09.04.2026

Ruhe, wir schießen

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Ruhe, wir schießen

von Gideon Levy

Zuflucht in einer Tiefgarage, Tel Aviv, 10. März TSAFRIR ABAYOV picture alliance/aa
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Diese Zeilen wurden in Pausen aufgeschrieben, in den Stunden zwischen dem Aufheulen der Sirenen, die uns in den Luftschutzkeller schicken. Selbst das Piepen der Handys ist ohrenbetäubend, irritiert und verschreckt. Es ist ein Geräusch, an das du dich nie wirklich gewöhnst, schon gar nicht, wenn es dich nachts aus dem Schlaf reißt.

Seit nunmehr sechs Wochen müssen zehn Millionen Israelis mehrmals am Tag einen Schutzraum aufsuchen – 21-mal allein am ersten Kriegstag im Großraum Tel Aviv. In anderen Landesteilen, vor allem in mehrheitlich arabisch besiedelten Orten, können die Menschen nirgendwohin, denn hier gibt es keine Schutzräume.

Es ist ein enormer Preis, den dieser Krieg der israelischen Gesellschaft abverlangt, wobei manche Kosten schwierig zu beziffern sind, insbesondere die immateriellen. Erst in einigen Jahren werden wir das volle Ausmaß der Verluste dieses Kriegs gegen Iran und seines Vorläufers, des Gaza­kriegs, kennen: für die Ökonomie wie für die Sicherheit des Staats Israel, für sein internationales Ansehen wie für seine Bevölkerung. Ganz zu schweigen natürlich von dem Blut, das vergossen wurde, von der ungezügelten Zerstörung, von den Ängsten und Traumata, die uns noch viele Jahre begleiten werden.

Immer mehr Unternehmen gehen pleite, das Bildungssystem ist vollständig lahmgelegt, und die Menschen brechen psychisch zusammen. Dieser Zustand dauert nun schon seit Oktober 2023 an, und das fast ununterbrochen.

Kurz sah es so aus, als könnte es so etwas wie eine Rückkehr zur Normalität geben – nach der Übergabe aller israelischen Geiseln und der Ausrufung eines Waffenstillstands. Doch Israel hat – unter diversen Vorwänden – weder in Gaza noch im Libanon das Feuer auch nur für eine Sekunde eingestellt.

Ein Land, das sich als normales Land betrachtet, lebt seit 30 Monaten unter Bedingungen, die alles andere als normal sind. Für fast alle Is­raelis hat dieser schreckliche Krieg im Gazastreifen eine absolute Rechtfertigung: den 7. Oktober.1 Seit dem Tag hat in den Augen der meisten jüdischen Bürgerinnen und Bürger die israelische Armee nicht nur das Recht, sondern nachgerade die Pflicht, einen Vernichtungskrieg in Gaza zu führen.

Und weil sie diesen Krieg für unvermeidlich halten, nehmen sie seine Folgen, auch die moralischen, vergleichsweise gelassen in Kauf – zumal die Medien kaum Bilder von den Gräueltaten in Gaza zeigen. Im Übrigen verschanzt man sich gegen die weltweite Empörung hinter der bewährten argumentativen Mauer: Die Welt ist antisemitisch und hasst uns ohnehin, also ist egal, was wir tun.

Stimmen des Bedauerns über den Vernichtungskrieg in Gaza wurden nicht nur überhört, sondern sogar als illegitim und Verrat diffamiert. Niemand kommt auf die Idee, sich für die vielen Toten verantwortlich oder gar schuldig zu fühlen. Alle jüdischen und zionistischen Parteien, die in der Knesset vertreten sind, stehen nach wie vor hinter dem Gazakrieg – ein demokratisches Parlament ohne Opposition.

In einer normaleren Gesellschaft wären angesichts dieses Kriegs kritische Fragen aufgekommen: zur Kriegsführung, zu roten Linien, die überschritten wurden, auch zu Kriegsverbrechen. Nicht so in Israel, nicht nach Gaza.

Selbst über die „strategische“ Bilanz des Gaza­kriegs gibt es kaum Diskussionen. Es war ein erfolgreicher Krieg. Das erfahren die Israelis aus ihren Medien und von ihrem Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, der es unermüdlich wiederholt. Hauptsache, alle Geiseln der Hamas sind wieder zu Hause – ob lebend oder als Leichen. Das reicht aus, um das Töten von 70 000 Menschen und die fast vollständige Zerstörung eines Landes mit einer Bevölkerung von zwei Millionen Menschen als Erfolgsgeschichte zu zelebrieren.

Von Reue ist in der israelischen Gesellschaft nichts zu spüren. Es ist ja alles glattgelaufen, und die Kosten waren unvermeidlich. Wäre es möglich, die Zeit zurückzudrehen bis zum Oktober 2023, die Israelis würden wahrscheinlich denselben barbarischen Krieg noch einmal führen. Ja vielleicht sogar einen noch brutaleren angesichts der Tatsache, dass abgesehen von der Freilassung der Geiseln keines der Kriegsziele erreicht wurde.

Die Hamas ist in Gaza nach wie vor handlungsfähig; zugleich ist Israel nach diesem Krieg nicht viel sicherer als zuvor. Das müsste eigentlich mehr Israelis auf den Gedanken bringen, dass absolute militärische Übermacht keineswegs ausreicht, um nachhaltige politische Ergebnisse zu erzielen.

Fünf Monate nach dem offiziellen Ende des Kriegs hält Israel noch immer den größeren Teil des Gazastreifens besetzt. Den anderen Teil kontrolliert die Hamas, die ihre Waffen nicht abgegeben hat und das auch nicht vorhat.

Israel hat keinerlei Pläne für die Zeit „danach“. Aus Regierungskreisen kommt lediglich die aberwitzige Idee, die israelischen Siedlungen im Gazastreifen wiederzubeleben, die 2005 geräumt wurden.

Gaza ist ein Trümmerfeld. Und auch der angekündigte Wiederaufbau gerät auf internationaler Ebene langsam in Vergessenheit. Die Welt hat das Interesse an Gaza verloren. Sie ist bereits mit den nächsten Kriegen befasst.

Was Israel erreicht hat, kann man schwerlich als langfristigen strategischen Erfolg werten. Die verwüstete Enklave wird ein politischer und sozialer Unruheherd bleiben. Die Israelis werden das Gebiet weiterhin nur mit Gewalt und durch ihre unbegrenzte militärische Macht kontrollieren können.

All dies war der Auftakt zum jüngsten Krieg, den Israel begann, kurz nachdem der Gazakrieg für beendet erklärt worden war: Denn auch der Krieg gegen Iran geht auf den 7. Oktober 2023 zurück. An diesem Tag kam Israel zu dem Schluss, dass es seine militärische Kontrolle über die ganze Region verstärken müsse; dass es für seine Handlungen keine rote Linien oder Einschränkungen geben dürfe; und dass man sich fortan einzig und allein auf das Schwert verlassen werde.

Netanjahu war schon immer dieser Ansicht2 , seit dem 7. Oktober haben die meisten Israelis diese Denkweise übernommen. Die Überzeugung, dass der Genozid in Gaza gerechtfertigt ist, und das Gefühl eines vermeintlichen Siegs haben sie ermutigt, sich in den nächsten Krieg zu stürzen. Der Entschluss zum „Krieg aller Kriege“, zum großen Militärschlag gegen Iran, basiert innenpolitisch also auf zwei Faktoren: auf der Iran­obsession eines Regierungschefs, der den Sturz des Teheraner Regimes als sein Lebensziel sieht, und auf einer öffentlichen Meinung, die davon zeugt, dass die israelische Gesellschaft bereit ist, fast jeden Preis für einen Krieg zu zahlen.

Zwei weitere Voraussetzungen fügten sich dann wie von selbst: Zum einen sah der israelische Geheimdienst die Gelegenheit gekommen, einen Großteil der iranischen Führung mit einem einzigen Schlag auszulöschen, und zum anderen konnte diese Aussicht offenbar die Fantasie des US-Präsidenten beflügeln. Der Angriff auf Iran war damit beschlossene Sache.

Es ist ein klassischer Fall eines war of choice, eines nicht erzwungenen Kriegs gegen einen Gegner, von dem für Israel wie für die USA keine unmittelbare Gefahr ausging, und überdies zu einem Zeitpunkt, als noch diplomatische Verhandlungen mit Aussichten auf einen Erfolg liefen.

Wie Israel einen weiteren Krieg anfangen konnte, ist schwer begreiflich. Die Gesellschaft ist erschöpft und zermürbt durch das Trauma vom 7. Oktober und die darauffolgenden Jahre des Kriegs – in Gaza und an weiteren Fronten wie Libanon oder Jemen. Und doch: Sie ist bereit für einen neuen Krieg. Meine Fantasie reicht nicht aus, um die kranke Geistesverfassung zu begreifen, die das möglich macht.

Da haben wir einen Ministerpräsidenten, den mindestens die Hälfte der Bevölkerung verabscheut und hasst wie keinen seiner Vorgänger; dem gegenüber in weiten Bevölkerungskreisen das Vertrauen gegen null tendiert; und dessen Rücktritt eine breite Protestbewegung seit Jahren fordert. Und dennoch hat es dieser Mann mit unbegreiflicher Leichtigkeit geschafft, sein Land in ein weiteres militärisches Abenteuer zu stürzen, das gefährlicher ist als alle zuvor.

Wir wussten schon immer, dass die öffentliche Meinung in Israel eher für Krieg als für Frieden zu gewinnen ist; dass eine militärische Ini­tia­tive weitaus leichter vermittelbar ist als eine diplomatische; dass politische Zugeständnisse für viel gefährlicher erachtet werden als das Schlachtfeld. Und doch war es schlechterdings unfasslich, mit welcher Leichtigkeit und mit welch breiter öffentlicher Zustimmung das Land in den Irankrieg gezogen ist, und das zu diesem Zeitpunkt.

Nach einer Umfrage des Israel ­Democracy ­Institute (IDI) waren zu Beginn des Kriegs 93 Prozent der jüdischen Israelis für die Militäraktionen gegen Iran, auch vier Wochen nach Kriegsbeginn lag diese Zahl noch bei 78 Prozent (71 Prozent der arabischen Israelis lehnen den Krieg ­hingegen ab).3 Andere Meinungsumfragen bestätigen die überwältigende Zustimmung zu diesem Krieg.

Eine Zustimmungsrate von 93 Prozent – das liest sich wie ein Wahlergebnis aus Nordkorea oder Belarus. Es ist eine undemokratische Zahl. Eine solche Mehrheit in einer so wichtigen Frage finden wir in keiner demokratischen Gesellschaft. Sie ist beängstigend, aber keineswegs überraschend. Sie verweist auf ein Defizit an Pluralismus und sagt eine Menge über den in Israel herrschenden Zeitgeist aus.

Sicher, Kriege finden zu Beginn fast immer Zustimmung; erst recht, wenn die ersten Aktionen die Siegesfantasien beflügeln. Wie in diesem Fall, als die Regierung damit prahlte, die iranische Führungselite auf einen Streich blitzartig liquidiert zu haben („40 Führer in 40 Sekunden“). Die immer wieder bekräftigten Kriegsziele trugen ebenfalls zur Unterstützung bei: das Versprechen, die iranische Gefahr – die atomare Bedrohung, die Langstreckenraketen und Teherans regionale proxies – ein für allemal zu beseitigen.

Und doch scheint keines dieser Ziele – nach mehreren Wochen Krieg gegen Iran – auch nur annähernd erreicht zu sein, insbesondere nicht der angekündigte Regimewechsel und nicht einmal die vollständige Beseitigung der atomaren Bedrohung. Obwohl also die Israelis bereits wochenlang in einer irrwitzigen, von Einschränkungen und Alarmsirenen diktierten Realität leben, kommen Fragen über die Dauer dieses Kriegs oder generelle Kritik an den militärischen Operationen im öffentlichen Diskurs kaum auf.

Am 28. März demonstrierten in Tel Aviv erstmals etwa tausend Menschen gegen den Krieg – an anderen Orten gab es kleinere Proteste. Doch die Antikriegsproteste erreichen nicht annähernd die Dimension der Massenproteste gegen die Justizreform vor drei Jahren, als jede Woche Hunderttausende auf die Straße gingen.4

Auch Menschen, die damals unermüdlich gegen die Regierung Netanjahu demonstriert haben, unterstützen sie nun bereitwillig im Krieg. Piloten der Luftwaffe, die wegen der Justizreform mit Dienstverweigerung gedroht hatten, fliegen nun munter Bombenangriffe, tausende Kilometer von ihrem Heimatland entfernt.

Nach meiner Kenntnis gab es nicht einen einzigen Piloten, der sich geweigert hätte zu fliegen, und keinen Techniker, der gesagt hätte, dass er ein Flugzeug nicht munitioniert. Unisono unterstützen alle einen Krieg, von dem niemand weiß, wie er enden wird, und dessen Ziele sich ständig ändern.

Als die libanesische Regierung am 10. März mit Israel Verhandlungen aufnehmen wollte, erteilte ihr die Regierung Netanjahu sofort eine brüske Absage. Als ich ein Kind war, in den 1960er Jahren, träumten wir vom Frieden mit dem Libanon oder anderen arabischen Ländern. Heute gilt das nur noch als abwegige Idee, für viele scheint es gar ein Albtraum zu sein.

Heute sprechen alle nur über die F-35-Kampfjets, die die USA und Israel gegen Iran einsetzen, was alle gut finden. Im israelischen Fernsehen kommt nicht eine einzige kritische Stimme zu Wort; Kritik gilt im öffentlichen Diskurs als unzulässig. „Ruhe, und schießt!“ lautete der Befehl in einem früheren Krieg. Jetzt ist er zurück, und lauter denn je.

Israelische Reservisten lassen sich einziehen und in den Norden schicken, in den soundsovielten Krieg auf libanesischem Boden (siehe Kasten), ohne nach Notwendigkeit und Nutzen des Unternehmens zu fragen. In Israels vorangegangenen Libanonfeldzügen 1982 und 2006 ist viel Blut geflossen, doch die Ruhe, für die sie sorgen sollten, dauerte jeweils nicht länger als ein paar Monate oder wenige Jahre. Warum sollte es dieses Mal anders sein?

Es ist gerade neun Monate her, seit den Is­raelis versichert wurde, dass die iranische Bedrohung vollkommen beseitigt sei. Aber seit dem 28. Februar hat es nicht einen Tag ohne Raketenbeschuss gegeben. Nach dem sogenannten Zwölftagekrieg im Juni 2025 hatte es geheißen, das iranische Atomwaffenprogramm und seine anderen militärischen Kapazitäten seien zerstört5 , aber jetzt kommen die Einschläge rund um die Uhr. Noch vor wenigen Monaten verkündete Netanjahu, Israel habe die Hisbollah besiegt, die schiiti­sche Miliz sei so gut wie zerschlagen. Dabei bombt die Hisbollah pausenlos weiter.

Als ich ein Kind war, träumten wir vom Frieden mit dem Libanon

Warum verfällt die israelische Gesellschaft, die sonst so lebendig, wach, meinungsstark und selbstbewusst ist, regelmäßig in Schweigen, wenn es um einen möglichen Krieg geht? Warum formiert sie sich angesichts einer realen oder eingebildeten Gefahr zu einer derart hermetischen Einheit?

Die Antwort liegt wohl schon in der Frage: ­Israel braucht Kriege. Das ist nicht nur das Leitmotiv seiner nationalen Erzählung, in dem ein Krieg auf den anderen folgt, es ist auch eine existenzielle Notwendigkeit. In Zeiten des Kriegs lässt sich diese heterogene Gesellschaft, die politisch wie sozial, in religiösen wie in nationalen Fragen gespalten ist, leichter einen; ihre Schwächen und inneren Risse werden verschleiert, und man kann von anderen heiklen Themen ablenken – etwa von der schändlichen, nicht enden wollenden Okkupation zulasten eines anderen Volks.

Und noch etwas: Krieg kommt populistischen politischen Führern wie Netanjahu zupass. Dabei galt der heutige Ministerpräsident, wenn es um Militäreinsätze und Offensivkriege ging, im Vergleich zu seinen Vorgängern lange Zeit als vorsichtig. Jetzt ist er offenbar auf den Geschmack gekommen, selbst nach Gaza. Wobei ihm Donald Trump die Anleitung und die Mittel zur Kriegsführung liefert. Der US-Präsident dürfte das inzwischen schon bereuen – in Israel dagegen noch niemand.

Die masochistische Anwandlung, sich von einem Krieg zum nächsten zu hangeln, ohne ein Gegenkonzept zu entwickeln, zeugt auch von Dummheit und Arroganz. Doch ein Land, das Krieg als erste statt als letzte Wahl sieht, lebt vor allem gefährlich. Die herrschende Denkweise, dass es im Nahen Osten keine Alternative zum Krieg gebe, dass die Waffen das letzte Wort haben müssten, wird Israel niemals davor bewahren, im Sumpf zu versinken. Wie jetzt wieder einmal im libanesischen Sumpf, weil man aus früheren Erfahrungen nichts gelernt hat.

Der einzige Weg, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, ist ein grundlegender Bewusstseinswandel. Aber in Israel gibt es keine Person, die einen solchen Wandel einleiten könnte. Und selbst wenn es sie gäbe, hätte sie wohl keine Chance. Das System würde dafür sorgen, dass sie gründlich diskreditiert wird.

Also Ruhe, es wird geschossen.

1 Siehe „Verdrängen und leugnen“, LMd, Oktober 2025.

2 Siehe Jakob Farah, „Politik des Schwertes“, LMd, Oktober 2024.

3 Tamar Hermann, Lior Yohanani und Yaron Kaplan, „A majority of ­Jewish Israelis believe that the Iran war goals are attainable; ­majority of Arab Israelis believe they are not“, The Israel Democracy ­Institute, Jerusalem, 12. März 2026; sowie „78 % of Jewish Israelis support ­continuing Iran war – poll“, The Times of Israel, 27. März 2026.

4 Siehe Charles Enderlin, „Israel – die Agenda der Radikalen“, LMd, Februar 2023.

5 Siehe Akram Belkaïd, „Israel und die Logik der Eskalation“, LMd, Juli 2025.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Gideon Levy ist Schriftsteller und Journalist und schreibt für die ­Tageszeitung Ha’aretz (Tel Aviv).

Le Monde diplomatique vom 09.04.2026, von Gideon Levy