Gefährliche Nachbarschaft
Warum der Konflikt zwischen Afghanistan und Pakistan eskaliert ist
von Zia Ur Rehman

Auf Landkarten ist die 2640 Kilometer lange Durand-Linie, die Pakistan und Afghanistan trennt, als durchgezogene Markierung eingezeichnet. Angemessener wäre allerdings eine gestrichelte Kontur, denn die von der britischen Kolonialmacht gezogene Linie stellte lange Zeit keine starre Grenze dar. Sie durchzog vielmehr einen durchlässigen Gebietsstreifen, über den der Handel zwischen den paschtunischen Gebieten beider Länder lief, der aber auch als idealer Korridor für Aufständische beiderseits der Grenze diente. Wobei die ideologische Konkurrenz zwischen diesen islamistischen Gruppen dazu führte, dass sich die Regierungen in Kabul und Islamabad wiederholt in die inneren Angelegenheiten ihres Nachbars einmischten.
Seit einigen Monaten hat sich der Konflikt in dieser Region derart zugespitzt, dass die sporadischen und lokal begrenzten Querelen zur offenen militärischen Konfrontation geführt haben.
Ende Februar griff die pakistanische Luftwaffe Ziele im Inneren Afghanistans an, darunter Kabul und die drittgrößte Stadt Kandahar sowie auch den ehemaligen US-Luftwaffenstützpunkt Bagram. Im Gegenzug nahm Afghanistan nach Darstellung der Talibanregierung pakistanische Grenzstellungen unter Beschuss. Beide Seiten werfen sich vor, hunderte Menschen getötet zu haben; unabhängig überprüfen lässt sich das jedoch nicht.
Weiter verschärft wurde die Lage durch einen pakistanischen Luftschlag, bei dem in der Nacht des 16. März mindestens 143 Menschen in einer Kabuler Entzugsklinik ums Leben kamen. Zum Ende des Ramadans trat zwar eine fünftägige Waffenruhe in Kraft, aber am 27. März gingen die Gefechte weiter.
Zwar sind beide Seiten offenbar nicht auf einen richtigen Krieg aus, wohl aber zu dosierter Gewaltanwendung entschlossen. Diese kontrollierte Eskalation lässt befürchten, dass eine Fehleinschätzung den Konflikt zu einer Katastrophe ausweiten könnte.
Islamabad agiert in dieser Krise aus einer Position der Stärke wie auch der Verwundbarkeit heraus. Die Atommacht Pakistan verfügt über eine der größten stehenden Armeen der Welt wie auch über viel Erfahrung in der Aufstandsbekämpfung. Zugleich leidet das Land unter einer chronisch schwachen Wirtschaft und massiven inneren Spannungen. Auf der Gegenseite steht ein Talibanregime, das nach 20 Jahren Guerillakampf gegen eine US-geführte Koalition an die Macht kam. Die afghanische Regierung hat zwar Riesenmengen an US-Militärausrüstung geerbt, ist aber außenpolitisch isoliert und wirtschaftlich angeschlagen.
Als die Taliban im August 2021 Kabul einnahmen, sahen führende Politiker und Militärs in Islamabad darin eine strategische Chance. Jahrzehntelang hatte sich Pakistan um die viel beschworene „strategische Tiefe“ bemüht. Dafür brauchte man eine wohlgesinnte Regierung in Kabul, um mit ihrer Hilfe den indischen Einfluss zu begrenzen, die militärische Präsenz des Westens zurückzudrängen und den Kampf gegen Gruppen zu organisieren, die von Afghanistan aus gegen Pakistan operierten.
Pakistan stand im „war on terror“ zwar an der Seite der USA, wurde jedoch nach dem Sturz des Talibanregimes 2001 beschuldigt, Talibangruppierungen wie dem Haqqani-Netzwerk einen Rückzugsraum zu gewähren. Und das trotz wiederholter Warnungen aus den USA, wie sie etwa Außenministerin Hillary Clinton im Oktober 2011 äußerte: „Man kann keine Schlangen im eigenen Garten halten und erwarten, dass sie nur die Nachbarn beißen.“1
Den Sieg der Taliban 2021 begrüßte die pakistanische Führung. Doch ihr Optimismus war bald verflogen, als die neue Regierung in Kabul sich weigerte, ihre Interessen den Forderungen aus Islamabad unterzuordnen. Hauptursache für die Eintrübung der Beziehungen war eine neue Welle islamistischer Gewalt in Pakistan. Hunderte von Terrorattentaten gingen auf das Konto der militanten Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP). Die 2007 gegründete „Bewegung der pakistanischen Taliban“ pflegte seit Langem – auf ideologischer und operativer Ebene – enge Kontakte zu al-Qaida und den afghanischen Taliban. Die TTP-Spitze hatte dem obersten Talibanführer wiederholt die Treue geschworen und diesen Schwur nach dem Fall von Kabul erneuert.
Nach dem Abzug der US-Truppen aus Kabul kamen hunderte TTP-Kämpfer frei. Seither hat die Organisation in Afghanistan erweiterte operative Freiheiten und verstärkte ihre Aktionen insbesondere in der nordwestpakistanischen Provinz Khyber Pakhtunkhwa, die an Afghanistan grenzt.
Die Regierung in Islamabad sieht die innere Sicherheit des Landes ernsthaft bedroht, weil die TTP ihre Operationen inzwischen besser koordiniert und technisch fortgeschrittene Waffensysteme einsetzt. Dazu gehören Drohnen und modernste optische Systeme und Kommunikationstechnik, manches davon aus zurückgelassenen US-Beständen.
Laut einem Report des UN-Sicherheitsrats vom 4. Februar 2026 kann die TTP in Afghanistan in einem „permissiven Umfeld“ operieren. Es sei zu befürchten, dass die Gruppe künftig intensiver mit al-Qaida-nahen Netzwerken zusammenarbeiten und „das Spektrum der Angriffsziele erweitern“ werde. Die TTP könne damit zu einer „über die Region hinausgehenden Bedrohung“ werden.2
Zugleich hat Pakistan mit anderen Aufstandsbewegungen zu tun. In der südwestlichen Provinz Balutschistan führen ethnische Separatisten immer komplexere Aktionen durch – darunter auch medienwirksame Selbstmordattentate, die von Frauen verübt werden. Auch der regionale IS-Ableger Islamischer Staat Provinz Khorasan (ISPK) sucht die veränderte Sicherheitsdynamik zu nutzen, um ein neues operatives Potenzial aufzubauen.

Taliban mit zurückgelassenem US-Militärgerät
2025 war für Pakistan das mörderischste Jahr seit Jahrzehnten. Bei den 699 Terroranschlägen – 34 Prozent mehr als 2024 – gab es mehr als 1000 Todesopfer, wie das Pak Institute for Peace Studies, eine unabhängige Denkfabrik in Islamabad, ermittelt hat.
Um Druck auf Kabul aufzubauen, wurden mehr als zwei Millionen Afghanen ausgewiesen, die seit Ende 2023 in Pakistan lebten. Zudem wurden der Transithandel eingeschränkt und die Grenzübergänge wiederholt geschlossen. Damit wurde die Wirtschaft des Binnenlands Afghanistan massiv destabilisiert. Die nächste Eskalationsstufe war der militärische Angriff.
In Kabul heißt es offiziell, die TTP sei ein innerpakistanisches Problem, dessen Wurzeln in die Ära Karsai zurückreichten. Hinter vorgehaltener Hand räumen führende Taliban allerdings ein, dass zwischen ihren Kämpfern und der TTP enge ideologische und operative Verbindungen bestehen. Für viele Mitglieder der Bewegung sind die pakistanischen Aufständischen nach wie vor alte Kameraden aus dem gemeinsamen Kampf gegen die ausländischen Truppen in Afghanistan. Diese Solidarität werde durch Stammeszugehörigkeiten, familiäre Bande und die gemeinsame Religion gestärkt, aber auch dadurch, dass Anführer und Kämpfer der Taliban auf dem Höhepunkt des Antiterrorkampfs in Pakistan Asyl erhielten.
Sollte die Talibanregierung versuchen, Kräfte wie die TTP zu unterdrücken oder aus Afghanistan zu vertreiben, könnte das die Spannungen verschärfen, die innerhalb der Talibanbewegung zwischen den pragmatischen politischen Kräften und den kompromisslosen religiösen Autoritäten ohnehin bestehen. Hinzu kommt, dass bei einer Marginalisierung der TTP deren Kämpfer womöglich den Schulterschluss mit dem ISPK suchen würden. Das wäre für das Kabuler Regime eine direkte Bedrohung.
Das Kalkül der Talibanführung hat auch innenpolitische Gründe. Antipakistanische Gefühle sind in der afghanischen Gesellschaft schon deshalb noch immer verbreitet, weil Islamabad in der Vergangenheit die islamistischen Bewegungen im Land unterstützt hat. Widerstand gegen den Druck aus Pakistan kann also dazu beitragen, das afghanische Nationalgefühl zu stärken.
Die Krisendynamik hat Auswirkungen über das bilaterale Verhältnis Afghanistan–Pakistan hinaus. Einige Anzeichen, dass Kabul engere Beziehungen mit Pakistans ewigem Rivalen Indien anstrebt, werden in Islamabad mit Sorge registriert. Nach der Rückkehr der Taliban sah es zunächst so aus, als ginge der indische Einfluss in Kabul zurück. Doch die jüngsten diplomatischen Kontakte zeigen, dass die afghanische Seite pragmatischer agiert. Intensive Gespräche über Handelsfragen, humanitäre Zusammenarbeit und mögliche Investitionen lassen erkennen, dass Kabul seine internationalen Beziehungen diversifizieren will. In Islamabad nährt das die Ängste vor strategischer Einkesselung und einer regionalen Machtkonkurrenz.
Die innerpakistanischen Kontroversen zeugen von tiefen strukturellen Bruchlinien. Eine von ihnen verläuft zwischen der Zentralregierung in Islamabad unter Premierminister Shehbaz Sharif und der Regierung von Khyber Pakhtunkhwa. Diese Provinz ist, da ihre Grenze zu Afghanistan sehr porös ist, von den Gewalttaten der TTP am stärksten betroffen. Während sich die Zentralregierung auf die Armee stützt, regiert hier die Partei des ehemaligen Premierministers Imran Khan, der nach einem spektakulären Konflikt mit hochrangigen Militärs seit 2023 in Haft sitzt. Diese politische Polarisierung erschwert einen nationalen Konsens in Sicherheitsfragen.
Neue Zustpitzung durch den Irankrieg
Die Provinzregierung kritisiert die militärischen Strategien immer wieder als ineffektiv, während die Bundesbehörden und die Sicherheitsorgane der Provinzregierung eine zu lasche Haltung gegenüber militanten Netzwerken vorwerfen. Diese Uneinigkeit erschwert die Koordination der zivilen und militärischen Aktionen und ermöglicht es der TTP, die Schwachstellen des Verwaltungs- und Regierungsapparats auszunutzen.
Momentan gibt es weder für Islamabad noch für Kabul einen Anreiz zur Deeskalation. Pakistan ist nach wie vor entschlossen, die von afghanischem Territorium ausgehende Bedrohung zu beseitigen und notfalls eine grenzüberschreitende Konfrontation zu riskieren. Die Taliban sträuben sich, entschlossen gegen ihre ideologischen Verbündeten vorzugehen, weil sie nicht den Eindruck erwecken wollen, dass sie Druck von außen nachgeben.
Die Unnachgiebigkeit beider Seiten könnte dazu führen, dass der Modus „kontrollierter Reibungen“ in einen Konflikt schwacher Intensität, aber ungewisser Dauer übergeht. Von einer Zunahme der Gewalt am stärksten betroffen wären vermutlich die Grenzregionen, die schon jetzt unter Vertreibungen, Armut und dem Fehlen einer funktionierenden Verwaltung leiden. Unterbrochene Handelsrouten könnten zudem die Ernährungsunsicherheit verschärfen.
Noch komplizierter wird die Situation durch den amerikanisch-israelischen Krieg gegen Iran. Pakistan wie Afghanistan haben Grenzen zu Iran und einen erheblichen schiitischen Bevölkerungsanteil, weshalb jede Art von Instabilität im Nachbarland für sie extrem gefährlich ist. Als zu Beginn des Kriegs Ajatollah Ali Chamenei getötet wurde, kam es in mehreren pakistanischen Städten zu Demonstrationen gegen die Regierung wegen ihrer Nähe zu Washington. Bei der Niederschlagung dieser Proteste gab es mehrere Tote.
Dabei hat Pakistan längst einen weiteren Krisenherd: die an Iran grenzende Provinz Belutschistan, in der eine Aufstandsbewegung aktiv ist. Sollten die Kampfhandlungen auf iranischem Gebiet sich über die Grenzen ausweiten, würde das womöglich Sicherheitskräfte in der Grenzregion binden. Das wiederum könnten die in beiden Ländern aktiven militanten Gruppen ausnutzen. Daher ist man in Kabul wie in Islamabad bemüht, die Situation zu beruhigen, ohne allerdings in der Wachsamkeit nachzulassen.
Ende März erklärte der afghanische Außenminister Amir Khan Muttaqi, seine Regierung setze auf Dialog und habe „ernsthafte Maßnahmen“ ergriffen, um sicherzustellen, dass von afghanischem Territorium keine Aktionen gegen Pakistan ausgehen. Auch auf pakistanischer Seite mahnen islamische Geistliche und paschtunische Stammesführer inzwischen zur Zurückhaltung.
In der Hoffnung, einen dauerhaften Frieden anzubahnen, riefen die religiösen Autoritäten beider Länder in einer gemeinsamen Erklärung dazu auf, die Waffenruhe mindestens bis Ende Mai, bis zum Ende der Hadsch – der Pilgerfahrt nach Mekka –, einzuhalten. Ob diese ersten Signale zum Weckruf für ernsthafte diplomatische Bemühungen werden, ist ungewiss. Immerhin eröffnen sie die vage Aussicht, dass eine gefährliche Eskalation vermieden werden kann.
4 Siehe Adam Baczko, „Das Regime der Taliban“, LMd, Juni 2024
Aus dem Französischen von Andreas Bredenfeld
Zia Ur Rehman ist Journalist.


