Hormus und die Energiekrise
von Michael T. Klare

Mit ihrem Krieg gegen Iran haben die USA und Israel nicht eine, sondern zwei Großoffensiven gestartet. Zum einen die – von langer Hand geplanten – Schläge gegen Irans militärische und staatliche Einrichtungen; zum anderen der – offensichtlich ungewollte – Angriff auf die globale Energieversorgung.
Die abrupte Unterbrechung der Gas- und Öllieferungen aus der Golfregion hat insbesondere in Asien zu Engpässen in der Kraftstoffversorgung für den Verkehrssektor wie für die Stromerzeuger geführt, mit der Folge steigender Preise. Auf den Philippinen rief Präsident Ferdinand Marcos Jr. Ende März vorsorglich den „Energienotstand“ aus und verordnete den Behörden eine Viertagewoche.
Andere Länder haben Schulen geschlossen und die Arbeitszeit reduziert. Oder sie versuchen, wie Südkorea, den Unmut der Verbraucher mit einer Deckelung der Benzinpreise zu dämpfen. Die Versorgungskrise hat selbst die relativ energieautarken USA nicht verschont. Auch dort sind die Spritpreise massiv gestiegen, was die Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen stark belastet.
US-Präsident Donald Trump hat bei seiner Kriegsentscheidung die Energiekrise offenbar nicht einkalkuliert. Doch gewiss ist er sich über die langfristigen ökonomischen und geopolitischen Auswirkungen im Klaren; und natürlich wird er versuchen, das für die nationalen und seine persönlichen Interessen zu nutzen. Und so rät er den Regierungen, denen das Kerosin ausgeht: „Kauft bei den USA, wir haben reichlich“ (auf Truth Social, 31. März).
Die Trump-Regierung wirbt auch für US-Flüssigerdgas (LNG), und zwar gezielt in Ländern, die ihr Gas bisher aus den Golfstaaten bezogen haben. „Wir verkaufen Energie an unsere Freunde und Verbündeten, damit sie die nicht von unseren Gegnern beziehen müssen“, erklärte US-Innenminister Doug Burgum am 15. März anlässlich der Unterzeichnung von Lieferverträgen mit Japan und anderen Staaten in Höhe von 57 Milliarden Dollar. (Washington Post, 23. März).
Die zentrale Bedeutung der Golfregion für die globalen Energiemärkte basiert auf geologischen Faktoren. Die größten Öl- und Gasvorkommen liegen meist in Flussdeltas oder den angrenzenden Meeresregionen. Hier wurde die über Jahrmillionen angesammelte organische Materie (vor allem Algen) von Sand- und Schluffschichten überlagert und zu Kohlenwasserstoffen umgewandelt. Weltweit am ausgeprägtesten verlief dieser Prozess im Persischen Golf. Hier lagerten sich die Sedimente von Euphrat und Tigris ab, was zur Entstehung der weltweit größten Vorkommen an Erdöl (48 Prozent) und Erdgas (40 Prozent) führte.1
Gemessen an der Fördermenge sind zwar Russland und die USA die größten Öl- und Gasproduzenten. Doch was die internationalen Märkte betrifft, sind die Golfstaaten nach wie vor die wichtigsten Exporteure und werden das auf absehbare Zeit auch bleiben. Nach den Zahlen des Energy Institutes in London für 2024 (neuere Zahlen liegen nicht vor) kommen rund 35 Prozent der weltweiten Ölexporte von den Golfanliegern Iran, Irak, Kuwait, Katar, Saudi-Arabien und Vereinigte Arabische Emirate (VAE). Katar allein kommt auf 20 Prozent der globalen LNG-Exporte.2
Die Golfregion ist auch Hauptlieferant für zahlreiche Erdöl- und Erdgasprodukte. Von hier stammt etwa ein Drittel des global hergestellten Harnstoffs (der am meisten verbreitete Stickstoffdünger) und ein Viertel des Ammoniaks (der ebenfalls zu Düngemitteln verarbeitet wird). Millionen Landwirte in allen Erdteilen sind heute auf diese Düngemittelexporte angewiesen, zumal die Produktion in Russland und der Ukraine, zwei weiteren wichtigen Erzeugern, infolge des Kriegs zurückgegangen ist.
Doch dieser geologische Segen ist mit einem geografischen Fluch belastet, der die Exportkapazitäten der Golfstaaten seit jeher beschränkt: Die Straße von Hormus, also der Ausgang zum Indischen Ozean, ist wie ein Nadelöhr und lässt sich im Kriegsfall leicht blockieren. Die strategische Bedeutung dieser Wasserstraße ist umso größer, als es nur wenige Pipelines gibt, über die Öl oder Gas auf den Weltmarkt gelangen. Der Großteil der fossilen Energieträger wird mit Tankern exportiert.
Natürlich ist das alles auch für das Schicksal der Länder von Belang, die nicht über solche Ressourcen verfügen. Dem britischen Energy Institute zufolge haben die Staaten Asiens 2024 insgesamt 73 Prozent ihres Rohöls aus der Golfregion bezogen. Indien und Pakistan decken zudem auch einen Großteil ihres Bedarfs an Flüssiggas durch Importe vom Golf.3 Die afrikanischen und europäischen Staaten sind von Öl- und Gaslieferungen aus den Golfstaaten zwar weniger abhängig, doch diese helfen, ihre Energieimporte zu diversifizieren.
In den vergangenen Jahren ist die Golfregion für die globale Energieversorgung noch wichtiger geworden, weil die Produktion in anderen Förderländern zurückgegangen ist. So zählte etwa Venezuela lange Zeit zu den wichtigsten Erdöl exportierenden Ländern; doch die Förderung ist zwischen 2014 und 2024 von 2,7 Millionen auf 1 Million Barrel pro Tag zurückgegangen, eine Folge von Missmanagement und Sanktionen der USA.
Nach dem Kidnapping des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro im Januar erklärte Trump, US-Ölkonzerne würden die venezolanischen Anlagen übernehmen, sanieren und wieder zum Laufen bringen. Doch die Konzerne selbst sehen das weniger optimistisch, denn die Instandsetzung würde Jahre dauern und Milliardensummen verschlingen.4
Der frühere Exportweltmeister Russland, der sein Öl und Gas insbesondere nach Europa lieferte, hat seine Spitzenstellung inzwischen eingebüßt, eine Folge der westlichen Sanktionen und anderer Auswirkungen der Invasion in die Ukraine. 2020 hatte der russische Anteil an Europas pipelinebasierten Importen beim Öl noch 53 Prozent und beim Gas noch 38 Prozent betragen. 2024 war der Anteil auf 12 beziehungsweise 22 Prozent zurückgegangen.5 In jüngster Zeit wurden die russischen Exportkapazitäten auch durch ukrainische Drohnenangriffe auf die Ostseehäfen Ust-Luga und Primorsk reduziert, über die Russland rund 40 Prozent seines mit Tankern transportiertes Rohöls exportiert.6
Die Trump-Regierung tut alles, um die US-Exporte auszuweiten. Insbesondere durch Lieferungen von LNG nach Europa will sie von der steigenden Nachfrage und den verminderten russischen Kapazitäten profitieren. Da die USA jedoch selbst der weltweit größte Verbraucher von Öl und Gas sind, können sie den Export nur in begrenztem Maße ausweiten.
Demnach werden die auf Importe angewiesenen Länder ihre Abhängigkeit von den Förderländern am Persischen Golf so bald nicht verringern können. Sie werden weiterhin, bis sich die Situation der Lieferländer wieder normalisiert, erhebliche Probleme haben. Und selbst wenn die Straße von Hormus für die Handelsschifffahrt wieder offen ist, dürfte die Ölproduktion der Golfstaaten erst nach Monaten das Vorkriegsniveau erreichen.
Zahlreiche Ölanlagen in der Region wurden entweder aus Sicherheitsgründen stillgelegt oder durch Kriegseinwirkungen beschädigt. Am kritischsten steht es sicher um die LNG-Anlage von Ras Laffan in Katar. Hier wurden am 18. März zwei Verflüssigungsanlagen durch iranische Raketen getroffen. Das hat die katarischen Exportkapazitäten um rund 17 Prozent reduziert.7 Die Reparaturarbeiten könnten drei bis fünf Jahre dauern.

Geologischer Segen, geografischer Fluch
Da die Öl- und Gaspreise schon auf kleinste Angebotsschwankungen sensibel reagieren, hätte die abrupte Unterbrechung der Öl- und Gaslieferungen aus der Golfregion allein schon reichlich destruktive Wirkungen entfaltet. Die globalen Energiemärkte sind ohnehin durch eine starke Nachfrage gestresst, und ausgerechnet jetzt kommt noch die Schließung der Straße von Hormus hinzu. Die Nachfrage steigt ständig weiter, während der Übergang zu den Erneuerbaren langsamer als geplant vonstattengeht, was vor allem an der Obstruktionspolitik der Trump-Regierung liegt. Damit bleibt die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen unverändert hoch.
Nach den jüngsten Prognosen der Internationalen Energieagentur (IEA) wird der globale Energieverbrauch – wenn sich politisch nichts grundlegend ändert – bis 2035 um 14 Prozent zunehmen.8 Um die zusätzlichen Mengen zu beschaffen und zugleich die grüne Transformation zu beschleunigen, werden enorme Investitionen in neue Förder-, Verarbeitungs- und Verteilungsanlagen nötig.
Die großen Öl- und Gasproduzenten müssen neue Vorkommen erschließen, die Importländer wiederum müssen ihre Hafen- und Verarbeitungsanlagen ausbauen und/oder stärker auf alternative Energiequellen umsatteln. All diese Maßnahmen sind politisch wie finanziell mit hohen Kosten verbunden, sodass in allen betreffenden Ländern mit heftigen Kontroversen zu rechnen ist.
Jetzt werden die heiklen Kalkulationen auch noch durch den Irankrieg belastet. Überall müssen die Regierungen den nationalen Energiemix auf den Prüfstand stellen und, falls sie an fossilen Energien festhalten wollen, ihre Bezugsquellen diversifizieren.
Am radikalsten wird eine solche Neuausrichtung in Asien und Europa ausfallen, wo zahlreiche Länder auf Erdgas als „Übergangsenergie“ – von der Kohle zu den Erneuerbaren – gesetzt hatten. Vor dem Irankrieg haben einige europäische Staaten massiv in neue LNG-Terminals investiert. Dabei wollten sie vor allem mehr LNG aus den USA, aber auch aus Katar importieren. Deshalb plante das Emirat bereits, seine Exportkapazitäten zu verdoppeln.9 Heute liegen viele dieser Projekte auf Eis, und niemand weiß, wann Katar seine Produktion wieder hochfahren kann.
Angesichts der Verknappung von Öl und Gas setzen viele Länder auf Alternativen. Japan und Südkorea planen, den Anteil der Atomenergie zu erhöhen, Indien und Indonesien verfeuern wieder mehr Kohle. Und die Öl- und Gaspreise verstärken natürlich auch das Interesse an erneuerbaren Energien, wie die massiven chinesischen Investitionen in die Solarenergie zeigen.10
Der Irankrieg wird hoffentlich bald endgültig vorbei und die wichtigste Wasserstraße der Welt wieder frei befahrbar sein. Aber selbst wenn, ist heute schon klar, dass sich die Situation auf den globalen Energiemärkten nicht so bald entspannen wird. Im Gegenteil, die Lage dürfte sich in den kommenden Monaten ebendeshalb noch verschärfen, weil die Staaten versuchen, sich auf künftige Versorgungsengpässe vorzubereiten. Oder weil sie – wie die USA unter Trump – die Krise zum eigenen Nutzen ausbeuten.
Und nicht zu vergessen: Das eigentliche Problem ist nicht der Energiemix der Welt von morgen, es ist das Tempo der Erderwärmung.
1 BP, „Statistical Review of World Energy 2021“.
2 Energy Institute, „Statistical Review of World Energy 2025“.
4 Siehe Manfred Kriener, „Schwarzer Brei aus Venezuela“, LMd, Februar 2026.
8 Internationale Energieagentur (IEA), „World Energy Outlook 2025“.
9 EIA, „Country analysis brief: Qatar“, 20. Oktober 2025.
Aus dem Französischen von Andreas Förster
Michael T. Klare ist emeritierter Professor am Hampshire College in Amherst (Massachusetts).


