Rohstoffe schürfen wie zu Sowjetzeiten
In Kasachstans Monostädten werden Umwelt und Arbeiter ausgebeutet
von Charles Perragin

In regelmäßigen Abständen ertönt das Signalhorn aus der Konverterhalle, gefolgt von ohrenbetäubendem Pfeifen, wenn der Sauerstoff in die gewaltigen Öfen mit flüssigem Metall geblasen wird. In der gigantischen Halle wird Roheisen in Stahl umgewandelt. „Die Maschinen laufen Tag und Nacht“, sagt der Werksleiter Erbol Ismailow. Acht Meter hohe Pfannen mit glühendem Roheisen werden auf Schienen herantransportiert, sie ergießen ihren Inhalt in funkelnden Strömen in die Öfen. Es riecht stechend nach frischer Farbe. Hier wird renoviert. „Wir haben gerade 50 000 Quadratmeter Dach ersetzt“, sagt Ismailow.
Das Metallurgiekombinat Temirtau ist Teil des Bergbau- und Metallverarbeitungsunternehmens Qarmet. 2023 übernahm es den gesamten Betrieb vom indischen Großkonzern ArcelorMittal. Hier war einst einer der größten Stahlstandorte der UdSSR. Seit Sowjetzeiten hat sich kaum etwas verändert. Trotz seines maroden Zustands ist Qarmet noch immer der größte Stahlproduzent Zentralasiens. Er exportiert nach China, Marokko und in den Nahen Osten.
Termitau war bis 1959 ein Straf- und Arbeitslager – 1930 wurde es mitten in der Steppe errichtet. Später entstand daraus eine Stadt, in der Ende der 1980er Jahre etwa 47 000 Arbeiter Stahl produzierten. Nach dem Ende der sowjetischen Planwirtschaft wurden die Anlagen 1995 zu Schleuderpreisen an ArcelorMittal verkauft, der Konzern entließ zwischen 1996 und 2023 etwa 22 000 Arbeitskräfte. Wer bleiben durfte, musste unter ungesunden und harten Bedingungen weiterarbeiten: Häufig kam es zu Bränden, immer wieder brachen Fußböden und Dächer ein.
Die Bezahlung entsprach 2023 dem durchschnittlichen kasachischen Monatslohn von umgerechnet 845 Euro brutto. Wer über Subunternehmen angestellt war, bekam nur ein Viertel dessen und selbst das nicht regelmäßig. 2023 beliefen sich die Schulden von ArcelorMittal gegenüber den Subunternehmen auf 300 Millionen US-Dollar.
Neben dem Stahl gibt es hier noch die andere Welt: den Bergbau. Um die Stahlfabrik mit Energie und Roheisen zu versorgen, fahren noch immer 14 000 Bergleute in die Kohlenminen ein, die Temirtau umgeben. Ende der 1980er Jahre waren es noch siebenmal so viele. Ihnen zu Ehren wurde in der nahe gelegenen Großstadt Karaganda eine riesige Bronzestatue zweier Bergleute errichtet.
Am Fuß des Denkmals erwartet uns Pawel Schumkin, der 25 Jahre unter Tage geschuftet hat. Er erzählt, dass die Arbeit wegen des leicht entzündlichen Methans in den Stollen äußerst gefährlich sei: „Da unten zu arbeiten, ist selbstmörderisch.“ Um das Tempo zu halten, würden jeden Tag Sicherheitsvorschriften umgangen. Zwischen 2006 und 2023 kamen bei Unfällen in Aufbereitungsanlagen und Gruben mehr als 150 Menschen ums Leben. 2023 starben bei einer Methangasexplosion im nahen Bergwerk Kostenko 46 Männer. Am Morgen nach dem Unglück reiste Präsident Tokajew nach Karaganda, um die aufgebrachten Menschen zu beruhigen, und verkündete den sofortigen Rückzug von ArcelorMittal.
Kurz stand eine Verstaatlichung des Unternehmens zur Diskussion, doch dann übernahm es der Chef der Qazaqstan Steel Group, Andrei Lawrentjew – ein Mann, der gute Verbindungen zur politischen Führung Kasachstans und zu russischen Wirtschaftskreisen unterhält. Er versprach Investitionen von 3,5 Milliarden US-Dollar in Sicherheit und Modernisierung. Nach Angaben der neuen Unternehmensleitung wurden in zwei Jahren die Anlagen modernisiert und 5135 Personen eingestellt. Dadurch wurde die Stahlproduktion um 22 Prozent gesteigert, sechs Minen konnten wieder in Betrieb genommen werden.
Bergleute berichten jedoch weiterhin von verspäteten Lohnzahlungen und unveränderten Arbeitsbedingungen, im Werk wie unter Tage. Es fehle an Atemmasken, Hydranten und funktionierenden Gaswarngeräten. Oleg Soschnjanin verlor in einer Mine in Abai südlich von Karaganda seinen 28-jährigen Bruder, der unter Tonnen von Kohle verschüttet wurde. Ein interner Bericht von Qarmet sprach von Suizid. „Es war ein Arbeitsunfall“, sagt Soschnjanin. „Er hat dort ganz allein gearbeitet und das Pensum von zwei, drei Männern erledigt.“ Die Kumpel, so sieht es Soschnjanin, haben keine Wahl: „Sie sind verschuldet, gewöhnen sich an die unmöglichen Zustände.“ Die Stahl- und Bergarbeiter haben zwar Gewerkschaften, aber die richten sich im Zweifelsfall nach der Betriebsleitung. Die Produktion geht vor.1 Wer aufmuckt, wird entlassen.
Temirtau ist eine jener sowjetischen „Monostädte“ (russisch monogorod), die in Gebieten, wo sich extraktive Industrien angesiedelt haben, aus dem Boden gestampft wurden. Die meisten dieser Industrieanlagen gingen nach dem Ende der UdSSR zu Niedrigpreisen an ausländische Investoren. „Seit 1991 sind diese Gebiete völlig abhängig von ihren Rohstoffen, dem Export und den Weltmarktpreisen“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Kuat Akischanow. Und nichts deutet darauf hin, dass Kasachstan sich von diesem Rohstoffrentenmodell lösen will.

Vom Arbeitslager zur Sonderwirtschaftszone
Das Land verfügt nicht nur über Erdöl, Kohle und Uran (mit 40 Prozent der weltweiten Produktion), sondern auch über erhebliche Anteile an den weltweiten Vorkommen von Chrom (ein Drittel), Mangan (ein Viertel), Eisen, Kupfer, Blei und Zink (etwa ein Zehntel) sowie nach kasachischen Angaben große Mengen seltener Erden. Derzeit konkurrieren die USA und China um zwei große Wolframvorkommen. Laut Akischanow stammen 68 Prozent der Rohstoffexporte aus den Gebieten der Monostädte: „Die Einkünfte werden größtenteils anderswo reinvestiert, in dynamische Metropolen wie Almaty oder Astana, wenn sie nicht gleich auf Offshore-Konten landen …“
Dass Lawrentjew, der Mehrheitseigner von Qarmet, die kasachische Staatsangehörigkeit besaß, war diesbezüglich nur kurze Zeit beruhigend. Im April 2025 ging das Unternehmen in den Besitz einer undurchsichtigen, in Singapur registrierten Holding über.
Konfrontiert mit dem Verdacht der Steuerhinterziehung, behauptete die Geschäftsführung, man habe in Singapur lediglich ein Büro eröffnet, um einen wachsenden Markt zu bedienen. „Auch wenn der statistische Wohlstand der Bergbauregionen steigt, wird die Bevölkerung immer ärmer“, kritisiert Akischanow. Das Interesse der Investoren bleibe so lange bestehen, wie die Beschäftigten ausgebeutet und die veralteten Maschinen laufen würden.
Die 55-jährige Elena Warganowa hat ihr ganzes Leben in Temirtau verbracht. Sie ist in einer Umweltgruppe aktiv und stellvertretende Rektorin der Schule Nr. 16. Am Schulgebäude entlang verlaufen die oberirdischen Heizungsrohre des Kombinats. Jedes Jahr werden sie notdürftig geflickt, dennoch kommt es immer wieder zu Ausfällen, sei es durch Frost oder schlicht durch den maroden Zustand der Energieinfrastruktur. Im Winter 2022 gab es mehr als zweihundert Störungen. „In der UdSSR hatte jeder Arbeiter eine eigene Wohnung und Zugang zu Krankenhäusern, Schulen und Ferienlagern für die Kinder“, erinnert sich Warganowa. Damals finanzierten die Großbetriebe diese Einrichtungen, nicht die Kommunen.
Nach der Unabhängigkeit verschwanden in Temirtau mehrere Grünanlagen des Kombinats; sie wurden planiert oder in Parkplätze umgewandelt. Immerhin konnte die kasachische Regierung im Gegenzug für die äußerst günstigen Kaufverträge durchsetzen, dass die Investoren in den Monostädten bestimmte soziale Dienstleistungen erbrachten. Elena Warganowa spricht von bloßer „Augenwischerei“. So habe ArcelorMittal zwar einen Sportkomplex und ein Sanatorium für Beschäftigte und Qarmet eine Straßenbahn gebaut. Das Sanatorium aber werde demnächst schließen, genauso das Ferienlager. „Die Brücken zur Bevölkerung sind längst abgebrochen.“
Viele Bewohner sind weggegangen. Seit der Unabhängigkeit ist die Bevölkerung der Stadt um 28 Prozent geschrumpft. Ein Teil der Bergleute lebt heute für jeweils zwei bis vier Wochen in modularen Containerdörfern, zu denen nur Arbeiter Zugang haben – nicht wenige leben in Almaty und fahren hunderte Kilometer zu ihrer Arbeit.
Immer wieder kommt es zu Arbeiteraufständen in den Monostädten, etwa 2011 in Schangaösen, 2021 in Kentau und 2022 erneut in Schangaösen. 2022 griffen die Unruhen auf andere Städte über, auch auf das als ruhig geltende Karaganda. Der Aufruhr erreichte selbst die Wirtschaftsmetropole Almaty. Russische Truppen der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVLS) schlugen die Rebellion blutig nieder: Es gab 238 Tote und tausende Verletzte.
Die politische Krise hatte verschiedenen Ursachen: hohe Energiepreise, Inflation, die Wut auf den Ex-Präsidenten (und zu der Zeit immer noch mächtigsten Mann im Land) Nursultan Nasarbajew und seine Clique. Die Monostädte bildeten das Epizentrum der Proteste. Als Reaktion setzte der Staat vor allem darauf, mehr internationale Investoren anzuziehen. Mit einigem Erfolg. Dank enormer Steuervorteile haben sich diese Orte zu Kolonien niederländischen, US-amerikanischen, russischen oder chinesischen Kapitals entwickelt.
Die kasachische Regierung kam den Investoren so weit entgegen, dass sie parlamentarische Anträge auf Prüfung des Zustands der Fabriken – wie in Temirtau – blockierte, Bußgelder für Verstöße auf 200 Millionen Tenge (400 000 Euro) pro Jahr begrenzte und Grenzwerte für bestimmte Emissionen anhob. „In der Regel existieren in den Monostädten Sonderwirtschaftszonen ohne Körperschaftsteuer, ohne Grundsteuer und ohne Importzölle auf die Ausstattung der Betriebe“, erläutert Michael Levystone, Mitbegründer des geopolitischen Thinktanks Observatoire de la Nouvelle Eurasie. Daneben gebe es vereinfachte Verfahren zur Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte.
Die betreffenden Industrien profitieren dank der Verbindungen zur staatlichen Zentralverwaltung2 von maßgeschneiderten Gesetzen. 2014 schränkte die Regierung das Streikrecht ein, zeitgleich privatisierte sie mehrere staatliche Kontrollorgane. 2018 wurde sogar der Bergwerksrettungsdienst, der bei Unfällen zum Einsatz kommt und Störungen behebt, in eine vom Arbeitgeber bezahlte Dienstleistung umgewandelt. „Früher konnten wir die Produktion aus Sicherheitsgründen stoppen“, berichtet Alexei Golowtschits, Vorsitzender der Gewerkschaft der Grubenretter in der Region Karaganda. Heute nähmen die Betreiber sie nicht mehr ernst: „Wenn wir zu genau hinschauen, verlieren wir unseren Vertrag.“
Dasselbe gilt für Umweltkontrollen, kritisiert der auf Umweltschutz spezialisierte Ingenieur Dmitri Kalmykow: „Die Unternehmen dürfen die Einhaltung selbst überwachen. Natürlich ist dann immer alles in bester Ordnung.“ Als Beispiel nennt Kalmykow die Schlammkohle, die der Minenbetreiber in der Region Temirtau auf dem lokalen Markt verkaufe und die dann vor allem in Wohnungen verheizt werde. Der Rauch sei aber extrem umweltschädlich – und der Staat greife nicht ein. Nach Angaben des Centre for Research on Energy and Clean Air in Helsinki war die Verschmutzung durch das Stahlwerk von Temirtau zwischen 1996 und 2023 für rund 3000 Todesfälle verantwortlich. Die Kosten, die durch Atemwegserkrankungen und Lungenkrebs entstehen, werden auf etwa 4,2 Milliarden US-Dollar geschätzt.3
Unweit der Hochöfen liegt die Sonderwirtschaftszone Saryarka, daneben wiederum eines der größten Kohlekraftwerke des Landes. Ein gutes Beispiel dafür, wie sehr die Monostädte zu Orten grenzenloser Ausbeutung geworden sind. Die Fabriken, die hier Werkzeugmaschinen oder Industrieöfen für die lokalen Betriebe herstellen, profitieren von vergünstigtem Strom. Dies wiederum lockte Unternehmen an, die, begeistert von den Höhenflügen des Bitcoin, energieintensive Kryptomining-Farmen errichteten. Ein Teil der Energie dafür wurde oft direkt aus der Energieinfrastruktur abgezweigt, mithilfe bestochener Betreiber.
„Diese illegalen Mining-Farmen florierten durch Korruption der Sicherheitsorgane“, bestätigt Hugo Estecahandy, der zur Geopolitik des Kryptominings promoviert. 2022 lag der Stromverbrauch in der Region Karaganda in mehreren Monaten um die 50 Prozent über dem des Vorjahres, es kam zu wiederholten Versorgungsengpässen. „Das Problem ist, dass viele Transformatoren noch aus der Sowjetzeit stammen und nicht mithalten konnten.“ Als der Run auf digitale Währungen das ganze Land erfasste, kam es im Januar 2022 zu einem großflächigen Stromausfall im Süden Kasachstans.
2023 wurden die Kryptomining-Farmen per Gesetz verpflichtet, ihren Strom entweder selbst zu erzeugen, im Ausland zu kaufen oder über ein Auktionssystem auf dem lokalen Markt zu erstehen. Zwei Jahre später gab es weiterhin Kryptomining in der Region. „Einige große Unternehmen haben genug Kapital und Verhandlungsmacht gegenüber den Behörden“, sagt Estecahandy. Und vermutlich existieren noch immer verborgene Standorte, denn die Auflagen richten sich in erster Linie gegen die unternehmerischen Netzwerke des einstigen starken Mannes Nasarbajew. Die Oligarchie mit ihrem Opportunismus erneuert sich schneller als die Monostädte.
Aus dem Französischen von Claire Schmartz
Charles Perragin ist Journalist.


