07.05.2026

Der Feind meines Feindes

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Der Feind meines Feindes

Wie Israel seit Jahrzehnten versucht, in der Region Verbündete zu finden

von Karim Émile Bitar

Israelische Soldaten im Südlibanon während der „Operation Litani“ 1978 Wikimedia Commons/IDF
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Die israelische Invasion ist ein blindes Zuschlagen … Die Zerstörung von Dörfern und Städten und Massaker an Zivilisten sind bestätigt … Israels Aktionen werden als legitime Gegenschläge dargestellt, auch wenn sie unverhältnismäßig sind, während die der Palästinenser ausschließlich als terroristische Verbrechen gelten. Und der Tod eines Arabers hat weder dasselbe Gewicht noch denselben Stellenwert wie der eines Israelis … Israel kann auf fast einhellige Unterstützung zählen.“

Diese Sätze wurden nicht nach dem „schwarzen Mittwoch“ geschrieben, dem 8. April 2026, als die israelische Luftwaffe in wenigen Minuten im Libanon mehr als 350 Menschen tötete und mehr als 1500 verwundete. Sie stammen von Gilles Deleuze und erschienen am 7. April 1978 in Le Monde.1

Der französische Philosoph verurteilte damals die „Operation Litani“, die ein Jahr vor der iranischen Revolu­tion und vier Jahre vor der großen israelischen Invasion von 1982 stattfand, bei der dann rund 18 000 Libanes:innen getötet und etwa eine Million vertrieben wurden und die zur Entstehung der Hisbollah beitrug.

Fast fünfzig Jahre später führt die israelische Armee erneut eine groß angelegte Operation im Libanon durch. Und ein weiteres Mal, wie schon in ­Gaza, ist die israelische Regierung offenbar unfähig, die militärischen Erfolge in dauerhafte politische Resultate umzumünzen.

„Israel hat keine Außenpolitik, nur eine Innenpolitik“, sagte der frühere US-Außenminister Henry Kissinger 1976. Und tatsächlich verändert das Erstarken einer messianistischen Strömung – von deren Vertretern einige ein „Großisrael“ anstreben, das auch den Südlibanon einschließen würde – nicht nur die Innenpolitik, sondern auch die Außenpolitik des Landes. Wird damit womöglich auch die „Doktrin der Peripherie“ aus den 1950er und 1960er Jahren wiederbelebt?

Die Doktrin wurde unter Ministerpräsident David Ben-Gurion entwickelt,2 um die regionale Isolation Israels zu durchbrechen, und bestand darin, Allianzen mit nichtarabischen Mächten oder peripheren Akteuren zu schließen, die den regional dominierenden arabischen Regimen feindlich gegenüberstanden. Dazu gehörten Iran unter dem Schah, die kemalistische Türkei und Äthiopien unter Haile ­Selassie; außerdem verschiedene regionale Minderheiten oder separatistische Gruppen, radikale christliche Kreise im Libanon und die Kurdenbewegungen im Irak und in Syrien.

So wollte Israel die strategischen Zwänge lösen, in denen sich das Land gefangen fühlte. Im Rahmen dieser Doktrin verfolgte Israel mehrere Ziele: das Sammeln geheimdienstlicher Informationen, den Zugang zu Märkten, technologische Zusammenarbeit, diplomatische Unterstützung und Sicherheitspartnerschaften. Es ging aber auch darum, die arabischen Gegner – durch die Unterstützung innerer Widerstandsgruppen – indirekt zu schwächen. Grundlage des gesamten Ansatzes war eine nüchtern-pragmatische Lesart der bestehenden Kräfteverhältnisse.

Das 1978 mit Ägypten geschlossene Camp-David-Abkommen und der Friedensvertrag mit Jordanien von 1994 veränderten die strategische Lage von Grund auf. Ägypten, Israels wichtigster militärischer Gegner, verzichtete auf eine direkte Konfrontation. Im Rahmen der Osloer Verträge erkannte die PLO 1993 Israel an. Darüber hinaus veränderte der Zerfall der Sowjetunion die gesamte Weltlage.

Die neue alte Doktrin der Peripherie

Viele hielten die Doktrin der Peripherie damals für obsolet, was auch damit zu tun hatte, dass man die Hauptgefahr in der Region nun in den nicht­arabischen Staaten sah: in der Islamischen Republik Iran, die sich 1979 mit dem Sturz des Schahs von einem gewichtigen Verbündeten in einen offenen Feind verwandelt hatte, und in der Türkei, mit der sich Israels Beziehungen nach dem Machtantritt Recep Tayyip Erdoğans 2003 dauerhaft verschlechterten.

Für die 2020 unterzeichneten ­Abraham-Abkommen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), Bahrain und Marokko gab es in Israel zwei unterschiedliche Interpretationen. Die einen sahen darin das Ende der Doktrin der Peripherie. Israel müsse die arabische Welt nicht mehr umgehen, es könne sich mit so entscheidenden Staaten wie den VAE und Marokko verständigen. Für die anderen waren die Abkommen vielmehr die Vollendung der Doktrin. Hatte Israel zuvor Verbündete an den Rändern gesucht, sei es nun gelungen, einige dieser Ränder in das diplomatische Zentrum der Region zu verschieben.

Aserbaidschan ist eines der Länder, die in der neuen Perspektive einen besonderen Platz einnehmen. Es ist für Israel gleichermaßen Energiepartner, Rüstungskunde und strategischer Beobachtungsposten an der Grenze zu Iran. Auch das Horn von Afrika, vom Roten Meer bis zur selbst proklamierten – nur von Israel (und Taiwan) anerkannten – Republik Somaliland, gewinnt neue Bedeutung.

Ebenso lässt sich die Annäherung an einige drusische Gruppen etwa in Syrien oder an nichtarabische Minderheiten wie Kurden und Berber als informelle Fortsetzung der Doktrin der Peripherie lesen. Dabei sind nicht immer klar strukturierte Allianzen zu erkennen und auch keine kohärente Strategie, die von einem eindeutig identifizierbaren Zentrum aus gelenkt würde. Es handelt sich vielmehr um ein Bündel aus Kontakten, Gelegenheiten und taktischen Übereinstimmungen.

Eine zentrale Annahme der Doktrin der Peripherie war stets, dass es in einer feindlich gesinnten Umgebung oft besser sei, die gegnerischen Staaten und Allianzen zu spalten, als sie frontal zu bekämpfen. Allerdings sollte man nicht den Fehler begehen, die aktuellen Bruchlinien im Nahen Osten allein als Ergebnis israelischer Einflussnahme zu betrachten. Oft haben die Spaltungsdynamiken in den umliegenden Staaten zuerst innere Gründe: Autoritarismus, Korruption, Repression, soziale Ungleichheit, wirtschaftlicher Niedergang, die Instrumentalisierung konfessioneller Spannungen oder Generationenkonflikte.

Edward Said hat oft daran erinnert, dass die kritische Überprüfung der internen Verantwortlichkeiten eine Bedingung für jede politische Emanzipation sei. Die arabischen Gesellschaften stehen nicht nur deshalb vor großen Problemen, weil Israel es so beschlossen hat. Sie zahlen auch den Preis für ihre eigenen historischen Sackgassen und das Scheitern postkolonialer Staatengebilde. Die konkurrierenden Interventionen regionaler und internationaler Mächte kamen dann noch erschwerend hinzu.

Die aktuelle Gefahr einer Spaltung des Libanon darf man nicht kleinreden. Israel arbeitet schon sehr lange daran, indem es versucht, die Konflikte zwischen den konfessionellen Gemeinschaften zu schüren oder die Gründung eines christlichen Ministaats an seiner Nordgrenze zu fördern. Aber auch die Hisbollah hat einen großen Anteil an dem erneuten „Bruch des Nationalpakts“.3 Er ist wahrscheinlich ebenso schwerwiegend wie der, der 1975 zum Ausbruch eines 15-jährigen Bürgerkriegs führte.

Failed States als ideale Nachbarn

Im Widerstand gegen die israelische Besatzung von 1982 bis 2000 war die Hisbollah der Hauptakteur. Nach dem Rückzug der Israelis erlag die Organisation jedoch ihrer eigenen Hybris und Arroganz. Mit dem wachsenden Druck auf das mit ihr verbündete syrische Assad-Regime hat die Hisbollah im Libanon, wo ihr zahlreiche Morde vorgeworfen werden, eine ebenso brutale Unterdrückungspolitik betrieben wie in Syrien, wohin sie Irans oberster Führer Chamenei beordert hatte, um das ­Assad-Regime gegen die bewaffnete Opposition zu unterstützen.

Wegen ihrer Entscheidung, auf die Ermordung Chameneis mit einer Raketensalve gegen Israel zu reagieren, haben sich auch die letzten christlichen und sunnitischen Unterstützer von der Hisbollah abgewandt, ebenso wie zahlreiche unabhängige Schiiten, die von der einseitigen Entscheidung mit ihren absehbar katastrophalen Folgen schockiert waren.

Auch Syrien ist stark gefährdet. Die Schwäche des Zentralstaats, die Zerstörungen durch den Bürgerkrieg, die massive Binnenflucht und das fortbestehende Misstrauen zwischen verschiedenen religiösen und ethnischen Gruppen haben das Terrain für jede Art von Instrumentalisierung bereitet. Israel macht keinen Hehl aus seiner Verbindung zu einzelnen Drusengruppen und erklärte sich zu ihrer Schutzmacht gegen radikale Sunniten, die von der neuen Regierung von Ahmed al-Scharaa nur schwer im Zaum zu halten sind.

Israels Versuch, in seinen beiden nördlichen Nachbarstaaten Spaltungen zu schüren, birgt ein enormes Risiko. Der Zerfall dieser Staaten würde eine unkontrollierte Verbreitung von Waffen, das Entstehen von Grauzonen entlang ihrer Grenzen, die Stärkung dschihadistischer Gruppen, transna­tio­nalen Schmuggel, erzwungene Migration und eine ständige strategische Unberechenbarkeit zur Folge haben. Ein schwacher Nachbar ist kein Garant für mehr Sicherheit.

Trotz der vermeintlichen Erfolge Israels – diplomatische Normalisierung mit bestimmten Staaten, Schwächung von Hamas und Hisbollah, relative Isolation Irans – bleiben viele Gefahren bestehen: Die Türkei ist unberechenbar, und die Feindseligkeit der Bevölkerung der arabischen Länder, vor allem seit dem genozidalen Krieg gegen Gaza, setzt der offiziellen politischen Annäherung enge Grenzen.

Vor allem aber wird eine regionale Architektur, in der die Palästinafrage unbeantwortet bleibt, keine dauerhafte Befriedung bringen. Strategische Partnerschaften können sich entwickeln, Sicherheitsinteressen partiell übereinstimmen und Handelsbeziehungen zunehmen – aber dieser große Konfliktherd bleibt bestehen.

Dementsprechend kann die ak­tua­lisierte Doktrin der Peripherie Israel dabei helfen, seine diplomatischen Instrumente zu modernisieren, Allianzen zu diversifizieren und seine Handlungsfähigkeit zu vergrößern. Aber sie entbindet das Land nicht davon, eine Lösung für das zentrale Problem zu finden: die Koexistenz von zwei Völkern auf einem umstrittenen Territorium. Dazu muss es Besatzung und Kolonisierung beenden, gleiche nationale Rechte anerkennen und eine für alle akzeptable politische Perspektive schaffen.

In den vergangenen Jahren ist zudem eine Veränderung im israelischen Narrativ ganz deutlich: Es geht nicht mehr nur darum, Israel als „Villa im Dschungel“ darzustellen, wie es der frühere Ministerpräsident Ehud ­Barak formuliert hat, also als moderne, wohlhabende Insel in einer bedrohlichen, gesetzlosen Umgebung. Netanjahus Rhetorik geht einen Schritt weiter: Er setzt die koloniale und orientalistische Logik fort, erklärt aber auch offen: „Wenn du nicht in den Dschungel gehst, kommt der Dschungel zu dir.“4

Damit predigt er eine dauerhafte „Zähmung“ der regionalen Umgebung durch den Einsatz von Gewalt, Tech­nologie und Abschreckung, ohne das hinter dieser blinden Demonstration von Stärke auch nur die Andeutung einer politisch tragfähigen Lösung zu erkennen ist.

1 Gilles Deleuze, „Les gêneurs“, Le Monde, 7. April 1978.

2 Siehe Yossi Alpher, „Periphery: Israel’s Search for ­Middle East Allies“, Lanham (Rowman and Littlefield) 2015; sowie Jean-Loup Samaan, „Israel’s Foreign ­Policy Beyond the Arab World. Engaging the Periphery“, ­London (Routledge) 2018.

3 Als „Nationalpakt“ wird im Libanon eine ungeschriebene Übereinkunft zur Machtteilung zwischen den konfessionellen Gruppen im Zuge der Unabhängigkeit von 1943 bezeichnet.

4 Lazar Berman, „Netanyahu: ‚There is no more ­containment of threats … If you don’t come to the ­jungle, the jungle comes to you’ “, The Times of Israel, 19. Februar 2026.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Karim Émile Bitar ist Inhaber des Georges-Corm-Lehrstuhls für internationale Beziehungen, politische Ökonomie und Ideengeschichte an der Université Saint-Joseph in Beirut und Dozent am Institut d’études ­politiques de Paris.

Le Monde diplomatique vom 07.05.2026, von Karim Émile Bitar