09.04.2026

Farages langer Atem

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Farages langer Atem

von Tristan de Bourbon-Parme

Nigel Farage bei einer Wahlkampfrallye in Swindon SIMON CHAPMAN picture alliance/zumapress
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Nigel Farage hat Grund zum Frohlocken: „Reform ist kein Rettungsunternehmen für panische Tory-Abgeordnete“, schrieb er am 17. Januar im Daily Telegraph.

Reform UK liegt in allen aktuellen Umfragen vorn. Seit den Unterhauswahlen vom Juli 2024 sind 23 derzeitige oder ehemalige Abgeordnete der Konservativen der rechtsextremen Partei beigetreten, darunter Ex-Innenministerin Suella Braverman und Ex-Finanzminister Nadhim Zahawi. Sie mussten zuvor öffentlich einräumen, dass ihre alte Partei ein „kaputtes Großbritan­nien“ hinterlassen habe.

Farage hat seit seiner Wahl ins Unterhaus im Jahr 2024 nach sieben erfolglosen Anläufen (erst mit der UK ­Independence Party, dann mit der Brexit Party, die 2021 zu Reform UK wurde) nicht nur seine politische Posi­tion, sondern auch seinen Stil geändert. Tweedjacken und das mokante Lachen sind passé, stattdessen klassische Anzüge und freundliches Lächeln. Aber wird das reichen, um ­Downing Street zu erobern?

Zunächst muss die Partei das im September 2025 gesetzte Ziel erreichen, ihre Wählerbasis zu verbreitern. Als Vorbild sieht man die Liberaldemokraten, die Ortsverbände gegründet haben und damit zielgenauer werben konnten. Bei den Unterhauswahlen 2024 errangen die Liberalen mit dieser Strategie 72 Sitze , während Reform UK trotz eines höheren Stimmenanteils auf nur 5 Sitze kam.1

Doch bei den nächsten Wahlen wird sich Reform UK auf ihre 677 Gemeinderäte stützen können, die 2025 bei den Kommunalwahlen 42 Prozent der Posten erobert hatten. Die Konservativen dagegen verloren 676 ihrer 993 Sitze und sämtliche Rathäuser. 2024 hatten sie bereits 244 ihrer 365 Sitze im Unterhaus eingebüßt und mit 23,7 Prozent Stimmenanteil ihr schlechtestes Ergebnis aller Zeiten eingefahren.

Und der Niedergang ging weiter. Mit nur 1,9 Prozent Stimmenanteil im Wahlkreis Gorton and Denton im Großraum Manchester fielen die Tories im Februar auf ein neues Rekordtief bei Nachwahlen. Auf nationaler Ebene sehen die Umfragen sie derzeit bei nur 16 Prozent. Vollzieht sich hier ein tiefgreifender Wandel wie nach dem Ersten Weltkrieg, als Labour die Liberalen als Hauptrivalen der Tories ablöste?

Die Konservativen leiden unter den Folgen eines langen Jahrzehnts der Sparpolitik, der Skandale und gebrochenen Versprechen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Brexit. Der Aufstieg von Reform UK dürfte zum Teil auf diese Enttäuschung zurückzuführen sein. Die Anhängerschaft der Partei besitzt einige ­Ähnlichkeiten mit der der Tories von einst, als sie die dominierende Kraft der Rechten waren. „Diejenigen, die in aktuellen Umfragen eine Präferenz für Reform angeben, sind in der Regel weiß (94 Prozent).“ Zudem lebten sie in Vororten oder Kleinstädten, das sei „ein ähnliches geografisches Muster wie bei den Anhängern der Konservativen“, erklärt Luke Tryl, Direktor des Thinktanks ­More in Common.

Tryl ermittelt in seinem Report über die soziale Struktur der Reform-UK-Wählerschaft, dass „etwa zwei Drittel ein Eigenheim besitzen, was dem Anteil der Anhänger der Liberaldemokraten entspricht, aber unter dem der Konservativen liegt“. Der Anteil der Hochschulabsolventen liegt niedriger als bei allen anderen Wählergruppen: Vier von fünf sind Nichtakademiker. Dafür haben sie häufiger als die Anhänger der anderen Parteien eine berufliche oder technische Qualifikation. Doch 26 Prozent der Reform-UK-Anhänger geben an, „dass sie oft nur mit Mühe über die Runden kommen“.2

Laut Tryl sind für die Attraktivität Farages in den rechten Wählergruppen zwei Faktoren entscheidend: das Gefühl, dass sich die traditionellen Parteien als unfähig erwiesen haben, und die Haltung zur Einwanderung. Der ­Reform-UK-Vorsitzende hat versprochen, 600 000 Migranten abzuschieben, sollte er Premierminister werden. Die Tories haben in dieser Frage hingegen alle Glaubwürdigkeit verloren, nachdem die Nettozuwanderung in den Jahren nach dem Brexit sogar noch deutlich angestiegen war.3 Über die Migration redet Kemi Badenoch, die Parteichefin der Konservativen, inzwischen wie Reform UK. „Damit legitimiert sie ihre Gegner und spielt deren Spiel mit“, stellt der Politikwissenschaftler Tim Bale fest.

Am 13. September 2025 organisierte der mehrfach vorbestrafte rechts­ex­tre­me Agitator und Mitgründer der English Defence League, ­Stephen ­Yaxley-Lennon – der sich Tommy ­Robinson nennt –, eine Kundgebung mit 110 000 bis 150 000 Teilnehmern in der Londoner Innenstadt, um gegen die angebliche Einwanderungswelle zu protestieren. Es war die wohl größte rechtsex­treme Demonstration in der britischen Geschichte. Das Aufpeitschen zu derart hemmungsloser Fremdenfeindlichkeit lässt Reform UK fast schon moderat erscheinen. Folgerichtig beschrieb Farage, als er am 23. Februar seine Anti­einwanderungspolitik vorstellte, Reform UK als die einzige Kraft, die „den Aufstieg einer wirklich besorgniserregenden, gefährlichen Form des rechtsextremen Ethnonationalismus“ verhindern könne.

Die Partei arbeitet konsequent an einem respektablen und glaubwürdigen Erscheinungsbild – und zieht damit erfolgreich Geldgeber an. Im August 2025 spendete Christopher Harborne, ein in Thailand ansässiger Kryptoinvestor, 9 Millionen britische Pfund (10,4 Millionen Euro) – die größte Einzelspende, die jemals an eine politische Partei im Vereinigten Königreich geflossen ist. Im Dezember legte er weitere 3 Millionen drauf. Im letzten Quartal 2025 bezog Reform UK mehr Spenden als die Tories (2,4 Millionen Pfund) und Labour (1,9 Mil­lio­nen) zusammen.4 Ob das ausreicht, die nächsten Kommunalwahlen im Mai entspannt anzugehen, als Etappe zum Triumph auf nationaler Ebene? Der Parteichef weiß, dass es auf diesem Weg noch viele Stolpersteine gibt.

Tatsächlich nehmen die Medien mittlerweile noch den kleinsten Fehltritt von Farage und anderen Partei­größen aufs Korn. Innere Streitigkeiten und der Wechsel hochrangiger Konservativer zur Reform UK haben das Image einer Bewegung getrübt, die bisher vor allem davon lebte, die Versäumnisse der anderen Parteien anzuprangern. Da sie inzwischen mehrere Rathäuser kontrolliert, werden die Wähler sie an ihrer Bilanz messen.

Auch die internationale Lage ist für Farage nicht günstig. Heftige Kritik erntet er wegen seiner Bewunderung für den in Großbritannien extrem unbeliebten Trump, wegen seiner Unterstützung für Netanjahu und generell wegen seiner Inkonsistenz in geopolitischen Fragen. Nachdem Farage anfangs die Angriffe der USA und Israels gegen Iran begrüßt hat, schwenkte er um und verurteilte den Irankrieg wie die meisten seiner Landsleute.5

Ein Sieg von Reform UK bei den wahrscheinlich 2029 stattfindenden Parlamentswahlen ist also keineswegs sicher. Das zeigen auch die Ergebnisse der beiden jüngsten Nachwahlen: Im walisischen Caerphilly erhielt bei Nachwahlen im Oktober zum regionalen Parlament (dem Senedd Cymru) der Reform-UK-Kandidat, der in den Umfragen als Favorit galt, nur 36 Prozent, der Kandidat der ­Regionalpartei Plaid Cymru aber 47 Prozent. Der Unterhaussitz für den Wahlkreis ­Gorton and Denton ging an die Grünen.

Bislang sieht es nicht so aus, als würde Reform UK bald die Konservative Partei ablösen. Ihr politischer Durchbruch erscheint eher als Symptom der Zersplitterung der politischen Landschaft in den letzten Jahrzehnten. 1997 kamen Labour und Konservative zusammen noch auf 73,8 Prozent aller Stimmen, 2010 immerhin auf 65,1 Prozent, 2024 aber nur noch auf 57,4 Prozent. ⇥Tristan de Bourbon-Parme

1 Nach dem „First past the post“-System, bei dem das Parlamentsmandat gewinnt, wer im Wahlkreis die meisten Stimmen erhält.

2 Anand Menon u. a., „From protest to power? Inside Reform UK’s changing support base“, More in Common, September 2025.

3 „Net migration to the UK“, Migration Observatory, Oxford University, 18. Dezember 2025.

4 „Political parties accept almost £65m in donations in 2025“, Elctoral Commission, 5. März 2026.

5 Ben Quinn, „Nigel Farage accused of U-turn as he says UK should keep out of Iran war“, The Guardian, London, 10. März 2026.

Aus dem Englischen von Nicola Liebert

Tristan de Bourbon-Parme ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 09.04.2026, von Tristan de Bourbon-Parme