07.05.2026

Die neue Kokain-Route

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Die neue Kokain-Route

Weil der direkte Weg von Südamerika nach Europa stärker kontrolliert wird, ist Westafrika zur Drehscheibe geworden

von Tangi Bihan und Keïsha Corantin

Der Hafen von Bissau HAN XU picture alliance/xinhua
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In den vergangenen Jahren werden immer häufiger vor der Küste Westafrikas Kokaintransporte beschlagnahmt. Im März 2024 konfiszierte die französische Marine – die im Rahmen der Mission „Corymbe“1 dauerhaft in der Region präsent ist – in den internationalen Gewässern des Golfs von Guinea 10,7 Tonnen Koks an Bord eines aus Brasilien kommenden Fischerboots.

Im September 2025 zog sie im selben Gebiet eine Drogenladung von 9,6 Tonnen aus dem Verkehr. 2019 konfiszierten die kapverdischen Behörden auf einem Frachter aus Südamerika, der das marokkanische Tanger ansteuerte, 9,5 Tonnen. Jede der Lieferungen war um die 500 Millionen Euro wert.

Der Kokainschmuggel von Südamerika über Westafrika nach Europa hat sich bereits in den späten 1990er Jahren herausgebildet.2 Doch in den vergangenen Jahren hat sein Umfang explosionsartig zugenommen. Auch wenn die Beschlagnahmungen vielleicht mehr über Zahl und Wirksamkeit der Kontrollen aussagen als über das Schmuggelvolumen, liefern sie dennoch Hinweise auf eine eindeutige Tendenz: Zwischen 2012 und 2018 wurden in Westafrika weniger als 2 Tonnen Kokain pro Jahr entdeckt. Zwischen 2019 und 2025 war es das Zehnfache.3

In dieser lokalen Steigerung wird eine globale Entwicklung deutlich. Noch nie hatte der Kokainschmuggel solche Ausmaße. In Südamerika und vor allem in Kolumbien – dem mit Abstand größten Kokaproduzenten – wächst die Anbaufläche seit rund zehn Jahren kontinuierlich an.

Das globale Potenzial für die Produktion der konsumfertigen Droge lag 2013 unter 900 Tonnen, nachdem es seit Mitte der 2000er Jahre leicht zurückgegangen war. Bis 2023 schnellte es dann auf knapp 4000 Tonnen in die Höhe, was vor allem auf den steigenden weltweiten Konsum zurückzuführen ist.4 Insbesondere auf dem weltgrößten Absatzmarkt Europa wächst die Nachfrage weiterhin.

Noch schneller als der gesamte Warenstrom zwischen Anbau- und Konsumgebieten wächst der Anteil des Kokainhandels, der über Westafrika abgewickelt wird. Nach Expertenmeinung wird mindestens ein Drittel des für Europa bestimmten Kokains durch diese Region geschleust.5 Doch warum hat Westafrika sich überhaupt zu einer so wichtigen Drehscheibe für den Kokain­transit entwickelt?

In einem aktuellen Bericht liefert die NGO Global Initiative Against Transnational Organized Crime (­GI-TOC) mehrere Erklärungen dafür. Eine davon ist, dass die europäischen und lateinamerikanischen Staaten die direkten Schiffsrouten verstärkt kontrollieren. Das zeigt sich an einer deutlichen Zunahme der Beschlagnahmungen (2019 waren es 200 Tonnen, 2023 über 400 Tonnen).

Die Kokainhändler wichen daraufhin auf Routen über Westafrika aus. Dort wurden aufgrund des stetig wachsenden Welthandels mit einem Containeraufkommen, das von 2010 bis 2022 um 57 Prozent gestiegen ist, mehrere große Häfen ausgebaut. Dadurch entstanden auch neue Möglichkeiten, das Kokain zu verstecken.

Die Kontrollkapazitäten hinken hinter den Warenmengen her: Im Schnitt werden nicht einmal 2 Prozent der Container unter die Lupe genommen (was übrigens auch für Europa zutrifft). Hinzu kommt, dass Westafrika, wie es im GI-TOC-Bericht heißt, ein „für den illegalen Handel günstiges Umfeld“ bietet.

Die Drogenbanden bestechen staatliche Bedienstete aller Ränge, von den untersten bis ganz oben, und können so bestens „geschützt“ operieren. Das Fazit von GI-TOC lautet: „Die Routen über Westafrika sind zwar länger als die direkten Seewege, aber sicherer und mit einem geringeren Beschlagnahmungsrisiko verbunden.“

Mit den steigenden Transportmengen werden auch die Vorgehensweisen vielfältiger. Zuvor gelangte das ­Kokain versteckt in Containern mit legaler Ware nach Westafrika. Inzwischen kommen immer häufiger andere Transportmittel zum Einsatz, zum Beispiel Fischereischiffe.

Der Vorteil dabei ist: Das Pulver kann auf hoher See auf viele kleinere Boote umgeladen werden, deren Anlegepunkte sich über die gesamte Küste verteilen – und „Seegrenzen sind sehr schwer zu kontrollieren, zumal für Länder mit begrenzten Budgets und Ressourcen“, wie François Patuel erklärt, der beim UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) die Forschungsstelle für West- und Zentralafrika leitet.

„Manche Länder haben es wegen der rückläufigen Entwicklungshilfen wirtschaftlich schwer; dazu kommt, dass sich Partner, die technische Unterstützung geliefert hatten, zurückgezogen haben. Jetzt kommen diese Länder nur schwer an die Ausrüstung, die sie brauchen, um den Seeverkehr zu überwachen und Drogenschiffe aufzubringen.“

Ist das Kokain erst einmal an Land, kann es anschließend über die großen westafrikanischen Häfen – wiederum versteckt in Containern oder auf etwas kleineren Schiffen – nach Europa geschickt werden.

Auch die Routen werden vielfältiger. Geografisch naheliegend ist der Weg entlang der Küste nach Norden, über die Kapverdischen Inseln oder die Kanaren nach Europa. Es gibt aber neue Routen, die über weiter südlich gelegene Länder am Golf von Guinea oder in Zentralafrika verlaufen.

„Welche Schiffe die Drogenfahnder ins Visier nehmen, weil sie auf ihnen Kokain vermuten, hängt davon ab, wo die Schiffe beladen wurden“, so ­Patuel. „Je mehr Herkunftsländer, desto geringer ist das Risiko, kontrolliert zu ­werden.“

Gegenüber den Staaten haben die Kriminellen den Vorteil, dass sie transnational agieren. Wenn ein Staat anfängt, intensiver zu kontrollieren, weichen die Schmuggler auf andere aus. „Solange kein ganzheitlicher Ansatz entwickelt wird, der Prävention, die Reduzierung des Angebots wie der Nachfrage sowie internationale Zusammenarbeit umfasst, werden sie immer Schlupflöcher finden“, resümiert ­François Patuel.

Und noch etwas verändert sich: Der dramatische Ausbau der Kokainproduktion lockt neue kriminelle Akteure an. Neben den kolumbianischen oder venezolanischen Netzwerken, die seit den 1990er und 2000er Jahren in Afrika präsent sind, mischen inzwischen viele europäische Schmuggler wie die italienische ’Ndrangheta oder die Mafias der Balkanländer mit.

Ihre Bezugsquellen sind oft kolumbianische oder mexikanische Narco­kartelle, oft aber auch die größte kriminelle Vereinigung Brasiliens, das ­Primeiro Comando da Capital (PCC), das sich vor allem in São Paulo und im Hafen von Santos festgesetzt hat.

Santos ist ein Knotenpunkt des weltweiten Kokainschmuggels und das PCC seit den 2010er Jahren der größte Akteur.6 Seit 2016 stammt der Löwenanteil des in Westafrikas Häfen konfiszierten Kokains aus Brasilien.

Lucia Bird, Leiterin der Beobachtungsstelle für illegale Wirtschaft in Westafrika bei GI-TOC, stellt fest: „Die kriminellen Netzwerke in Westafrika wie auch in anderen Teilen der Welt könnten nicht derart große Mengen Kokain umschlagen, wenn sie nicht Komplizen im Staatsapparat hätten. Wir sprechen hier von staatlichen Schutzstrukturen für den Drogenhandel.“ Da das Kokain zum größten Teil auf dem Seeweg befördert wird, sind die Häfen als Schlüsselinfrastrukturen wichtig für die Kartelle, weshalb sie bemüht sind, sich mit Zollbeamten, Polizisten, Armeeoffizieren und Politikern zu verständigen, damit die beide Augen zudrücken.

„In manchen Häfen der Region“, weiß Mouhamadou Kane, Forscher bei GI-TOC, „haben die Zöllner keine Hemmungen, auf das über ihre Infrastruktur umgeschlagene Kokain eine Gebühr zu erheben.“

Ausländischen Banden gelingt es meist mithilfe einheimischer Mittelsmänner, sich die Absicherung durch staatliche Stellen vor Ort zu kaufen. Diese Vermittler spielen auch sonst eine aktive Rolle, indem sie den Drogenschmuggel logistisch koordinieren. Meist sind sie Geschäftsleute in der ­Import-Export-Branche, sie besitzen sowohl eine westafrikanische als auch eine europäische Staatsangehörigkeit und sind mit Kriminellen und Staatsbediensteten bestens vernetzt.

Korruption bis an die Spitze des Staates

Ein solcher Mittelsmann ist Braima Seidi Bá, Staatsbürger von Portugal und von Guinea-Bissau. Er knüpfte von Spanien und Portugal aus Kontakte zu lateinamerikanischen Narcokartellen. 2020 wurde er von einem Gericht in Bissau in Abwesenheit wegen Kokainhandels verurteilt, legte Berufung ein und wurde 2022 freigesprochen. Nur wenige Fälle dieser Art landen vor Gericht; zu einer rechtskräftigen Verurteilung kommt es noch seltener.

Doch es gibt Ausnahmen, die die Regel bestätigen: 2024 wurde der Spanier Miguel Ángel Devesa zu zehn Jahren Haft verurteilt, weil er als Polizist die Seiten gewechselt hatte und in den Drogenhandel eingestiegen war. Im Gerichtssaal schilderte er ganz entspannt, wie der Polizeichef und ein Kommandeur der Marine gegen Geld dafür sorgten, dass ihre Leute sich von den umgeschlagenen Lieferungen bestimmter kolumbianischer Banden fernhielten.

Diese Art der Protektion kann auch von höchsten staatlichen Stellen kommen. Der ebenfalls mehrfach in Abwesenheit verurteilte Niederländer Jos Leijdekkers fand Zuflucht in ­Sierra ­Leone und lebt dort mit einer einheimischen Diplomatin zusammen, die zufällig die Tochter des Staatspräsidenten Julius Maada Bio ist.7 Er steht auch auf gutem Fuß mit einem Verantwortlichen des Hafens von Freetown und dem Chef der Drogenfahndung.

Ans Licht kommen die naturgemäß diskreten Seilschaften nur im Falle eines Regierungswechsels. „In Senegal wurden während der letzten Amtsjahre von Präsident Macky Sall gelegentlich große Mengen Kokain konfisziert“, erzählt Mouhamadou Kane. „Aber die Beschlagnahmungen waren unregelmäßig und beschränkten sich auf den Hafen von Dakar – oder sie fanden auf See statt.“

Ab 2024, nach der Wahl ­Bassirou Diomaye Fayes zum Präsidenten, wurden die Beschlagnahmungen häufiger, „vor allem an den Landgrenzen. Ein groß angelegter Umbau in Verwaltung, Polizei und Armee hatte die Verbindungen der Schmuggelnetzwerke gekappt.“ Die gleiche Entwicklung gab es in Guinea, wo ebenfalls die Beschlagnahmungen nach dem Sturz von Präsident ­Alpha Condé 2021 zunahmen.

Im Fokus der medialen Aufmerksamkeit stand bisher das besonders unruhige Guinea-Bissau, wo der Kokainh­andel unter aktiver Mitwirkung der politischen und militärischen Elite mitunter abenteuerlichste Blüten trieb.

2009 wurde im Zuge von Auseinandersetzungen von Clans, bei denen es unter anderem um Drogen ging, Präsident João Bernardo „Nino“ Vieira ermordet. 2013 ging der Marinestabschef Bubo Na Tchuto Agenten der US-amerikanischen Drogenpolizei (Drug Enforcement Administration, DEA) in die Falle: Sie gaben sich als Mitglieder der FARC (Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens) aus, die ihm angeblich eine Lieferung verkaufen wollten, und verhafteten ihn dann in internationalen Gewässern.

2024 wurde der Sohn von Ex-Präsident (1999–2000 und 2009–2012) ­Malam Bacai Sanhá in den USA wegen des Handels mit Kokain und Heroin verurteilt. Er hatte mit kolumbianischen Banden, der libanesischen Hisbollah und der italienischen ’Ndrangheta zusammengearbeitet.

Nach einhelliger Expertenmeinung betrifft der Drogenhandel allerdings ganz Westafrika und keineswegs nur Guinea-Bissau. In anderen Ländern läuft er nur diskreter ab und wird weniger zum Gegenstand von Machtkämpfen – oder zu deren Waffe.

Auch in Lateinamerika und Europa floriert der Handel mit Kokain dank Korruption, doch in Westafrika ist der Handlungsspielraum der Drogenhändler besonders groß. Denn gegenüber den enormen finanziellen Ressourcen der kriminellen Netzwerke fallen die geringen Mittel der westafrikanischen Staaten, deren Beamte oft schlecht bezahlt werden, sehr viel mehr ins Gewicht. Jede der in jüngster Zeit konfiszierten Lieferungen war, wie oben erwähnt, rund 500 Millionen Euro wert. Zum Vergleich: Der Staatshaushalt von Guinea-Bissau hat ein Volumen von umgerechnet 800 Millionen Euro; in Guinea sind es 5 Milliarden und in Senegal 11 Milliarden.

Der Kokainschmuggel hat zudem eine unerwünschte Nebenwirkung: Handel und Konsum breiten sich auch in den Transitländern aus. Manchmal werden kleine Händler oder Mittelsmänner in Naturalien bezahlt und müssen diese unter die Leute bringen, um sie zu Geld zu machen. Die Möglichkeit, ihre Ware nach Europa zu befördern, haben sie oft nicht, sie verkaufen also vor Ort.

Aus dieser Quelle speist sich auch der lokale Markt für das billige Kokain­derivat Crack. In den vergangenen Jahren sind in Westafrika Cracklabore entstanden – vor allem in Niger und in Senegal. Diese Entwicklung ist nach Ansicht von François Patuel, „eine Bedrohung für das Gesundheitswesen und für die regionale Stabilität“.

1 „Opération Corymbe“, Pressemitteilung des französischen Verteidigungsministeriums, Oktober 2021.

2 Siehe Anne Frintz, „Drogenschleuse Westafrika“, LMd, Februar 2013.

3 Lucia Bird, Kingsley Madueke und Mouhamadou ­Kane, „Marchés de Kokain en Afrique de l’Ouest. ­Cartographie des impacts, des itinéraires, des tendances et des acteurs“, GI-TOC, Genua, März 2026.

4 „World drug report 2025“, UNODC, Wien, 2025.

5 Siehe Anmerkung 3

6 Gabriel Feltran, Isabela Vianna Pinho und Lucia Bird, „Filières atlantiques. Le PCC et le commerce de la ­Kokain entre le Brésil et Westafrika“, GI-TOC, August 2023.

7 Oliver Dunn und Josef Skrdlik, „When a Dutch Drug Kingpin Needed a New Base, Sierra Leone Welcomed Him With Open Arms“, New Lines Magazine, 28. Juli 2025.

Aus dem Französischen von Andreas Bredenfeld

Tangi Bihan ist Journalist; Keïsha Corantin ist Doktorandin in Geografie an der Universität Paris 1 ­Panthéon-Sorbonne.

Le Monde diplomatique vom 07.05.2026, von Tangi Bihan und Keïsha Corantin