Profiteur Russland?
von Hélène Richard
Der russische Staatshaushalt basiert auf einem prognostizierten Ölpreis von 59 Dollar pro Barrel Ural-Öl. Nun profitiert er von den stark steigenden Ölpreisen im Zuge des Irankriegs. Bereits Anfang März waren sie kurzzeitig auf fast 120 US-Dollar pro Barrel der Nordseesorte Brent gestiegen.
Aus Sorge um die Energiemärkte – und gegen den Protest aus mehreren europäischen Hauptstädten – haben die USA zudem vorübergehend ihre Sanktionen gegen Indien ausgesetzt, die dem Land den Kauf von russischem Öl verbieten. Und der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán forderte im Wahlkampf von der Ukraine, dass sein Land wieder mit russischem Öl über die Druschba-Pipeline versorgt werden müsse, andernfalls werde er weiterhin die Vergabe des für Kyjiw entscheidenden EU-Kredits über 90 Milliarden Euro blockieren.
Ebenfalls dürfte es Moskau freuen, dass die Golfstaaten derzeit in großen Mengen US-amerikanische Luftabwehrsysteme kaufen, die dann der ukrainischen Armee fehlen dürften.

Doch der Kreml hält sich mit Jubelgesten zurück – immerhin läuft er derzeit Gefahr, mit Iran seinen letzten verbliebenen Verbündeten im Nahen Osten nach dem Sturz von Baschar al-Assad in Syrien zu verlieren. Nachdem Anfang März mutmaßlich iranische Drohnen auf aserbaidschanischem Gebiet einschlugen, befürchtet man zudem, dass sich der Konflikt auf den Südkaukasus ausweiten könnte. Durch die Niederlage Armeniens in Bergkarabach 2023 hatte Russland bereits gegenüber der Türkei und den USA an Einfluss in der Region verloren.
Die Regierung in Moskau hat also ziemlich zurückhaltend auf die Angriffe gegen Iran reagiert. In einem Kondolenzschreiben an seinen iranischen Amtskollegen bezeichnete Präsident Putin die Ermordung des Obersten Führers Ali Chamenei zwar als „zynische Verletzung aller Normen der menschlichen Moral und des Völkerrechts“, unterließ es jedoch, einen Schuldigen zu benennen. Und am 11. März enthielt sich Russland im UN-Sicherheitsrat bei der Abstimmung über eine Resolution, die Iran wegen der Angriffe auf andere Länder in der Region „auf das Schärfste“ verurteilte. Russlands eigener Resolutionsentwurf, der „alle Parteien“ zur Deeskalation aufrief, fand keine Mehrheit und scheiterte am Veto der Vereinigten Staaten.
Nach Angaben des US-Sondergesandten Steven Witkoff versicherte Putin dem US-Präsidenten, keine Satellitendaten an die Iraner weiterzugeben. Auch wenn dies wenig glaubhaft ist – die Meldung wurde vom Kreml, der sich in diesem Konflikt lieber in einer Vermittlerrolle sehen will, nicht dementiert. 2022 hatte Russland im Krieg gegen die Ukraine iranische Shahed-Drohnen erhalten, bevor es die Produktion eigener Drohnen aufnahm. Jetzt achtet der Kreml jedoch darauf, seine Militärhilfen für Iran zu begrenzen, um Washingtons rote Linien nicht zu überschreiten. Das birgt die Gefahr, dass immer mehr Länder anfangen, an der Zuverlässigkeit Russlands – das 2020 bereits Armenien im Stich gelassen hatte – als Partner zu zweifeln.
Laut Fjodor Lukjanow, dem wissenschaftlichen Leiter des Waldai-Klubs, eines kremlnahen Thinktanks, verschärft die Ausweitung des Kriegs auf die gesamte Region zudem die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Brics+-Gruppe, auf die Russland als Gegengewicht zu den USA setzt.1 Tatsächlich bombardiert Iran, seit 2024 Mitglied der Gruppe, die Vereinigten Arabischen Emirate, die ebenfalls Mitglied sind.
Und während die Neutralität Indiens, das 2025 seine militärische Partnerschaft mit Israel vertiefte, kaum überraschend kam, hat „die extreme Zurückhaltung Chinas, das ein wichtiger Wirtschaftspartner Irans ist, viele enttäuscht“, so Lukjanow. Er deutet damit implizit auch an, die Vorsicht seiner eigenen Regierung zu bedauern.
Auf jeden Fall sorgt diese Haltung für Unmut in russischen Boulevardmedien und Talkshows, die täglich gegen den „kollektiven Westen“ (so die Propagandaformel für den feindlichen Block) wettern. In Bezug auf militärische Ziele, die für die Iraner lohnend sein könnten, fragt sich etwa Dmitri Popow von der kremlfreundlichen Tageszeitung Moskowski Komsomolez: „Warum sollte man keine Informationen weitergeben? Und vor allem: Warum sollte man das nicht offen zugeben?“2
Der Leitartikler verweist auf die von der US-Regierung öffentlich bestätigte Weitergabe US-amerikanischer Geheimdienstinformationen an die ukrainischen Streitkräfte, die etwa am 10. März die Zerstörung einer Rüstungsfabrik in Brjansk südwestlich von Moskau ermöglichten. Durch den Angriff, bei dem sieben vom französisch-britischen Konsortium MBDA hergestellte Storm-Shadow-Marschflugkörper eingesetzt wurden, gab es in der Umgebung des Standorts sieben Todesopfer und rund 40 Verletzte – das erste Mal bei einem von westlichen Staaten abgesegneten Raketenangriff.
Im Sender Rossija 1 erklärte einige Tage zuvor ein regelmäßiger Gast der politischen Sendung „60 Minuten“, der Angriff auf Iran bestätige die Rechtmäßigkeit des russischen Ultimatums an die Nato im Dezember 2021 vor der Invasion der Ukraine. Damals hatte die russische Regierung den Abzug aller ausländischen Streitkräfte und Waffen aus den seit 1997 der Nato beigetretenen Staaten gefordert, die nahe der russischen Grenze liegen.
Der Direktor des Thinktanks Russischer Rat für internationale Angelegenheiten, Iwan Timofejew, plädierte noch vor wenigen Wochen für eine Verhandlungslösung mit Kyjiw. Inzwischen räumt er ein, dass der israelisch-amerikanische Angriff auf Iran den Hardlinern recht gibt. Durch die Eliminierung des Obersten Führers und eines Teils der iranischen Delegation, noch während Verhandlungen liefen, hätten die USA das Vertrauen in mögliche Garantien, die sie im Falle einer Einigung bieten könnten, verspielt.3 Nach Ansicht von Timofejew hat die russische Regierung also gute Gründe für ihre Überzeugung, dass „Kompromisse nicht funktionieren“.
⇥Hélène Richard
Aus dem Französischen von Nicola Liebert
Hélène Richard ist Redakteurin bei LMd, Paris.


