Den präzisen Luftschlag gibt es nicht
von Mathias Delori
Mit ihrem Luftkrieg gegen Iran verfolgen Israel und die USA nach eigenen Angaben zwei Ziele: Sie wollen Teherans Atomprogramm zerstören und einen Regimewechsel herbeiführen. Die praktischen und ethischen Grenzen dieser Militärstrategie sind aus der Geschichte hinlänglich bekannt. Tatsächlich sind Luftangriffe selten das Ergebnis zielorientierter Überlegungen, sondern folgen vielmehr der pragmatischen Maßgabe, die eigenen Streitkräfte zu schonen. Diese Strategie kam bereits vor dem Ersten Weltkrieg zur Anwendung. Als etwa in den 1910er Jahren die französischen und britischen Kolonialtruppen bei den Aufständen in Nordafrika und Vorderasien schwere Verluste erlitten, wurden die besetzten Territorien mit Bombardements aus der Luft „befriedet“.
Dabei kamen natürlich viel mehr unbeteiligte Zivilisten ums Leben als beim Einsatz von Bodentruppen. Nicht alle Offiziere wollten das einfach so hinnehmen. Der britische Militärhistoriker David Omissi hat sich am Beispiel der Niederschlagung schiitischer und kurdischer Aufstände in den 1920er Jahren im heutigen Irak mit dem Fall des Generalmajors Lionel Charlton beschäftigt. Als Charlton in einem Krankenhaus in Diwaniyya die verletzten Opfer britischer Bombardements besuchte, war er so schockiert, dass er darum bat, von seinem Posten entlassen zu werden: „Um seiner Karriere willen hätte er das Vorgehen der Royal Air Force akzeptieren müssen. Letztlich obsiegte sein Gewissen.“1
Neben der ethischen Frage ergibt sich für Befehlshaber, die über Luftschläge nachdenken, ein strategisches Problem. Das Ziel, die Bevölkerung vor Ort mit dieser grausamen Taktik zum Aufstand gegen ihre eigenen Machthaber zu bewegen, haben Bombardements noch nie erreicht. Die deutsch-italienischen Luftangriffe auf Barcelona im März 1938 beispielsweise einten die Bevölkerung vielmehr „im Horror und im Hass“, wie der britische Psychologe Eric Benjamin Strauss feststellte.2 Ähnlich reagierte die Bevölkerung 1940, als die deutsche Luftwaffe englische Städte bombardierte.
Trotz dieser Erfahrung ließ das Vereinigte Königreich zusammen mit den USA deutsche Städte in einem Ausmaß bombardieren, das – verglichen mit der Bombenlast und den zivilen Todesopfern – die britische Erfahrung um das Zehnfache übertreffen sollte. US-Wissenschaftler gaben 1943 zu bedenken, dass es keinen Beweis dafür gebe, dass die „Bombardierung deutscher Städte den Rückhalt des NS-Regimes in der Bevölkerung gemindert hätte“.3 Dennoch hielten die Alliierten an ihrer Strategie des „moral bombing“ fest und weiteten die Flächenbombardements auf Wohngebiete sogar noch aus.
1944 und 1945 gingen mehr als eine Million Tonnen Bomben auf deutsche Städte nieder, in den drei Jahren zuvor waren es 250 000 gewesen. Doch die Bevölkerung erhob sich nicht gegen das Regime. Schlimmer noch: Dem NS-Rüstungsminister Albert Speer halfen die massiven Bombardements, die letzten Reserven zu mobilisieren.
Auch in Vietnam, Kambodscha und Laos setzten die USA in den 1960er und 1970er Jahren auf massive Luftangriffe. Millionen Zivilisten starben, ohne dass auch nur ein einziges offizielles Kriegsziel erreicht worden wäre.4 Dass es nicht zu einem nachhaltigen Umdenken kam und die Strategie der Luftschläge nach wie vor viele Anhänger hatte, hing auch mit der technischen Entwicklung zusammen.

Noch nie haben Bomben zum Regimechange geführt
Seit den 1990er Jahren machten Lenkflugkörper und Software, mit der die Zahl der zivilen Opfer geschätzt werden konnte, Luftangriffe vermeintlich „moralischer“. Ihre Befürworter argumentierten, dass dank dieser Neuerungen das Kriegsrecht eingehalten werden könne. Schließlich treffe die neue Technik militärische Ziele viel präziser und stelle die „Kollateralschäden“ in ein angemessenes Verhältnis zum militärischen Nutzen. Im Vergleich zum Bombenteppich – oder, wie es der britische Politologe Martin Shaw nannte, zur „alten westlichen Art der Kriegsführung“5 – war dies jedoch nur aus statistischer Sicht ein Fortschritt. Die in London ansässige NGO Airwars geht davon aus, dass durch die Bombardements im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat im Irak und in Syrien zwischen 2014 und 2018 rund zehntausend Zivilisten ums Leben kamen. Auf solche Opferzahlen kamen die alliierten Luftangriffe auf mittelgroße deutsche Städte in den Jahren 1944 und 1945 in zwei Tagen.
Die heute – zumindest im Vergleich zu früher – „niedrigen“ Opferzahlen nach Luftangriffen bedeuten aber mitnichten, dass diese die strategischen Ziele besser erreichen. Wenn Gegner wie die Terrorgruppen al-Qaida und der IS etwa über keine Luftabwehrsysteme verfügen, haben sie nur eine Wahl: Entweder sie reagieren gar nicht, oder sie nehmen die Zivilbevölkerung ihrer Feindstaaten ins Visier. Luftangriffe gefährden Unbeteiligte dann nicht nur in den bombardierten Ländern, wie etwa die islamistischen Attentate gezeigt haben, die in Frankreich seit 2015 immer wieder Opfer forderten.
Die jüngste technische Entwicklung – der Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) – könnte sich als ein erschreckender Rückschritt herausstellen. 2023/24 nutzte Israel KI-Techniken in Gaza, um möglichst viele vermeintlich militärische Ziele zu identifizieren. Dabei handelte es sich meist um mutmaßliche Hamas-Mitglieder. Die Militärführung argumentierte, dass es – juristisch gesprochen – akzeptabel sei, dutzende Zivilisten zu töten, um einen „Terroristen“ zu neutralisieren. So erreichten die zivilen Opferzahlen in Gaza ein Ausmaß, das mit den größten Bombardements der Geschichte vergleichbar ist.6 Vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, der im Januar 2024 urteilte, Israel müsse „alles in seiner Macht Stehende“ tun, um einen Genozid in Gaza zu verhindern, beriefen sich die Vertreter Israels darauf, sie würden nur die Terroristen bekämpfen, nicht palästinensische Zivilisten.
Die Ziele Israels und der USA in Iran sind offenkundig verschieden, doch beide räumen ein, KI-gestützte Zielerfassungssysteme einzusetzen. Nach Angaben verschiedener NGOs und Behörden forderte dieser Krieg bis zum 6. April in Iran, Israel und im Libanon bereits mehr als 3000 zivile Todesopfer.⇥Mathias Delori
Aus dem Französischen von Andreas G. Förster
Mathias Delori ist Wissenschaftler am Centre de recherches internationales (CERI) und Autor von „Der Krieg gegen den Terror als mimetische Rivalität“ (auf Französisch), Paris und Brüssel (Peter Lang) 2025.


