09.04.2026

Ein Prinz für die Ewigkeit

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Ein Prinz für die Ewigkeit

Vor 80 Jahren erschien in Frankreich Antoine de Saint-Exupérys berühmtes Werk

von Evelyne Pieillier

Dreharbeiten zum „Kleinen Prinzen“ als Musical, 1974 PARAMOUNT picture alliance/af archive/mary evans
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Wer kennt nicht den Satz: „Ach bitte … zeichne mir ein Schaf!“ Er stammt aus „Der kleine Prinz“1 , dem wohl bekanntesten Werk von Antoine de Saint-Exupéry, das vor 80 Jahren erstmals in Frankreich erschien und heute als Teil des französischen Kulturerbes gilt.

Saint-Exupéry hat es im Exil in New York geschrieben, wo sich der preisgekrönte Autor und Kriegspilot seit Ende 1940 aufhielt. Dort veröffentlichte er auch seinen stark autobiografisch geprägten Roman „Flug nach Arras“, der ein großer Erfolg wurde. 1943 brachte er den „Kleinen Prinzen“ heraus, eine kurze, mit eigenen Aquarellen illustrierte Geschichte für Kinder – und Erwachsene, die sich noch daran erinnern können, wie es war, ein Kind zu sein. Saint-Exupéry widmete das Büchlein seinem besten Freund, dem Schriftsteller Léon Werth2 , beziehungsweise, wie er selbst es formulierte, dem „kleinen Jungen, der Léon Werth einst war“. Werth, der nach der deutschen Besetzung Frankreichs wegen seiner jüdischen Herkunft auf der Flucht war, war auch der Adressat einer zweiten Publikation aus demselben Jahr: „Lettre à un otage“ – „Brief an eine Geisel“.

1943 ging Saint-Exupéry wieder an die Front in Nordafrika und wurde für Aufklärungsflüge eingesetzt. Von seinem letzten Flug über das Mittelmeer kehrte er nicht zurück. Heute gilt als wahrscheinlich, dass er von der deutschen Luftwaffe abgeschossen wurde, doch damals wurde viel über sein mysteriöses Verschwinden gerätselt. So wurde der Autor über Nacht zur Legende – und mit ihm der Erzähler aus dem „Kleinen Prinzen“: ein Pilot, der in der Wüste notgelandet ist und dort einem Kind begegnet, das von dem Asteroiden B-612 stammt.

Dieses Kind, der „kleine Prinz“, ist der Herrscher und einzige Bewohner seines Planeten, den er wegen der unglücklichen Liebe zu einer Rose verließ. Er ist weit gereist und hat verschiedene Bewohner anderer Planeten kennengelernt. Auf der Erde spricht er zuerst mit einem Fuchs, mit dem er sich anfreundet, dann mit einer Schlange. Er verbringt viel Zeit mit dem Piloten und entscheidet dann, nach Hause zurückzukehren – indem er sich von der Schlange beißen lässt.

Die Geschichte ist in kindlich-einfacher Manier erzählt, oft poetisch, manchmal aber auch ziemlich schwülstig. Der Prinz mit den goldenen Haaren und dem goldenen Schal ist spontan, authentisch und unschuldig. Von ihm lernt der Pilot, an Wunder zu glauben und seinen vertrottelten Erwachsenenverstand auszuschalten.

„Der kleine Prinz“ ist Saint-Exupérys größter literarischer Erfolg. Manche seiner Sätze wurden zum Klassiker, etwa: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Das Buch wird überall auf der Welt gelesen – 200 Millionen Exemplare sind bis heute verkauft worden. In Frankreich, wo der „Prinz“ erst 1946 veröffentlicht wurde, sind es bislang mehr als 18 Millionen, und jedes Jahr gehen weitere 400 000 Exemplare über den Ladentisch, weltweit sogar 5 Millionen pro Jahr.3

„Der kleine Prinz“ wurde in über 650 Sprachen und Dialekte übersetzt. Ein solcher Bestseller ist natürlich eine Gelddruckmaschine für Saint-Exupérys französischen Verlag Gallimard sowie dessen Erben, die neben den Autorenrechten auch die Rechte an der geschützten Marke des „Kleinen Prinzen“ halten.

Auf dem Weg zum Weltruhm war das Hörspiel von 1954 mit dem beliebten Theater- und Filmschauspieler Gérard Philipe als Erzähler eine wichtige Etappe. Philipes Stimme verlieh dem Kinderbuch früh den Rang eines Klassikers. Bis heute wird der Stoff immer wieder neu interpretiert. Im Frühjahr 2026 kamen zwei Theaterstücke heraus, darunter eine Adaption von Jean Bellorini, dem Leiter des Théâtre national populaire (TNP) in Villeurbanne bei Lyon. 2015 kam auch ein Animationsfilm von Mark Osborne in Spielfilmlänge mit Musik des berühmten Komponisten Hans Zimmer heraus.

Kultfigur und Gelddruckmaschine

Zu den genreübergreifenden Adaptionen gehören etwa die Graphic Novel von Joann Sfar (Gallimard, 2008), die Comicserie „Le Petit Prince – Les Nouvelles Aventures“ in 24 Bänden (Glénat, 2011–2015), der Thriller von Michel Bussi „Code 612, qui a tué le Petit Prince?“ (Presse de la Cité, 2021) und nicht zuletzt das „magische Spektakel“, das 2025 mit tausend Drohnen in dem Ferienort La Grande-Motte nahe Montpellier aufgeführt wurde.

Die jährlichen Erlöse aus den Markenrechten, die sich die Erben Ende der 1980er Jahre über das Nationale Institut für gewerbliches Eigentum (INPI) gesichert haben, werden auf 200 Mil­lionen Euro geschätzt. Den Erben geht es aber nicht allein ums Geld – sagen sie. Bei Anfragen für neue Merchandise-Ideen würden sie „meistens Nein“ sagen, beteuerte ein Sprecher der Erbengemeinschaft Anfang 2022 in der Pariser Sonntagszeitung Le Journal du Dimanche. Als Grund dafür gab er an, „dieses reine Buch nicht abnutzen“ zu wollen.

Was alle Produkte gemein haben: Sie verkaufen den „Kleinen Prinzen“ als Modell für Liebe und Freundschaft – mit einem kleinen Jungen als Helden, der uns mit seinem unschuldigen Blick auf die Welt wachrüttelt. Selbst die französischen Bildungsbehörden schwärmen von der moralischen Vorbildfunktion des Büchleins und empfehlen es als Schullektüre – und sei es nur für Leseübungen in der 6. Klasse. Eine Gruppe der französischen Pfadfinder trägt seinen Namen. Der „Kleine Prinz“ ziert Tapeten, Tassen und sogar Briefmarken und Münzen. In der französischen Alltagskultur ist das „bezaubernde“ Kind, wie Saint-Exupéry seine Figur selbst bezeichnete, omnipräsent. Tatsächlich scheint der liebenswürdige Außerirdische jemand zu sein, auf den sich heute alle einigen können – über alle Generationen hinweg.

Das war allerdings nicht immer so: In den wilden 70er Jahren war es eher üblich, sich von Saint-Exupéry und seinen populären Lebensweisheiten zu distanzieren, erinnert sich der Romanautor und Biograf Alain Vircondelet, der mehrere Bücher über Saint-Exupéry verfasst hat.4 Doch es wurde nie boshaft oder gemein. Selbst den Mitgliedern des oft sehr sarkastischen Comedytrios Les Inconnus kamen die Tränen, als sie in einem Videosketch einem kleinen Jungen aus dem Buch vorlasen5.

Interessant ist, wie unterschiedlich das Buch zu verschiedenen Zeiten ausgelegt wurde. Frühere Interpretationen hoben die humanistischen Werte hervor, modernere Zugänge eher die Tiefe der Erzählung. Der Philosoph Martin Heidegger beispielsweise erkannte im „Kleinen Prinzen“ ein „existenzielles Werk“. Die Literaturkritikerin und Roland-Barthes-Expertin Tiphaine Samoyault spricht von einem „spirituellen Manifest“, das „eine Reflexion über existenzielle, metaphysische Fragen“ anstoße. Laut Samoyault ist „Der kleine Prinz“ nach den religiösen Werken das meistgelesene Buch der Welt.

Der Romancier und Essayist Philippe Forest stellte den „Prinzen“ in einem Vortrag an der Universität Nantes sogar auf eine Stufe mit Homers „Odyssee“, Dantes „Göttlicher Komödie“ und den philosophischen Schriften Immanuel Kants. Andere Experten erinnern an das innere Kind, das in jedem Erwachsenen weiterlebe, und untersuchen die Persönlichkeitsentwicklung der Figur aus psychoanalytischer Sicht. Und der Herausgeber des Magazins Témoignage chrétien, Daniel Lenoir, feierte das Buch unlängst als spirituelle „Meditation über die Liebe“.

Neuere Interpretationen legen indes Aspekte der Erzählung frei, die lange Zeit eher im Hintergrund standen, obwohl sie den ganzen Text durchziehen: Einsamkeit und Trauer. Immerhin beschließt das Kind am Ende der Erzählung offensichtlich, sich das Leben zu nehmen. Dieser eher deprimierende Zugang hat die optimistische Lesart, die in den Zeiten des Wirtschaftsaufschwungs, den sogenannten Trente Glorieuses (1945–1975) vorherrschte, trotzdem nicht verdrängen können.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum der „Kleine Prinz“ bis heute so gern gelesen wird. Er bedient sowohl die Sehnsucht nach unschuldiger Weisheit als auch das Leiden an der ungerechten Welt.

1 Verschiedene Ausgaben beim Reclam Verlag, Leipzig, oder Anaconda Verlag, Köln/München.

2 Siehe Léon Werth, „33 Tage: Ein Bericht“, Frankfurt a. M. (S. Fischer) 2016, und „Als die Zeit stillstand: Tagebuch 1940–1944“, Frankfurt a. M. (S. Fischer) 2017.

3 Diese Zahlen (für 2025) stammen von der Website lepetitprince.com.

4 Alain Vircondelet, „La Véritable Histoire du Petit Prince“, Paris (Flammarion) 2008.

5 Siehe Les Inconnus, „Alles kein Problem“ (1995).

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Evelyne Pieillier ist Redakteurin bei LMd, Paris.

Le Monde diplomatique vom 09.04.2026, von Evelyne Pieillier