische Staaten zu einem repressiveren Umgang mit der BDS-Bewegung (Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen)1 zu bewegen. Heute, mehr als zehn Jahre später, zeigt sich, wie erfolgreich diese Bemühungen waren.
Steven J. Rosen, der beim Aufbau von Elnet auf beiden Seiten des Atlantiks half, war vor allem für seine Arbeit bei Aipac (American Israel Public Affairs Committee) bekannt, der wichtigsten proisraelischen Lobbygruppe in den USA seit den 1980er Jahren, die ihre politische Macht mithilfe großzügiger Wahlkampfspenden an Politiker:innen beider Lager und aggressiver Medienkampagnen systematisch ausgebaut hat – eine Strategie, die Unterstützung für Israel politisch lohnend und Widerstand dagegen kostspielig macht.
Diese Erfolgsgeschichte sollte mit Elnet in Europa wiederholt werden. Das Problem: Europa war für diese spezifische Art der politischen Einflussnahme weniger empfänglich. Für Wahlkampfspenden gelten striktere Regeln und Obergrenzen, was hiesige Politiker:innen potenziell weit weniger beeinflussbar macht als ihre US-Kolleg:innen. Außerdem ist die jüdische Gemeinschaft deutlich kleiner.
Um diese Hürden zu überwinden, suchte die Organisation gezielt wohlhabende proisraelisch gesinnte Europäer:innen und ermutigte sie, sich an politischen Spendenkampagnen zu beteiligen. Zugleich setzte man verstärkt auf andere Formen der Einflussnahme, etwa auf vollständig finanzierte Reisen für gewählte Amtsträger nach Israel.2
Heute unterhält Elnet sechs europäische Büros – in Paris, Berlin, Brüssel, London, Warschau und Rom – sowie Büros in Tel Aviv und New York. Elnet beschäftigt Dutzende Mitarbeitende und verfügt über ein Jahresbudget von bis zu 20 Millionen US-Dollar.
Ein großer Teil dieser Gelder stammt von US-Spendern, die eine steuerliche Ausnahmeregelung nutzen: Durch die Einzahlung in Fonds für wohltätige Zwecke, die das Geld wiederum an Elnet überweisen, bleibt ihre von der Steuer absetzbare Spende anonym. Während derartige anonyme Spenden innerhalb der USA für Lobbyarbeit untersagt sind, werden sie im Ausland geduldet. Wie ein aktueller Bericht von The Intercept zeigt, unterstützen zudem weitere nicht anonyme US-Spender auch Aipac; mehrere von ihnen haben außerdem Donald Trump und andere rechtsgerichtete politische Projekte finanziert.3
Elnets wichtigste Tätigkeit ist die Organisation von Delegationsreisen: Europäische Abgeordnete, Militärs, Journalistinnen und andere Entscheidungsträger werden zu sorgfältig kuratierten Reisen nach Israel eingeladen. Parallel dazu organisiert Elnet vertrauliche Informationsveranstaltungen und „strategische Dialoge“ mit israelischen Regierungsvertretern.

Werben um Sarkozy und Hollande
Heute gilt Elnet als die einflussreichste Lobbyorganisation Israels in Europa. Sie spielt eine zentrale Rolle dabei, die europäische Unterstützung für die israelische Besatzungspolitik zu sichern und milliardenschwere Rüstungsdeals zu vermitteln.4 Im Gegensatz zu seinem bekannten US-amerikanischen Gegenstück Aipac agierte Elnet jedoch lange nahezu im Verborgenen.
Das hat sich geändert, seit ein internationales Team von Journalist:innen aus Israel, Frankreich, Deutschland, Griechenland und den USA Ende 2025 begann, über die Aktivitäten der Organisation zu berichten – auf der Grundlage der Dokumente aus dem E-Mail-Leak, Informationen aus öffentlichen Datenbanken sowie Interviews mit Dutzenden Politikerinnen, ehemaligen Mitarbeitern und Expertinnen.
So ist dokumentiert, dass der Unternehmer Larry Hochberg, Mitgründer von Elnet und früherer Leiter der US-Organisation Friends of the IDF (Freunde der israelischen Verteidigungsstreitkräfte), im Dezember 2015 Ron Prosor auf einer Konferenz in Südafrika traf – kurz nachdem Rosen ihn wegen der Fundraisingveranstaltung in Los Angeles kontaktiert hatte. Die geleakten E-Mails deuten darauf hin, dass Elnet besonders darauf erpicht war, Prosor zu gewinnen – einen der schärfsten Falken unter Israels Diplomaten.
In einer E-Mail zur Vorbereitung des Treffens beschrieb Hochberg die aus seiner Sicht dringende Notwendigkeit, die proisraelische Lobbyarbeit in Europa auszubauen. Zu diesem Zeitpunkt näherte sich in den USA die Präsidentschaft von Barack Obama ihrem Ende. Obama äußerte sich zunehmend frustriert über Israels offizielle Positionen und über deren Unterstützer in Washington. „Heute ist uns klar, dass proisraelische Lobbyarbeit in Europa wichtiger ist denn je“, schrieb Hochberg.
Nach einer weiteren Einladung, Anfang 2016 auf einer Elnet-Veranstaltung als Redner aufzutreten, verlangte Prosor 40 000 US-Dollar. Elnet stimmte zu – machte jedoch deutlich, was im Gegenzug erwartet wurde: Prosor sollte mindestens acht potenzielle Spender im Raum New York treffen. Der E-Mail-Leak enthält keine Bestätigung, dass diese Treffen tatsächlich stattgefunden haben. Weder Prosor noch Elnet reagierten auf Anfragen dazu.
Wie Rosen Anfang 2016 an Prosor schrieb, seien Elnets Versuche, „zivilgesellschaftliches Engagement im demokratischen Prozess anzuregen“, auf „erhebliche kulturelle Hürden“ gestoßen. Zu diesem Zeitpunkt konzentrierte sich Elnet vor allem auf Frankreich, die Heimat der größten jüdischen Gemeinschaft Europas (siehe den Beitrag von Laura Raim auf Seite 17).
Rosen machte in einer Nachricht, die einen „vertraulichen Bericht nur für [Prosors] Augen“ enthielt, deutlich, was mit „zivilgesellschaftlichem Engagement“ in der Praxis gemeint war: wohlhabende, überwiegend jüdische Israelfreunde in privaten Treffen mit Politikern aus der ersten Reihe zusammenzubringen. Doch was für Unterstützer Israels in den Vereinigten Staaten vertraut und selbstverständlich sei, wirke „im französischen Umfeld mitunter unheimlich und befremdlich“.
In dem vertraulichen Bericht, der Rosen zufolge nicht von Elnets Anwälten freigegeben worden war, behauptete er allerdings auch, dass die Organisation bereits begonnen habe, daran zu arbeiten. Zu den von Rosen angeführten Elnet-Aktivitäten in Frankreich gehörte etwa ein „Community Meeting“ mit Ex-Präsident Nicolas Sarkozy Anfang 2016. Gastgeber war der Elnet-Spender Sydney Ohana, „kosmetischer Chirurg der Stars“ und persönlicher Freund von Carla Bruni, Sarkozys Partnerin. Zu dieser Zeit war Sarkozy noch einer der Favoriten im Rennen um die Nominierung als Präsidentschaftskandidat der konservativen Partei Les Républicains.
Auch für dessen innerparteilichen Konkurrenten, den ehemaligen Premierminister und damaligen Bürgermeister von Bordeaux Alain Juppé, organisierte Elnet eine Veranstaltung, und zwar im Haus des Unternehmers Michel Ohayon. Nach beiden Zusammenkünften hätten die Gastgeber die Teilnehmenden ermutigt, ihren bevorzugten Kandidaten „politisch zu unterstützen und finanziell zu fördern“.
Die geleakten E-Mails an Gabi Aschkenasi, den ehemaligen Generalstabschef der israelischen Armee, enthüllten, dass sich Elnet auch um die politischen Gegner bemühte. 2012 schrieb Larry Hochberg an den pensionierten General: „Wir machen gute Fortschritte mit François Hollande, und das ist größtenteils der Arbeit französischer Juden zu verdanken, die enge Beziehungen zu ihm aufgebaut haben.“
Es ist schwer zu beurteilen, inwieweit sich der Einfluss von Elnet tatsächlich in politischer Praxis niederschlug. Immerhin weigerte sich die französische Regierung unter den Präsidenten Nicolas Sarkozy, François Hollande und Emmanuel Macron bis Ende 2025, einen palästinensischen Staat anzuerkennen, und setzte öffentlich Antizionismus mit Antisemitismus gleich. Und das französische Justizministerium hielt – trotz eines gegenteiligen Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte – an der Kriminalisierung der BDS-Bewegung fest.
Im Dezember 2024 berichtete die Onlinezeitung Mediapart, dass rund 100 Mitglieder des französischen Parlaments an von Elnet gesponserten Israelreisen teilgenommen haben – damit war die Organisation mit Abstand der größte ausländische Anbieter organisierter Reisen für französische Politiker.5
Die deutsche Elnet-Sektion, die als gemeinnütziger Verein registriert werden sollte, wurde im Mai 2014 gegründet. Zu diesem Zweck kamen in einem Büro unweit des Bundestags sieben Männer zusammen – drei US-Amerikaner, drei Deutsche und ein Israeli.
Einer von ihnen war Raanan Eliaz, ein rothaariger, jungenhaft wirkender Hobbypoet, der in einer der ersten Siedlungen im besetzten Westjordanland aufwuchs. Vor der Gründung von Elnet hatte Eliaz unter anderem für Aipac und im Büro des israelischen Premierministers gearbeitet. Die US-amerikanische Seite wurde von Larry Hochberg und dessen Sohn Andrew vertreten.
Zu den deutschen Gründungsmitgliedern gehörten Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der 2011 wegen einer Plagiatsaffäre zurückgetreten war und sich anschließend als Lobbyist in Berlin neu positioniert hatte, sowie dessen Geschäftspartner Ulf Gartzke, ehemaliger Leiter der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung in Washington und Fellow des neokonservativen Hudson Institute.
Dem Protokoll zufolge erläuterte Eliaz auf dem Treffen, warum eine Organisation wie Elnet notwendig sei, und betonte, dass es im Umfeld der deutsch-israelischen Freundschaft bislang keine Einrichtung gebe, die „sich speziell an Entscheidungsträger wendet“. Und er verwies auf „die positiven Effekte eines international vernetzten Systems von Vereinen mit gleichartiger Zielsetzung“.
Heute gilt Deutschland als Israels engster Verbündeter innerhalb der EU. Was anfangs keinesfalls abzusehen war. Deutsche Politiker:innen fühlten sich durch die historische Verantwortung für den Völkermord an den europäischen Juden zwar stets in besonderer Weise mit Israel verbunden (Stichwort Staatsräson). Doch es blieb gleichzeitig immer Raum für Differenzierungen. Das Bekenntnis der Bundesrepublik zum Völkerrecht brachte sie immer wieder in Konflikt mit der langjährigen Besatzungspolitik Israels.
So sprach etwa Sigmar Gabriel, damals Vorsitzender der SPD, 2012 nach einem Besuch in Hebron von einem Apartheidregime. Trotz der heftigen Kritik, die daraufhin einsetzte, nahm Gabriel seine Aussage nicht zurück. Zwei Jahre später forderte der Grünen-Politiker Volker Beck, damals Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Parlamentariergruppe, militärische Unterstützung für Israel an einen Baustopp in den besetzten Gebieten zu knüpfen.
Nur wenige Jahre später galten solche Positionen in der Öffentlichkeit als politisch unhaltbar. Sechs Jahre nach seinem Besuch in Hebron entschuldigte sich Gabriel – inzwischen nicht mehr im Amt und kurz davor, den Vorsitz der Lobbyorganisation Atlantik-Brücke zu übernehmen – für die Verwendung des Wortes Apartheid in Bezug auf Israel.
Kurz darauf übernahm er die Schirmherrschaft für ein Fellowshipprogramm für deutsche Journalist:innen in Israel, das unter anderem von Elnet mitorganisiert wurde. Beck wiederum entwickelte sich zu einem der engagiertesten Unterstützer Israels. Er nahm an mehreren Elnet-Veranstaltungen teil und erhielt 2019 sogar das Angebot, die Leitung des deutschen Elnet-Büros zu übernehmen, wie mehrere Quellen bestätigen.
Dass sich im Laufe der 2010er Jahre der Raum für Kritik an der israelischen Politik verengte – bis hin zur umstrittenen Anti-BDS-Resolution des Bundestags im Jahr 2019 – lässt sich nicht auf eine einzige Ursache zurückführen. Auffällig ist nur, dass diese Entwicklung mit dem Aufstieg mehrerer neuer Lobbyorganisationen in Berlin zusammenfiel. Und die wichtigste unter ihnen war Elnet.
Auch in Deutschland gehörten Delegationsreisen zu Elnets Kernaktivitäten. In den ersten vier Jahren nach seiner Gründung flog Elnet mindestens 36 Bundestagsabgeordnete zu vollständig finanzierten Reisen nach Israel. Zu den Teilnehmenden gehörten 2015 aufstrebende Christdemokratinnen wie Gitta Connemann und Andrea Lindholz ebenso wie prominente Vertreter der Parteien links der Mitte, darunter Volker Beck und Gregor Gysi. Parallel dazu organisierte Elnet unter dem Titel „Germany-Israel Strategic Dialogue“ weiterhin nichtöffentliche Konferenzen mit Entscheidungsträgerinnen und Journalisten, die abwechselnd in beiden Ländern stattfanden.
Laut seinem Lebenslauf, den Raanan Eliaz auf seiner Homepage veröffentlichte, führte seine „kontinuierliche Tätigkeit in den höchsten politischen Kreisen Deutschlands“ während seiner Zeit bei Elnet dazu, dass eine „harte Politik gegen BDS“ beschlossen wurde. „Selbst die linksextreme Partei, Die Linke, wurde nach Besuchen […] in den Jahren 2011 und 2015 erstmals dazu bewegt, sich öffentlich gegen BDS zu positionieren“, behauptet er.
Elnet baute seine Aktivitäten noch einmal deutlich aus, nachdem 2019 Carsten Ovens, ein junger CDU-Politiker aus Hamburg, an die Spitze der Organisation in Berlin berufen wurde. Wie öffentliche Dokumente und Interviews mit Personen aus dem Elnet-Umfeld belegen, hatte Ovens, der von 2015 bis 2020 im Hamburger Rathaus unter anderem für digitale Wirtschaft und internationale Beziehungen zuständig war, eine klare Strategie für die Vermarktung der proisraelischen Agenda in deutschen Parlamenten: Er konzentrierte sich auf leicht vermittelbare Themen – etwa technologische Kooperationen in den Bereichen Hightech oder Gesundheitswesen – und schuf entsprechende Foren, die teilweise mit hunderttausenden Euro aus Bundesministerien gefördert wurden.
Unter Ovens stieg die Zahl der von Elnet organisierten Delegationsreisen deutlich an. Die Programme wurden auf die Mitglieder einzelner Bundestagsausschüsse zugeschnitten – etwa mit den Schwerpunkten Gesundheit, Klimapolitik oder Smart-City-Planung –, oder sie richteten sich an neu gewählte Abgeordnete im Rahmen des Programms „Young Leaders“. Bis zur Veröffentlichung dieses Artikels haben bis zu 160 deutsche Politiker:innen an Elnet-Reise teilgenommen – überwiegend Bundestagsabgeordnete, aber auch EU-Parlamentarier, Bürgermeister und Landtagsabgeordnete.
Ein Thinktank mit Guttenberg und Klöckner
Gleichzeitig startete die Organisation öffentlichkeitswirksame Kampagnen gegen Antisemitismus und für interreligiösen Dialog. Ein Beispiel ist die von Kommunen und Landesregierungen in ganz Deutschland mitfinanzierte Kampagne „Fragemauer“. Hunderte Plakate stellten scheinbar harmlose Fragen wie „Essen Juden Cheeseburger?“ oder „Ist Harry Potter Jude?“. Auf der Website der Kampagne finden sich jedoch auch deutlich politischere Fragen wie „Ist Israel ein Apartheidstaat?“ oder „Begeht Israel einen Genozid an den Palästinensern?“ – jeweils beantwortet mit einem entschiedenen „Nein“.6
Seit 2021 vergibt Elnet außerdem jährlich einen Preis für besonderes Engagement für die deutsch-israelischen Beziehungen und jüdisches Leben in Deutschland. Zur Preisverleihung des Elnet Awards 2025 standen unter anderem Ex-Bundespräsident Joachim Gauck und die aktuelle Bundestagspräsidentin Julia Klöckner auf der Rednerliste.
Statt weiter im Hintergrund zu agieren, konstruierte Ovens allmählich die Fassade eines öffentlichen Thinktanks, der sich zivilgesellschaftlich engagiere. Im Austausch mit Politikern betont Elnet regelmäßig, dass es Fördermittel deutscher Ministerien erhält. So entsteht der Eindruck institutioneller Legitimität, und Fragen nach der Finanzierung aus den USA oder zur politischen Steuerung durch ausländische Partner lassen sich getrost ausblenden.
Politiker, die an Elnet-Veranstaltungen teilgenommen haben, berichten, die Organisation habe wenig mit Aipac und dessen aggressivem Vorgehen gemein. In privaten Gesprächen soll Ovens versichert haben, er unterstütze eine Zweistaatenlösung und hege auch kritische Ansichten gegenüber Netanjahu.
Bis 2021 gehörten zu den israelischen Delegationsreisen auch Stippvisiten in Ramallah, bei denen Treffen mit Vertretern der Palästinensischen Autonomiebehörde auf dem Programm standen. Doch während sich Elnet in Deutschland als Unterstützer eines offenen Dialogs präsentierte, rückte die Organisation insgesamt zunehmend nach rechts.
Obwohl Elnet von Anfang an enge Beziehungen zur politischen Rechten unterhielt, pflegte die Organisation zunächst auch Kontakte zu israelischen und US-amerikanischen Politiker:innen aus dem Zentrum und links der Mitte. Nach der ersten Wahl Donald Trumps 2016 begann sich das zu ändern, was zeitlich mit einer generellen Rechtsverschiebung innerhalb der Israellobby zusammenfiel.
Vor allem in Israel selbst machte sich dieser Wandel bemerkbar: David Siegel, der von 2016 bis 2020 die israelische Elnet-Sektion leitete, war mit der rechtspopulistischen Partei Israel Beitenu von Avigdor Lieberman verbunden. Shai Bazak, sein Nachfolger bis 2022, war zuvor Sprecher sowohl des extrem rechten Siedlungsrats gewesen als auch Benjamin Netanjahus während dessen erster Amtszeit.
Nach Bazak leitete Emmanuel Navon bis 2025 das israelische Elnet-Büro. Der in Frankreich geborene Politikwissenschaftler ist Likud-Mitglied und lebt in einer Siedlung im Westjordanland. Vor seiner Einstellung bei Elnet war er Senior Fellow des rechtslibertären Thinktanks Kohelet, der als eine der treibenden Kräfte hinter der umstrittenen Justizreform von 2023 gilt.7
Als Elnet-Direktor erklärte er, man müsse „den Stolz der Jugend auf die westliche Zivilisation gegen das ‚Opium‘ des Wokeismus wiederaufbauen“.8 Seine Forderung nach engerer Zusammenarbeit mit rechten politischen Kräften in Europa spiegelt sich zunehmend in Elnet-Aktivitäten auf dem gesamten Kontinent wider.
Navons Leitung des israelischen Elnet-Büros fiel mit dem extremsten Rechtsruck in Israels Geschichte zusammen. Schon vor Beginn des Gazakriegs trieb die jetzige Netanjahu-Regierung ihre Justizreform voran, weitete den Siedlungsbau aus und rückte ausdrücklich vom Ziel der Zweistaatenlösung ab.
Diese Rechtsverschiebung schlug sich auch in Elnets Israelreisen nieder: Die Ramallah-Treffen wurden gestrichen, während verstärkt rechte Akteure und Militärs als Gesprächspartner eingeladen wurden. 2025 besuchte eine Elnet-Reisegruppe erstmals offiziell israelische Siedlungen im Westjordanland und traf deren politische Vertreter.
Parallel dazu vertiefte Elnet seine Zusammenarbeit mit der israelischen Rüstungsindustrie und nutzte den Aufrüstungsschub in Europa, der auf die russische Invasion in der Ukraine im Februar 2022 folgte. Obwohl Israel sich den internationalen Sanktionen gegen Russland nicht anschloss und sich weigerte, direkt Waffen an Kyjiw zu liefern, präsentierte Elnet das Land als unverzichtbaren Verbündeten Europas.
Elnet schrieb sich selbst eine wichtige Rolle bei dem damals größten Rüstungsgeschäft in der Geschichte Israels zu – dem Verkauf des Raketenabwehrsystem Arrow 3 im Wert von fast 4 Milliarden Euro an Deutschland.9 Dem war im März 2022 ein Israelbesuch von Mitgliedern des Verteidigungsausschusses vorausgegangen, nur wenige Wochen nach Ausbruch des Ukrainekriegs.
Nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023, als die traumatisierte israelische Bevölkerung noch versuchte, das Ausmaß der Verluste zu begreifen, reagierte Elnets über Jahre aufgebautes Netzwerk schneller als viele staatliche Institutionen. Bereits am Abend des 7. Oktober rief die Organisation „die Repräsentanten Europas“ dazu auf, „Solidarität zu zeigen und Israel zu besuchen als ein Symbol der Unterstützung und des Einsatzes für eine friedliche Lösung der Krise“. Schon am 9. Oktober gegen Mittag hatte Elnet den französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy nach Sderot gebracht, einen der Orte der blutigsten Angriffe.
In den folgenden Wochen und Monaten organisierte Elnet eine Reihe sogenannter Solidaritätsmissionen, bei denen die zerstörten Kibbuzim und die Schauplätze des Nova-Massakers nahe dem Gazastreifen besichtigt wurden. Die Teilnehmenden trugen Helme und Schutzwesten und wurden von bewaffneten Elnet-Mitarbeitern begleitet. Mehrere Teilnehmer berichteten später, man habe sie sogar in Kühlhallen geführt, um ihnen nicht identifizierte Leichen zu zeigen – mutmaßlich israelische Opfer des 7. Oktober. In einem von Elnet veröffentlichten Video erklärt ein israelischer Oberst den Abgeordneten aus Europa, dass palästinensische Angreifer Babys enthauptet hätten – eine Behauptung, die später mehrfach widerlegt wurde.
Derweil sprach die Regierung Netanjahu teilweise offen davon, die internationale Öffentlichkeit auf das vorzubereiten, was folgen würde. Elnet war dafür – gemeinsam mit Aipac – essenziell. Je länger der Krieg andauerte, je weiter die Zerstörung Gazas voranschritt, je heftiger dagegen weltweit protestiert wurde und je mehr die Unterstützung für Israel sank, desto wichtiger wurde der Einfluss auf politische Entscheidungsträger.
Eine Elnet-Mitarbeiterin formulierte es 2024 in einem Werbevideo so: „Wenn man vier oder fünf intensive Tage mit einer Delegation verbringt, entsteht eine besondere Atmosphäre in der Gruppe – und genau diese besondere Bindung ermöglicht es uns, wirklich Wirkung zu entfalten.“
Die Bevölkerung in vielen europäischen Ländern sieht Israels militärisches Vorgehen im Gazastreifen und anderswo mittlerweile weitestgehend kritisch – laut Umfragen vom August 2025 sind 80 Prozent der Deutschen dafür, Israel keine Waffen mehr zu liefern. 62 Prozent sind außerdem der Ansicht, dass Deutschland politisch mehr Druck auf Israel ausüben sollte.10 Doch europäische Politiker, auch Grüne und Linke, nehmen weiterhin an Elnet-Veranstaltungen teil und touren mit der Organisation durch Israel.
Tatsächlich musste Elnet solche Reisen mehrfach verschieben – aufgrund der israelischen und US-amerikanischen Angriffe auf Iran im vorigen Jahr, die Elnet öffentlich befürwortete. Auch eine große, für April 2026 geplante Elnet-Konferenz in Dubai fiel den kriegerischen Auseinandersetzungen in der Region zum Opfer.
Das erklärte Ziel von Elnet, die deutsch-israelischen Beziehungen „auf der Grundlage demokratischer Werte“ zu stärken, wirkt selbst ohne eine Konferenz in den diktatorisch regierten Vereinigten Arabischen Emiraten überholt. Die Organisation hat mehrfach bewiesen, dass es ihr darum geht, Amtsinhaber:innen dahingehend zu beeinflussen, dass sie gegen die Mehrheitsmeinung in ihren jeweiligen Ländern eine Politik unterstützen, die von zahlreichen Organisationen als genozidal und verbrecherisch bezeichnet wird.
1 Siehe Nathan Thrall, „Boykott gegen Israel“, LMd, Dezember 2018.
8 Siehe „Rome and Jerusalem“, 10 May 2024 auf der persönlichen Website navon.com
Yossi Bartal ist Journalist. Dieser Bericht entstand unter Mitarbeit von Guli Dolev-Hashiloni und wurde von IJ4EU gefördert. Eine längere Fassung erschien am 27. März in dem zweisprachigen (englisch/deutsch) Onlinemagazin The Diasporist.


