Wer unterstützt Reza Pahlavi?
Der Sohn des letzten Schahs dient sich der iranischen Diaspora als künftiger nationaler Führer an. Seine Kampagne stützt sich auf arabische Gelder, vor allem aber auf mediale Betreuung durch die israelische Regierung.
von Armin Ghassim

In normalen Zeiten steht am Eingang zum Großen Basar in Teheran häufig ein alter Mann mit einem Käfig voller Sperlinge, die hinter den Gitterstäben wie wild hin und her hüpfen. Für etwas Kleingeld können Passanten einem der Vögel die Freiheit schenken. Behutsam holt der graubärtige Mann den Glücklichen heraus und lässt ihn fliegen. Dem Basarbesucher soll das Ritual Glück bringen, dem Sperling die Freiheit.
Es fällt schwer, sich Donald Trump und Benjamin Netanjahu in der Rolle des alten Mannes vom Teheraner Basar vorzustellen. Doch die Verzweiflung vieler Iraner:innen war so groß, dass sie deren Aussagen ernst nahmen, die da lauteten: Wenn die USA und Israel mit ihren Bombardements fertig sind, stehen die Menschen in Iran auf und stürzen das Regime. So hieß es jedenfalls zu Beginn des Kriegs Ende Februar.
Mittlerweile behauptet Trump, dass das Regime schon gestürzt sei, weil die Führungsriege getötet wurde. Netanjahu dagegen nährt hin und wieder noch die Hoffnung auf das Ende der Islamischen Republik. Der israelische Premier versichert auffallend häufig seine Wertschätzung der iranischen Geschichte und Kultur. Damit meint er allerdings nur die Bereiche, die ihm passen – nämlich alles, was nichts mit Islam zu tun hat.

Damit spricht Netanjahu gezielt einen Teil der iranischen Bevölkerung an und vor allem auch die Diaspora. Deren Massendemonstrationen mit israelischen und US-amerikanischen Fahnen haben mit dazu beigetragen, dass öffentliche Proteste gegen einen offensichtlich illegalen Angriffskrieg in Europa und den USA auffällig selten waren, vor allem im Vergleich zu den Massendemonstrationen gegen den Irakkrieg 2003.
Vor Beginn des Kriegs in diesem Frühjahr gab es sogar eine breite Mobilisierung der iranischen Diaspora, die für die Angriffe auf ihr Heimatland demonstrierte. Als zentrale Figur dieser Bewegung tritt Reza Pahlavi auf, der ehemalige iranische Kronprinz. Viele Iraner:innen sehnen sich zurück in die Epoche seines Vaters, des letzten Pahlavi-Schahs, der zwar zunehmend autokratisch herrschte, aber fest an der Seite des Westens und für wirtschaftlichen Fortschritt stand.
Deshalb lohnt es sich, den plötzlichen Aufstieg des Pahlavi-Sohns genauer zu betrachten. Bis zu der Protestwelle im Januar 2026 hatte er bei keiner der großen Demonstrationen der vergangenen Jahrzehnte eine bedeutende Rolle gespielt. Für eingeschworene Monarchisten war er schon immer der legitime Nachfolger seines 1980 verstorbenen Vaters. Doch mit der Zeit konnte er seine Anhängerschaft vergrößern, weil er sich immer wieder für eine Demokratie aussprach. Allerdings vermochte er weder in Iran noch außerhalb nennenswerten Einfluss zu gewinnen.
Dann kam die Allianz mit Israel. Im April 2023 besuchte Reza Pahlavi den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu in Jerusalem. Gemeinsam mit ihren Ehefrauen strahlten die beiden in die Kameras. Pahlavi erklärt, sobald die Islamische Republik gestürzt sei, werde die Anerkennung Israels durch Iran erfolgen. Für jemanden, der seinem Land lediglich beim „Übergang zur Demokratie“ behilflich sein will, war das eine ziemlich weitreichende Festlegung.
Die Einladung nach Israel kam von der Ministerin für Geheimdienste Gila Gamliel, die Pahlavi auf seinem Israelbesuch auch betreute.1 Aus Gamliels Ministerium stammt ein Planungspapier, das die „Umsiedlung“ der palästinensischen Bevölkerung in Zeltstädte auf der Sinaihalbinsel vorsah. Gamliel gehörte auch zu den 14 Mitgliedern der Netanjahu-Regierung, die im Juli 2025 die sofortige Annexion des Westjordanlands forderten.
Bei seinem Besuch im April 2023 propagierte Pahlavi ein „strategisches Bündnis“ zwischen Iran und Israel; zum israelischen Vorgehen in Gaza sagte er seither nichts. Spätestens als der ehemalige Thronfolger auch bei den israelischen Angriffen auf Iran im Juni 2025 kein kritisches Wort verlor, war offensichtlich, dass er sich bei den Israelis – für den Fall eines Regimewechsels – als Kandidat für die Führung des neuen Iran andiente.
Tatsächlich berichtet die israelische Zeitung Ha’aretz über aus Israel gesteuerte persischsprachige Onlinekampagnen, die nach dem Zwölftagekrieg für eine verstärkte mediale Präsenz des Kandidaten Pahlavi sorgten.2 Demnach wurden seitdem immer mehr Fakeaccounts und KI-generierte Inhalte über die Person Pahlavi in die Social-Media-Timelines iranischer Nutzer:innen eingespeist.
Spätestens seit dem Zwölftagekrieg schlug sich auch der sehr einflussreiche Nachrichtensender Iran International auf die Seite Pahlavis. Der proisraelische Sender ist so großzügig wie undurchsichtig finanziert. Seit er 2017 in London gegründet wurde, hat er mehr als 500 Millionen Pfund ausgegeben und dabei hunderte Millionen Verlust gemacht. Doch Iran International sendet weiter. The Guardian berichtete über „private“ Spender aus Saudi-Arabien.3 Der Sender ist über Satellit zu empfangen, also auch beim Herunterfahren des Internets in Iran. Allein auf Instagram hat er fast 20 Millionen Follower.
Mit dieser Reichweite propagiert Iran International ganz offen Pahlavis politische Agenda. Der Sender verbreitet zum Beispiel einen QR-Code, über den sich Funktionäre der Islamischen Republik der Opposition anschließen können. Von denen hätten sich bereits 50 000 seinem Lager angeschlossen, behauptete Pahlavi im Juli 2025 gegenüber dem Springer-Medium Politico.
Als Ende Dezember 2025 in Reaktion auf die Wirtschafts- und Währungskrise eine Protestwelle begann, meldeten sich alsbald israelische und US-Akteure zu Wort. Der offizielle persischsprachige Mossad-Account postete am 29. Dezember auf X: „Kommt gemeinsam auf die Straße. Die Zeit ist gekommen. Wir sind für Sie da. Nicht nur aus der Ferne und mit Worten. Sondern wir sind auch vor Ort bei Ihnen.“
Über X schickte der ehemalige US-Außenminister und CIA-Chef Mike Pompeo zum Jahreswechsel 2026 (den es in Iran so nicht gibt) Neujahrswünsche „an alle Iraner auf den Straßen; und an die Mossad-Agenten neben ihnen“. Am 2. Januar postete Trump, dass die USA „zur Hilfe“ kämen, sollte das Regime Demonstranten töten.
Als sich die Proteste ständig ausweiteten, sah auch Pahlavi seine Zeit gekommen und rief für den 8. und 9. Januar zu Straßendemos auf. Iran International verbreitete seine Botschaften wie ein Parteisender. Während in Iran Oppositionelle und Gewerkschaften zu Streiks aufriefen, forderte Pahlavi unbewaffnete Zivilisten zur offenen Konfrontation mit bewaffneten und schussbereiten Regimekräften auf. Im Einklang mit US-Präsident Trump verkündete er, dass „Hilfe unterwegs“ sei. Das Ergebnis war ein Massaker auf offener Straße, das selbst in der Geschichte der Islamischen Republik einmalig ist.
Die Zahl der Toten liegt nach Angaben des Regimes bei 3117; die in den USA ansässige iranische Menschenrechtsorganisation HRANA gibt 7007 an; in den Medien ist von bis zu 40 000 Toten die Rede. Insbesondere Iran International meldete immer höhere Zahlen. Im Gegensatz zu HRANA, die die meisten Toten mit Namen und Ausweisnummern belegte, präsentieren diejenigen, die von zehntausenden Toten sprechen, keine belastbaren Daten. Auch Pahlavi spricht mal von 40 000, mal von 50 000 Toten. Ein deutsch-iranischer Arzt, der gegenüber dem Magazin Time von mindestens 30 000 Toten sprach, arbeitet seit Jahren als Berater für Pahlavi.4 Jede dieser Zahlen ist verbrecherisch hoch. Und es besteht kein Zweifel, dass die Islamische Republik für ihr Überleben über noch mehr Leichen gehen würde. Doch je höhere Todeszahlen aus dem Januar verbreitet werden, desto besser lässt sich dieser Krieg rechtfertigen.
Von den 50 000 Regimedienern, die sich Pahlavi angeblich angeschlossen haben, hörte man derweil nichts mehr. Doch der Einfluss Pahlavis auf die Proteste war unbestreitbar groß – für Iran International aber nicht groß genug: Eine Studie zur Berichterstattung über die Proteste kam zu dem Ergebnis, dass bei 17 Prozent der Protestaktionen, von denen Videos auf Social Media gepostet wurden, ein Bezug zu Pahlavi zu erkennen war, etwa durch Rufen seines Namens oder des Worts „Schah“. Bei Iran International dagegen war dies bei 81 Prozent der veröffentlichten Videos der Fall.5 Für Pahlavi-Anhänger – und für treue Iran-International-Konsumenten in aller Welt – stand damit fest: Der Schahsohn ist der Anführer der Opposition. Wer nicht für ihn ist, ist für das Regime.
In den Wochen nach dem Massaker zogen Exiliraner:innen in Toronto, London oder Berlin mit Pahlavi-Postern durch die Straßen. Häufig hatten sie auch die Flaggen Israels und der USA dabei. Für diese Demonstranten war das Januarmassaker der letzte Beweis dafür, dass die Islamische Republik nur militärisch und mithilfe der USA und Israels beseitigt werden könne. Auf diese Weise stellten sie ausgerechnet Trump und Netanjahu den moralischen Freibrief für einen Krieg aus, den vor allem Netanjahu schon lange angestrebt hatte.
In Deutschland erreichten diese Demonstrationen ihren Höhepunkt am 14. Februar in München – aus Anlass der Sicherheitskonferenz, bei der auch Reza Pahlavi diesmal auftreten durfte, nachdem er 2025 noch ausgeladen worden war. Bei der Kundgebung vor 150 000 Menschen auf der Theresienwiese standen neben Pahlavi prominente rechte Hardliner auf der Rednerliste wie der US-Abgeordnete Lindsey Graham und die italienische Abgeordnete Alessia Ambrosi von der postfaschistischen Partei Fratelli d’Italia. Unter dem Jubel der Massen wiederholte Graham das Versprechen Trumps: „Help is on the way!“
Noch im Februar wurde die Kritik an solchen Veranstaltungen als Rechtfertigung des iranischen Regimes diffamiert. In der Berichterstattung auch deutschiranischer Journalist:innen, wurde nur selten kritisch gefragt, welche Art „Hilfe“ von den USA und Israel gefordert wurde und inwieweit das Ziel Regimewechsel realistisch sei.
Wie es Medienschaffenden ergeht, die Pahlavi kritisch befragen, bekam die CNN-Journalistin Christiane Amanpour zu spüren. Sie wollte in München von ihm wissen, wie er ohne organisierte Basis in Iran einen Umsturz erreichen will oder wie er dazu steht, dass seine Anhänger andere Oppositionelle angreifen, die, wie die Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi, nicht hinter ihm stehen. Nach dem Interview beschimpften wütende Pahlavi-Anhänger Amanpour als „Lobbyistin der Islamischen Republik“, die ihre „Fresse halten“ solle. Schlimmer erging es einem iranischen Dissidenten in Vancouver, der Pahlavis Agenda kritisierte hatte. Masood Masjoody wurde im Februar ermordet, mutmaßlich von zwei Pahlavi-Anhängern.
Von der erhofften Befreiung ist derweil nichts zu spüren. Vor allem, weil sich das System erneut als stabiler erweist als im Westen so häufig angenommen. Dabei hätte man es mit Blick auf die Geschichte der Islamischen Republik besser wissen können.
Wenn Trump sich stolz zugutehält, die Führung des Regimes liquidiert zu haben, denkt er offenbar, dass der Tod für die iranischen Führer eine Niederlage bedeute. Das Gegenteil ist der Fall: Der greise Ajatollah Chamenei hätte keinen besseren Tod haben können als den durch die Hand der Erzfeinde Israel und USA.
Krieg und „Märtyrertum“ dienten der Islamischen Republik schon immer dazu, ihre Macht zu festigen. Für sie ist der Angriff der USA und Israels die ultimative Bestätigung ihrer Ideologie. Den kann sie – ungeachtet der individuellen Ausschaltung von Führungspersonen – als System durchaus überleben. Schon das wird das Regime als großen Sieg feiern, wird Straßen nach den Märtyrern benennen und „Verräter“ abstrafen. Damit wird man viele, vor allem junge Iranerinnen und Iraner, nicht zurückgewinnen. Doch die Loyalität der Anhänger der Islamischen Republik wird durch den Angriff der Erzfeinde und die entschlossene Reaktion des Regimes nur noch weiter gefestigt. Und diese loyale Basis ist stark genug, um jeden möglichen Aufstand im Land zu unterdrücken.
Die Figur Reza Pahlavi und der Name seiner Dynastie hingegen könnten stark beschädigt werden. Denn selbst nachdem Trump die „Auslöschung der iranischen Zivilisation“ angekündigt hatte, forderte ihn Pahlavi auf, „den Job zu Ende zu bringen“. Bis heute hat er den Familien der mindestens 100 Schulkinder aus Minab, die am ersten Kriegstag durch US-Bomben getötet wurden, nicht sein Beileid ausgesprochen. Im Gegensatz zu den Familien der ersten drei getöteten US-Soldaten, denen er umgehend kondolierte.
Falls es mit dem Regimewechsel nicht klappen sollte, hat sich Netanjahu bereits selbst von jeder Schuld freigesprochen. Schon am 12. März kommentierte er in der Times of Israel das Ausbleiben von Protesten in Iran mit dem zynischen Spruch: „Man kann Menschen zeigen, wo das Wasser ist, aber man kann sie nicht zum Trinken zwingen.“ Letztlich sei ein Regime „nur von innen zu stürzen“.
Es liegt also nicht an den Befreiern, sondern an der iranischen Bevölkerung. Übrigens ist auch die Befreiung vor dem Großen Basar in Teheran eine gekonnte Täuschung. Der gütige alte Mann fängt die frei gekauften Sperlinge im nahen Park jedes Mal wieder ein, um sie gutgläubigen Passanten erneut als Glücksbringer anzudienen.
1 Siehe Ha’aretz, 19. April 2023.
4 Siehe Iran Journal vom 13. März 2026.
Armin Ghassim ist Journalist.
© LMd, Berlin


