Made in Yiwu
In der chinesischen Industriestadt bestellen Händler aus aller Welt Kleinwaren – ein Gang durch gigantische Messehallen und Straßen voller Sweatshops
von Maëlle Mariette

Yiwu in der ostchinesischen Provinz Zhejiang ist mit knapp 1,9 Millionen Einwohner:innen nach chinesischen Maßstäben eine Kleinstadt – und ein Knotenpunkt der Weltwirtschaft. Yiwu gilt als weltgrößter Großhandelsmarkt für kleine Industrieprodukte, so kommen mehr als 80 Prozent der weltweit verkauften Weihnachtsdekorationen von dort.1
Präsentiert werden die Produkte auf dem Yiwu International Trade Market, der – nach Zahlen des Yiwu China Small Commodity Index – auf 6,4 Millionen Quadratmetern an 75 000 Messeständen mit über zwei Millionen Artikeln rund 220 000 Besucher pro Tag zählt. Jedes Jahr werden an die 600 000 Container beladen, die dann in über 200 Länder verschifft werden.
Yiwu ist Teil der globalen Infrastruktur. Kein Schaufenster für spektakuläre Innovationen, sondern eine Maschine zur Massenproduktion alltäglicher Waren. Eine Bestellung, die in einem Gang der gigantischen Messehallen aufgegeben wird, lässt einen weitverzweigten Produktionsapparat anlaufen. Die Provinz Zhejiang setzt sich aus hoch spezialisierten Kommunen zusammen: Die Gemeinde Datang produziert fast ein Drittel der Socken für die Welt, Qiaotou 80 Prozent der Knöpfe und Reißverschlüsse und Wenzhou 90 Prozent der Feuerzeuge.

Die Handelsunternehmen in Yiwu organisieren nicht nur den Verkauf, sondern bestimmen selbst die Industrie. Die Verkaufsstände auf dem Trade Market sind keine Geschäfte im klassischen Sinne, sondern Schnittstellen. Ein kompaktes Schaufenster, eine Theke, ein Muster, eine Bestellung – und schon erwachen ganze Dörfer voller Kleinstfabriken zum Leben, um das Lieferversprechen in Ware zu verwandeln.
Yiwus Bedeutung als Produktions- und Handelszentrum beruht auf einer engen Verflechtung von privater Initiative mit staatlicher Lenkung. Hier hemmt die Bürokratie den Handel nicht, sondern sie greift ihm vor und stellt die nötigen Mittel bereit. Die Kommunalverwaltung beispielsweise reguliert die Mieten, investiert in die Infrastruktur, schlichtet Konflikte und ergreift allerlei Maßnahmen, um den Export von Kleinwaren noch mehr zu erleichtern.
Das Zollverfahren des Beschaffungsmarkts ist ein gelungenes Beispiel: Hersteller können damit tausende verschiedene Rohmaterialien oder Vorprodukte in einer vereinfachten Zollanmeldung ohne separate Steuerbelege zusammenfassen, bis zu einem Gesamtbetrag von umgerechnet circa 130 000 Euro. Seit 2012 ergänzt auch die Onlineplattform Yiwugo den physischen Markt von Yiwu, um die strategische Position der Stadt als Welthauptstadt des Großhandels mit kleinen Dingen zu sichern.
Ihr entscheidender Vorteil ist der Preis. Die winzigen Gewinnmargen, manchmal nur wenige Cent, werden mit Masse ausgeglichen. Darin liegt die Stärke und zugleich die Schwäche von Yiwu: So halten sich tausende kleine Unternehmen in den am wenigsten rentablen Segmenten der Wertschöpfungskette über Wasser. Zugleich hängt das Wachstum der Stadt weitgehend von Absatzmärkten in Schwellenländern ab – das heißt von Märkten mit relativ geringer Kaufkraft.
Yiwu scheint weniger ein Wirtschaftsmodell zu sein denn ein Balanceakt. Es verkörpert die Widersprüche des chinesischen Kapitalismus: zwischen Quantität und Qualität, Massenware und hochwertigen Produkten, Informalität und Kontrolle, Globalisierung von unten und staatlicher Steuerung. Die Stadt überlebt dank fortwährender Anpassungen, doch die strukturelle Fragilität, die durch die Fülle des Angebots nur verdeckt wird, bleibt bestehen.
Es ist eine Opulenz, die man schon beim Betreten des Trade Markets körperlich spüren kann. Die Luft ist schwer, gesättigt mit den Gerüchen von frischem Plastik, feuchter Pappe, Klebstoff oder auch Instantkaffee. Unter dem Neonlicht schwindet jegliche Wahrnehmung von Zeit – die wird nicht in Minuten und Tagen gemessen, sondern in Bestellungen, Kartons und Verkaufssaisons. Am Morgen öffnet der Markt ohne großes Aufsehen. Keine Musik, keine Werbesprüche, keine Vorführungen und keine blinkenden Roboter wie auf High-End-Messen. Hierher kommt man nicht zum Flanieren, man kommt, um produzieren zu lassen.
Die Einkäufer:innen drängen hinein, die Augen auf dem Handy, Einkauflisten in der Hand. Sie kommen aus der ganzen Welt oder fast der ganzen: aus Afrika, Nahost, Zentralasien, Russland, Lateinamerika. Auffallend ist das Fehlen westlicher Geschäftsleute. Yiwu hält die strengen Vorschriften ihrer Heimatmärkte nicht immer ein.
Die chinesischen Verkäufer:innen sitzen hinter schmalen Theken. Man hört Arabisch, Russisch, Spanisch, gebrochenes Englisch, Mandarin; die einzige gemeinsame Sprache hier ist die der Zahlen. Die Menge wird festgelegt, der Taschenrechner kommt zum Einsatz, die Summe erscheint. Eine Augenbraue hebt sich, senkt sich wieder. Die Verhandlungen selbst um kleinste Beträge sind knallhart.
Die Gänge erstrecken sich so weit das Auge reicht in einer strengen Geometrie, der das Durcheinander der Waren widerspricht: die bunte Armee der aufgereihten Sonnen- und Regenschirme, Geschenkpapierrollen bis unter die Decke, Kleiderbügel zu Zehntausenden, goldfarbene Pokale für unbekannte Sieger, Anstecknadeln des FC Barcelona, Schlüsselanhänger mit dem Eiffelturm, Kühlschrankmagnete mit der Golden Gate Bridge, Schmuck angeblich von Christian Dior oder Yves Saint Laurent, sogar Autoscooter. In einem anderen Gang weisen Schilder nüchtern auf „religiöse Artikel“ hin: Buddhas, Madonnen, Weihwasserbecken mit der heiligen Bernadette von Lourdes. Auch das Heilige bemisst sich nach Paletten.
Möglichkeiten zum Essen gibt es kaum. Stehimbisse für Nudeln, lauwarmer Instantkaffee – nichts, was zu einer Pause einlädt. Das hier ist kein Ort der Geselligkeit. In den mittleren Etagen wirken manche Stände fast leer. Hier werden nur wenige, sorgfältig aufgereihte Muster präsentiert. Für die etablierten Händler spielt sich das Wesentliche nicht hier, sondern in einem Lager oder einer Werkstatt am Stadtrand ab. Im vierten Stock ändert sich die Atmosphäre erneut: Es ist der Fertigungsbereich. Uhren werden vor Ort zusammengebaut, Kartons geöffnet, Bauteile direkt auf dem Boden ausgebreitet. Statt der Warenvielfalt unten herrscht hier das Serielle.
Draußen geht das Treiben weiter, nur unter freiem Himmel. Die Straßen sind niemals leer. Lastwagen, Lieferwagen, Motorräder, Lastenfahrräder werden beladen, ja überladen, es ist ein Hin und Her von Kartons, Bündeln und überquellenden Plastiktüten, von einem Ende der Stadt zum anderen: von den Fabriken zu den Messeständen, von den Ständen zu den Lagern, von den Lagern zu den Frachtzentren.
Auf den Hauptverkehrsachsen kreuzen sich die Wege von Lkws mit DHL-Logo und nicht gekennzeichneten Vehikeln, die bis unters Dach beladen sind. In den Hotellobbys stapeln sich Pakete, die darauf warten, im Frachtraum eines Flugzeugs zu kleinen Geschäften in tausenden Kilometern Entfernung weiterbefördert zu werden.
Die Stadt ist überaus international. Büros von „Forwardern“, zuständig für den Warentransport über die Weltmeere, bewerben ihre Dienstleistungen in kyrillischer, arabischer oder lateinischer Schrift. Zu den Essenszeiten vermischen sich die Gerüche von Wasserpfeifen mit denen von Nudelsuppen und Gegrilltem. Eine Moschee beweist, dass Yiwu nicht nur ein Durchgangsort ist.
Hier leben an die 18 000 ausländische Händler,2 die Stadt hat für sie internationale Schulen eingerichtet und stellt auch andere, auf Nichtchinesen zugeschnittene Dienstleistungen. Doch von dem schicken Weltbürgertum von Expats wie in New York, Paris, Mailand oder Schanghai ist hier nichts zu spüren. Man entscheidet sich nicht zum Spaß für ein Leben in Yiwu, man kommt aus purer Notwendigkeit.
Geht man durch die an den Trade Market grenzenden Viertel, ist es vor allem die Klangkulisse, die man wahrnimmt. Durch offene Fenster dringen Maschinengeräusche, regelmäßiges, schweres und beharrliches Hämmern. „Das Gute hier ist: Es ist alles schon da oder gleich nebenan“, erklärt ein Händler. Die Produktionskette ist in der Tat fast lückenlos. Vom Rohstoff bis zum verkaufsfertigen Endprodukt ist alles in einem kleinen Umkreis zu finden. Die Fabriken sind meist bescheiden mit nur 40 bis 50 Arbeiter:innen, aber es gibt sie massenhaft und überall.
In einer Straße reihen sich Webereien aneinander. Die Webstühle, nicht gerade die neusten Modelle, laufen ununterbrochen und laut. Fadenreste quellen bis auf den Bürgersteig. In den Stapeln bunter Stoffrollen lassen sich Farben aus den Anden und afrikanische Druckmuster erkennen.
Etwas weiter weg wird der Lärm rauer: Fabriken, in denen Reißverschlüsse und Schnürsenkel hergestellt werden. Im Erdgeschoss wird gearbeitet, in den oberen Stockwerken liegen die Wohnungen mit vergitterten Fenstern, hinter denen Wäsche trocknet. Dazu der Krach von Fernsehern, die anscheinend nie ausgeschaltet werden. Vor einer Tür ein Kocher mit einem Topf darauf: Reis, Gemüse, ein Ei. Man isst schnell, ohne die Maschinen anzuhalten. Sogar der Zigarettenverkäufer hat irgendeine Maschine hinten im Laden: „Wenn keine Kunden da sind ...“
In einer Werkstatt treffen wir Gao, 42 Jahre alt. In seiner Weberei arbeiten 30 Menschen, viele davon Familienmitglieder. „In Yiwu ist es ganz einfach, eine Fabrik zu gründen“, erzählt er. „Man kauft drei Maschinen, gerne gebraucht, mietet eine Wohnung und legt los. Die Vorschriften sind locker. Für Betriebe wie unseren sind die Steuern sehr niedrig, manchmal gibt es gar keine. Sonst würde niemand durchhalten.“ Die Webstühle sind „nicht die schnellsten, aber dafür können wir sie selber reparieren“. Die Organisation ist familiär, die Arbeitszeit flexibel. Darin liegt die Wettbewerbsfähigkeit dieser kleinen Betriebe: Reaktionsschnelligkeit, niedrige Kosten, die Fähigkeit, auch kleinste Aufträge zu bedienen.
Etwa 70 Kilometer von Yiwu entfernt liegt Datang, ein Ortsteil der Stadt Zhuji. Datang ist auf die Herstellung von Socken spezialisiert, in fast 8000 Unternehmen, von der winzigen familiengeführten Manufaktur bis zur kleinen Fabrik. Die eintönigen Straßen sind gesäumt von Werkstätten, auf ihren Schildern stehen nur Nummern. „Das ist für Afrika“, erläutert unser Führer und nimmt ein Paar Socken in die Hand, „einfache Baumwolle“. Er nimmt ein weiteres Paar: „Europa, andere Standards.“ Ein drittes: „Sportsocken, teurer.“ Datang stellt nicht nur ein Produkt her, sondern die gesamte Produktpalette von billig bis luxuriös.
Die Filialen der Bank of China sind in Yiwu weniger präsent als anderswo. Die Finanzdienstleister sitzen überall verstreut in der Stadt, eng verflochten mit Spediteuren, Handelsvertretern und lokalen Zwischenhändlern, und sie nutzen verschiedene Mechanismen, oft an der Grenze der Legalität. Das Bezahlen von Waren in China ist komplexer als eine einfache Banktransaktion. Es erfordert ein eigens angeeignetes transnationales Know-how.
Gerundete Rechnungen, nicht nachzuverfolgende Anzahlungen und Teilzahlungen in bar sind hier an der Tagesordnung. Die Nutzung alternativer Zahlungskanäle – Kryptowährungen, informelle Kompensationsgeschäfte, Zahlungen außerhalb der klassischen Bankkreisläufe – hat zugenommen, parallel zu einer allmählichen Umstellung auf Yuan auch bei internationalen Transaktionen.
Dies ist weder Ausdruck einer gezielten Währungspolitik noch einer ideologischen Ablehnung des US-Dollars, sondern schlichtweg kommerzieller Pragmatismus: Man nutzt eine verfügbare Währung, die kostengünstig und keinem großen Risiko durch Sanktionen und geopolitische Unwägbarkeiten ausgesetzt ist.
Manch ausländischer Käufer umgeht Devisenmakler und behördliche Kontrollen, indem er Geld bei einem chinesischen Mittelsmann in seinem Heimatland deponiert; in China händigt ihm ein Partner dann den entsprechenden Betrag in Yuan aus. Andere nutzen die Kryptowährung Tether, ein Stablecoin, dessen Wert an den US-Dollar gebunden3 und unter Händlern aus dem Globalen Süden weitverbreitet ist. Tether können über Broker auf Whatsapp oder Telegram gekauft und dann, in Yuan umgetauscht, problemlos an chinesische Fabriken überwiesen werden.
Diese Art des Zahlungsverkehrs ist Teil einer umfassenderen Entwicklung. Die vielen russischen Händler in Yiwu haben seit dem Krieg in der Ukraine und den Sanktionen gegen Russland keinen Zugang mehr zum Zahlungsverkehr in US-Dollar und Euro. Sie bezahlen also in Yuan oder Kryptowährungen, was diese Verfahren immer mehr normalisiert. Die chinesischen Verkäufer haben sich schnell darauf eingestellt. Schließlich sichert man sich so den Umsatz und behält seine Kunden.
Etiketten ohne Herkunftsangabe, Geldverkehr ohne Spuren: In Yiwu zeigt sich eine Globalisierung, die sich ständig verändert und neuen Gegebenheiten anzupassen weiß.
1 „Evolving purchase of Yiwu’s Xmas merchandise“, China Daily, 20. November 2024.
3 Siehe Frédéric Lemaire und Dominique Plihon, „Kryptos spalten die Welt“, LMd, September 2025.
Aus dem Französischen von Nicola Liebert
Maëlle Mariette ist Journalistin.


