Europäische Kriegswirtschaft
In Frankreich und anderswo werden immer mehr öffentliche und private Gelder in die Rüstungsindustrie gelenkt
von Thomas Jusquiame

Wenn ich sehe, wie eine Rakete unsere Fabrikhallen verlässt, wird mein Beruf ungemein konkret. Denn das ist auch mein Werk“, sagt der Techniker „Thibault“ in einem Werbeclip des europäischen Rüstungskonzerns MBDA.
Unlängst haben die Produkte von „Thibaults“ Arbeitgeber in Gaza eingeschlagen und Schulen, Moscheen und Flüchtlingslager getroffen. Laut der französischen Rechercheplattform Disclose waren die Lenkwaffen von MBDA zwischen November 2024 und Mai 2025 an 24 Angriffen beteiligt, bei denen mehr als 500 Menschen getötet wurden, darunter mindestens 100 Kinder.1
Die Auftragsbücher von MBDA sind mit Bestellungen im Wert von 44 Milliarden Euro gut gefüllt.2 Und der Konzern feilt unermüdlich an seinem Image. Ein Ethikkodex wacht über „die Einhaltung von Grund- und Menschenrechten“, das Personal wird für Geschlechtergerechtigkeit, Neurodiversität oder Wechseljahrsbeschwerden sensibilisiert, es gibt Projekte zur Aufforstung, zum Schutz des Grundwassers und zur Wiederverwertung von Rüstungsmaterial, um „die Umweltbelastung von vornherein zu reduzieren“.3

Aber braucht es diese Imagepflege überhaupt noch, wenn Medien, die Regierungsparteien und der französische Präsident ohnehin schon einhellig die große Wiederaufrüstung bejubeln?4 Erst kürzlich lagen Express, Le Point und Le Parisien Werbebroschüren über französisches Kriegsgerät bei, die Hörer von France Culture lernten in einer Sendung am 30. Oktober 2025, „wie man die Menschen auf den Krieg vorbereitet“, und in der Tageszeitung Le Monde erschien bereits im März 2025 eine ganze Artikelserie zum Thema „Militärausgaben als Wachstumshebel“.
All das passt zu den Direktiven der Nationalen Sicherheitsstrategie 2025, die die französische Wirtschaft auf den Krieg vorbereiten will. Um „massive Investitionen, ob öffentlich oder privat“, in den Rüstungssektor zu lenken, empfiehlt das Generalsekretariat für Verteidigung und nationale Sicherheit (SGDSN) der Regierung, sie solle dafür sorgen, dass „die internen Richtlinien von Banken und Versicherungen nicht über die regulatorischen Ausschlüsse hinausgehen“. Im Klartext: Der Staat soll sicherstellen, dass die ESG-Kriterien für Umwelt (Environment), Soziales (Social) und gute Unternehmensführung (Governance) „Anleger nicht davon abhalten, Unternehmen der Verteidigungsindustrie zu finanzieren“.5
Am 20. März 2025 versicherte der damalige Verteidigungsminister (und aktuelle Premierminister) Sébastien Lecornu auf einer Versammlung von Investoren und Unternehmern in Bercy, er wolle „die letzten kulturellen und rechtlichen Hindernisse beseitigen“, und verwies „mit Nachdruck“ darauf, dass der Militärsektor keine „schmutzige“ Investition darstelle. Auch die EU-Kommission hat beschlossen, dass „der EU-Rahmen für ein nachhaltiges Finanzwesen mit Investitionen im Verteidigungssektor vereinbar ist“.6
So gelten mittlerweile bestimmte Atomwaffen, Brandbomben und Munitionen mit abgereichertem Uran ebenso als „ethische“ Investitionsobjekte wie Panzer, Geschütze, Kampfjets, Granaten und Überwachungssoftware. Nur international geächtete Waffen bleiben noch ein Tabu. Seit der russischen Invasion in die Ukraine im Februar 2022 soll die Zahl der ESG-Fonds, die in die Produktion oder den Transport von Atomwaffen investieren, um mehr als 50 Prozent gestiegen sein (Bloomberg, 24. August 2025). Dabei sollen doch gerade diese Anlagen eigentlich der nachhaltigen Entwicklung dienen.
Kürzlich enthüllte das Onlinemedium Voxeurop, dass zwischen 2021 und 2025 insgesamt 120 Milliarden Euro aus „grünen“ Fonds in die Rüstungsindustrie geflossen sind – auch an Unternehmen, die am Genozid in Gaza unmittelbar beteiligt sind.7 Ohne es zu wissen, haben europäische Kleinsparer also möglicherweise dazu beigetragen, dass mit ESG-Fonds für die Energiewende die Aktien von Elbit Systems aufgewertet wurden, dem größten israelischen Rüstungskonzern, dessen Waffen tausende Zivilist:innen getötet sowie Häuser, Infrastruktur und Ackerland zerstört haben.
Diese Umlenkung privater Investitionen in den militärisch-industriellen Komplex ist Teil einer größeren Strategie der institutionellen Unterstützung. Die europäischen Steuerzahler:innen zahlen 800 Milliarden Euro für den „ReArm Europe Plan“. In Frankreich wurden für die letzten beiden Militärprogrammgesetze (2019–2025 und 2024–2030) insgesamt 708 Milliarden Euro Steuergelder bereitgestellt. Hinzu kommt das Engagement der Bpifrance, einer der größten öffentlichen Investitionsbanken Europas. Im Oktober 2025 lancierte sie einen neuen Verteidigungsfonds, der auch privaten Anleger:innen offensteht: In Form von Rentensparverträgen oder Lebensversicherungen können Französ:innen jetzt direkt auf Rüstungsunternehmen setzen. Zu den Einnahmen aus dieser besonders riskanten Anlage ohne Renditegarantie kommen jährlich 1 Milliarde Euro hinzu, die Bpifrance seit 2021 in Start-ups aus diesem Sektor steckt.8
Drei weitere Instrumente ergänzen das Paket: der 2020 von Bpifrance und der Generaldirektion für Rüstung (DGA) ins Leben gerufene „Innovationsfonds Verteidigung“, den seit April 2025 auch die französische Tochter der Allianz-Versicherung, MBDA und die Caisse des Dépôts mitfinanzieren; ein sogenannter Defence Accelerator, der vielversprechende Unternehmen bei strategischen Entscheidungen begleitet; und schließlich günstige Kredite für kleine und mittelgroße Zulieferer der Rüstungsindustrie. Die Bpifrance, die der Finanzspritze den verniedlichenden Namen „Prêt DEF’FI“ verlieh, soll nach eigenen Angaben bei hunderten Unternehmen sogar persönlich vorstellig geworden zu sein, um sie darüber zu informieren.
Haben sich die kleinen und mittleren Unternehmen konsolidiert, steigen die großen Militärkonzerne bei ihnen ein: So kündigte beispielsweise im Januar 2026 der Flugzeugbauer Dassault Aviation an, 200 Millionen Euro in das Drohnen-Start-up Harmattan AI zu investieren, dessen junger Gründer seine Produktpalette als „napoleonische Roboterarmee“ bezeichnet (Le Grand Continent, 15. Februar 2026). Die Bewertung des 2024 gegründeten Unternehmens übersteigt inzwischen 1 Milliarde Euro.
Institutionelle Investoren haben Rüstungsaktien schon lange in ihre Portfolios aufgenommen. „Neu ist das Interesse von Private-Equity-Fonds am Rüstungssektor“, sagt der Ökonom und Rüstungsexperte Claude Serfati: „Was der Behauptung widerspricht, die Märkte würden keine Kriege mögen.“
Wenn Kriege und geopolitische Spannungen zunähmen, setze man gern auf großzügig subventionierte und mit mehrjährigen Staatsaufträgen abgesicherte Unternehmen. Laut Serfati verzeichnen nur wenige Industriesektoren so stark wachsende Umsätze wie aktuell die Rüstungsindustrie. Die Investitionen von Risikokapital in europäische Unternehmen für Rüstungstechnologie – ein Bereich, der weitestgehend von US-Akteuren dominiert wird – stiegen 2025 sprunghaft um 132 Prozent.9
Auch andere Industriezweige wollen sich ein Stück vom Kuchen sichern. Nach einer im September 2025 von der Bpifrance veröffentlichten Studie würden 43 Prozent der Unternehmen, die nicht zur Rüstungsbranche gehören, gern dorthin expandieren, weil sich Wachstumschancen ergeben oder um einer Notlage zu begegnen.10
Während der strauchelnde VW-Konzern noch überlegt, in seinem Osnabrücker Werk bald das israelische Luftabwehrsystem Iron Dome zu produzieren, ist der französische Autobauer Renault Anfang 2026 bereits in die Produktion von Militärdrohnen eingestiegen. Das französische Softwareunternehmen Mistral AI ging mit dem deutschen Drohnenbauer Helsing im Februar 2025 eine strategische Partnerschaft ein und unterschrieb Anfang dieses Jahres einen Rahmenvertrag mit dem französischen Verteidigungsministerium.
Dass es wirtschaftlich und sozial sinnvoller ist, wenn der Staat mehr für Bildung, Verkehr und Kommunikation ausgibt als für die Aufrüstung, liegt auf der Hand. In das Gesundheitswesen oder den Wohnungsbau zu investieren, schafft auch mehr indirekte Arbeitsplätze als der Rüstungssektor, vor allem dank der Verbindungen zu anderen Wirtschaftszweigen. Laut dem Experten Serfati schafft die Stärkung sozialer Bereiche im Endeffekt sogar dreimal mehr Arbeitsplätze als die Rüstungsbranche.11
Wenn Politikerinnen und Investoren dann auch noch versuchen, die Rüstungsbranche als ganz gewöhnlichen Industriezweig darzustellen, kann man nur ungläubig den Kopf schütteln. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Millionen Menschen in bewaffneten Konflikten getötet; auch die ökologische Bilanz dieser Kriege ist katastrophal: Die unmittelbaren Auswirkungen von Kämpfen nicht eingerechnet, schätzt man, dass der militärisch-industrielle Komplex für 5,5 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich ist.12
Wenn alle Nato-Staaten, wie im Juni 2025 beschlossen, tatsächlich 3,5 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Militärausgaben aufwenden, würden sie bis 2030 damit 2,33 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent ausstoßen – das entspricht den jährlichen Emissionen von Brasilien und Japan zusammengenommen.13
Tony Fortin, Analyst am Observatoire des armements, sieht bei den aktuellen Entwicklungen im Rüstungssektor einen „undurchsichtigen autoritären Liberalismus“ am Werk. Die Industriellen könnten machen, was sie wollten. So kann der Rechnungshof die Verwendung öffentlicher Gelder nicht überprüfen, weil ihm mit Verweis auf den Schutz von Militärgeheimnissen bestimmte Informationen verwehrt bleiben. Das SGDSN selbst empfiehlt den Rüstungsunternehmen, „sich auf das sogenannte Blockadegesetz vom 26. Juli 1968 zu berufen, um Informationsanfragen oder sogar aufdringliche Audits abzuwehren“.14
Um die Kontrolle zurückzugewinnen, plädiert Fortin für mehr Transparenz bei den Exporten. So müsse etwa die niederländische Regierung alle Exportgenehmigungen für Rüstungsunternehmen binnen zwei Wochen veröffentlichen; in Deutschland gibt es ein komplexes Kontrollsystem für die Ausfuhr von Rüstungsgütern und Kriegswaffen. Frankreichs Parlamentarische Kommission für Exportkontrolle, die 2023 ins Leben gerufen wurde, ist für Fortin bislang „nur eine leere Hülle“.
Ganz im Gegensatz zu der Lyoner Bürgerinitiative Observatoire des armements: Das 1984 gegründete Friedenszentrum hat es sich zur Aufgabe gemacht, Rüstungsunternehmen zu überwachen, und bietet auch Schulungen dazu an. Oder zur antimilitaristischen Dachorganisation Guerre à la guerre (Krieg dem Krieg), die erst 2025 entstand und Aktionen und Kundgebungen initiiert: Im Juni 2025 organisierte sie den Protest gegen die Luft- und Raumfahrtmesse im Pariser Vorort Le Bourget; 4000 Menschen folgten ihrem Aufruf.
Die jüngsten Aktionen von Hafenarbeitern in Marseille, Tanger und Genua – Letztere unterstützt von einem Protestzug mit 50 000 Teilnehmer:innen –, um Ladungen mit Militärmaterial an Israel zu blockieren, zeugen vom Willen eines Teils der Gesellschaft, Einfluss auf diese Konflikte zu nehmen. Auch in Schweden und Belgien kam es zu Blockaden.15 Unter den Renault-Beschäftigten sorgt die Aussicht, bald Rüstungsgüter herstellen zu müssen, ebenfalls für Aufruhr. Denn die „große Aufrüstung“, die die Europäische Union als Heilsweg vorschlägt, ist vor allem eins: eine Industrie, die staatliches Geld verschlingt und den Frieden als Feind ihrer Profite betrachtet.
2 MBDA-Pressemitteilung vom 26. März 2026.
3 „Sustainability Report 2024“, MBDA, Juni 2025.
5 „Nationale Strategische Überprüfung 2025“, SGDSN, Paris, Juli 2025.
8 Bpifrance-Pressemitteilung vom 20. März 2025.
10 „Aux armes dirigeants?“, Bpifrance, 30. September 2025.
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Thomas Jusquiame ist Journalist.


