Vereinte Grüne Insel?
In Nordirland bekommen zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum die Befürworter einer Vereinigung immer mehr Zulauf – aber auch rechtsextreme British-Empire-Nostalgiker sind im Aufwind.
von Cédric Gouverneur

Die Silhouette des Cave Hill im Norden von Belfast sieht aus wie das Gesicht eines schlafenden Riesen. Er soll den irischen Schriftsteller Jonathan Swift (1667–1745) zur Figur des Gulliver inspiriert haben. Das kolossale Profil ist am besten von den Waterworks aus zu erkennen, einem Naturschutzgebiet, wo während der „Troubles“, des Bürgerkriegs zwischen protestantischen Unionisten und katholischen Republikanern (1968–1998), niemand außer Schwänen und Stelzvögeln unterwegs war.
John Finucane, Sinn-Féin-Abgeordneter aus Belfast North, ist in der Nähe der Waterworks aufgewachsen. „Das war richtig gefährlich“, erzählt er, „man konnte dort umgebracht werden.“ Heute spazieren und joggen hier ganz selbstverständlich Katholiken wie Protestanten. Finucane ist ein Überlebender. Am Abend des 12. Februar 1989 saß seine Familie gerade beim Abendessen, als ein Kommando der Ulster Defence Association (UDA) die Haustür aufbrach. Sein Vater Patrick, der als Anwalt unter anderem IRA-Mitglieder vertrat, wurde vor den Augen seiner Frau und der drei gemeinsamen Kinder mit 14 Kugeln ermordet. John Finucane war damals acht Jahre alt.
Die Familie kämpfte jahrzehntelang um die vollständige Aufklärung der Tat. Erst 2003 kam eine polizeiinterne Untersuchung zu dem Ergebnis, dass es geheime Absprachen zwischen den UDA-Mördern und der nordirischen Polizei gegeben hatte.1 Die damalige Royal Ulster Constabulary (RUC), die seit ihrer Gründung 1922 vorwiegend Protestanten beschäftigte, wurde 2001 vom Police Service of Northern Ireland (PSNI) abgelöst und umfassend reformiert.
Nach einer weiteren Untersuchung entschuldigte sich der britische Premierminister David Cameron am 12. Dezember 2012 in einer offiziellen Stellungnahme bei den Finucanes. Weitere zwölf Jahre später, am 11. September 2024, verkündete der Staatssekretär für Nordirland, Labour-Politiker Hilary Benn, dass umfassende Ermittlungen in dem Fall eingeleitet würden.
„Solche geheimen Absprachen hatten System, es ging darum, Menschen wie meinen Vater auszuschalten“, sagt John Finucane. So wurde 1999 auch die Anwältin Rosemary Nelson ermordet – nur weil sie Anwohner der Garvaghy Road in Portadown vertrat, die sich gegen Märsche des radikalen Oranierordens durchs Viertel wehrten.
Bevor er in die Politik ging, arbeitete John wie sein Vater als Anwalt. In seinem Wahlkreis Belfast North liegen mit New Lodge und Ardoyne einige der am härtesten von den Troubles betroffenen Viertel. Fast 30 Jahre nach dem sogenannten Karfreitagsabkommen vom 10. April 1998 – dem Friedensschluss zwischen der Republik Irland, Großbritannien und Nordirland sowie den nordirischen Parteien – sind katholische und protestantische Viertel immer noch durch Mauern und hohe Zäune getrennt. Der Alexandra Park ist sogar in zwei Hälften unterteilt.
„Diese Mauern stammen zum größten Teil aus dem Jahr 1969. Sie sind inzwischen doppelt so alt wie die Berliner Mauer, als sie 1989 niedergerissen wurde“, bemerkt bitter der Belfaster Schriftsteller Glenn Patterson, „geborener Protestant, Antimonarchist und verheiratet mit einer Irin aus Cork“. Auf beiden Seiten rechtfertigen die Anwohner die sogenannten Friedensmauern (Peace Walls) mit nahezu denselben Worten: Es ist besser für alle. Und: Es ist sicherer.

Immer noch Zäune und Mauern in Belfast
In Belfast West trennt ein hoher Zaun die Viertel Falls Road (katholisch-republikanisch) und Shankill Road (protestantisch-loyalistisch). Nachts werden die Türen im Zaun von der Polizei abgeschlossen. Auf beiden Seiten wird auf etlichen Mauern und Hauswänden mit großflächigen Malereien den Kampfverbänden des Bürgerkriegs gehuldigt – auf der einen der IRA (Irish Republican Army) und INLA (Irish National Liberation Army), auf der anderen der UDA und UVF (Ulster Volunteer Force). Auch die Motive der Murals, Sticker und Graffitis zeugen von den ideologischen Gräben: auf der Falls-Seite antirassistische Slogans, Nelson-Mandela-Porträts und Solidaritätsadressen an Kurden und Palästinenser; auf der Shankill-Seite xenophobe Sprüche, Porträts der britischen Königsfamilie und Bekenntnisse zur britischen Armee und zu Israel beziehungsweise Benjamin Netanjahu.
Beide Lager glorifizieren die Vergangenheit. Die Loyalisten feiern die Schlacht am Boyne, als Wilhelm von Oranien 1690 den gestürzten Stuart-König Jakob II. besiegte. Und die Sinn-Féin-Anhängerschaft erinnert jedes Jahr an den Osteraufstand in Dublin (Easter Rising) gegen die britische Kolonialmacht und an die Ausrufung der Republik am Ostermontag, dem 24. April 1916. Mit Mahnmalen, kleinen Museen und privat organisierten Ausstellungen huldigen beide Lager ihren Märtyrern. Über die Verbrechen, die in ihrem Namen begangen wurden, wird jedoch meist geschwiegen.
„Das Friedensabkommen konnte von allen als Sieg interpretiert werden“, meint Glenn Patterson. „So sah sich jedes Lager bestätigt und musste sich nicht hinterfragen. Und diese einseitigen Erzählungen werden den nachfolgenden Generationen als Wahrheit aufgetischt.“
Zugleich gibt es unübersehbare Zeichen einer Befriedung: Der loyalistische Pub The Rex Bar auf der Shankill Road hat heute eine Terrasse – undenkbar während des Bürgerkriegs, wo alle Bars, die mit paramilitärischen Gruppen sympathisierten, angegriffen wurden. Auch vor dem Felons Club auf der Falls Road, der früher einem Bunker glich, kann man draußen sitzen. Im Grunde sei allen klar, dass „eine Rückkehr zur Gewalt nichts bringt“, sagt Duncan Morrow, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Ulster.
Während noch in den 2000er Jahren regelmäßig Terroropfer zu beklagen waren, ist die Gewalt deutlich zurückgegangen, wie John Nagle, Soziologiedozent an der Queen’s University Belfast (QUB) bestätigt. „Die Befürworter von Gewalt auf beiden Seiten bestimmen nicht mehr die Auseinandersetzung.“ Die findet heute auf dem Feld der Politik statt: zwischen den Parteien Sinn Féin und der ultrakonservativen Democratic Unionist Party (DUP). Seit 2007 teilen sich die beiden die Macht in Stormont Castle, Sitz der nordirischen Regierung. First Minister ist seit Februar 2024 Michelle O’Neill (Sinn Féin), deren Vater bei der IRA war. Ihre Stellvertreterin Emma Little-Pengelly (DUP) ist Tochter eines einstigen Kämpfers der Ulster Resistance.
Es fahren auch keine Panzer mehr durch Belfasts Arbeiterviertel. Stattdessen flanieren Touristen durch die Straßen, fotografieren die Wandmalereien und lassen sich von Stadtführern, darunter auch ehemaligen Angehörigen paramilitärischer Organisationen, deren Version der Geschichte erzählen.
„Wir teilen die Vergangenheit, aber eben nicht dieselbe Erinnerung“, erklärt Karen Logan, Kuratorin der Dauerausstellung „The Troubles and Beyond“, die seit 2018 im staatlichen Ulster Museum zu sehen ist. Hier bemüht man sich um eine multiperspektivische Darstellung des Bürgerkriegs, archiviert Zeitzeugenberichte und stellt persönliche Erinnerungsstücke aus, die Bürger:innen übergeben haben. In einer Vitrine liegt etwa ein Tamburin mit dem Porträt des IRA-Aktivisten Bobby Sands (1954–1981), der in Haft in den Hungerstreik trat und starb; dahinter hängt ein unionistisches Plakat: „The murderers have a choice. Their victims had none.“ („Die Mörder haben eine Wahl. Ihre Opfer hatten keine.“)
Erstmals mehr Katholiken als Protestanten
Auf den ersten Blick wirkt Nordirland wie erstarrt in seiner konfliktreichen Vergangenheit. Doch es bewegt sich schon etwas. Beispielsweise war der Wahlkreis Belfast North eine traditionelle Hochburg der Unionisten. Als John Finucane ihn bei den britischen Unterhauswahlen 2019 mit 47,1 Prozent der Stimmen gewann, stach er den stellvertretenden DUP-Vorsitzenden Nigel Dodds aus, der ununterbrochen seit 2001 für Belfast North im House of Commons gesessen hatte.
Inzwischen ist es nicht mehr undenkbar, dass sich das politische Konstrukt Nordirland auflöst, das nach dem Unabhängigkeitskrieg 1921 beim Vereinigten Königreich verblieb, um die Herrschaft der probritischen, protestantischen Bevölkerung zu sichern. 2024 wurde Finucane mit über 40 Prozent der Stimmen wiedergewählt, der DUP-Kandidat kam lediglich auf 29,8 Prozent. Die Niederlage der DUP in Belfast North hängt nicht zuletzt mit dem relativen Rückgang der protestantischen Bevölkerung in diesem Wahlkreis zusammen, der sich laut dem Zensus von 2011 abzeichnete.2
Die Menschen, die noch nicht so lange in Belfast leben, sind meist Brit:innen mit indischen oder nigerianischen Wurzeln; sie haben den Bürgerkrieg nicht miterlebt und wählen unabhängig von historisch gewachsenen Loyalitäten tendenziell eher links als rechts. Zudem war Nigel Dodds einer der Architekten des in Nordirland höchst unpopulären Brexits.
Beim Referendum vom 23. Juni 2016 hatten entgegen der Empfehlung der meisten unionistischen Parteien 56 Prozent der Bevölkerung in Nordirland gegen den Brexit gestimmt. Die Unionisten seien traditionell Brüssel-Skeptiker, erklärt der Soziologe John Nagle. Sie behaupteten, Brüssel habe Nordirlands Beziehungen zu Großbritannien geschwächt, weil es insgeheim für eine Wiedervereinigung Irlands sei. Für den Politikwissenschaftler Richard English, der wie Nagle an der QUB lehrt, sind die Unionisten verbohrte Nostalgiker des British Empire: „Manche haben nur für den Brexit gestimmt, weil Sinn Féin dagegen war! Sie hatten gar keine Vorstellung davon, welche Folgen der EU-Austritt für den Landesteil haben würde.“
Auch in London habe die Nordirlandfrage keine Rolle gespielt, erklärt Nagle. Dort habe sich die Brexitdebatte vor allem um das Thema Migration gedreht. Nach dem Referendum musste London irgendwie eine Regelung für die Grenze zwischen Großbritannien und dem EU-Mitglied Irland finden. Die Wiedereinführung einer harten inneririschen Grenze wie während des Bürgerkriegs, als es hier regelmäßig zu blutigen Zusammenstößen zwischen der britischen Armee und der IRA kam, wäre nicht infrage gekommen. Die offene Grenze ohne Kontrollen galt als eine der großen Errungenschaften des Karfreitagsabkommens.
Am 24. Januar 2020 unterzeichneten London und Brüssel das Nordirland-Protokoll (NIP), das am 1. Januar 2021 in Kraft trat. Nordirland ist dadurch faktisch Teil des EU-Binnenmarkts mit Kontrollen an Zollhäfen für Waren aus Großbritannien. „Die Unionisten bekamen nicht den Brexit, den sie sich gewünscht hatten“, konstatiert Richard English. „Im Gegenteil, der Brexit entfernte Nordirland eher weiter vom Königreich. Das ist eine bittere Pille für die Unionisten.“ Zu Beginn der Umsetzung des NIP 2021 bekam das Zollpersonal in den Häfen von Belfast und Larne sogar Morddrohungen.3
Die neue EU-Außengrenze in der Irischen See hat den Warenverkehr zwischen Großbritannien und Nordirland komplizierter gemacht. Man leide noch immer unter den Folgen des Brexits, klagt Roger Pollen, Chef des Kleinunternehmerverbands (Federation of Small Businesses, FSB). Allein die Kartoffelfrage: „Es gab keine Kartoffeln mehr für Fish and Chips. Die Sorten, die bei uns angebaut werden, sind nämlich viel zu mehlig. Ich überlasse es Ihnen, sich auszumalen, was ein Kartoffelmangel hierzulande für eine symbolische Bedeutung hat“, seufzt Pollen und spielt damit auf die Große Hungersnot in Irland (1846–1851) an, die durch Kartoffelfäule ausgelöst wurde. Kartoffeln waren damals das Hauptnahrungsmittel in der britischen Kolonie, weil das Getreide nach England verschifft wurde.
Um den Streit über das NIP und die komplizierten Warenkontrollen zwischen Großbritannien und Nordirland beizulegen, schlossen die EU und Großbritannien am 27. Februar 2023 das sogenannte Windsor-Abkommen (Windsor Framework), das am 24. März 2023 formell verabschiedet wurde. Auf britischen Produkten, die nur in Nordirland verkauft und nicht in die Republik Irland exportiert werden dürfen, steht jetzt „NOT FOR EU“.
Laut Pollen hat sich die Lage noch verschlechtert: „Ein Drittel der befragten Unternehmen in Großbritannien hat seine Geschäftsbeziehungen mit Nordirland mittlerweile eingestellt! Zu teuer und zu kompliziert für einen zu kleinen Markt mit nur 1,9 Millionen potenziellen Konsumenten.“ Für einen englischen Exporteur sei es inzwischen „einfacher, seine Produkte in Australien abzusetzen als in Belfast“.
Die Probleme waren vorauszusehen, dennoch waren die meisten Unionisten für den Brexit. Laut Katy Hayward, Professorin für politische Soziologie an der QUB, stimmten für den EU-Austritt 75 Prozent der DUP-Wähler:innen, 90 Prozent der Wähler:innen der rechtsextremen Traditional Unionist Voice (TUV) und 57 Prozent der Wähler:innen der konservativen Ulster Unionist Party (UUP), die sich als einzige Unionistenpartei gegen den Brexit aussprach.
Etwa 80 Prozent der Wähler:innen von Sinn Féin, Social Democratic and Labour Party (SDLP) und der liberalen interkonfessionellen Alliance Party of Northern Ireland stimmten wiederum für „Remain“ (den Verbleib in der EU). Laut Hayward haben die Unionisten einfach nicht damit gerechnet, dass Nordirland in der EU-Zollunion bleiben würde. Heute fühlten sie sich von London verraten. „Manche glauben, Dublin würde Brüssel manipulieren, um die Teilung Irlands zu beenden.“
Auf der Shankill Road erklärt der 45-jährige Taxifahrer Robert4 , warum er 2016 für den Brexit gestimmt hat: „Die Wirtschaft ist nicht so wichtig. Wir müssen unsere Kultur und Identität schützen. Der Brexit hätte die Einwanderung aufhalten sollen, stattdessen fahren immer mehr Boote los! Die Migranten bekommen innerhalb von einem Tag einen Arzttermin, ich muss einen Monat darauf warten. Die kriegen auch alles bezahlt, von unseren Steuergeldern.“
Die vor allem unter rechten Loyalisten verbreitete Xenophobie speist sich womöglich auch aus der jahrzehntelangen Tradition der Diskriminierung der katholischen Minderheit; vor allem zwischen 1921 und 1972 wurden Katholik:innen beim Zugang zu Arbeitsplätzen, Wohnungen und Wahlen systematisch benachteiligt.
Im Juni 2025 kam es zu Ausschreitungen gegen die mehrheitlich rumänischen Migrant:innen in der Stadt Ballymena, eine Autostunde von Belfast entfernt. Dutzende Wohnungen wurden geplündert und teilweise in Brand gesetzt. Die Menschen mussten aus ihren Häusern fliehen. Im Viertel Clonavon Terrace sind die zerstörten Gebäude noch zu sehen. In vielen Fenstern hängen der Union Jack, die Ulsterfahne mit der roten Hand oder das Schild „Locals live here“ („Hier leben Einheimische“), was vermutlich vor fanatisierten Angreifern schützen soll.
Die Menschen, die wir auf der Straße ansprechen, wollen auf keinen Fall Fragen beantworten. Nur Ann, eine junge Kellnerin, sagt im Vorbeigehen: „Migranten haben ein Mädchen attackiert, und das hat sich gerächt.“ Offenbar hatte die Verhaftung zweier rumänischer Jugendlicher wegen mutmaßlicher sexueller Übergriffe die Ausschreitungen ausgelöst.
Manchmal bekommen die paramilitärischen Loyalisten sogar Unterstützung aus der Republik Irland. Bei den gewalttätigen Ausschreitungen im August 2024 im Belfaster Viertel Sandy Row marschierten Rechtsextreme und Rassisten aus beiden Teilen der Insel mit dem Union Jack und der irischen Flagge durch die Straßen der UDA-Hochburg.
Jack Gibson, ein junger Abgeordneter von Alliance im nordirischen Parlament, schimpft über die „rassistischen und irrationalen“ Krawalle, „die durch Fake News in den sozialen Medien befeuert werden. Manche Unternehmen haben Personalmangel, vor allem in der Nahrungsmittelbranche. Wie überall auf der Welt machen auch in Ballymena Migranten die Jobs, für die sich die Einheimischen zu gut sind. Dabei verdankt die Stadt ihren Wohlstand auch den Migranten.“
Die 1970 gegründete Alliance dümpelte lange Zeit bei etwa 5 Prozent – bis die Folgen des Brexits die Zustimmungsraten in die Höhe trieben: „Der Teil der Menschen, die nicht mehr in die orange oder grüne Schublade gesteckt werden wollen, wächst. Sie wollen einfach an einem Ort leben, wo Wirtschaft und öffentliche Dienstleistungen funktionieren“, sagt Gibson.
Die Traditional Unionist Voice (TUV) ist eine weitere Partei im Aufwind. Wir treffen uns mit Dan Boucher in einem Café in Ballymena, nicht weit weg von den niedergebrannten Häusern. Eigentlich stammt Boucher aus Wales, wo er Mitglied der Tories war. Als er nach Nordirland übersiedelte, trat er zuerst der DUP bei. Heute berät er den TUV-Abgeordneten Jim Allister, der früher ebenfalls bei der DUP war. Nach der Bildung der Allparteienregierung zwischen Sinn Féin und DUP unter dem Parteigründer und langjährigen Vorsitzenden Ian Paisley (1926–2014) verließ Allister 2007 aus Protest die DUP und gründete die TUV.
Die Wählerschaft der nordirischen Unionisten ist in den letzten Jahren immer weiter nach rechts gerückt – zuerst auf Kosten der seit 1921 dominierenden Unionist Ulster Party (UUP), die schon 1905 gegründet wurde. Um die Jahrtausendwende wurde sie von Paisleys DUP als stärkste rechte Partei abgelöst; neuerdings wächst der Stimmenanteil der TUV auf Kosten der DUP.
Bei den britischen Unterhauswahlen von 2024 gewann Jim Allister den Wahlkreis Antrim North, zu dem auch Ballymena gehört. Sein Wahlsieg traf die DUP hart, denn Allisters Rivale war just Ian Paisley Jr, der Sohn des DUP-Gründers. Er hatte den Wahlkreis 2010 von seinem Vater übernommen, der sein Mandat seit 1970 innegehabt hatte.
Die TUV war in einem Bündnis mit der rechtsextremen britischen Partei Reform UK angetreten. Boucher war in Belfast South und Mid Down nicht so erfolgreich wie Allister; er bekam nur 5,1 Prozent der Stimmen; deutliche Siegerin wurde mit 49,1 Prozent Claire Hanna von der SDLP.
Als wir Boucher auf die Unruhen in Ballymena ansprechen, scheint er seine Worte vorsichtig abzuwägen: „Das Stadtbild hat sich aufgrund der starken Konzentration von Einwanderern enorm verändert. Das schafft ein Gefühl der Unsicherheit. Die Leute hier fühlen sich in ihrer Identität bedroht.“ Sein Thema ist vor allem der Brexit, mit dem man „die Kontrolle zurückgewinnen“ habe wollen: „Niemand hat für einen halben Brexit gestimmt, bei dem Ulster, ein Teil des Vereinigten Königreichs, in der EU bleibt.“ Boucher unterstellt Premier Keir Starmer, er arbeite auf eine Rückkehr Großbritanniens in die EU hin. Er will den Wahlsieg seiner Partei, um „endlich einen vollständigen Brexit“ zu erreichen.
Laut der Soziologin Hayward profitiert die TUV tatsächlich „von den Problemen mit dem Windsor-Abkommen und den Ängsten der Unionisten vor Einwanderern und vor der Wiedervereinigung Irlands. Die TUV treibt die DUP vor sich her, ganz gleich, was diese unternimmt. Genauso geht es den britischen Konservativen mit Reform UK.“
Im Februar 2022 verließ die DUP aus Protest gegen die Regelungen des NIP die Regierung in Belfast. „In dieser Situation, als die Regierungsinstitutionen gelähmt waren, verzeichneten die Meinungsumfragen ein neu erwachtes Interesse an der Einheit Irlands“, berichtet die Soziologin. „Die DUP ist deshalb Anfang 2024 wieder in die gemeinsame Regierung mit der Sinn Féin zurückgekehrt. Aber seitdem ist auch die Unterstützung für die TUV weitergewachsen.“Im Friedensabkommen von 1998 wird das Selbstbestimmungsrecht der nordirischen Bevölkerung anerkannt. Demnach muss der britische Staatssekretär für Nordirland eine Volksabstimmung abhalten lassen, sobald sich abzeichnet, dass eine Mehrheit der Bevölkerung für die Einheit Irlands eintritt. Laut der Volkszählung von 2021 leben erstmals weniger Menschen mit protestantischem als mit katholischem Hintergrund in Nordirland: 43,5 gegenüber 45,7 Prozent, rund 10 Prozent bekannten sich zu gar keiner Konfession.5
Die jüngeren Jahrgänge sind mehrheitlich katholisch, die älteren mehrheitlich protestantisch. Nach dem Brexit hat die Aussicht auf eine Wiedervereinigung deutlich an Attraktivität gewonnen, sogar unter protestantischen Nordir:innen: In einer Umfrage vom Oktober 2024 befürwortete erstmals weniger als die Hälfte (48,6 Prozent) der Befragten die Union mit Großbritannien.6
„Nordirland wurde gegen den Willen der Mehrheit seiner Bevölkerung aus der Europäischen Union gerissen“, meint Colin Harvey, Juraprofessor an der QUB und Mitglied der Bewegung Ireland’s Future, die nach dem Brexit in Dublin gegründet wurde, um die Wiedervereinigung voranzutreiben. „Die Mitgliedschaft der gesamten Insel in der EU war ein Schlüssel des Friedensabkommens. Und der Abstand wird sich im Laufe der Zeit noch vergrößern: Das Vereinigte Königreich wird seinen eigenen Weg verfolgen, der sich immer mehr von dem der 27 EU-Länder entfernt. Und die Republik Irland ist inzwischen ein wohlhabendes Land.“
Für Harvey ist deshalb die Wiedervereinigung die Lösung aller Probleme. Aber natürlich sollen sich auch die Unionisten im vereinigten Irland willkommen fühlen. Er ist fest davon überzeugt, dass das möglich ist: „Wir sind eine Post-Konflikt-Gesellschaft, in der niemand die Fehler der Vergangenheit wiederholen möchte.“
Séanna Walsh war derjenige, der am 28. Juli 2005 in der BBC die Pressemitteilung verlas, mit der die IRA das Ende ihres bewaffneten Kampfs verkündete und erklärte, ihre politischen Ziele fortan auf friedlichem Weg zu verfolgen. Heute sitzt der Ex-IRA-Kommandant im Stadtrat von Belfast und ist optimistisch: „Die unionistische Gemeinschaft wird per Volksabstimmung selbst entscheiden, ob sie im sogenannten Vereinigten Königreich bleiben will, einem Land, das als neuer kranker Mann Europas gilt – oder mit einem vereinigten Irland in die Europäische Union zurückkehren möchte.“
Pat Sheehan, ebenfalls Sinn-Féin-Abgeordneter im Belfaster Stadtrat und Ex-IRA-Mitglied, erwartet ein Referendum über die irische Einheit noch „vor Ende dieses Jahrzehnts“. Es müsse allerdings sehr gut vorbereitet werden, warnt er. Die Lügerei wie im Vorfeld der Brexit-Abstimmung 2016 sei absolut indiskutabel: „Die Menschen müssen gut informiert sein und genau wissen, worüber sie abstimmen. Alle Punkte müssen vorab besprochen werden, auch der Schutz der kulturellen Traditionen der Protestanten.“
Manche Protestanten betrachten die irische Einheit inzwischen ebenfalls als „unausweichlich“, etwa Wallace Thompson, einer der DUP-Gründer, der am 10. Mai 2024 in der BBC erklärte: „Die Union wurde durch den Brexit beschädigt und kann nicht wiederhergestellt werden.“
Für den Schriftsteller Glenn Patterson ist der Fall klar: „Wenn das Referendum mit ‚Nein‘ endet, muss das Volk laut Friedensabkommen sieben Jahre später erneut befragt werden. Und dann wieder sieben Jahre später. Eines Tages wird das Ergebnis ‚Ja‘ lauten, das ist Mathematik und unausweichlich.“ Er fragt sich allerdings, ob auch „die Leute in Dublin“ schon dazu bereit seien, die Unionisten aus dem Norden aufzunehmen, samt Fahne und Nationalhymne.
Davy Adams, der als junger Mann bei der UDA mitgemacht hatte, gehörte zu den Unterhändlern des Waffenstillstands von 1994 und des darauffolgenden Friedensabkommens. Er arbeitet inzwischen in Afrika für eine humanitäre Organisation und bezeichnet seine paramilitärische Vergangenheit als „bedauerliche jugendliche Verirrung“.
2024 nahm er an einer Konferenz von Ireland’s Future teil. Er ist nicht ganz so optimistisch wie Harvey. Es gebe zwar genug Leute, die guten Willens seien, aber manche versteiften sich zu sehr auf das Ziel Wiedervereinigung. Diese Leute interessierten sich auch nicht dafür, wie die nordirischen Protestanten damit klarkommen. „Sie sagen, die könnten ja auch woanders hingehen. Aber Achtung: So ein irischer Nationalismus ähnelt dem englischen Nationalismus, der zum Brexit geführt hat.“ Irland werde nur seinen inneren Frieden finden, wenn es sich auf einen großen Versöhnungsprozess einlasse.
3 Siehe Daniel Finn, „Nordirlands Unionisten und der Brexit“, LMd, Juli 2021.
4 Personen, die nur mit Vornamen genannt werden, wollten anonym bleiben.
Aus dem Französischen von Sabine Jainski
Cédric Gouverneur ist Journalist.
Was wann geschah
24.–29. April 1916 Osteraufstand gegen das britische Kolonialregime mit der Proklamation der Irischen Republik. Die IRA entsteht als Zusammenschluss mehrerer bewaffneter Gruppen. Der Aufstand wird niedergeschlagen, gilt aber als Auslöser der Unabhängigkeit Irlands.
1922–1937 Irischer Freistaat im British Empire. Sechs Grafschaften in Nordirland bleiben Teil des Vereinigten Königreichs. Die Regierung in Belfast wird vom Oranierorden dominiert, einer reaktionären Vereinigung, die Ende des 18. Jahrhunderts gegründet wurde, um die protestantische Vorherrschaft zu sichern.
18. April 1949 Austritt der Republik Irland aus dem Commonwealth. London garantiert die Zugehörigkeit Nordirlands zum Vereinigten Königreich.
1966–1967 Beginn des Nordirlandkonflikts („Troubles“). Gründung der loyalistischen Miliz Ulster Volunteer Force (UVF) und der gewaltlosen Bürgerrechtsinitiative Northern Ireland Civil Rights Association (NICRA), die gleiche Rechte für die katholische Minderheit fordert.
1969–1971 Abspaltung der Provisional Irish Republican Army (P-IRA) für den bewaffneten Kampf zur Wiedervereinigung Irlands. Die Loyalisten verstärken ihre paramilitärischen Strukturen mit der Gründung der Ulster Defence Association (UDA).
30. Januar 1972 Bloody Sunday in Londonderry (Derry): Britische Fallschirmjäger schießen auf eine friedliche Bürgerrechtsdemonstration, töten 13 Menschen und verletzen 14 weitere. Das Ereignis verschärft den Nordirlandkonflikt und stärkt die IRA. Die britische Regierung löst das Parlament in Belfast auf und stellt Nordirland unter britische Verwaltung (Direct Rule).
10. April 1998 Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens (Good Friday Agreement), das die Selbstverwaltung Nordirlands wiederherstellt und eine gemeinsame Regierung aus Republikanern und Unionisten vorsieht.
28. Juli 2005 Die IRA beendet ihren bewaffneten Kampf.
8. Mai 2007 Bildung der ersten gemeinsamen Regierung aus Unionisten und Republikanern mit Ian Paisley (DUP) als First Minister und Martin McGuinness (Sinn Féin) als Stellvertreter.
21. März 2021 Laut Volkszählung übertrifft der katholische Anteil der Bevölkerung (45,7 Prozent) erstmals den protestantischen (43,5 Prozent).


