07.05.2026

USA gegen UNO

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USA gegen UNO

Weil Washington seine Beitragszahlungen zurückhält, müssen die Vereinten Nationen ihre Aktivitäten einschränken

von Anne-Cécile Robert

Melania Trump eröffnet die Sitzung des UN-Sicherheitsrats, 2. März 2026 ANTHONY BEHAR picture alliance/sipa
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Mit würdevoller Haltung und höchster Konzentration leitete Melania Trump im Namen der Vereinigten Staaten von Amerika am 2. März die Sitzung des UN-Sicherheitsrats zum Thema „Kinder in Kriegszeiten“. Es war eine Premiere für eine Ehefrau eines amtierenden Staatsoberhaupts.

Draußen machte die Nachricht die Runde, dass bei einem US-Bombenangriff auf eine Grundschule in der süd­iranischen Stadt Minab 170 Menschen – die meisten davon Kinder – getötet worden waren, drinnen nahm die Sitzung Züge eines absurden Theaterstücks an, auch wenn die First Lady, die sich für die in Russland festgehaltenen ukrainischen Kinder einsetzte, ihre Aufgabe mit großem Ernst erfüllte.

Für sie blieb es bei diesem einen Mal, aber in letzter Zeit haben die USA häufig hochrangige Regierungsvertreter zu den Sitzungen der Vereinten Nationen entsandt. „Ihr offizieller UN-Botschafter Mike Waltz wird regelmäßig durch ‚Schwergewichte‘ wie Außenminister Marco Rubio oder dessen Stellvertreter Christopher Landau ersetzt“, berichtet ein europäischer Diplomat, der sich über dieses ungewöhnliche Vorgehen wundert. Normalerweise seien Minister nur bei außergewöhnlichen Anlässen anwesend.

Gleichzeitig lassen die heftigen Angriffe von Donald Trump und seiner Regierung gegen die UN nicht nach: Sie seien ineffizient und begünstigten kriminelle Migration. Und damit stünden sie im Gegensatz zu amerikanischen Werten und dem American Way of Life.

Die USA haben den Worten auch Taten folgen lassen und sind aus einigen UN-Organisationen ausgetreten, die sie als überflüssig erachten oder denen sie vorwerfen, sich zu sehr einzumischen. Darunter fallen die Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (Unesco), die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Menschenrechtsrat.

2025 stellte die US-Regierung den UN nur noch 2,7 Milliarden US-Dollar für humanitäre Hilfe bereit, gegenüber 11 Milliarden 2024. Für 2026 hat sie 2 Milliarden US-Dollar zugesagt mit dem Hinweis, dass die UN-Organisa­tio­nen „sich anpassen, verkleinern oder aber untergehen“ müssten.

Und so ging es weiter: Die Resolution 2803 des UN-Sicherheitsrats vom 17. November 2025 zur Beendigung des Gazakriegs nutzten die USA als Vorwand, um einen eigenen sogenannten Friedensrat (Board of Peace) zu gründen. Dieser soll nach dem Willen Trumps künftig alle Krisen lösen, bei denen sich die UN nach Ansicht des Weißen Hauses als unfähig erwiesen haben. Dabei blieb unerwähnt, dass oft genug die USA selbst durch ihr Veto für das Scheitern von Lösungsvorschlägen verantwortlich waren.

Die Zukunft dieses Friedensrats, zu dem 62 Staaten eingeladen waren und dem – gegen eine Aufnahmegebühr von 1 Milliarde US-Dollar – nur 27 Staaten beigetreten sind, ist ungewiss. Jedenfalls solange die große Mehrheit der 193 UN-Mitgliedstaaten den Vereinten Nationen treu bleibt. Die Tragweite der Beschlüsse des Friedensrats dürften in der Praxis auf seine Mitglieder beschränkt bleiben.

Was den Wiederaufbau und die Verwaltung Gazas angeht, hapert es beim Friedensrat aktuell auch an der Finanzierung. Nach dem Angriff der USA und Israels auf Iran halten etliche Golfstaaten ihre versprochenen Einzahlungen zurück.1

„Es ist schwierig, dieses ­Gremium aus institutioneller Sicht ernst zu nehmen“, meint Richard Gowan von der ­International Crisis Group. „Aber es sendet ein beunruhigendes politisches Signal.“ Die Befürchtung steht im Raum, dass die USA der UNO, einer Institution, zu deren Gründung 1945 sie maßgeblich beigetragen haben, vollständig den Rücken kehren könnten. Im New Yorker UN-Hauptquartier gehen unterdessen die Mit­ar­bei­ter:in­nen ihren Aufgaben nach: in Sorge um die eigene Zukunft und mit bitteren Gefühlen, denn viele von ihnen haben sehr viel Kraft und Ideen in die diversen UN-Programme für Bildung, Wohnen, Gesundheit oder Ernährung gesteckt

Der scheidende Generalsekretär António ­Guterres – über dessen Nachfolge im Juli entschieden wird – setzt den Rotstift an, ohne einen wirklichen Plan zu haben. So drängt er etwa die verschiedenen Einrichtungen zum Umzug an die regionalen Hauptsitze der Organisation, wo die Lebenshaltungskosten niedriger sind als in New York, beispielsweise in die kenianischen Hauptstadt Nairobi.

Anpassen, verkleinern – oder untergehen

Im Rahmen der Budgetkürzungen ließ er sich Ende 2025 die Streichung von 2900 Stellen absegnen. Von 2025 auf 2026 wurde der reguläre UN-Haushalt um 7 Prozent auf 3,45 Milliarden US-Dollar gekürzt.2 Der reguläre UN-Haushalt ist jedoch nie höher gewesen als 5 Milliarden Dollar; für ihre vielen Aufgaben braucht die Organisation zusätzlich freiwillige Beiträge für Missionen, Programme und Unterorganisationen. 2024 wurden insgesamt 46,8 Milliarden US-Dollar an freiwilligen Mitteln ausgegeben.3

Im Vergleich sind das gar keine so hohen Summen: Der EU-Haushalt etwa liegt bei 190 Milliarden Euro pro Jahr (umgerechnet 210 Milliarden US-Dollar).

Die Mittelkürzungen lassen nun das Schlimmste befürchten. „Wir sind gezwungen, die Sitzungszeiten zu verkürzen, um Strom und Lohnkosten für Sicherheitskräfte zu sparen“, sagt ein Mitarbeiter. „Und das, obwohl der Bedarf an Zusammenarbeit seit 1945 selten so groß war. Wir laufen schlichtweg Gefahr, nicht mehr funktionsfähig zu sein. Und irgendwann sind wir vielleicht einfach obsolet.“

Am 28. Januar warnte Guterres in einem Brief an die 193 Mitgliedstaaten sogar vor einem „unmittelbar bevorstehenden finanziellen Kollaps“ der UN. 150 Länder entrichteten daraufhin vorzeitig ihren Jahresbeitrag für 2026. Doch das genügt nicht, um die Zahlungsrückstände der USA auszugleichen, die sich auf über 4 Milliarden US-Dollar belaufen.

Die Handlungsfähigkeit der Organisation bleibt somit ungewiss. In den Fluren im Hauptsitz sind Vorwürfe gegen die als zu passiv empfundenen Europäer zu hören. Sie seien trotz ihrer üblichen wortreichen Verteidigung des Multilateralismus in ihren finanziellen und diplomatischen Anstrengungen völlig auf den Krieg in der Ukraine fokussiert. In der derzeitigen „Rette sich, wer kann“-Stimmung erscheinen den US-Amerikanern schon kleinste Konzessionen als ausreichend: Mitte Fe­bru­ar beglichen sie schäbige 160 Mil­lio­nen US-Dollar ihrer Rückstände.4

Offensichtlich verfolgt das Weiße Haus die Strategie, die UNO mithilfe finanziellen Drucks und seines Vetorechts auf ihre Kernaufgaben zu beschränken. Neben heftigen Auseinandersetzungen zum Thema Nahost und Krieg in der Ukraine hatten die USA nur zu einigen wenigen anderen Themen etwas beizutragen: zum „Friedensplan“ für Gaza, zur Aufstellung einer Einheit gegen die Gangs in Haiti (30. September 2025) und zur Kürzung der Mittel für die Interims­truppe der UN im Libanon (Unifil, 28. August 2025).

Gemäß dieser Strategie bliebe von den UN nicht viel mehr als eine Art Verhandlungstisch für souveräne Staaten, die von jeglicher Verpflichtung befreit wären. Es ist ein Szenario, das Russland und China sehr gelegen kommt, die so ihre Eigeninteressen ungehindert vo­ran­treiben könnten.

Beispielsweise könnte die chinesische Regierung als Gegenleistung für ihre Stimmenthaltung bei der Resolution zu Haiti die Führung bei bevorstehenden Debatten zu Afghanistan im Sicherheitsrat übernehmen und Washington dazu bewegen, künftige Friedens­missionen in Gebieten zu finanzieren, in denen chinesische Investitionen zu schützen wären. Die Regierungen in London, Paris und Berlin halten sich aus Angst, den unberechenbaren Donald Trump zu verärgern, bei alledem zurück.

Die USA sind aber auch jenseits der Fragen des Friedens und der Sicherheit nach wie vor in den UN aktiv. So trugen sie Ende März ihren Kampf gegen „­Wokism“ in die Kommission des Wirtschafts- und Sozialrats der Vereinten Nationen (Ecosoc) für die rechtliche Stellung der Frau, scheiterten aber mit ihrem Antrag, nur noch zwei biologische Geschlechter anzuerkennen. Derartige ideologische Kämpfe prägen die Geschichte der UN seit ihren Anfängen.

Was die Beilegung von kriegerischen Konflikten angeht, ist die Bilanz der UN besser, als man meinen könnte. Tatsächlich wurde, wie die Politikwissenschaftlerin Lise Morjé Howard schreibt, in den vergangenen 80 Jahren „eine große Mehrheit der zwischenstaatlichen Konflikte dem Sicherheitsrat zur Prüfung vorgelegt, und sie endeten, nachdem dieser eine wie immer geartete Maßnahme ergriffen hatte“. Das heiße nicht, dass diese Maßnahme der einzige Grund für das Ende des Konflikts waren. „Aber in den meisten Fällen haben die Staaten, große wie kleine, versucht, mithilfe des Rats ihre Streitigkeiten beizulegen.“5

Der Sicherheitsrat, der jedes Jahr rund vierzig Resolutionen verabschiedet, verfügt nach wie vor über eine beispiellose Legitimation. Dies ist auch der Grund, warum Bahrain, bestärkt durch die USA, sich mit einem Resolutionsentwurf über eine militärische Operation zur Öffnung der Straße von Hormus an ihn wandte – womit das Land jedoch auf das Veto Russlands und Chinas stieß.

Selbst Trump hatte den UN mehrfach ein „enormes Potenzial“ zugesprochen. Er könnte es nutzen, um aus der Krise herauszukommen, die der Angriff auf Iran mit seinen unkontrollierbaren Folgen ausgelöst hat. Vielleicht wird er aber lieber einen seiner berühmten „Deals“ im kleinen Kreis schließen – auch wenn er anschließend die Zustimmung der UNO einholen muss.

1 Pesha Magid und Nidal Al-Mughrabi, „Trump‘s peace board faces cash crunch, stalling Gaza plan, sources say“, Reuters, 10. April 2026.

2 „General Assembly approves $3.45 billion regular budget for 2026“, un.org, 6. Januar 2026.

3 „Wie funktionieren die UN-Finanzen?“, Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e. V.

4 Kanishka Singh und Trevor Hunnicutt, „US pays $160 ­million of more than $4 billion owed to UN“, Reuters, 19. Februar 2026.

5 Siehe Lise M. Howard, „The United Security ­Council in interstate war“, in: Global Governance. A Review of ­Multilateralism, Nr. 31, New York, 26. August 2025.

Aus dem Französischen von Nicola Liebert

Anne-Cécile Robert ist Redakteurin bei LMd, Paris.

Le Monde diplomatique vom 07.05.2026, von Anne-Cécile Robert