Extrem rechts, extrem etabliert
Die lange Tradition rechter Gewalt in Frankreich
von Laurent Bonelli

Sein Tod verrät viel über die gegenwärtige politische Polarisierung in Frankreich: Der rechtsextreme Student Quentin Deranque kam am 14. Februar 2026 in Lyon bei einer Schlägerei mit Antifaschisten ums Leben. Manche behaupteten im Anschluss, der Faschismus käme inzwischen von links.
Wie sehr die Stimmung im Land nach rechts gekippt ist, zeigen die staatlichen Reaktionen auf den Tod des jungen Neonazis: Der Regionalrat von Auvergne-Rhône-Alpes hängte das Konterfei Deranques an seine Fassade. Und die Nationalversammlung widmete ihm eine Schweigeminute – einem Mann, der in den sozialen Medien Sympathien für Adolf Hitler ausgedrückt und allen Schwarzen den Tod gewünscht hatte.
In der französischen Gesellschaft herrscht heute die Meinung, dass in einer Demokratie kein Platz für Gewalt sei – egal von welcher Seite. Mittlerweile werden politische Konflikte tatsächlich mehr mit Worten und in Gremien, in Medien oder sozialen Netzwerken ausgetragen. Verglichen mit den 1970er und 1980er Jahren, als handfeste Schlägereien zwischen Plakatklebern oder auf Demonstrationen zum Alltag gehörten, mag das zutreffen. Gewaltlos ist die politische Auseinandersetzung aber auch heute nicht. Und das liegt vor allem an den Rechtsextremen im Land. Keine andere ideologische Gruppierung tritt so gewalttätig auf.
Auch wenn rechtsextreme Straftaten in Frankreich nicht einheitlich erfasst werden und nicht immer klar ist, wer dahintersteckt – die Statistik ist deutlich genug: Zwischen 1986 und 2017 gingen 39 Morde oder gewaltsame Todesfälle auf das Konto der extremen Rechten. Die Zahlen stammen von der Nationalen Antiterrorstaatsanwaltschaft PNAT in Paris. Zum Vergleich: Der radikalen Linken rechnet die Behörde sechs Mordfälle zu. Bei nicht tödlichen Angriffen beträgt das Verhältnis 299 zu 40.1
Rechtsextreme Gewalt hat in Frankreich eine lange Tradition. Einen ersten Höhepunkt erreichte sie in den 1930er Jahren, als faschistische Gruppen wie Croix-de-Feu oder Jeunesses patriotes großen Zulauf fanden. Eine zweite Welle der Gewalt ging gegen Ende des Algerienkriegs (1954–1962) von der Terrororganisation OAS (Organisation de l’armée secrète) aus. Gegründet hatten sie rechtsextreme Militärs, die mit allen Mitteln die Unabhängigkeit Algeriens verhindern wollten. Bei ihren Aktionen starben in Algerien und Frankreich mehr als 2700 Menschen. Das Ende des Kriegs bedeutete aber nicht das Ende der Gewalt.
Bewaffnete Gruppen waren an den jeweiligen politischen und sozialen Auseinandersetzungen ihrer Zeit beteiligt, nach 1968 etwa Occident (Westen) oder Ordre nouveau (Neue Ordnung).2 Der Algerienkrieg hatte auch zur Folge, dass der Alltagsrassismus in der französischen Gesellschaft sichtbarer wurde.
Als in Marseille ein psychisch kranker Algerier einen Straßenbahnfahrer ermordete, wurden zahlreiche Menschen aus den Maghrebstaaten angegriffen, dabei starben zwischen August und Dezember 1973 allein in der Stadt 17 Menschen. Nach Angaben des algerischen Konsulats in Frankreich wurden in dem Jahr insgesamt 50 algerische Staatsangehörige getötet und 300 verletzt.
In den 1980er Jahren ebbten die Nachwirkungen des Algerienkriegs ab. Die letzten Anschläge, die noch vom OAS-Terror inspiriert waren, übten Neonazis in den Jahren 1987 und 1988 aus. Dabei hatten es Mitglieder der Neonazipartei Parti nationaliste français et européen (PNFE) in der Stadt Cagnes-sur-Mer bei Nizza auf kommunistische Funktionäre und Arbeitsmigranten abgesehen. Eine Person starb, 15 weitere wurden verletzt.

Schweigeminute für einen Neonazi
Insgesamt ließ die rechtsextreme Gewalt aber nach. Und das hatte mit den Wahlerfolgen des Front National (FN) seit 1984 zu tun. Die Partei trat aus strategischen Gründen zunehmend moderat auf und trennte sich von gewaltbereiten Aktivisten. Die organisierten sich daraufhin in neuen Gruppen wie den Jeunesses nationalistes révolutionnaires. Auf deren Konto gingen Angriffe auf Homosexuelle und andere Minderheiten. Die brutale Gewalt rief jedoch auch Antifaschisten auf den Plan, die sich ihnen vielerorts entgegenstellten.
Insgesamt setzten die Rechtsextremen in den Folgejahren weniger auf explizite Gewalt denn auf Propaganda und gezielt antimuslimische Botschaften.3 So brachte die Génération identitaire 2012 an der Moschee im westfranzösischen Poitiers ein Transparent an mit der Aufschrift „732 – Erinnere dich an Karl Martell“. Gemeint ist der Großvater von Karl dem Großen, der in der Schlacht von Tours und Poitiers 732 die Araber schlug. Weitere Beispiele sind Slogans wie „White Lives Matter“ auf Demonstrationen, Kampagnen wie „Defend Europe“ an den Grenzen zu Italien und Spanien oder Aktionen des Collectif Némésis, das sich gern unter feministische Demos mischt, um vor sexueller Gewalt durch „Ausländer“ zu warnen.
In der jüngeren Vergangenheit begünstigten der islamistische Terror in Europa, die Coronapandemie und die globalen Krisen ein Klima der Angst, das Bürgerkriegsfantasien beflügelte. Es gibt Gruppen, die sich auf den rechtsextremen Theoretiker Renaud Camus berufen, der in Migration einen Plan zum Bevölkerungsaustausch, („Umvolkung“) sieht, und sich für einen – wie sie es nennen – „Rassenkrieg“ rüsten. Ihre Vorbilder sind etwa der Attentäter Anders Breivik in Norwegen und Brenton Tarrant im neuseeländischen Christchurch, die sich als Kreuzritter betrachteten und furchtbare Massaker anrichteten.
Die Gefahr, die von dieser Szene ausgeht, hat auch die französische Justiz im Blick. Erstmals seit dem Algerienkrieg befassen sich die Behörden wieder mit Fällen von ultrarechtem Terrorismus. Seit 2018 wurden mehr als 50 Personen wegen versuchter oder geplanter Angriffe vor allem gegen Muslime, Juden und Mandatsträger strafrechtlich verfolgt oder verurteilt. Unter ihnen sind Mitglieder der Action des forces opérationnelles, die Muslime töten wollten, oder die rechtsextreme Terrorgruppe Les Barjols, die ein Attentat auf den französischen Präsidenten Emmanuel Macron mit anschließendem Putsch und weiteren Morden geplant haben soll.
Die Richter und Staatsanwälte beunruhigt dabei auch, dass an den Taten aktive und ehemalige Soldaten und Mitglieder der Polizei oder anderer Sicherheitskräfte beteiligt waren. „Anders als bei dschihadistischen Fällen aus jüngerer Zeit“, heißt es in einem Bericht der Generalstaatsanwaltschaft, „hatten bei den aktuell laufenden Verfahren wegen ultrarechter Gewalt die Akteure offenbar keinerlei Schwierigkeiten, sich Waffen zu beschaffen.“4
Neu ist ebenfalls, dass sich Neonazis viel stärker lokal organisieren als in der Vergangenheit. Bis zu einhundert kleine Gruppen bestehen heute, oft sind sie an Szenetreffs wie das Alvarium in Angers, La Traboule in Lyon oder La Citadelle in Lille angebunden. Früher gab es im ganzen Land Ableger von Neonazigruppen wie Action française, Troisième voie, L’Œuvre française oder Groupe union défense – und damit auch leicht unterschiedliche ideologische Angebote. Diese Vereinigungen wurden jedoch vom französischen Innenministerium verboten, was für eine Zersplitterung der Szene sorgte. Heute bilden sich Neonazigruppen vermehrt über persönliche Bekanntschaften. Rivalisierende Ideologien spielen kaum noch eine Rolle.
Die lose Struktur hat einer neuen Strategie der extremen Rechten den Weg geebnet: der engeren Vernetzung und Koordination verschiedener radikaler Gruppen und Strömungen. „Interfaf“ nennt das der prominente Rechtsextreme Marc de Cacqueray-Valménier, der bereits der Action française und der Groupe union défense angehörte. Er gründete auch die Schlägertruppe Zouaves Paris, die 2022 wegen der Beteiligung an Gewalttaten aufgelöst wurde.5
Sie verbindet die Ansicht, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen ungestraft die bestehende Ordnung herausfordern könnten, ohne dass die „laxe“ Justiz und „machtlose“ Polizei, die Schulen, die sich nicht kümmerten, und die mitschuldige politische Klasse diese „Unerwünschten“ endlich „in ihre Schranken weisen“. Also müssten sie es selbst tun.
Solche Überzeugungen gehen mit einer hohen Gewaltbereitschaft und einem speziellen Männerbild einher: Für die Neonazis – das zeigen viele private und öffentliche Aussagen – muss ein Mann sich und seine Familie verteidigen können. Über soziale Medien wird ein Körperkult verbreitet, der „wertvolle“ Männer (und Frauen) zu idealen Kämpfern machen soll. Viele rechtsextreme Gruppen machen gemeinsam Kampfsport oder trainieren an Wochenenden im Wald.
Dazu passt, dass es nicht nur in Frankreich immer mehr „identitäre“ Kampfsportvereine gibt. Sie werben damit, dass man bei ihnen „Nationalismus“ und „seine Werte in sportorientierten Gemeinschaften“ entdecken könne. Mixed Martial Arts (MMA) sind in diesem Milieu sehr beliebt, ebenso das Waffensammeln und der Schießsport. Einige Dutzend Personen kämpfen an der Seite der ukrainischen Armee im Namen einer „europäischen Identität“ gegen Russland.
Maskulinismus und Liebe zu Waffen
Das Narrativ der Selbstverteidigung gilt dabei auch für den „nationalen Körper“, der vor jenen geschützt werden soll, die ihn „verunreinigen“. Gemeint sind damit vor allem: nichtweiße Menschen, Angehörige der LGBTQ-Community und Antifaschisten.
Die erste Gruppe steht aus Sicht der Rechtsextremen für eine „Invasion“, für „Kriminalität“ und „Terrorismus“. Die zweite störe die „naturgegebene Geschlechterordnung“ und verkörpere eine verweichlichte, kinderlose, globalisierte Gesellschaft. Die Mobilmachung gegen die Ehe für alle in den Jahren 2012 und 2013 gab diesem Feindbild neuen Auftrieb. Und zu Schlägereien mit Antifaschisten – der dritten Gruppe – kommt es nach wie vor häufig.
In Milieus, in denen Maskulinismus und die Begeisterung für Waffen zusammenkommen, verschwimmen mitunter die Grenzen zwischen politischer und privater Gewalt. Ein Beispiel ist der Verschwörungsanhänger und Waffennarr Frédérik Limol. Im Dezember 2020 tötete er drei Polizisten, die wegen häuslicher Gewalt gerufen worden waren. Und Jérôme Décofour, Mitglied der Brigade française patriote, überfuhr im August 2024 vorsätzlich einen Mann mit Migrationshintergrund, den neuen Partner von Décofours ehemaliger Lebensgefährtin.
Vor sieben Jahren umfasste die nationalistisch-identitäre Szene nach einem Bericht des französischen Inlandsnachrichtendiensts DGS 2000 bis 3000 Personen. Ein harter Kern von rund 1000 Personen sei bereits mit Gewalttaten aufgefallen oder werde als gewaltbereit eingeschätzt.6 Doch der Einfluss dieser Szene ist größer, als ihre Mitgliederzahlen vermuten lassen.
Ein Indiz dafür ist die hohe Dunkelziffer rassistischer Gewalttaten. Eine vom französischen Innenministerium durchgeführte Studie ergab, dass 2022 mehr als eine Million Franzosen über 18 Jahren Opfer von Rassismus wurden – aber nicht einmal 3 Prozent von ihnen deswegen zur Polizei gegangen sind.7 Wer die Täter sind, wird somit in den wenigsten Fällen ermittelt. Natürlich sind nicht sämtliche Taten aktiven Neonazis zuzuschreiben, doch Berichte von Hilfsorganisationen für Migranten und für Obdachlose legen nahe, dass die organisierten Rechtsextremisten einen großen Anteil daran haben.
Zudem erhält die Szene politische Rückendeckung. Die Parteien Rassemblement National (wie der Front National seit 2018 heißt) und die 2021 von Éric Zemmour gegründete Reconquête haben entscheidend dazu beigetragen, dass rechtsextreme Positionen heute in Frankreich so salonfähig sind. So beschäftigen Abgeordnete dieser Parteien teils Neonazis als Mitarbeiter und Wahlkämpfer und lassen sich auch privat mit ihnen sehen.
Entscheidender ist aber, dass die Rechts-außen-Parteien die medialen Debatten über Islam und Migration prägen. Damit ist es ihnen gelungen, die Neonaziszene zu verharmlosen und deren Gewalt teilweise zu legitimieren. Das zeigt sich regelmäßig nach rechtsextremen Übergriffen: Politiker:innen, Journalisten und Expert:innen deuten die Vorfälle dann als Äußerungen des Unmuts, den Normalbürger angesichts von Unsicherheit und Zuwanderung und gegenüber dem Islam empfänden.
Das Vorgehen ist altbekannt. Als im Februar 1995 Plakatkleber des Front National in Marseille den 17-jährigen Schüler Ibrahim Ali erschossen, einen Franzosen, dessen Familie von den Komoren stammt, lautete der Kommentar des damaligen FN-Vorsitzenden Jean-Marie Le Pen: „Immerhin hat dieser bedauernswerte Vorfall die Allgemeinheit darauf aufmerksam gemacht, dass sich in Marseille 50 000 Komorer aufhalten. Was haben die da zu suchen?“ Die Äußerung sorgte damals für einen Skandal.
Die Strategie, die Schuld bei den Opfern zu suchen, war auch im Dezember 2022 wieder zu beobachten. Nach dem Halbfinale der Fußball-WM zwischen Frankreich und Marokko griffen hunderte Identitäre in Lyon, Montpellier, Nizza und Paris Anhänger der marokkanischen Nationalmannschaft an. Im Nachhinein wurden die Angegriffenen bezichtigt, provoziert und randaliert zu haben.
Bezeichnend ist auch der Umgang mit dem Tod des 16-jährigen Thomas Perotto in der Gemeinde Crépol im Südwesten Frankreichs. Er wurde im November 2023 am Rande eines Dorffestes bei einem bandenmäßigen Überfall von Jugendlichen aus dem Nachbarort erstochen. Eine Woche später brachen rund 80 mit Baseballschlägern und Eisenstangen bewaffnete Rechtsextreme zu einer „Strafexpedition“ dorthin auf. Der Grund: Die beschuldigten Täter waren Franzosen, trugen aber arabische Namen.
Nach Ansicht vieler Kommentatoren war die Wut der Ultrarechen „nachvollziehbar“, manche sahen in dem Tod Perottos gar einen Fall von „antiweißem Rassismus“.8
Das sagt auch einiges über die französische Medienlandschaft aus. Heute gibt es ein etabliertes Lager reaktionärer Journalisten und Verleger. Dazu kommt auch, dass heute insgesamt weniger objektiv berichtet wird und stattdessen der Meinungsjournalismus überwiegt.9
Ein weiterer Grund für die Normalisierung von rechtsextremen Narrativen ist die Selbstabschottung der politischen Klasse. Sie besteht in zunehmendem Maß aus Berufspolitikern, ist sozial immer homogener und kaum noch in zivilgesellschaftlichen Organisationen, Berufsverbänden oder Gewerkschaften aktiv. So geht der Kontakt zur Gesellschaft verloren.
Der extremen Rechten jedenfalls ist es gelungen, die bisher vorherrschende Sicht auf die Gesellschaft – mit ihrer Kluft zwischen den Klassen – auf Fragen der ethnischen Herkunft zu lenken. Es zählt nur mehr die Unterscheidung: Wer ist Ausländer, wer Einheimischer? Mit dieser Einteilung treibt vor allem der Rassemblement National die anderen Parteien vor sich her – und hat damit schon lange Erfolg bei Wählern, die mit der Arbeitswelt, dem Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen und auf dem Wohnungsmarkt zu kämpfen haben.10
Die rechtsextremen Schläger auf der Straße tun ihr Übriges, um die gesellschaftlichen Spannungen rassistisch zu deuten – anstatt die sozioökonomischen Strukturen zu hinterfragen, die diese Spannungen erzeugen. Das erklärt, warum viele Konservative ihnen „Verständnis“ entgegenbringen – und warum die Republik Frankreich im Jahr 2026 einen Neonazi ehrt.
9 Vgl. Serge Halimi und Pierre Rimbert, „Journalismus als Kulturkampf“, LMd, März 2021.
Aus dem Französischen von Andreas Bredenfeld
Laurent Bonelli ist Professor für Politikwissenschaften an der Universität Paris Nanterre.


