07.05.2026

Fußball nur für Reiche

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Fußball nur für Reiche

Für die allermeisten Fans bleibt die WM in Nordamerika unerreichbar

von Florian Lefèvre

Infantino im Oval Office picture alliance/Captital Pictures/CNP/ADM
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In diesem Sommer werden Jordanien, Usbekistan, Curaçao und Kap Verde zum ersten Mal an einer Fußball-Weltmeisterschaft der Männer teilnehmen. Für die WM 2026, die am 11. Juni beginnt, sind 48 Teams qualifiziert, für die WM von 2022 in Katar waren es 32.

Sportlich kommt das allen Kontinenten zugute. Zum Beispiel werden 10 afrikanische Nationalteams am Start sein. Bei der ersten in den USA abgehaltenen WM 1994 waren es nur 3 von 24. Die Spiele finden in elf US-amerikanischen, zwei kanadischen und drei mexikanischen Stadien statt.

Guadalajara ist einer der mexikanischen Austragungsorte. Das 2010 erbaute Stadion hat von den Fans den Spitznamen „el volcán“ (der Vulkan) erhalten. Ganz in der Nähe sind Raúl Álvarez und Julio Medrano jeden Samstagvormittag beim Kicken anzutreffen. Sie wohnen und arbeiten ganz in der Nähe des „volcán“, wo vier WM-Spiele stattfinden werden. Das moderne, von Parkplätzen umgebene Stadion steht jenseits der Ringautobahn, weit entfernt vom alten Jalisco-Stadion im Zentrum der Stadt, das bei der Weltmeisterschaft 1970 die Bühne für Pelé, und 1986 für Diego Maradona war.

Álvarez und Medrano arbeiten beide als Techniker und sind um die vierzig, zu jung, um sich an diese großen Turniere zu erinnern. Den Beginn des Kartenverkaufs für die WM hatten sie sich im Kalender angestrichen. „Jeder Mexikaner wird Ihnen sagen, dass er vorhatte, mindestens ein Spiel zu besuchen“, sagt Medrano. Aber daraus wurde nichts. „Geografisch sind wir dicht dran, aber materiell sehr weit weg“, stellt Álvarez bedauernd fest.

Zum Start der Verkaufsphase im September 2025 analysierte die Website The Athletic die Preiskategorien.1 Die große Mehrzahl der Plätze gehört zu den teuren Kategorien 1 und 2. Hier lagen die Ticketpreise in der ersten Verkaufsrunde zwischen 260 US-Dollar für ein Vorrundenspiel in Monterrey oder Guadalajara und 6370 US-Dollar für das Finale in New Jersey.

In Mexiko beträgt der monatliche Durchschnittslohn umgerechnet 415 US-Dollar. Wer das Finale von einem miesen Platz der Kategorie 3, vom obersten Rand des MetLife-Stadions, verfolgen will, musste letzten September stattliche 2790 US-Dollar ausgeben – aber ein Vielfaches, wenn man das Ticket über die offizielle Tausch- und Weiterverkaufsplattform erstand.

In späteren Verkaufsphasen hob die Fifa die Ticketpreise immer weiter an. Im April kostete eine Karte für das WM-Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika im Aztekenstadion in Mexiko-Stadt zwischen 1410 (Kategorie 3) und 2985 US-Dollar (Kategorie 1).2

Die Fifa hat das frühere System aufgegeben, das eine gewisse Quote zu günstigeren Preisen für die lokale Bevölkerung reservierte. Seit Beginn des Verkaufs warb der Fußball-Weltverband mit günstigen Tickets der Kategorie 4 zum Preis von 60 US-Dollar. Doch davon gibt es nur eine winzige Anzahl.

Die nationalen Verbände der qualifizierten Länder erhielten für Spiele, an denen ihr Team beteiligt ist, lediglich 8 Prozent der Stadionkapazität. Die Tickets waren für die Fans bestimmt, die für Stimmung sorgen und somit das „Fernsehprodukt“ aufwerten sollen. Aber auch sie mussten exorbitante Preise zahlen. Das Portal Football Supporters Europe hatte bereits im September 2025 ausgerechnet: „Wenn ein Fan seiner Mannschaft vom ersten Spiel bis zum Finale folgen will, kosten ihn die Tickets mindestens 6900 US-Dollar, das ist fünfmal so viel wie bei der WM in Katar.“3

Hervé Mougin ist Präsident der Irrésistibles Français, des größten Fanklubs der „Bleus“, wie das Nationalteam genannt wird. Mougin hat seit 15 Jahren kein Spiel verpasst. Die Idee, in die USA zu fahren, hat er noch nicht aufgegeben. Sollte die französische Mannschaft wieder ins Finale kommen, rechnet Mougin mit Gesamtkosten von 20 000 bis 25 000 Euro für die Reise. Das wäre mehr als das Doppelte dessen, was er 2022 ausgegeben hat, um in Katar dabei zu sein. „Ich überlege, ob ich meine Niere verkaufe“, witzelt Mougin.

Auch die Hotels haben ihre Preise für die Zeit der WM verdreifacht. Hinzu kommen die Reisekosten. 2022 waren alle Stadien in einer Stadt. 2026 sind sie auf einen ganzen Kontinent verteilt.

Für viele Fans sind die Ticketpreise und sonstigen Kosten ein gewaltiges Handicap. Für andere stellt sich die Frage gar nicht. Nehmen wir die Demokratische Republik Kongo, wo trotz der riesigen Rohstoffvorkommen drei von vier Einwohner:innen mit umgerechnet weniger als 2 US-Dollar am Tag auskommen müssen. Die Begeisterung im Land war groß, als sich die „Leoparden“ erstmals seit 1974 für die Endrunde qualifizierten. Doch in Afrika ist es für die große Mehrheit der Bevölkerung „ein unerreichbarer Luxus, ein Spiel im Stadion zu sehen“, kommentiert der kongolesische Journalist Pascal Mulegwa. „Es sei denn, die Regierung chartert Flugzeuge.“

Visa gegen Kautionszahlungen

Einen Anschein von Vielfalt erwecken könnten nur die Fans, die in der amerikanischen Diaspora leben. Vor vier Jahren in Katar wurde Marokko bei seinem überraschenden Durchmarsch bis ins WM-Halbfinale von zehntausenden Expats begleitet. „In Doha habe ich Landsleute getroffen, die aus San Francisco, Sydney und Jakarta kamen“, erinnert sich der Sportjournalist Amine El Amri. Er ist sicher, dass die treuesten Fans auch diesmal dabei sein werden.

Es reicht allerdings nicht aus, das nötige Kleingeld für ein Ticket zu haben. Man braucht auch ein Visum für die USA. Im Januar 2026 hat die Trump-Regierung Einreiseverbote und Visabeschränkungen für Bürger:innen von insgesamt 39 Ländern verhängt. Fans aus Iran oder Haiti haben gar keine Chance, denn beide Länder gehören zu den 19 Staaten, für die Trump ein Einreiseverbot verhängt hat.

Für 14 afrikanische Länder gelten strenge Einreisebeschränkungen. Dazu gehören auch die WM-Teilnehmer Elfenbeinküste und Senegal. Deren Fans könnten gezwungen sein, eine Kaution von bis zu 15 000 US-Dollar zu hinterlegen, um ein Visum zu erhalten.

Im November 2025 hatte die Fifa verkündet: „Die Inhaber von Tickets erhalten Vorzugstermine für Einreisevisa in die USA.“ Allerdings ohne Garantie. – „Damit können vielleicht die Bürger reicher Länder zurechtkommen“, meint Jean-Baptiste Guégan, Experte für internationale Sportpolitik. „Aber für die meisten Bürger afrikanischer und lateinamerikanischer Staaten dürfte es schwierig werden, sofern sie keine soliden Bankbürgschaften vorweisen können.“

Der gebürtige Haitianer Paul-Addly Dorizan lebt seit acht Jahren im Exil in Montreal. Als sich Haiti am 18. November 2025 im Spiel gegen Nicaragua für die Endrunde qualifizierte, saß er atemlos vor dem Fernseher. „Am Ende habe ich Rotz und Wasser geheult.“ Mehr als fünfzig Jahren nach der letzten WM-Teilnahme hatte es eine haitianische Mannschaft wieder geschafft.

Weil Dorizan keinen kanadischen Pass hat, darf er nicht in die USA einreisen. Sein größter Wunsch war, dass die „Grenadiers“ – wie die Haitianer ihre Nationalmannschaft nennen– einmal in Toronto spielen. Es sollte nicht sein: Haiti wird seine drei Gruppenspiele in Boston, Philadelphia und Atlanta absolvieren.

„Die WM für alle zugänglich? Das ist ein Mythos. Sie ist heute ein globalisiertes Produkt für eine mobile Elite“, befindet der marokkanische Soziologe Abderrahim Bourkia, der sich mit den Ultras, den besonders engagierten Fans einzelner Klubs, beschäftigt hat. –„Die Anhänger des Nationalteams hatten schon immer mehr Geld als die der Klubs“, schreibt Paul Dietschy, der zur WM 1934 im faschistischen Italien geforscht hat. „Auf den schlichten Tribünen des Turiner Stadions kosteten die Plätze 10 Lire, doppelt so viel wie bei einem Ligaspiel.“

„Ich bin hier, um ein Produkt namens Fußball zu verkaufen“, hatte João Havelange bei seiner Wahl zum Fifa-Präsidenten 1974 angekündigt. Während die WM-Tickets 1986 für die lokale Mittelschicht noch erschwinglich waren – die Karten kosteten zwischen 3 und 50 US-Dollar –, gingen die Preise seitdem durch die Decke. Der durchschnittliche Ticketpreis für ein Spiel der Gruppenphase hat sich seit der letzten WM in den USA im Jahr 1994 verdreifacht. Die teuersten Tickets kosten heute sogar das Sechsfache.4

Bei der Bewerbung für die WM 2022 wurden die USA noch von Katar ausgestochen. Die Bewerbung für 2026 bestritten sie zusammen mit Kanada und Mexiko – wenn auch alle Viertel- und Halbfinalspiele und das Finale in den USA stattfinden.

Als 2018 – während Trumps erster Amtszeit – die Entscheidung über die Austragung der WM 2026 anstand, zauberte Fifa-Präsident Gianni Infantino eine Bewertungskommission aus dem Hut, die der konkurrierenden Bewerbung aus Marokko keine Chance ließ. Und einige Wochen vor der Entscheidung hatte Trump unverhohlen gedroht: „Es wäre schade, wenn die Länder, die wir unterstützen, gegen die amerikanische Kandidatur stimmten. Warum sollten wir diese Länder unterstützen, wenn sie uns nicht unterstützen?“

Bei der pompös inszenierten Auslosung der zwölf WM-Vorrundengruppen in Washington am 5. Dezember 2025 verlieh Infantino dem US-Präsidenten einen von ihm erfundenen „Fifa-Friedenspreis“. Dazu verkündete der polyglotte Schweizer seinen Lieblingsspruch, den er schon 2018 und 2022 geklopft hatte: „Das wird die größte Weltmeisterschaft aller Zeiten.“

Das trifft vor allem für die Finanzen der Fifa zu. Der Weltverband errechnet sich Rekordeinnahmen von 13 Milliarden US-Dollar. Wobei versichert wird: „90 Prozent dieser Einnahmen gehen an die 211 nationalen Verbände.“ Die Einnahmen von Präsident Infantino sind im vergangenen Jahr nur um bescheidene 600.000 Euro gestiegen. Insgesamt lagen sie damit, inklusive diverser Boni, bei 5,27 Millionen Euro.5

1 Henry Bushnell, „Every 2026 World Cup ticket price, if you’re lucky enough to get chosen to buy“, The Athletic, 1. Oktober 2025.

2 Henry Bushnell, „FIFA raises World Cup ticket prices again as fans frustrated by last sales phase“, The Athletic, 2. April 2026.

3 „Statement: Historically high World Cup ticket prices – FSE calls for immediate halt to ticket sales“, fanseurope.org, 11. Dezember 2025.

4 „How Much Are World Cup Tickets? Historical Prices Since 1994“, The World Cup Guide.

5 „Mehr Gehalt für Gianni Infantino“, sportschau.de, 20. März 2026.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Florian Lefèvre ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 07.05.2026, von Florian Lefèvre