Vatikan gegen KI-Kult
von Zako Sapey-Triomphe

Die mittelalterliche Kirche hätte Sam Altman, den Gründer von OpenAI, vermutlich vor die Inquisition gezerrt und den Glauben an die künftige Existenz einer künstlichen allgemeinen Intelligenz (AGI) als Häresie verteufelt. Zum Glück hat die katholische Kirche ihren Kommunikationsstil seither geändert. Doch wissenschaftliche Neuerungen stellen nach wie vor eine Herausforderung für ihr Weltbild dar, wie eine neuere Publikation aus dem Vatikan zum Thema KI zeigt.
Im Januar 2025 veröffentlichte das Staatssekretariat des Apostolischen Stuhls, also quasi das Außenministerium des Vatikanstaats, die Note „Antiqua et nova“ über „das Verhältnis von künstlicher Intelligenz und menschlicher Intelligenz“.1 Sie wurde unter anderem vom Dikasterium für die Glaubenslehre herausgegeben, einem institutionellen Nachfolger der Inquisition, der Institution zur Bekämpfung von Ketzerei und Irrlehren.
Warum interessiert sich der Vatikan für künstliche Intelligenz? Betrachtet er sie als Bedrohung für das Seelenheil der katholischen Glaubensgemeinschaft oder gar als spirituelle Konkurrenz? Zumindest stellt sie eine intellektuelle Herausforderung dar, wie die Publikation „Antiqua et nova“ zeigt. Sie ist eine überaus kenntnisreiche Studie zu den jüngsten Entwicklungen künstlicher Intelligenz und deren möglichen Auswirkungen auf alle Bereiche der Gesellschaft – von Arbeit über Bildung und Gesundheit bis zur Wirtschaft.

Ethisch bedenklich finden die Autoren, dass „gegenwärtig der größte Teil der Macht über wichtige Anwendungen der KI in den Händen einiger weniger mächtiger Unternehmen liegt“. Mangels einer klar definierten Verantwortung („accountability“) bestehe zudem das Risiko, dass KI zugunsten eines bestimmten Sektors manipuliert werden könne, um „ebenso subtil wie invasiv“ Kontrolle auszuüben.
In Anlehnung an das „Laudate Deum“, das apostolische Schreiben über die Klimakrise, das Papst Franziskus (1936–2025) am 4. Oktober 2023 veröffentlichen ließ, warnen die Autoren vor dem sogenannten Technosolutionismus beziehungsweise – wie Franziskus es nannte – dem „technokratischen Paradigma“, das „alle Probleme der Welt mit technologischen Mitteln zu lösen“ versuche.
So werde eine Neutralität vorgegaukelt, die es nicht gebe, und der menschliche Faktor ausgeblendet. Unter der Prämisse, dass „alle wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften letztlich Gaben Gottes“ sind und die Menschen ihre Gaben, die Er ihnen verliehen habe, „immer im Hinblick auf das höhere Ziel einsetzen“ sollten, stellt sich für die Kirche die Frage, „wie die KI im Rahmen des göttlichen Planes verstanden werden kann“.
Die Betrachtungen an der Schnittstelle zwischen Theologie und Wissenschaftsphilosophie zeugen von einer tiefen Beunruhigung über das Eindringen einer neuen Ideologie in die Sphäre der Religion, des Glaubens und selbst Gottes; einem radikalen Glauben an die Technologie, zunächst als Lösung aller Probleme und schließlich als Ersatzreligion.
Nicht erst seit dem 21. Jahrhundert setzt sich der Vatikan mit Technowissenschaften und ihren Verfechtern auseinander. Manche Innovationen hat die Kirche sogar begrüßt. Andere wiederum hat sie explizit – und aus unterschiedlichen Motiven – abgelehnt. So stellt sie sich gegen Atomwaffen, weil sie den Weltfrieden bedrohen, aber eben auch gegen die Antibabypille, weil sie die Familienplanung „unnatürlich“ steuere (siehe die päpstliche Enzyklika „Humanae vitae“ von 1968). Aus ihrer Sicht ist das sexuelle Selbstbestimmungsrecht von Frauen eine Sünde.
Zuweilen erinnern die Vorbehalte gegen KI an die Reaktion der Kirche auf den Siegeszug der Elektrizität im 19. und frühen 20. Jahrhundert. So veröffentlichte die Heilige Ritenkongregation (Sacra Rituum Congregatio), eine zentrale Behörde des Vatikans, 1907 die Note „De luce electrica“, weil sie befürchtete, dass die Altarkerzen durch Glühbirnen ersetzt werden könnten. Tatsächlich gab es damals regelrechte Kulte der Elektrizität, etwa im Umfeld der Theosophie.2
Aber wäre der KI-Kult wirklich imstande, die Vorherrschaft der Kirche als Glaubensgemeinschaft infrage zu stellen? Hat die Kurie Grund, besorgt zu sein?
Tatsächlich ist im Silicon Valley eine ideologische Denkschule entstanden, die durchaus besorgniserregende Züge annimmt. Hier glaubt man fest daran, dass sich für alle großen Menschheitsprobleme technische Lösungen finden ließen – wenn man sich nur von den demokratischen Regeln und Gesetzen befreite, die dem großen Vorhaben im Weg stünden. Die radikal technolibertären Jünger dieser Schule sind in der Tat der Auffassung, dass der Mensch mithilfe von KI bald in der Lage sein werde, einen neuen Gott in Gestalt einer Superintelligenz, der künstlichen allgemeinen Intelligenz (artificial general intelligence, AGI), zu erschaffen.
In ihrem letzten Kapitel – „Die KI und die Beziehung der Menschheit zu Gott“ – bezeichnen die Autoren von „Antiqua et nova“ die „Anmaßung, Gott durch ein Werk der eigenen Hände zu ersetzen“, als Götzendienst. Denn letztlich werde nicht „die KI vergöttert und angebetet, sondern der Mensch, der auf diese Weise zum Sklaven seiner eigenen Arbeit“ werde.
Singularität ist ein zentraler Begriff der AGI-Apologeten – in Anlehnung an die Singularitätstheorie des skandalumwitterten Mathematikers John von Neumann (1903–1975). Mit dem Entwurf eines sich selbst replizierenden und dabei immer komplexer werdenden Systems stand er Pate für Spekulationen über die technologische Zukunft der Menschheit: Sie werde entweder ausgelöscht oder in ewiger Glückseligkeit leben.
Anhänger solcher Lehren sind nicht etwa ein paar wenige Erleuchtete, sondern Leute wie die größten Investoren des Silicon Valley, allen voran die politisch einflussreichen Techunternehmer Peter Thiel und Marc Andreessen.3 Private Universitäten sind entstanden, die zu Singularity forschen, die erste 2008 als Summer-School im Silicon Valley.4 Die meisten der AGI-Gruppen, die dem Technosolutionismus huldigen, haben mit Religion nichts am Hut. Aber manche eben doch.
Way of the Future (WOTF) war 2017 die erste offizielle religiöse Organisation in den USA, die sich der Verehrung der KI verschrieb. Ihr Gründer Anthony Levandowski, vormals Softwareentwickler für selbstfahrende Autos bei Google, wurde 2020 wegen Diebstahls von Betriebsgeheimnissen verurteilt und 2021 von Donald Trump begnadigt. Der Transhumanist und Mormone Lincoln Cannon lehrt, die Singularität sei ein anderes Wort für die Auferstehung der Toten des Christentums.5 So werden über die Interpretation biblischer Texte Religion und Technologie zusammengebracht.
In dieser Hinsicht sind auch Peter Thiels Privatvorlesungen interessant. Der Trump-Unterstützer fragt etwa, wer heutzutage den Antichristen und wer den Katechon verkörpere. Im Buch der Apokalypse im Neuen Testaments, auch als Offenbarung des Johannes bekannt, führt der Antichrist als falscher Prophet die Menschen in die Irre und entfremdet sie von Christus. Der Katechon dagegen ist laut dem Apostel Paulus die Kraft des Guten, die den Antichristen aufhält – und so das Ende der Welt verhindert, damit allerdings auch die Wiederkehr Christi und das Reich Gottes auf Erden.
Allen Ernstes fragt Thiel, ob Greta Thunberg der Antichrist sei und der globale Polizeistaat – mit den USA an der Spitze – für den Katechon stehe. Oder er äußert Befürchtungen über eine „Fusion von Cäsar und dem Papst“, weil ihm nicht passt, dass sich J. D. Vance mit dem gebürtigen US-Amerikaner Papst Leo XIV. trifft. Zum Glück, meint Thiel, seien sich die beiden ja oft nicht einig.6
Papst Leo hat in Sachen KI eine etwas andere Richtung eingeschlagen als sein Vorgänger Franziskus, der die Note „Antiqua et nova“ im Januar 2025 noch abnahm und ihre Veröffentlichung anordnete. Der neue Papst begrüßt zumindest die Nutzung digitaler Technologien, mit denen man in Zeiten, in denen religiöse Apps und andere Chatbotprediger in den USA hoch im Kurs stehen, mehr Gläubige erreichen kann.7
Aber muss sich die Kirche wirklich als Hüterin der wahren Lehre gegenüber den neuen Propheten der Apokalypse profilieren? Wir sollten uns von solchem pseudotheologischen Geraune nicht den Verstand vernebeln lassen.
Nicht die Predigten sind das Entscheidende, sondern das Handeln, das sie begründen sollen. Um welches Goldene Kalb wird hier tatsächlich getanzt? Künstliche Intelligenz und Robotik, soziale Netzwerke und Kryptowährungen – das alles fasziniert Menschen.
Doch frei können wir nur dann sein, wenn wir den Mut aufbringen, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen, den Mystizismus zu entlarven, Dogmen zu hinterfragen und den Heiligen ihren Heiligenschein auszuknipsen. Gegen die großen Digitalkonzerne – Big Tech – braucht es eine neue Aufklärung.
3 Siehe Francesca Bria, „United States of Palantir“, LMd, November 2025.
4 Siehe Philippe Rivière, „Dann werden wir alle unsterblich“, LMd, Dezember 2009.
7 Lauren Jackson, „Finding God in the App Store“, The New York Times, 14. September 2025.
Aus dem Französischen von Brita Wagener
Zako Sapey-Triomphe ist Ingenieur.


