11.06.2026

Kein Aufstand in Java

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Kein Aufstand in Java

von Vedi R. Hadiz

Beim Opferfest im Mai 2026 am Bahnhof Kampung Banda, Jakarta CLAUDIO PRAMANA picture alliance/zumapress
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Viele Städte Indonesiens wurden 2025 von einer Protestwelle erfasst. Studierende, Jugendliche und prekär Beschäftigte demonstrierten gegen die allgegenwärtige Korrup­tion, die wirtschaftliche Unsicherheit und den zunehmenden Autoritarismus des 2024 gewählten Präsidenten ­Prabowo ­Subianto.1 Es gab jedoch keine politische Kraft, die in der Lage gewesen wäre, aus den Protesten klare Forderungen abzuleiten und sie in einer Strategie zu bündeln. Der Zorn verpuffte, die Lage beruhigte sich wieder.

Man fragt sich, warum es in Indonesien bald 30 Jahre nach dem Ende der Suharto-Diktatur (1965–1998) so schwierig ist, oppositionelle Kräfte so zu organisieren, dass sie der ungeliebten Regierungspolitik mit ihren Sparmaßnahmen und den Tendenzen zur Selbstbereicherung etwas entgegensetzen können. Eine Antwort liegt sicher in der Struktur der indonesischen Linken und in den ideologischen Prämissen, denen die Arbeiterschaft folgt.

Die politische Periode, die 1998 mit dem Sturz Suhartos und seinem Regime der „Neuen Ordnung“ begann, wurde lange als demokratischer Übergang beschrieben. Die Anfangszeit der sogenannten Reformasi war tatsächlich von spürbaren Fortschritten geprägt.

Der Mindestlohn stieg, die sozialen Sicherungssysteme und der Kündigungsschutz wurden ausgeweitet. In den Industriegebieten der Provinzen Jawa Barat (Westjava), Banten (früher Bantam) und Jawa Tengah (Zentral­java) organisierte sich die Arbeiterschaft, und es entstanden neue Gewerkschaften, die die staatliche Einheitsgewerkschaft SPSI ersetzten. Der 1. Mai wurde wieder Feiertag, Streiks wurden wieder Teil des öffentlichen Lebens. In den Gewerkschaften glaubte und hoffte man, die Reformasi werde nicht nur zu demokratischeren Institutionen, sondern auch zu einer weniger arbeiterfeindlichen Wirtschaftspolitik führen.

Mehr als 25 Jahre später hofft man dort noch immer darauf. Der indonesische Kapitalismus ist nach wie vor in oligarchischen Allianzen verankert, die die politischen Eliten, das Militär und die großen Firmenkonglomerate miteinander verbinden. Alle anderen Akteure bleiben weitgehend ausgeschlossen.2 Das Arbeitsrecht wird immer weiter flexibilisiert, und neue Gesetze dienen vor allem der Mobilität von Kapital.

Diese Entwicklung hat sich unter Prabowo Subianto, einst General in Suhartos Neuer Ordnung, noch beschleunigt. Zunehmend kontrollieren dem Präsidenten nahestehende Cliquen die strategisch wichtigen staatlichen Unternehmen, die Regulierungsbehörden und die großen Entwicklungsprojekte. Die Armee mischt sich wieder offen in die Zivilverwaltung ein, was ihr zuvor offiziell verboten war, und ist auch in der Wirtschaft aktiv. Es sind also durchaus auch materielle Gründe, warum sie die kämpferischen Gewerkschaften als störendes Element betrachtet.

Doch allein durch institutionelle Zwänge und die Macht der Oligarchie lässt sich die fortschreitende Marginalisierung der Gewerkschaften nicht erklären. Es gibt auch ideologische, religiöse und kulturelle Gründe, die die Organisation von Arbeitnehmer:innen erschweren.

Der tiefgreifendste Bruch seit dem Ende des Unabhängigkeitskriegs (1945–1949) in Indonesien ereignete sich 1965/66. Damals wurde mit dem größten antikommunistischen Massaker des 20. Jahrhunderts die Kommunistische Partei Indonesiens zer­schlagen.3

Bis dahin hatte die Partei in der Bauern- und Arbeiterschaft, unter ­Frauen und jungen Leuten großen Einfluss besessen. Der wichtigste kommunistische Gewerkschaftsverband, die ­Panindonesische Zentralorganisation der Arbeiter (Sobsi), war zur größten Gewerkschaft des Landes herangewachsen und formulierte die Anliegen der Ar­bei­ter:in­nen in klaren marxistischen Begriffen.

Der Gewaltausbruch von 1965, mitten im Kalten Krieg, mit hunderttausenden Toten und noch mehr Gefangenen, sollte Indonesiens Integration ins antikommunistische Lager gewährleisten. Unter dem Kommando von General Suharto brachte die Armee Gewerkschaftsführer und profilierte Linke um und zerschlug alle irgendwie mit der Linken verbundenen Organisationen. Das hatte weitreichende Folgen: Es wurde quasi unmöglich, über Politik auch nur zu sprechen. Der Begriff der sozialen Klasse verschwand aus dem Vokabular. Die Gewerkschaften wurden als Berufsvereinigungen neu organisiert, vom Staat kontrolliert und dem Regime unterstellt.

Das Trauma der Suharto-Diktatur

Die Pancasila wurde in den Rang einer Staatsdoktrin erhoben. Das Wort steht für fünf Prinzipien, über die sich das 1949 unabhängig gewordene Land definierte: Glaube (an eine der fünf großen Religionen), nationale Einheit, Internationalismus, Harmonie und soziale Gerechtigkeit. Nach dem Massaker wurde es für alle gesellschaftlichen Organisationen verpflichtend, den Prinzipien der Pancasila Treue zu schwören, um ihre Loyalität gegenüber der Nation zu bezeugen.

Die folgenden Generationen lernten in verschiedenen Erziehungsprogrammen, dass jede Kritik an sozialen Gegensätzen im Land als Bedrohung für die Gesellschaft anzusehen sei. Als Suhartos Regime zusammenbrach, hatte es seit 30 Jahren keine entscheidenden politischen Kämpfe mehr gegeben. Die Vorstellung, dass solche Konflikte der „authentischen“ indonesischen Kultur widersprechen, hatte sich in den Köpfen festgesetzt.

Die asiatische Finanz- und Wirtschaftskrise von 1997/98 führte schließlich zum Ende der Neuen Ordnung. Mit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch von 1998 hielt der Neoliberalismus in Indonesien Einzug; der Internationale Währungsfonds (IWF) verlangte Reformen und eine Umstrukturierung des Finanzsektors, etliche marode Banken wurden geschlossen oder mussten fusionieren.

Unter dem Vorwand, den Günstlingskapitalismus im Land zu beenden, sicherten diese Maßnahmen zahlreichen Konglomeraten durch die Umstrukturierung von Schulden und Ad-hoc-Vereinbarungen das Überleben. Anstatt die Oligarchie aufzubrechen, wie der IWF versprochen hatte, stärkte er sie am Ende. Eine Schlüsselrolle spielte dabei die vom IWF geforderte und 2001 umgesetzte Dezentralisierung der Verwaltung.

Denn indem Befugnisse der Zen­tralmacht auf die Provinzregierungen übertragen wurden, vervielfachten sich auch die Möglichkeiten für lokale Machthaber, selbst einen Anteil an Unternehmensgewinnen einzustecken. Die politische Elite ging Allianzen mit Bergbau-, Agrar- und Bauunternehmen ein, während Gewerkschafter von den Handlangern lokaler Politiker und von paramilitärischen Gruppen bedrängt und eingeschüchtert wurden.

Parallel zu dieser wirtschaftlichen und politischen Entwicklung gewann eine konservative Auslegung des Islam in der indonesischen Gesellschaft an Einfluss. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts erlebten weite Teile der muslimischen Welt einen Aufschwung religiöser Autorität und Alltagsmoral; in Indonesien lag dieser Wandel vornehmlich an den Folgen der Gewalt von 1965/66.

Damals hatten viele Menschen eine demonstrative Frömmigkeit an den Tag gelegt, um sich zu schützen, denn ein sichtbares Bekenntnis zum Glauben zerstreute den Verdacht, Kommunist zu sein. Im Lauf der Zeit wurden solche Überlebensstrategien zur Gewohnheit, und nach zwei Generationen hat sich die performative Religiosität in einen ehrlich praktizierten Glauben verwandelt. Manche Gegenden in Zentraljava, ehemalige Hochburgen der Kommunistischen Partei, entwickelten sich zu Zentren eines konservativen bis fundamentalistischen Islam.

Diese Entwicklung lässt sich nicht allein theologisch erklären. Neben den Auswirkungen der antikommunistischen Repressionen und den dadurch entstandenen Traumata spiegelt sie auch die Bemühungen des Regimes, jede Form von Sozialkritik durch re­li­giös-moralische Wertungen zu ersetzen. Heute gelten soziale Ungerechtigkeit und Korruption nicht mehr als Auswüchse der Macht, sondern als Beleg dafür, dass sich die Gesellschaft vom göttlichen Weg entfernt hat.

Der religiöse Faktor

Kritik äußert sich nicht mehr in marxistischen Parolen, sondern in der Sprache der Religion; statt sozialen Aufbegehrens geduldiges Ertragen widriger Umstände und eine Akzeptanz der von Gott geschaffenen Welt, wie sie ist. Das Elend des Lebens wird zur Glaubensprüfung, und das Gefühl der Ungerechtigkeit verblasst vor der Überzeugung, dass die Ordnung Gottes dennoch grundsätzlich gut ist.

In Zentraljava existieren enge familiäre Verbindungen zwischen urbanen und ländlichen Gebieten. Viele Ar­bei­ter:in­nen leben bei ihren Eltern oder Schwiegereltern und bewirtschaften Land, um ihr Einkommen aufzubessern. Wenn ökonomische Erschütterungen durch Familiennetze aufgefangen werden, schwindet der Antrieb zur Konfrontation. Und welche gesellschaftliche Organisation wäre in der Lage, in Familienbeziehungen einzugreifen?

Dazu kommt die Stellung der Frauen. Sie bilden die Mehrheit der Beschäftigten in der Textil- und Bekleidungsindustrie, aber zu den religiösen wie nationalen Vorgaben gehört auch, dass der Haushalt Sache der Frauen ist. Schichtarbeit, Haushalt und Kinderbetreuung sowie die in der Gesellschaft verwurzelten Moralvorschriften lassen ihnen wenige Möglichkeiten, sich in Gewerkschaften zu engagieren und sich an Versammlungen, Demonstra­tio­nen oder Streiks zu beteiligen. So profitieren die Arbeitgeber von überkommenen patriarchalen Werten.

Die politischen, sozialen, kulturellen und religiösen Rahmenbedingungen prägen auch die Art und Weise, wie Protest überhaupt ausgedrückt und organisiert werden kann. Sie festigen eine hegemoniale Ordnung, die Hierarchie und Ausbeutung wie selbstverständlich durchsetzt. Die Ungerechtigkeit wird zwar gesehen, aber entpolitisiert. Korruption? Moralische Schwäche. Ungleichheit? Unvermeidlich wie eine Naturkatastrophe.

Nicht dass den Arbeiter:innen ihre Ausbeutung nicht bewusst wäre. Sie sprechen durchaus offen über niedrige Löhne, Outsourcing, gefährliche Arbeitsbedingungen und hohe Unternehmensprofite. Dennoch bleibt die Kritik an den hegemonialen Strukturen leise. Ohne politisches Verständnis für die Strukturen bleiben die Proteste defensiv und sporadisch. Streiks sollen eher Rechte wiederherstellen, als grundsätzliche die Produktionsbedingungen infrage zu stellen. Die Proteste von 2025 explodierten als Reaktion auf neue Gesetze, beruhigten sich aber wieder, als einzelne Forderungen erfüllt wurden.

Die Identifikation mit der Nation und das religiös-moralische Wertekorsett beseitigen den sozialen Dissens nicht, aber sie legen einen engen Rahmen dafür fest. Die Unzufriedenheit ist da, aber der Schritt zur selbstwirksamen Organisation und zum Kampf gegen die Mächtigen wird meist nicht getan. Die gegenwärtige kapitalistische Neuorientierung hat sich in einer moralischen und politischen Ordnung entwickelt, die soziale Kritik einfängt und ihr Potenzial für wirkliche Veränderung neutralisiert.

1 Siehe Sven Hansen, „Aufstand der Prekarisierten“, LMd, Oktober 2025

2 Siehe Vedi R. Hadiz, „Warum der Gigant nicht erwacht“, LMd, Oktober 2025.

3 Vgl. Geoffrey Robinson, „The Killing Season: A History of the Indonesian Massacres, 1965–66“, Princeton (University Press) 2019.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Vedi R. Hadiz ist emeritierter Professor für Asienstudien an der Universität Melbourne. Der Artikel beruht zum Teil auf Feldstudien, die 2018/19 und 2021/23 in Zentraljava und Yogyakarta durchgeführt wurden.

Le Monde diplomatique vom 11.06.2026, von Vedi R. Hadiz

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