Öl und Gas auf Vorrat
von Eva Thiébaud

Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA) schlug Alarm: „Der Krieg im Nahen Osten verursacht die größte Versorgungskrise in der Geschichte des globalen Ölmarkts“, erklärte Fatih Birol am 16. März. Zugleich kündigte er an, die IEA werde Teile der strategischen Ölreserven ihrer Mitgliedsländer freigeben.1
Weltweit werden täglich rund 100 Millionen Barrel Rohöl verbraucht. Jetzt sollen 400 Millionen Barrel (22 Prozent der strategischen Reserve von 1,85 Milliarden Barrel) auf den Markt kommen. Seit Gründung der IEA im Jahr 1974 wurde noch nie eine so große Menge freigegeben.
Seit Beginn des Irankriegs ist der kommerzielle Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus um mehr als 95 Prozent eingebrochen. Iran hat diesen Schifffahrtsweg als Antwort auf die US-israelische Aggression vollends abgeriegelt. Aufgrund dieser Blockade und der Kriegsschäden an Ölraffinerien und -infrastrukturen ging die Produktion im ersten Kriegsmonat, also bis Ende März, um 250 Millionen Barrel zurück. Nach einer Prognose vom 10. April liegt der Produktionsausfall der Golfregion Ende April bei 650 Millionen Barrel.2 Fatih Birol versicherte bereits, notfalls werde man weitere Teile der strategischen Reserve freigeben.
Der Rückgriff auf die strategische Reserve hat den Anstieg des Ölpreises zunächst kaum gebremst, ohne diese Maßnahme wären die Preise aber wohl noch stärker gestiegen. „Einen Engpass dieses Ausmaßes gab es noch nie“, erklärt Carol Dahl, emeritierte Wirtschaftsprofessorin der Colorado School of Mines. Ein Barrel der Sorte West Texas Intermediate (WTI) kostete zu Jahresbeginn 60 US-Dollar, Ende April lag der Preis bei 108 Dollar. Der historischer Höchststand ist damit allerdings noch nicht erreicht. Der lag in der Krise von 2008 – in heutigen Preisen – über der 200-Dollar-Grenze.3
Ähnlich sieht es beim Erdgas aus. Vor dem Krieg wurden von LNG-Tankern, die vor allem in Katar befüllt wurden, rund 20 Prozent des weltweit gehandelten LNG durch die Meerenge transportiert. Das Lieferdefizit lag fünf Wochen nach Beginn der Blockade und zahlreichen Schäden an der Infrastruktur bei 1 Prozent des globalen Jahresverbrauchs.4 Die Gaspreise in Europa stiegen im März zeitweise auf über 60 Euro pro Megawattstunde (MWh), doppelt so hoch wie zu Jahresbeginn 2026.
Obwohl Erdgas wirtschaftlich von großer Bedeutung ist, gibt es keine internationale strategische LNG-Reserve. „Über Jahrzehnte hinweg traten Engpässe nur beim Erdöl auf“, erklärt Francis Perrin, Forschungsdirektor am Institut für Internationale und strategische Beziehungen (IRIS), deshalb habe es keine Investitionen in strategische Gasreserven gegeben.
Aufgrund der russischen Invasion in der Ukraine stiegen dann im Frühjahr 2022 die Gaspreise in Europa auf über 300 Euro pro MWh. Daraufhin beschlossen die EU-Mitgliedstaaten eine Direktive für die Mindestfüllstände von Gasspeichern. Diese Vorräte spielen, auch wenn sie nicht als strategisch bezeichnet werden, für die Preisentwicklung eine entscheidende Rolle.
Im Wortsinne strategische Reserven sind solche, die in staatlichen Speicheranlagen für den Fall schwerer Versorgungskrisen vorgehalten werden; wie eben die strategischen Ölreserven der IAE. Darüber hinaus gibt es kommerzielle Reserven der privaten Mineralölunternehmen oder -importeure. Auch auf diese „privatwirtschaftlichen“ Reserven müsse man zurückgreifen, weil die strategischen nicht ausreichen, meint die Ölmarktanalystin Paola Rodriguez Masiu.5 Anfang dieses Jahres bezifferte die IEA die gesamten globalen Ölvorräte – also strategische plus kommerzielle Reserven – auf 8,2 Milliarden Barrel. Das ist der höchste Stand seit Februar 2021.
Nach dem Ersten Weltkrieg war Frankreich das erste Land, das eine strategische Erdölreserve anlegte. Wenige Jahre nach der Suezkrise von 1956 verpflichteten sich die Staaten der Europäischen Gemeinschaft, einen Mindestvorrat vorzuhalten.6 Diese Art Koordination wurde nach dem ersten Ölpreisschock von 1973 mit der Gründung der IEA auf die globale Ebene übertragen.

Strategische Reserven gegen den Preisanstieg?
Als Syrien und Ägypten im Oktober 1973 den sogenannten Jom-Kippur-Krieg begannen, um die 1967 von Israel besetzten Gebiete zurückzuerobern, startete Israel mit Unterstützung der USA eine Gegenoffensive. Die arabischen Mitgliedstaaten der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) drosselten daraufhin die Produktion, um den Westen unter Druck zu setzen. Ergebnis: Bis Jahresende 1974 stieg der Ölpreis um 400 Prozent.
Zu diesem Zeitpunkt war die Ölförderung in den USA bereits rückläufig (und blieb es, bis Ende der 2010er Jahre der Frackingboom einsetzte). Um künftige Versorgungsengpässe besser abfedern zu können, begann man in den USA im Frühjahr 1975 mit dem Aufbau der Strategic Petroleum Reserve (SPR). Diese ist in Salzstöcken in den Bundesstaaten Louisiana und Texas eingelagert, wo sich derzeit 400 Millionen Barrel befinden, bei einer Kapazität von 700 Millionen Barrel.
Die 1974 gegründete IEA verpflichtete ihre Mitgliedstaaten, ausreichend Reserven anzulegen, um ihren Ölbedarf für 90 Tage decken zu können. Auf diese strategische Reserve griff die IEA erstmals Anfang 1991 zurück, im Gefolge der irakischen Invasion in Kuwait. Das zweite Mal war 2005, nachdem die Hurrikans „Katrina“ und „Rita“ die Küstenregionen des Golfs von Mexiko verwüstet hatten; das dritte Mal während der Libyenkrise von 2011. „Bei diesen kurzfristigen Engpässen konnte der Zugriff auf die Ölreserven die Märkte offenbar beruhigen“, resümiert die Expertin Carol Dahl.
Die US-Regierung greift auf die SPR nicht nur aufgrund von Notsituationen zurück. Sondern auch zur Sanierung des Staatsbudgets, wie 2015 geschehen, als neue Haushaltsausgaben durch Ölverkäufe aus der SPR finanziert wurden.
Washington nutzt die SPR auch dazu, die Preise an der Zapfsäule zu kontrollieren. Nach der Coronapandemie, als sich reichlich Reserven angesammelt hatten, heizte der Wirtschaftsaufschwung von 2021 die Nachfrage nach Treibstoffen an, was die Preise erheblich steigen ließ. Um dem entgegenzuwirken, bat Washington die OPEC, die Fördermengen anzuheben. Als die Steigerungen den USA nicht ausreichten, gab Präsident Joe Biden 50 Millionen Barrel aus der SPR frei. Doch das galt damals nur als „Tropfen auf den heißen Stein“.7
Der russische Einmarsch in die Ukraine erwischte die Weltwirtschaft 2022 erneut kalt. Erdöl war gefragt wie nie, die Preise erreichten Rekordhöhen. Jetzt beschloss die IEA zum vierten Mal, die strategische Reserve zu nutzen. Allein die USA pumpten 180 Millionen Barrel in den Markt; 2023 sanken die SPR-Vorräte auf unter 350 Millionen Barrel – den niedrigsten Stand seit den 1980er Jahren.
Erklärtes Ziel dieser Maßnahmen war es, den Preisanstieg zu bremsen. Doch die Wirksamkeit dieser Strategie ist umstritten: „Die beispiellos hohen Entnahmen aus der Strategic Petroleum Reserve 2022 haben wahrscheinlich zur Panik am Markt und damit zu einem Anstieg der Benzinpreise beigetragen“, meint Valentina Galvani, Co-Autorin einer Studie über die Nutzung strategischer Ölreserven.8
Anderer Meinung ist die Expertin Carol Dahl: „Die Freigabe strategischer Reserven kann durchaus größere Angebotsschocks abfedern“; der Markt habe so mehr Zeit, um sich anzupassen. „Das Angebot erholt sich und der Nachfragedruck nimmt ab, nur kann das eben dauern.“ Tatsächlich ging die Preisentwicklung von Ende 2022 bis 2023 nicht mehr nach oben.
Scott Montgomery, Wissenschaftler an der University of Washington in Seattle, spricht von einer „langwierigen Debatte“, die noch keineswegs abgeschlossen sei: „Die Behauptung, die IEA-Freigabe als internationale Maßnahme habe keinerlei Effekt gehabt, überzeugt genauso wenig wie die These, der Preisanstieg sei allein dank der IEA gestoppt worden.“
In jedem Fall aber bewirkte die Krise von 2022 , dass die Erdöl importierenden Länder größere Reserven vorhalten. Damals wurde sich die EU, deren Wärmeversorgung zu einem großen Teil auf Erdgas basiert, ihrer Abhängigkeit von russischen Lieferungen bewusst, zumal Moskau auch noch Anteile an der europäischen Speicherinfrastruktur erworben hatte, die nötig ist, um den Gasbedarf in den Wintermonaten zu decken.
So verfügte der Gazprom-Konzern, zumindest als Miteigner, über wichtige Untergrundspeicher in Rehden (Deutschland) und Haidach (Österreich). Anfang 2022 waren diese Speicher quasi leer. „Daher befand sich Europa in einer schwachen Position, während die Gaspreise stetig stiegen“, erläutert Anne-Sophie Corbeau vom Center on Global Energy Policy der Columbia University.
Um die Energiesicherheit der EU zu gewährleisten, einigten sich die europäischen Gremien schnell auf eine Neuregelung. Sie verpflichtet die Betreiber in allen Mitgliedstaaten, ihre Gasspeicher bis spätestens 1. November eines jeden Jahres zu 90 Prozent befüllt zu haben. Zudem müssen die staatlichen Behörden die Betreiber der Speicher zertifizieren. Mittlerweile werden die Speicher in Rehden und Haidach von dem Unternehmen SEFE betrieben, was für „Securing Energy for Europe“ seht. SEFE ist Rechtsnachfolgerin der Gazprom Germania GmbH, die im Juni 2022 von der Bundesnetzagentur verstaatlicht wurde.
Die Krise von 2022 war auch in Asien zu spüren. Insbesondere China, das ebenfalls zunehmend mit Erdgas heizt, hat darauf reagiert: „Die Losung lautet seitdem: So viel wie möglich speichern“, sagt Sylvie Cornot-Gandolphe von der NGO Cedigaz.9 Peking veröffentlicht keine offiziellen Zahlen, verfügt aber offenbar über beträchtliche Ölreserven.
Anfang 2026 schätzte das Institut Vortexa die chinesischen Vorräte (staatliche plus kommerzielle Reserven) auf 1,3 Milliarden Barrel (siehe Grafik); das entspricht dem Bedarf von vier Monaten.10 Das ist ein größerer Puffer, über den bei Weitem nicht alle asiatischen Länder verfügen. Viele sind auf massive Importe aus den Golfstaaten angewiesen und halten aus Kostengründen keine größeren Reserven vor.
In Europa muss man sich vor allem mit Blick auf die Diesel- und Kerosinversorgung Sorgen machen. Die Treibstoffe kommen teils aus den Golfstaaten, und die Vorräte sind aktuell so stark geschrumpft wie seit 2005 nicht mehr.11 Doch auch beim Erdgas droht ein Versorgungsmangel: Trotz der Erfahrung von 2022 sind die Speicher wieder fast leer, etwa auf demselben Niveau wie zu Beginn des russischen Einmarschs in die Ukraine.
Wie ist das zu erklären? „Die Gasanbieter haben von der europäischen Verpflichtung zur Speicherbefüllung profitiert und mit ihren Lieferungen dafür gesorgt, dass die Gaspreise bereits Anfang 2025 wieder stiegen“, erklärt die Expertin Corbeau. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hat die EU im Sommer 2025 ihre Vorgaben wieder gelockert, was zum Teil erklärt, warum die Speicherstände heute so niedrig sind. Aber auch der vergleichsweise kalte Winter habe dazu beigetragen, die Gasreserven wieder zu reduzieren, meint Corbeau.
Nun sieht Europa mit Sorge der winterlichen Heizsaison 2026/27 entgegen. Denn zu den geringen Reserven kommt inzwischen hinzu, dass die Gaslieferungen aus Katar eingebrochen sind und dass Europa auf dem globalen Gasmarkt mit asiatischen Staaten konkurriert.
Der EU-Energiekommissar Dan Jørgensen hat die Mitgliedstaaten bereits aufgefordert, mit dem Befüllen der Gasspeicher nicht bis zum Ende des Sommers zu warten. In Sachen Diesel- und Kerosinversorgung warb er für ein koordiniertes europäisches Vorgehen und warnte: „Es kommen einige schwierige Monate, vielleicht sogar Jahre auf uns zu.“12
Europa kann sich mit seinen Öl- und Gasreserven zwar eine Atempause verschaffen, damit aber das Problem seiner Energieabhängigkeit letztlich nicht lösen. Es bleibt dabei, dass die beste Energie immer die ist, die man einsparen kann.⇥Eva Thiébaud
2 Johannes Rauball, „Running out of barrels“, www.kpler.com, 10. April 2026.
4 „Special report #3 – Middle East conflict implications“, Rystadenergy, 24. März 2026.
10 Emma Li, „China’s crude import stress resistance in a Hormuz crisis“, Vortexa, 9. März 2026.
11 „Oil market report“, IEA, 12. März 2026.
Aus dem Französischen von Andreas Förster
Eva Thiébaud ist Journalistin.


